Jahrgang 2001 Nummer 33

Von der Badestube zum Luxusbad

Das wohnungseigene Bad ist erst seit wenigen Jahrzehnten Wirklichkeit

Wie freizügig es im Mittelalter in einer Badestube zuging, zeigt diese Miniatur aus Burgund, um 1470. Der König schaut dem Treib

Wie freizügig es im Mittelalter in einer Badestube zuging, zeigt diese Miniatur aus Burgund, um 1470. Der König schaut dem Treiben durchs offene Fenster recht gelassen zu. Und der Bischof – ob er wohl die sichtlich vergnügte Gesellschaft ermahnt?
Neben den kulinarischen Genüssen gab man sich im Bad ungezwungen erotischen Freuden hin. Damit sich die Paare neugierigen Blicke

Neben den kulinarischen Genüssen gab man sich im Bad ungezwungen erotischen Freuden hin. Damit sich die Paare neugierigen Blicken auch entziehen konnten, war am Zuber oft ein Vorhang angebracht. Holzschnitt aus dem Jahr 1519.
Einen Whirlpool gab es 1893 zwar noch nicht, aber immerhin schon eine »Wellenschaukel«.

Einen Whirlpool gab es 1893 zwar noch nicht, aber immerhin schon eine »Wellenschaukel«.
Auch wenn sich viele ältere Zeitgenossen noch daran erinnern können, wie die Zinkwanne oder der Zuber zum wöchentlichen Reinigungsbad in der Küche aufgestellt und das Badewasser auf dem Herd erwärmt wurde: Das Bad in jeder Wohnung mit dem bekannten technischen Standard gehört nun schon seit einigen Jahrzehnten zur Norm und ist aus dem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken.

So überrascht es nicht, wenn aus einer Umfrage hervorgeht, daß sich 75 % der Erwachsenen täglich duschen oder, wenn auch prozentual sehr viel weniger, in der Wanne baden. Wir alle empfinden diesen Komfort heute als selbstverständlich und merken meist erst bei einem technischen Defekt oder dem (bisher!) seltenen Fall von Wasserknappheit, wie luxuriös wir leben.

Unsere Vorfahren, die Germanen, lebten zwar unter völlig anderen Umständen, doch ist bekannt, daß auch sie schon im warmen Wasser badeten und Dampfbäder nahmen, wobei das Baden, das sich in einfachen Badestuben abspielte, sicher schon damals als eine Annehmlichkeit galt, die vielfältige Freuden bereitete.

Im Mittelalter dienten die Badestuben mehr und mehr der Geselligkeit. Leicht bekleidet badeten Männer und Frauen oft gemeinsam, aßen, tranken und vergnügten sich, wobei sich mancher »edle Herr« auch gern mit einer »Bademaid« zurückzog. Von einer regelmäßigen, von allen Menschen betriebenen Körperreinigung war man in jener Zeit trotz aller Badelust natürlich noch meilenweit entfernt.

Durch das Auftreten von Seuchen, vor allem der Syphilis, ging der bis dahin unbeschwerte Badebetrieb aus Angst vor Ansteckung nach 1500 mehr und mehr zurück. In der Barockzeit glaubte man, daß durch den direkten Kontakt mit dem Wasser Krankheiten ausgelöst würden. Statt dessen verwendete man viel Puder, parfümierte sich reichlich und soll auch »Flohfallen« getragen haben, um die lästigen Tierchen von der Haut wegzubekommen. »Sehen Sie meine schönen Hände, seit acht Tagen habe ich sie nicht gewaschen«, soll eine Königin stolz ihrem Liebhaber gesagt haben. Kein Wunder, daß sich Infektionskrankheiten wie die Pest oder Cholera seuchenartig verbreiteten und die Menschen in Massen hinrafften.

Die Einsicht, daß Waschen nicht schädlich, sondern nützlich sei, setzte sich im Laufe der Zeit aber durch, auch wenn es immer noch Einwände und Bedenken gab. So wird Ende des 18. Jahrhunderts von einem Mediziner empfohlen, sich häufig Gesicht, Hände und »von Zeit zu Zeit« den ganzen Körper zu waschen. Der Vorschlag des bekannten Arztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762 - 1836), jede Woche ein Bad zu nehmen, dürfte da schon fast als revolutionär gegolten haben, ganz abgesehen davon, daß er für die meisten Menschen jener Zeit gar nicht zu verwirklichen gewesen wäre.

