Jahrgang 2003 Nummer 30

Vom Landler zum Walzer

Eine musikgeschichtliche Exkursion, Teil II

Mit dem Walzer kündigt sich – rückblickend – eine neue Zeit an, die wir inzwischen als die unsrige bezeichnen, mit dem kleinen Unterschied, dass der Walzer erst der Anfang einer ungleich schnelleren, hektischeren Epoche ist, der schwerlich Einhalt zu gebieten ist!

Und was gibt es nun zum Landler und zum Walzer in Wien zu berichten? Wie schon erwähnt, entwickelte sich aus dem Einzelpaartanz mit Armfiguren um etwa 1700 ein früher Landlertanz, wie er z. B. in Siebenbürgen nachweisbar war oder ist. Man tanzte ihn zu den Kalenderfesten und familiären Anlässen wie Hochzeiten, in der freien Natur oder im einfachen Wirtshaus oder auch zu Haus. Aber auch im ländlichen Alltag, etwa in den Arbeitspausen oder nach Abschluss der Ernte wurde gern in der Nähe der Wohnstätte getanzt. Bei vielen Tänzen verwendeten Handwerker und Bauern sogar ihre Arbeitsgeräte als »Tanzgeräte«, indem sie ihre beruflichen Verrichtungen pantomimisch nachzugestalten versuchten. Das galt für Schäfer, Schnitter, Kaminkehrer, Holzfäller genauso wie für Weber, Spinnerinnen, Krauttreter und Lehmtreter. Seit es den Namen »Walzer« gab – erst um 1750 taucht die Bezeichnung »Walzerischer« erstmalig auf – tanzte man diesen Tanz nicht mehr auf der Wiese, sondern möglichst auf holzbedeckten Böden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert wurden überall in Wien Tanzsäle hergerichtet, die auch den Nichtadeligen offen standen; ein wahrer »Tanz-Boom« begann, der behördliche Anweisungen nach sich zog!

Die privilegierten Tanzsäle unterschieden sich von den »gewöhnlichen Wirtshäusern, wo getanzt wird«, durch folgende Forderung der Behörde an die Veranstalter:

Geräumiges und gut ausgestattetes Lokal mit starker Beleuchtung, »besserer Musik« und »Anständigkeit der Kleidung«.
Musiken und Bälle werden durch öffentliche Einladungen bekannt gegeben.
Eintritt nur gegen ein Billet.
Es muss eine eigene Ballordnung aufgestellt werden und »niedrige« Kleidung ist dabei ausgeschlossen.
Zur Erhaltung der Ordnung werden Militärwachen, Militär-Inspektions-Offiziere herangezogen.

Im Eintrittspreis war meist auch eine Konsumation eingeschlossen. So heißt es bereits 1780: »Gewöhnlich zahlet die Person beim Entritt zwei Gulden, wofür der Ballgeber die Gäste nicht nur mit guter Musik und Beleuchtung, sondern auch mit Essen und Trinken durch die ganze Nacht bedienen muß«. Zwei Gulden waren ein stolzer Preis, konnte man doch dafür schon ein 12teiliges Meißener Kaffee-Service oder einen tollen Damenhut aus Paris bestellen oder für ein halbes Jahr die Frauenzeitschrift »Amaliens Erholungsstunden« abonnieren.

»Kleine Leute« gingen natürlich in kleinere Wirtshäuser am Stadtrand.

Repräsentativer waren natürlich die berühmten Redoutenhäuser am Josephsplatz, die es schon unter Maria Theresia gab. Vor ihrer Zeit hatte nur der Adel Zutritt. Überhaupt wird unter ihrem Sohn Joseph alles »sozialer«. Der Erlös in den Redoutensälen diente sozialen Zwecken. Redouten waren maskierte Bälle, die in der Regel im Fasching veranstaltet wurden.Der berühmte Saal der »Mehlgrube« (ein ehemaliges Mehldepot) wurde 1716 erstmalig für Adelige eröffnet, die erst nach peinlicher »Ahnenprobe« Eintritt erhielten. Diesen »Ahnenbällen« folgten aber bald auch solche für Bürgerliche; und schließlich sprach man 1808 nur noch von »Stutzern«, die sich da einfanden. Mozart schrieb eine ganze Reihe schlecht bezahlter Tänze für diese Veranstaltungen. Im Jahr 1787 komponierte er seine »Deutschen (Tänze)« noch mit einem Trio, und diese Zweiteilung des Tanzes könnte sich im Choreographischen versinnbildlicht haben, indem immer ein »Umgang« mit einem »Rundtanz« – dem Walzer? – abwechselte!

