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Jahrgang 2004 Nummer 24

Von der Römerzeit bis zum Barock ein heiliger Ort

Die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Ising

Die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Ising.

Die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Ising.
In der Mitte des Hochaltars steht die von einem Strahlenkranz umgebene, spätgotische Madonna.

In der Mitte des Hochaltars steht die von einem Strahlenkranz umgebene, spätgotische Madonna.
Blick in den Kirchenraum

Blick in den Kirchenraum
Kunstfreunden, die barocke Kirchenbaukunst lieben, sei ein Besuch der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Ising empfohlen. Drei Kilometer südlich von Seebruck bei Arlaching führt eine Nebenstraße einen Hügel hinauf, dessen Spitze die Isinger Kirche ziert. Der schlanke Zwiebelhaubenkirchturm ist schon von weither am südöstlichen Horizont über dem Chiemsee zu sehen. Zum kleinen Weiler Ising gehört das Hotel »Zum Goldenen Pflug«, in dem die Hochzeitsgäste einkehren, die sich die Isinger Kirche zur Trauung ausgesucht haben. Auch die Golffreunde, die am angrenzenden Golfplatz ihren Sport ausüben, sind in Ising gern gesehen. Das Schloss mit seinem zinnenbewehrten Turm wurde im späten 19. Jahrhundert gebaut. In dieser Zeit des Historismus war es Mode, mittelalterliche Burgen nachzubauen.

In Ising siedelten schon die Römer

Der Isinger Hügel hat schon in römischer Zeit Siedler gesehen, die im Anschluss an das römische Bedaium in Seebruck hier oben eine villa rustica bewohnten. Beim Bau des Schlosses wurden ein Mosaikboden und Reste einer Hypokaustheizung aus der Römerzeit gefunden. Wer sich zu einer Wanderung von Ising zum so genannten Keltengehöft bei Stöffling und weiter zur Keltenschanze bei Truchtlaching entschließt, kann etwas von der völkischen Verbindung im römischen Großreich erahnen, in dem schon damals an der Römerstraße von Salzburg nach Augsburg eine kulturelle Vielfalt gepflegt wurde. Unsere keltischen Vorfahren lebten friedlich mit der römischen Besatzungsmacht zusammen. 747 wurde »Villa usinga«, wohl von einem Eigennamen abgeleitet, erstmals urkundlich erwähnt. Eine villa rustica war ein autonomer Landsitz mit einer breiten Ausstrahlungskraft auf die Umgebung, von der auch Bewohner des Umlandes erfasst wurden und zur Mitwirkung an einer Kolonisierung des Landes angehalten wurden.

Nach dem Abzug der Römer festigten die Agilolfinger ihre Herrschaft im Chiemgau durch die Gründung von Klöstern auf den beiden Inseln im Chiemsee. 749 erhielt Gunther, Graf im Chiemgau, von Herzog Tassilo die Genehmigung, das Gut Ising seinem Kloster zu übereignen. So dürfte von einer kontinuierlichen Besiedlung von Ising auszugehen sein, mit der wohl auch eine Stätte des Gebetes verbunden war. Wenn auch die Chronik die erste romanische Kirche in Ising erst um 1384 erwähnt, so liegt es doch nahe, an dieser Stelle einen Vorgängerbau in frühchristlicher Zeit und vorher ein römisches Heiligtum zu vermuten. Die Bewohner des römischen U-singa mögen ihre Götter in einem Heiligtum auf dem Hügel verehrt haben. Die nachfolgende christliche Kirche war, wie auch an vielen anderen Orten nachweisbar, an Stelle eines heidnischen Tempels als Zeichen des Sieges des Christentums über die heidnischen Götter errichtet worden.

Die gotische Kirche erhält ein barockes Gewand

Der Wandel der Stilformen ist an der aus unverputzten Steinquadern erbauten Kirche noch deutlich abzulesen. Der Rundbogen am Eingang und das zugemauerte Tor an der Westseite sind Zeugnisse der Romanik. Die Gotik, die spitze, nach oben strebende Bauformen liebte, ließ die romanische Kirche in die Höhe »wachsen«. Der hochgezogene obere Teil des Langhauses, das steil nach oben zulaufende Satteldach und der Turm sind der Gotik zuzurechnen. Der meisterlichen Handschrift von Placidius Nizinger aus Traunwalchen ist die barocke Umgestaltung der Kirche zu verdanken. Er ließ das gotische Rippengewölbe abtragen und durch ein flaches Deckengewölbe ersetzen, in dem spitz zulaufende Stichkappen Platz für reiche Stuckdekoration bieten.