Zwar besaß eine schmale Oberschicht im vergangenen Jahrhundert längst aufwendig ausgestattete Prunkbäder, doch gab es für das einfache Volk kaum Möglichkeiten, sich regelmäßig körperlich zu reinigen. Das Leben auf dem Land verlief noch in sehr einfachen Bahnen, die Städter – oft Familien mit vielen Kindern – hausten häufig in schlechten, völlig überbelegten Quartieren mit einem oder höchstens zwei Räumen. Außerdem gab es natürlich auch noch keine Wasserleitungen oder Abwasserkanäle, und das Wasser mußte aus Brunnen oder anderen Entnahmestellen im Freien geholt werden. Daß man bei so miserablen Verhältnissen, jedenfalls aus heutiger Sicht betrachtet, nicht an ein häusliches Bad dachte und andere Vorstellungen von Hygiene hatte, ist nicht verwunderlich.

Verbesserungen ergaben sich, als die technischen Voraussetzungen für eine zentrale Wasserversorgung geschaffen waren. Die erste Anlage dieser Art wurde 1848 in Hamburg eingerichtet, der bis 1890 im Deutschen Reich 42 weitere folgten. Natürlich war damit noch lange nicht an ein Bad in jeder Wohnung zu denken. So hatten beispielsweise 1925 in Berlin noch immer 73,8 % der Wohnungen keine Badeeinrichtung. Da spielten die öffentlichen Bade- und Waschanstalten, die es inzwischen recht zahlreich gab, natürlich eine wichtige Rolle, auch wenn die Eintrittspreise nicht für alle erschwinglich waren.

Allgemein wurde das wohnungseigene Bad erst nach dem Zweiten Weltkrieg Wirklichkeit. Zwar dauerte es noch Jahre, bis die Altbauten saniert waren, doch gehörte das Bad von dieser Zeit an zum Standard von Neubauwohnungen. Auch wenn die Sanitäreinrichtungen noch bescheiden waren und sich alles auf kaum mehr als drei Quadratmetern abspielte, so hatte sich dadurch für die Menschen im Hinblick auf die Lebensqualität doch ein ganz bedeutender Fortschritt ergeben.

Inzwischen haben sich anspruchsvollere Formen der Badausstattung entwickelt. Wenn man den Umfragen einschlägiger Firmen und Zeitschriften Glauben schenkt, dann wollen etwa 45 % der Haushalte ihr Bad in den nächsten Jahren umgestalten. In vielen Fällen mag da wohl in erster Linie an eine Modernisierung der »Naßzelle« aus den fünfziger oder sechziger Jahren gedacht sein. Es sind aber sicherlich nicht wenige, die sich ein völlig anderes Bad mit einem anspruchsvollen Ambiente wünschen, in dem es nicht nur um Körperreinigung, sondern auch um das seelische Wohlbehagen, um Entspannung und Erholung vom Alltagsstreß geht. Das kann natürlich auch in entsprechend eingerichteten kleineren Bädern geschehen, doch bietet ein größerer aufgelockerter Raum selbstverständlich andere Möglichkeiten. Exklusives Design, Farben, Formen, Licht, Musik, Pflanzen – das alles kann zu einem gehobeneren Badeerlebnis beitragen, bei dem dann natürlich auch die Technik – Duschanlage, Whirlpool usw. – eine wichtige Rolle spielt. So wird hier nach zwei-
tausend Jahren, jedenfalls für die, die es sich leisten können, wieder der Badeluxus der alten Römer lebendig.

Unser Bad, ob einfach oder luxuriös, gibt uns heute die Möglichkeit der täglichen Reinigung und Körperhygiene – ein Komfort, den wir mehr oder weniger selbstverständlich in Anspruch nehmen. Etwa zwei Drittel des von privaten Haushalten benötigten Trinkwassers werden im Bad, die Toilettenspülung eingeschlossen, verbraucht. Auch wenn wir im Gegensatz zu manch anderem Land ausreichend mit Wasser versorgt sind, so dürfen wir damit nicht leichtfertig umgehen. Komfort ja – Verschwendung nein! muß die Devise lauten.

Dem Wassersparen kommt auf jeden Fall immer größere Bedeutung zu. Spartasten, durch Minicomputer gesteuerte Armaturen – das sind technische Möglichkeiten, den Wasser- und Energieverbrauch im Bad zu drosseln. Vor allem ist das persönliche Verhalten von Bedeutung – zum Beispiel: Öfteres Duschen statt Baden! Das reduziert den Wasserverbrauch. Seife und andere Waschmittel sparsam gebrauchen, um das Abwasser nicht unnötig zu belasten! So kann jeder einzelne in seinem Bad einen Beitrag zum sparsamen und schonenden Umgang mit dem Wasser leisten.

Hans Feist



33/2001