Berühmt war auch der »Apollo-Saal«. Ein Zeitgenosse hob die Einrichtung einer Garderobe hervor, wo man »systematisch behandelt« wurde, da man »ein Zeichen für das Abgegebene« erhielt. Der Saal selbst bildete ein sehr längliches, schmales Rechteck, denn »auf beyden Seiten bieten Bäume, Statuen, Ruhebänke und dergleichen die schönsten Spaziergänge«. Das war also auch neu! Bisher war das »Tanzen an sich« im Tanzsaal ein gesellschaftliches, man möchte meinen, ein gemeinschaftliches Ereignis gewesen. Die Tänzer promenierten gemeinsam auf der Tanzfläche, eine beliebte Einlage zwischen den Tänzen, um sich zu zeigen und Konversation zu machen. Jetzt aber möchte (sollte?) man in versteckten, romantischen Seitengängen der Tanzfläche promenieren, um sich mit der Partnerin (dem Partner) allein unterhalten zu können. Ein Hauch von Sèparè kündigt sich an, in schlossartiger Idylle, vom Landleben keine Spur mehr!

Die großen Tanzsäle trugen auch nicht zur Entwicklung des Landlers oder des Landlerischen, wie manche sagten, sondern des Walzers bei – zunächst noch auf Dielen aus weichem Holz, spätestens zum Wiener Kongress 1815 auf spiegelndem Parkett! Und damit war wohl der erste Höhepunkt erreicht, als es in ganz Europa hieß »Der Kongress tanzt« – während die Bauern auf ihre lang ersehnte Befreiung hofften und weite Landstrecken durch die Napoleonischen Feldzüge verarmt waren.

Den Landler tanzte man eher »zu Haus« mit seinen alpenländischen Figuren und vor allem in alpenländischer Tracht! Nach wie vor beliebt und vor allem billig waren die ländlichen Tanzfeste im Freien, die wir zum Thema Landler gern unter die Lupe nehmen: So heißt es da z. B.: »Der Pöbel strömt überall hin, wo eine Geige sich hören läßt.«

Man feierte, wann es nur ging, die Kirchtage standen an oberster Stelle, aber bereits die Weinlesen boten Anlass genug. Der Kirtag in der Brigittenau in Wien war wohl der berühmteste, aber auch der berüchtigste. Als die Wiener Weltreisende Ida Pfeiffer vor 150 Jahren ein muslimisches Fest in Ägypten besuchte, meinte sie, hier könnte man durchaus junge Mädchen mitnehmen, nicht jedoch auf den Brigitta-Kirtag! Immerhin ist dieser seit dem 30jährigen Krieg nachweisbar!
Man tanzte auf der bloßen Wiese, aber man tanzte auch in eigens zu diesem Anlass hergestellten Lauben, wie dies in den Dörfern rund um Wien ebenso der Fall gewesen sein dürfte. Wild springen konnte man in diesen Hütten nicht mehr!

Auch für ländliche Feste, auf denen gelegentlich neugierige Adelige auf Besuch waren, gab es strenge Verordnungen: »Die Wirthsleute sorgen, dass bei nächtlichen Musiken nichts Lasterhaftes vorgehe«, da »unter dem jungen Landvolke die fleischliche Wollust überall so im Schwange ist, daß die geistlichen Ermahnungen nicht mehr fruchten.«

Großes Kopfzerbrechen bereitet den Musikforschern die Bezeichnung »Deutscher Tanz«, zu dem ganz früher einmal alle Tänze gerechnet wurden. In der Beschreibung des französischen Tänzers und Ballettmeisters Noverre, der von 1767 bis 1774 in Wien weilte, ähnelt der »Deutsche Tanz« dem Landler, wie er sich teilweise bis heute in sehr urtümlicher Form erhalten hat: »Der deutsche Tanz ist einnehmend, weil alles von ihm Natur ist: in allen seinen Bewegungen herrscht Freude und Vergnügen, und die Richtigkeit der Ausführungen gibt ihren Stellungen, Pas (=Schritt) und Gebehrden eine besondere Anmuth. Soll gesprungen werden, so fangen hundert Personen um eine Eiche oder einen Pfeiler herum in dem selben Augen-blicke an, heben sich mit gleicher Geschwindigkeit und fallen ebenso genau. Soll der Takt mit einem Fußschlage bemerkt werden, so schlagen ihn alle auf einmal. Schwingen sie ihre Frauen in die Höhe, so sieht man sie alle gleich hoch in der Luft, und die lassen dieselbe nicht eher als auf die gehörige Note wieder fallen.«

