Jahrgang 2001 Nummer 24

Von der Mittsommernacht zum Johannisfest

Sommer, Sonne, Freudenfeuer: Am 21. Juni ist der längste Tag des Jahres

Tausende Menschen pilgern am 21. Juni nach Mittelschweden an den Siljansee. Hier feiern sie traditionell ihr Mittsommerfest. Verliebte rudern in kleinen Booten auf dem See herum; man feiert, man ißt, man tanzt und lacht. Und wer Glück hat, kann vielleicht sogar einen Elch zwischen den Bäumen hervorlugen sehen. Dann wird es Nacht, doch die Sonne geht am 21. Juni nicht ganz unter, nach kurzem Dämmerlicht wird es gleich wieder hell, und die Feiern können bis zum Morgen weitergehen.

Schon in grauer Vorzeit feierten die Menschen den längsten Tag des Jahres. Die Sonne hat nun ihren höchsten Stand erreicht – kein Wunder, daß unsere Vorfahren davon überzeugt waren, in dieser kurzen Nacht seien magische Kräfte am Werk. So hängten sie zur Sommersonnenwende einen aus Kräutern geflochtenen Kranz über die Eingangstür, der die Bewohner vor jeglichem Unheil schützen sollte. Und wollte eine junge Frau einen Blick in die Zukunft wagen, nutzte sie ebenfalls die Mittsommernacht: Nach heidnischer Vorstellung mußte sie entweder sieben oder neun unterschiedliche Kräuter sammeln – beiden Zahlen wurden nämlich Zauberkräfte zugeschrieben. Wenn sie diese in der Sonnwendnacht unter ihr Kopfkissen legte, würde ihr im Traum der Zukünftige erscheinen.

Neben diesen alten Bräuchen standen oftmals Feste und große Freudenfeuer im Mittelpunkt des 21. Juni. Den Flammen wurde nämlich eine reinigende Wirkung zugeschrieben, und noch heute lodern im Juni in vielen Städten und Gemeinden Europas Sonnwendfeuer.

Ganz besonders schön sind die Höhenfeuer in Österreich. Hier wird allerdings nicht die Mittsommernacht, sondern die Geburt Johannes des Täufers begangen. Nach der Christianisierung hatte die Kirche das alte heidnische Fest zu verdrängen versucht. Es gelang ihr jedoch nicht, unsere Vorfahren beharrten auf der Sonnwendfeier. Die Lösung für dieses Problem war ebenso einfach wie genial: Wenn denn unbedingt gefeiert werden mußte, dann sollte es zumindest ein Fest mit christlichem Hintergrund sein. Und da bot sich der 24. Juni an, der Geburtstag Johannes’ des Täufers.

Und so kümmert man sich im Alpenstaat Österreich heute weniger um den Sonnenstand als um den Kirchenkalender. Prozessionszüge werden an diesem Tag veranstaltet und abends die romantischen Johannisfeuer entzündet. Es bricht ein regelrechter Wettstreit aus, wer das schönste und größte Johannisfeuer ausgerichtet hat. Und so heben sich dann weithin sichtbar die hell erleuchteten Bergkämme vom Nachthimmel. Sowohl die heidnischen Mittsommer-Feuer als auch der christliche Johannistag sind also bis heute erhalten geblieben. Während die Österreicher still die leuchtenden Bergkämme bewundern, genießen die Schweden jene Nacht, in der die Sonne nicht untergeht.



24/2001