Aus heutiger Sicht, am Maß des Denkmalschutzes gemessen, ist es nur schwer nachzuvollziehen, dass unsere Vorfahren, einem Modetrend folgend, alt vertraute Formen zerstörten. Aber Stilempfinden ist wohl nur aus der Sicht der betroffenen Zeit zu beurteilen. Die schlichte Gotik stand damals für das finstere Mittelalter, das durch die heitere Theaterarchitektur des Barocks überwunden werden sollte. So ist uns eine »barockisierte« gotische Kirche erhalten geblieben. Licht, Farbe und dynamische Form sind nun die den Kirchenraum bestimmenden Elemente. Der barocke Mensch liebte aufwendige Szenerien. »Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist und diese Welt die große Bühne und wir darin als Spieler handeln.« Diese Gedanken aus einem Barockgedicht sind auch zur Erklärung barocker Kirchenarchitektur hilfreich. Neben Prozessionen zu Fronleichnam in lebendigen Bildern und dem Heiligen Grab als Theaterkulisse gehörte auch die Wallfahrt in dieses Bild. Im Barock fand die Wallfahrt zu »Unserer Lieben Frau von Ising« einen beachtlichen Zuspruch im Volk. Mirakelbücher berichten von Gebetserhörungen und Wundern, die sich bald im Lande herumgesprochen hatten und damit das Ansehen der Wallfahrt und die Zahl ihrer Teilnehmer mehrten. Die Dankbarkeit für erhörte Gebete in den Nöten des Lebens fand in Votivbildern ihren künstlerischen Ausdruck. Ein Bild mit Kirche und Schloss Ising berichtet von der wundersamen Rettung Schiffsbrüchiger auf dem Chiemsee am 13. August 1762. eine dramatische Rettungsaktion hatte ein Eiseinbruch auf dem See zur Folge. Auf dem Votivbild, in dem die Retter sich mit langen Stangen an die Verunglückten herantasten, erscheint über den Wolken die Himmelskönigin, der die glückliche Rettung zu verdanken ist.

Die Wallfahrt brachte viel Geld ein

Einige kunsthistorisch beachtliche Bilder bäuerlicher Kunst sind an der hinteren Wand des Langhauses zu bewundern. »Elektronisch gegen Diebstahl gesichert«, erklärt mir der Kirchenpfleger. Ein merkwürdiger Gedanke, dass Bilder, als Dank für erfahrene Hilfe und mit Hingebung gemalt, zu Objekten der Geldgier geworden sind. Für wundersame Gebetserhörungen waren die Gläubigen schon im Barock bereit, ein Scherflein für die Kirche und für andere mildtätige Zwecke zu leisten. Die Wallfahrt brachte jährlich eine stattliche Summe ein, so dass damit die Ausschmückung der Kirche finanziert werden konnte und Ising zur vermögendsten Pfarrei im Chiemgau wurde. Das angesammelte Vermögen wurde gegen Zins verliehen. 1741 steuerte Ising 2500 Gulden zum Bau der St. Georgskirche in Ruhpolding bei. Adelige, Klöster und der Chronik nach sogar der bayerische Kurfürst reihten sich in die Schar der Schuldner der Isinger Wallfahrt. Das kurfürstliche Wappen über dem Chorbogen, eingefasst in schwungvolle Rokokomotive, erinnert freilich nicht daran, sondern ist als ehrenbezeugende Referenz der Kirche dem Landesherrn gegenüber zu sehen.

In der dunklen Vorhalle unter der Orgelempore finden wir rechts in einer Nische die »Grabgruft« mit einem Bild der armen Seelen im Fegefeuer, vor dem früher Totenschädel lagen. Eine Mahnung an die Vergänglichkeit allen Irdischen. Den Eintritt in die Kirche versperrt uns ein kunstvoll verziertes Schmiedeeisengitter, das der Traunsteiner Gerichtsschlosser Frommknecht 1760 gefertigt hat. Sicher eine Zierde, aber auch eine Schranke, die uns den Genuss der Ausstattung der Kirche in ihrer Fülle vorenthält. Die zusätzliche, elektronische Diebstahlsicherung erinnert uns an die in gleicher Weise gesicherten Votivbilder. Der Ungeist unserer Zeit, der alles, was anderen heilig ist, verachtet und nur auf Gewinn ausgerichtet ist, versperrt so auch dem gutgläubigen Besucher den Zutritt.

Am Parkplatz vor der Kirche begegne ich dem Kirchenpfleger, der an seinem riesigen Schlüsselbund leicht zu erkennen ist. So war es, wenn man es nicht anders sehen will, ein Zufall, dass ich nach einem Augenblick mitten in der Rokokokirche von Ising stehe. Hier kann ich mich in aller Ruhe umschauen und die Formenvielfalt an den Altären und vor allem die Stuckdekoration der Decke voll auskosten. Ein barockes Theatrum sacrum entfaltet sich vor mir. Die Sonnenstrahlen können durch die im Barock aufgebrochenen Fenster eindringen und die vergoldeten Heiligenfiguren an den Altären beleuchten. Diese Helligkeit kommt auch den Altarbildern zugute, die so ihren farbigen Glanz entfalten können. Und darüber spannt sich, wie mit einer zarten Spitzendecke überzogen, das Rokokodekor in Stuck und Farbe.

