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Jahrgang 2015 Nummer 22

Von Athen nach Bamberg

Vor zweihundert Jahren wurde König Otto von Griechenland geboren

Staatsporträt von König Otto in griechischer Nationaltracht, Gemälde von Carl Rahl, 1859.
König Otto und seine Gemahlin Amalie von Oldenburg, Gemälde von Josef Stieler.
Die Ottokapelle bei Kiefersfelden.
Abschied König Ottos in der Münchner Residenz im Dezember 1832.

Eine leere Staatskasse, eine marode Wirtschaft, horrende Arbeitslosenzahlen, ein zusammengebrochenes Bildungswesen – das war Griechenland im Jahre 1830. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken war zwar gewonnen, nachdem Großbritannien, Russland und Frankreich in die Kämpfe helfend eingegriffen hatten. Aber das Land war pleite und stand vor dem Abgrund. Nicht anders als heute. Und wie heute waren die Griechen damals auf Hilfe von außen angewiesen. Diese Hilfe kam von der Troika Großbritannien, Russland und Frankreich, die ein millionenschweres Hilfspaket für das notleidende Hellas schnürte und es als unabhängige Erbmonarchie anerkannte. Als der erste Monarch, ein griechischer Graf, nach wenigen Jahren ermordet wurde, bestimmten die Großmächte im Jahre 1832 den bayerischen Prinzen Otto zum König von Griechenland. Otto war am 1. Juni 1815 als drittes Kind von König Ludwig I. und seiner Gemahlin Therese zur Welt gekommen.

Die Wahl Ottos war eine glückliche Entscheidung, war doch König Ludwig ein begeisterter Freund Griechenlands, jedenfalls des antiken Hellas, der Wiege der abendländischen Kultur und der Heimat der antiken Helden, Philosophen und Dichter. König Ludwig hatte den griechischen Freiheitskampf ideell und materiell unterstützt und empfand die Berufung eines bayerischen Prinzen zum griechischen König als Ehre für die Dynastie der Wittelsbacher.

Nachdem die griechische Nationalversammlung der Wahl Ottos zugestimmt hatte, traf eine Deputation mit hohen Militärs und Staatsbeamten in München ein, um Otto nach Griechenland zu begleiten. An seinen feierlichen und sicher wehmutsvollen Abschied aus Bayern erinnern noch heute drei Denkmäler: die Ottosäule in Ottobrunn, das Theresienmonument bei Bad Aibling, wo Königin Therese sich von ihrem Sohn verabschiedete und die neugotische Ottokapelle bei Kiefersfelden, Ottos letzter Station auf bayerischem Boden. Nach zwei Monaten erreichte er an Bord eines britischen Flaggschiffs die griechische Küste, begleitet von einem Flottenverband der Schutzmächte und 3500 bayerischen Soldaten.

Da Otto noch minderjährig war, musste sein Vater für ihn die Wahl annehmen. Er zog von München aus die Fäden, indem er seine besten Fachleute nach Athen schickte, Verwaltungs- und Militärexperten, Kulturpolitiker und Architekten. Vor allem aber den bayerischen Finanzminister Joseph von Armannsperg, der den Griechen schnell klar machte, warum er in München den Spitznamen »Sparmannsberg« hatte. Sparen hatte höchste Priorität. Das Investitionsprogramm Ottos war sehr ehrgeizig und wurde finanziell unterstützt durch griechische Mäzene im Ausland und König Ludwig als Bürgen. Die Schulden Griechenlands gegenüber Bayern beliefen sich zuletzt auf 1,9 Millionen Gulden. Ohne das letzte Darlehen von 1 Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen.

Mit Erreichen des 20. Lebensjahres übernahm Otto 1835 die Regierung, Graf Armannsperg wurde Staatskanzler und Ministerpräsident. Ein Jahr später reiste der König nach Deutschland, offiziell zu einem Kuraufenthalt, in Wirklichkeit jedoch, um sich mit der von den Eltern ausgesuchten Braut Amalie von Oldenburg zu treffen. Nach erfolgreicher Brautschau wurde gleich geheiratet. Die griechische Bevölkerung empfing das Königspaar mit Begeisterung. Doch die erhoffte Stabilität und Kontinuität durch einen Thronfolger, der im orthodoxen Glauben erzogen werden sollte, stellte sich nicht ein, da die Ehe kinderlos blieb.

Auch sonst fehlt es nicht an Problemen. Der vorwiegend aus Bayern bestehende Hofstaat führte ein isoliertes Leben. Die Griechen irritierte die Vorschrift, vor ihrem König das Haupt zu entblößen, da doch die Sitte gebot, den Fez auf dem Kopf zu behalten. Vornehme Griechen mieden die Tänze bei Hofe, da die Berührung fremder Frauen und Männer als unschicklich galt. Die nie vollzogene Krönung schwächte Ottos Stellung dauerhaft, da der streng katholische König für seine Person den Übertritt zur griechisch-orthodoxen Kirche ablehnte, weshalb ihm der Metropolit Salbung und Krönung verweigerte.

Noch gravierender erwiesen sich die außenpolitische Unerfahrenheit und Unsicherheit des Königs. Beim Streit zwischen Großbritannien und Russland um mehr Einfluss im östlichen Mittelmeer machte Otto eine klägliche Figur. Viele Griechen nahmen ihm übel, dass er es versäumte, herzhafter auf die Gebiete des zerfallenden Osmanischen Reiches zuzugreifen. Als Griechenland sich dann im Krimkrieg an Russlands Seite stellte, besetzten die Westmächte die Hauptstadt Athen und beschlagnahmten die griechische Flotte. Widerstand kam aber auch von den griechischen Parteien und vom griechischen Militär. Als 1843 vertragsgemäß die letzten bayerischen Truppen abgezogen wurden, brach sofort ein Militärputsch in Athen aus, der sich zu einem Volksaufstand ausweitete. Vom König wurde eine Beteiligung des Volkes an der Macht und der Erlass einer Verfassung verlangt. Indem Otto beides versprach, konnte er die Gemüter beruhigen.

Der zweite Aufstand ereignete sich zwanzig Jahre später, als sich das Königspaar auf einer Rundreise durch Griechenland befand. Die Aufständischen stürmten das Schloss und erklärten Otto für abgesetzt. Den Majestäten gelang es nicht, nach Athen zurückzukehren, da ihnen die Garantiemächte die Unterstützung entzogen. Um einen blutigen Bürgerkrieg zu vermeiden, entschloss sich Otto zur sofortigen Rückreise nach Bayern, ohne Griechenland noch einmal betreten zu haben.

In Bayern bezogen Otto und seine Frau die ehemals fürsterzbischöfliche Residenz in Bamberg und versuchten hier eine reduzierte Form des griechischen Hoflebens aufrechtzuerhalten. Man trug griechische Gewänder und unterhielt sich zu festgelegten Zeiten griechisch. In den ersten Jahren hoffte Otto noch auf eine Rückkehr nach Athen, doch mit der Wahl des Prinzen Wilhelm Georg von Holstein zu seinem Nachfolger musste er diesen Gedanken endgültig begraben. Aber sein Herz schlug weiter für Griechenland. Als er am 26. Juli 1867 an einer Maserninfektion starb, waren seine letzten Worte: »Griechenland, Griechenland – mein liebes Griechenland.« Seine Gemahlin folgte ihm acht Jahre später. Beide sind in der Gruft der Wittelsbacher in der Theatinerkirche in München bestattet.

 

Julius Bittmann

 

22/2015