Jahrgang 2020 Nummer 36

Von der Freiheit des Lernens

Vor 150 Jahren wurde Maria Montessori geboren

Maria Montessori.
Maria Montessori beim Unterricht.
Maria Montessori und ihr Sohn Mario.
Die Montessori-Schule in Traunstein. (Fotos und Repros: M. Heel)

Vor gut einem Jahr konnte die Montessori-Schule Traunstein ihr 30-jähriges Bestehen feiern. Sie gehört damit zu den ältesten privaten Grund- und Mittelschulen in Bayern, die nach dem Konzept der Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 bis 1952) arbeiten. Doch wie unterscheidet sich die MontessoriPädagogik von anderen Erziehungsund Bildungskonzepten? Ein Besuch der Schule in Geißing verschaffte Aufklärung. Bei einem Rundgang durch die Räumlichkeiten informierten mich zwei Mitglieder der Schulleitung, Christine AltGruber und Anja Berchtold, über die Praxis des Schulalltags, der getreu dem Motto der Montessori-Pädagogik »Jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten« kurz gesagt so aussieht: Ihr auf Selbsttätigkeit der Kinder gegründeter Unterricht orientiert sich unmittelbar am Kind mit seinen Bedürfnissen nach spontaner Aktivität, Selbstbestimmung und dem Streben nach Unabhängigkeit. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine »vorbereitete Umgebung« mit reizvollem (Montessori)Übungsmaterial, aus dem die Kinder frei auswählen können, wobei ihnen die Lehrkräfte mit liebevoller Hilfe statt Dominanz zur Seite stehen.

Geboren wurde Maria Montessori am 31. August 1870 in Chiaravalle (Provinz Ancona) als einziges Kind ihrer Eltern Alessandro und Renilde Montessori. Ihr Vater, ein Finanzbeamter, war eher konservativ eingestellt, während ihre Mutter eher liberale Ansichten vertrat. Nach der sechsjährigen Grundschulzeit entschied Maria 1883, auf eine naturwissenschaftlich-technische Sekundarschule zu gehen, welche normalerweise nur von Jungen besucht wurde. Ihr Vater konnte diese Wahl mit seinem kleinbürgerlichen Weltbild nur schwer vereinbaren, doch ihre Mutter stellte sich aufgrund ihrer offenen Weltanschauung auf die Seite Marias. Die Ausbildung an der Sekundarschule schloss sie mit großem Erfolg ab, vor allem in Mathematik. Allerdings hatte sich ihr Berufswunsch in dieser Zeit geändert: Sie wollte nun Ärztin werden. Ein Wunsch, der zum Bruch mit ihrem Vater führte.

Da der Arztberuf zu jener Zeit in Italien jedoch eine reine Männerdomäne war, verwehrte man ihr zunächst die Zulassung zum Medizinstudium, weshalb sie ab 1890 Naturwissenschaften an der Universität Rom studierte. Dennoch bemühte sie sich weiter, und begann 1892 als erste Frau ein Medizinstudium. Dabei musste sie viel Kritik und Diskriminierungen über sich ergehen lassen und durfte zum Beispiel beim Sezieren der Leichen nicht mit Männern in einem Raum sein, was zur Folge hatte, dass sie abends und allein im Anatomiesaal arbeitete.

Kurz vor der Beendigung ihres Medizinstudiums musste sie vor all ihren Mitstudenten einen Vortrag halten. Sie bewältigte diese Aufgabe mit Bravour und ihr Vater, welcher dem Vortrag beigewohnt hatte, war so stolz auf seine Tochter, dass sie sich wieder versöhnten. Am 10. Juli 1896 promovierte Maria und wurde die erste Ärztin Italiens, die »Dottoressa«. Auch in der Frauenbewegung engagierte sie sich und vertrat die italienischen Frauen auf dem »Internationalen Kongress für Frauenbestrebungen« im September 1896 in Berlin.