Der Hochaltar mit dem Gnadenbild

Die Altäre sind stilistisch mit ihren gediegenen, auf die Antike zurückzuführenden Säulen, dem Barock zuzurechnen. Am Deckengewölbe ist der barocke Schmuck verfeinert und aufgelöst in zarte, schier zerbrechliche Vielfalt, eben in das aus dem Barock hervorgegangene Rokoko. Dieser Gesamteindruck, das Zusammenspiel der von Heiligen gerahmten Altäre und die von Gold beherrschte Farbigkeit, macht zusammen mit dem Rokokostuck der Decke den eigentlichen Zauber der Isinger Kirche aus.

Der Hochaltar steht als Bühne mitten in dem hell erleuchteten Chorraum. Zwei Säulenpaare mit korinthischen Kapitellen umrahmen das Gnadenbild in der Mitte. Die heilige Katharina mit dem Rad, dem Werkzeug ihres Martyriums, spricht den Beter direkt an. Gestik und Haltung sind ebenso wie der Faltenwurf des Gewandes aus der barocken Dynamik her zu sehen. Die heilige Barbara, die sich mit Kelch und Hostie dem Gläubigen zuwendet, gehört zu den im bäuerlichen Umland besonders verehrten Heiligen. Neben dem Bild im Auszug »Die Aufnahme Mariens im Himmel« sind die beiden Engel gerade über den Säulen am Altar »gelandet«. Engel, deren Namen vom lateinischen angelus – Bote – abgeleitet ist, gehören als Überbringer der Heilsbotschaft zum Schmuck der Altäre. Eine Besonderheit barocker Sakralkunst sind auch die beiden »flammenden Vasen«. Ebenso wie auf den Seitenaltären stehen über den Säulen Vasen, aus denen Feuerzungen emporlodern. Sie sind Symbol für die Absicht der Künstler, aus dem heißen Herzen des Glaubens heraus das zum Himmel strebende Gefühl zu verdeutlichen.

In der Mitte des Hochaltars steht die von einem Strahlenkranz umgebene, spätgotische Madonna, die vom Bildhauer Hanns Schweicker aus Ulm um 1450 geschaffen wurde. Der Kranz aus Wolken mit einer Vielzahl lächelnder Engelsköpfe ist einer Mandorla gleichzusetzen, die als Ausdruck der Vollkommenheit die Gottesmutter umgibt. Die Statue ist der berühmten Seeoner Madonna ähnlich. Noch der Gotik zugehörig, die starre Formen liebte, ist die Madonna von Ising dem weichen Stil zuzurechnen. Liebliche Anmut, zarte Gebärden und stoffreiche, weiche Faltengebung der Gewandung kennzeichnen die »schönen Madonnen« aus diesem Stil.

Die Marienstatue stand einst in der Mitte eines gotischen Flügelaltares. Die etwas wuchtig geratenen Kronen für Mutter und Kind sind Zutaten des Barocks. Die Madonna steht auf einer Mondsichel, die ein finsteres menschliches Antlitz umschließt. Durch Eva kam die Sünde in die Welt. Maria, die neue Eva, ist die Überwinderin der Sünde und des Bösen. Die beiden Seitenaltäre sind auf Heiligenbilder ausgerichtet. Am linken Seitenaltar ist der heilige Ulrich, der Schutzpatron der Fischer, sinnfällig in eine Chiemseelandschaft hineingestellt. Den rechten Seitenaltar ziert eine Kopie des seinerzeit vielverehrten Gnadenbildes der Madonna von Zichem bei Mecheln in Belgien. Im Barock war es üblich, Kopien von berühmten Gnadenbildern den Gläubigen in ihrer Heimatkirche zur Verehrung darzustellen. Beide Altäre sind in ihrem Aufbau einander angeglichen.

Die Rokoko-Stuckdecke als Glanzstück der Kirche

Das Barock liebte die Parallelität, die wir auch im Stuckornament der Decke wieder finden. Eine gedachte Linie, durch die Mitte des Deckengewölbes gezogen, lässt deutlich die gleichartigen Formen der Dekoration auf beiden Seiten erkennen. So wie beide Seiten der Decke aufeinander bezogen sind, findet auch ihr Schmuck in den Heiligen und Ältären im Chor und im Langhaus eine ausdrucksvolle Ergänzung. Im Deckenstuck sind vielfach Blatt- und Pflanzenmotive eingefügt. Die Vorlagen hierfür sind draußen in der freien Natur zu finden. Die Künstler holten sie in den Kirchenraum herein in der Vorstellung, dass die Natur zum Lobpreis Gottes auch in der Kirche ihren Platz hat.