Um 1800 häufen sich bei manchen Veranstaltungen die Bezeichnungen »steirischer Tanz« und »deutscher Tanz«. Choreographisch lassen sich jetzt mit Sicherheit zwei Tanztypen unterscheiden: der »steirische« ist der Landler, und der »deutsche« nun ein Vorläufer des Walzers, der sich, wie man damals sagte, »in einem immerwährenden, oder höchst widersinnigen Drehen« bestand. Eben, kurz vor 1800, vollzieht sich die Umwandlung des »Deutschen Tanzes«, eine Bezeichnung, die zunächst für viele Tänze galt: die darstellenden Armfiguren und auch der Rundgang werden vom Rundtanz, dem Walzer verdrängt. Um aber Missverständnissen vorzubeugen, sei noch einmal betont, der Walzer verdrängt nicht den ländlichen Landler, der sich immer noch durch Armfiguren zu Erkennen gibt, sondern eine Summe von rasch wirbelnden Vorformen, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert für ein städtisches Milieu umfunktioniert wurden.

In der Zeit von 1770-1780 beschreibt die bekannte Autorin Karoline Pichler ihr erstes Walzererlebnis in Wien: Sie erzählt von einer Redoute, als die Paare Menuett tanzten: »Bis etwa die Musik plötzlich überraschend in einen Walzer einfiel, der Kreis der Bewunderer auseinander stob und der letzte Partner im Menuett so glücklich war, die zierliche Tänzerin zur »Allemande« zu führen – dahin flogen – oder nein, dahin drehten sich nun im gemäßigten, aber seelenvollem deutschen Tanz (der noch nicht mit geflügelter Eile dahin stürzte, wie es später Sitte war) die Paare, indem sich die Tänzer und Tänzerinnen mit einem Arm umfassten, während die beiden freien Hände ineinandergelegt ausgestreckt wurden...«

Um das Verwirrspiel zu vollenden, setzt Karoline Pichler damals den Walzer mit dem »Deutschen« (auf Französisch »Allemande«) gleich. 20 Jahre später versteht man in Wien unter einem »Deutschen« den sogenann-ten »verderblichen Langaus«, eigentlich ein Walzer, in dem man wieder springt und hüpft, wie sich aus Berichten rekonstruieren lässt. Und schließlich räumt ein Redakteur des berühmten »Journal des Luxus und der Moden« im Jahr 1797 auf: »Dagegen übertrifft der Wiener Walzer alles an wilder Raschheit, gewöhnlich löst sich der Dreher in denselben auf; seltener tanzt man ihn allein.«

Die Bezeichnung eines Tonstückes als »Walzer« wurde also nur sehr langsam gebräuchlich. Joseph Langer nennt seine Tänze erst nach op. 7 »Walzer«, davor aber »Deutsche Tänze« oder »Ländler«, und diese Bezeich-nungen stehen lange Zeit nebeneinander.

Der Landler wurde bewusst hinsichtlich seiner volkstümlichen Note gepflegt. Hier sei nochmals an den oberbayerischen »Schuhplattler« erinnert.

So heißt es einmal um 1800, dass es »ein recht angenehmes Schauspiel gewährt, besonders wenn die Musik von dem galanten Walzer auf einmal in den zwanglosen Ländlerischen einfällt.«

Anerkannte Komponisten wie Joseph Haydn in Wien entdeckten bald, wie bühnenwirksam die sogenannten deutschen Tänze waren, wenn man sie als Szenenabschluss oder Zwischenspiel in Schauspiele dieser Zeit einbaute (vgl. »Die neue Alceste« von Kapellmeister Müller, oder »das Urtheil des Parisì von Joseph Richter).

Joseph Lanner, die Strauss-Familie und viele andere führten den Walzer zum Sieg und machten ihn zum besten Wiener Exportartikel für gesteigerte Lebensfreude und repräsentative Festlichkeit! Der Walzer verband nicht nur international, er hob auch die Barrieren zwischen den Ständen auf, eine friedliche Revolution im Ballsaal, die bis heute ihre Wirkung nicht verfehlt hat.

SD

Teil 1: Siehe Chiemgau-Blätter Nr. 29/2003

Hauptliteratur bei:
Siegrid Düll / Josef Wallnig: Amaliens musikalische Erholungsstunden (Zwischen Nähkästchen und Pianoforte 1), Sankt Augustin 1996. Siegrid Düll: Die Wege der Liebe. Bemerkungen zur »valse chantèe«, in: Gedenkschrift für Walter Pass, hg. von Martin Czernin, Tutzing 2001, 497-506. Walter Salmen: Tanz im 17. und 18. Jahrhundert (Musikgeschichte in Bildern 4), Leipzig 1988. Reingard Witzmann: Der Landler in Wien, Wien 1975.Lexikon: Honegger / Massenkeil 5 und 8 (Ländler; Walzer), Berlin 1987.



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