In den Jahren 1896 bis 1906 arbeitete sie zunächst in einer chirurgischen Klinik, später begann sie sich für Pädagogik zu interessieren und war in einer psychiatrischen Klinik für geistig behinderte Kinder tätig. Hier erkannte sie, dass das Problem dieser Kinder nicht nur ein medizinisches, sonder auch, vielleicht sogar primär, ein pädagogisches war. Ein weiterer wichtiger Punkt in ihrem Leben war ihre Beziehung zu Dr. Giuseppe Montesano, mit dem sie in der psychiatrischen Klinik zusammengearbeitet hatte. Aus dieser Beziehung ging ihr Sohn Mario hervor, geboren am 31. März 1898. Dadurch geriet sie in Konflikt mit ihrer Karriere, denn hätte sie öffentlich zu ihrem unehelichen Sohn gestanden, wäre ihre Laufbahn wohl beendet gewesen. Also entschied sie, Mario in eine Pflegefamilie zu geben, wo sie ihn jedoch häufig besuchte.

In den folgenden Jahren studierte sie erneut, diesmal Pädagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie, hielt viele Vorlesungen und trieb ihre Erkenntnisse voran. Die ersten Grundzüge ihrer Pädagogik nahmen Gestalt an, nachdem sie beobachtet hatte, dass ihre pädagogisch aufbereiteten Materialien den Kindern mit Behinderungen so sehr halfen, dass einige von ihnen genauso gut in der Schule abschnitten wie »normale« Kinder. Der Wunsch, dasselbe an Letzteren zu probieren, war geweckt, und die Möglichkeit dazu ergab sich am 6. Januar 1907, als sie das erste Kinderhaus »casa dei bambini« im römischen Arbeiterviertel San Lorenzo eröffnete. Weitere Häuser in Rom, Mailand und auch in der italienischen Schweiz folgten.

1909 hielt Maria ihren ersten Ausbildungskurs über ihre Pädagogik und veröffentlichte ihr Hauptwerk »Il metodo della pedagogica scientifica/Die Entdeckung des Kindes«. Einige Jahre später nahm sie ihren mittlerweile15-jährigen Sohn Mario zu sich und lebte von 1916 bis 1936 in Barcelona. Während dieser Zeit unternahm sie viele Reisen, u. a. USA, England, Niederlande, Italien, Österreich sowie Deutschland wo sie ihre Pädagogik durch Kurse und Vorträge bekannt machte. Die Montessori-Bewegung war international geworden, wobei Maria ihren Sohn immer mehr miteinbezog und er zu ihrem Berater avancierte.

Nach einer Begegnung mit Italiens Faschistenführer Benito Mussolini wurde 1924 die MontessoriMethode an italienischen Schulen eingeführt Als die Faschisten jedoch zu stark in ihr Werk eingriffen, löste Maria die Verbindung und floh bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs nach Amsterdam. Auch Mario, der mittlerweile Frau und Kinder hatte, wechselte seinen Wohnsitz in die Niederlande. In Italien, Spanien, Russland und Deutschland wurden die Montessori-Schulen daraufhin geschlossen. Nach weiteren Rückschlägen floh sie nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Indien, wo sie von 1939 bis 1946 mit ihrem Sohn Mario lebte. In dieser Zeit baute sie ein großes Netzwerk – Stichwort: Kosmische Erziehung – auf und es entstand eine starke indische Montessori-Bewegung. 1946 kehrte sie nach Europa zurück und stand vor den Trümmern ihres nahezu vernichteten Werks. Doch sie gab nicht auf und ließ ihre Pädagogik mit viel Mühe und auf vielen Reisen wieder aufblühen. Am 6. Mai 1952 verstarb Maria Montessori überraschend in Nordwijk/Niederlande und hinterließ ihr Werk ihrem Sohn Mario, unter dem es konsequent weiterentwickelt wurde und bis heute aktuell geblieben ist.

 

Wolfgang Schweiger

 

36/2020

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