Neben den Pflanzen sind Muschel- und Bandelwerk, Gitter und Baldachinmotive feine, zerbrechliche Dekorationsformen, die etwas zur schwebenden Leichtigkeit des Raumes beitragen. Vom schnörkelhaften, muschelförmigen Ornament hat das in Frankreich entstandene Rokoko (franz. Rocaille) seinen Namen. Beim Betrachten der Stuckdecke von Ising ist die Intension des Künstlers nachzuvollziehen, den Raum in Schwingungen zu versetzen, die mit Musik durchaus vergleichbar sind. Wer sich darauf einlässt, den Linien der beschwingten Stuckformen mit dem Auge zu folgen, wird eine melodieartig aufeinander abgestimmte Rhythmik erkennen, die als Raummusik von Ising gelten kann. Die Erkenntnis, dass die Ausstattung von Barock- und Rokokokirchen dem Muster klassischer Musik folgt, ist übrigens nicht neu und von J. Ernst Berendt in seinem Buch »Die Welt ist Klang« S. 35 ausführlich beschrieben.

Neben den Rokokozierformen hat Placidius Nizinger auch ein ikonographisches Programm in den Stuck eingearbeitet. Über der Mitte des Langhauses erscheint das Marienmonogramm mit einer Krone und erinnert an das Patrozinium Mariä Himmelfahrt. Im Stuckwerk versteckt, tragen kleine Putten Symbole, die Maria zuzuordnen sind. Das Herz Marias, Rosenkranz und Lilie gehören dazu. Dem Marienmonogramm entspricht das Namenszeichen Jesu über dem Chor. Es wird ergänzt durch die Taube des Heiligen Geistes an der Emporenbrüstung. Wenn uns heute auch die Bedeutung dieser Sinnbilder nicht mehr unmittelbar anspricht, so ist doch zu bedenken, dass die Menschen im Barock in viel höherem Maße für diese bildhafte Symbolsprache empfänglich waren. Nicht unerheblich für die plastische, vielleicht sogar musikalische Wirkung des Stuckdekors ist das Licht, dem durch die geweiteten Fenster eine besondere Bedeutung zukommt. Das Spiel von Licht und Schatten erhöht noch die schwingende, plastische Gestalt.

Die Apostelbilder und das Isinger Schatzhaus

Eine Besonderheit der Isinger Kirche sind auch die Apostelbilder, die im Langhaus und Chor aneinander gereiht sind. Johann Baptist Neumüller hat sie 1830 gemalt und dabei Venezianische Maler zur Vorlage genommen. Beachtlich ist die ausdrucksstarke Individualität der Portraits. Die bekannten Attribute stehen für die Namen der Apostel. Die Venezianische Schule des frühen 18. Jahrhunderts ist in der Kunstgeschichte für ihre naturalistische Portraitdarstellung bekannt. Noch viele Kostbarkeiten wären in der Kirche zu bestaunen. Die Heiligen, mit denen der Beter ein Zwiegespräch sucht, wollen ganz nah und direkt betrachtet werden. Nur so kann jede Regung in ihren Gesichtszügen, die ihre Hingabe und Heiligkeit zum Ausdruck bringt, verinnerlicht werden.

Nun dreht sich der riesige Schlüssel wieder im Schloss des Gitters. Die Kirche ist vor ihren Liebhabern und Dieben gleichgut gesichert. Draußen am Friedhof zeigt mir der Kirchenpfleger noch die Schatzkammer im alten Herrenhaus. Die kunstverständige Professorin Dr. Irmgard Weithase (+1982) hat ihre private Kunstsammlung der Isinger Kirchenstiftung vermacht. Zusammen mit weiteren Schätzen aus dem Kirchenbesitz ist sie in dem kleinen Museum ausgestellt. Engel, Kreuze und Heiligenfiguren zusammen mit liturgischen Gerätschaften lassen die Bezeichnung »Schatzkammer« als durchaus gerechtfertigt erscheinen. So ist die Isinger Wallfahrtskirche mit ihrem barocken Zwiebelhaubenturm Orientierungspunkt für die Fischer und Segler draußen am See. Wer ein Gespür für außergewöhnliche, kunsthistorische Kostbarkeiten hat, wird den kurzen Abstecher von der Ostuferstraße den Hügel hinauf sicher nicht bereuen.

DD

Quelle: Schnell und Steiner, Kunstführer Ising Nr. 149



24/2004