Jahrgang 2009 Nummer 33

Vom »Landaufgebot« bis zu den Schützenkompanien

Geschichte des Schützenwesens in der Region – Teil II: Vom 15. Jahrhundert bis zu den Napoleonischen Kriegen

Landsturmgefecht mit den Franzosen

Landsturmgefecht mit den Franzosen
Verwundeter Schütze

Verwundeter Schütze
Gefangene Tiroler am Chiemsee

Gefangene Tiroler am Chiemsee
Altbayern wurde seit dem Hochmittelalter wittelsbacherisch geformt, geprägt von Glauben, Geistlichkeit und Staatlichkeit. Trotz aller Spannungen herrschte ein »bayerisches Gemeinschaftsgefühl«. Am Kriegführen lag dem Bayern wenig, er war aber in Notzeiten dazu bereit. Noch bis ins 15. Jahrhundert war Bayern in drei Herzogtümer geteilt. Bei Auseinandersetzungen zwischen den Fürsten wurden 1422 mangels Verteidigungsmöglichkeiten der Bevölkerung Dörfer im Inntal, am Samerberg und im Chiemgau geplündert und gebrandschatzt. Damals waren die Bauern nur im »Landaufgebot« oberflächlich organisiert. Diese »Landwehr« war weder militärisch ausgebildet noch ausgerüstet und hatte nur untergeordnete Bedeutung für die Wehrhaftigkeit des Landes, die zu dieser Zeit sträflich vernachlässigt wurde.

Ganz anders in Tirol. Hier waren alle tauglichen Grundbesitzer und Dienstboten im »Volksaufgebot« organisiert, allerdings ausschließlich zur Verteidigung innerhalb der Landesgrenzen. In Bayern waren Schützengesellschaften nur zur Landesverteidigung in »Landsnöten« geduldet. Allerdings gab es im Isarwinkel, Tegernsee und im Miesbacher Raum bereits Bestrebungen, freiwillig, ohne Zwang der Milizenverbände, die Heimat zu verteidigen. Im Isarwinkel sind zum Beispiel erste Schützenbruderschaften und Schützengilden im frühen 14. Jahrhundert erwähnt. 1504 mussten noch die Bewohner des Achentals, aus Bernau und Grassau zusammen mit Bauernverbänden gegen Truppen Maximilians, seines Zeichens Deutscher Kaiser und Landesfürst von Tirol, ihre Heimat verteidigen oder kurz darauf, 1525, vor lutherischen Bergknappen aus Schwaz in Tirol schützen.

Nächste Stufe der Landesverteidigung war der »Heimatschutz«, organisiert durch die Pfleggerichte. Dort waren in erster Linie junge Schützen und Jäger in »Landgeschreien« oder »Landfahnen« zu je 300 Mann zusammengefasst. Die »Landfahnen« aus Söllhuben und Rosenheim zogen mit Herzog Maximilian bereits 1606 gegen die Reichsstadt Donauwörth und 1611 gegen den Erzbischof von Salzburg in den Krieg. Während des 30-jährigen Krieges bauten die Herrscher weitere »Land- und Stadtfahnen«, die jedoch das Militär nur minimal unterstützen konnten. Es fehlte das Geld, um diese Einheiten vernünftig besolden zu können. Zudem mangelte es den Rekrutierten an Weitblick, um Gefahrensituationen für das Land einschätzen zu können. War nämlich kein Feind zu sehen, dann gingen die Kämpfer nach Hause.

1634 kommt es in Wasserburg zum Bauernaufstand, als bayerische und spanische Truppen im südlichen Chiemgau Winterquartier beziehen wollen. Der Kurfürst löst nach diesen Vorfällen die »Landfahnen«, die er als Hauptschuldige ausgemacht hatte, auf. Im Oberland um Tölz und Miesbach taucht zu dieser Zeit der Begriff »Birgschützen« auf. Diese Gruppen formieren sich, im Gegensatz zu den »Landfahnen«, freiwillig, ausgestattet mit Standhaftigkeit und bestens bewährt als Wachposten an der Innlinie gegen die Schweden. Am Ende des 30-jährigen Krieges ist die bayerische Bevölkerung dezimiert, Bauernhöfe liegen verödet.

In Zeiten des Spanischen Erbfolgekrieges wird 1682 in Bayern ein erstes stehendes Heer aufgestellt, das Bestand in Friedens- und Kriegszeiten hat. Im Streit um das spanische Erbe eröffnet Kurbayern in einer Allianz mit Frankreich den Reichskrieg gegen den österreichischen Kaiser Leopold I. Zum Schutz des Achentals vor Angriffen der Tiroler werden die Burgen Hohenaschau, Neubeuern und Auerburg neu befestigt. Im oberen Priental wird der Bau von Befestigungen und Verhaue um die Streichenkirche oberhalb Schlechings bis Rudersburg forciert. 9000 bayerische und 250 französische Soldaten fallen 1703 in Windshausen im Inntal in Tirol ein. Der Tiroler Landsturm im Unterinntal kann ihnen nur wenig entgegensetzen. Kufstein, Schwaz, Hall und Innsbruck fallen. Erst am Brenner können Südtiroler Schützen den Vorstoß stoppen. 400 Freiheitskämpfer töten an der »Pontlatzer Brücke« mit Holz- und Steinlawinen 3500 bayerische und französische Soldaten.

Diese Erfolge motivieren die Tiroler Freiheitskämpfer. Zusammen mit österreichischen Truppen befreien sie Innsbruck und drängen die Angreifer Schritt für Schritt durch das Unterinntal wieder aus dem Land. Im Unterinntal kommt es zum »Volksaufstand«, der sich den Tiroler Freiheitskämpfern anschließt und über die Grenze Bayerns, vom Inn ins Achental bis in den Isarwinkel hinein grausame Vergeltung übt. Auf bayerischer Seite haben sich auf der ganzen Kampflinie »Berg- oder Birgsschützen« formiert. Sie unterstützen mit der Bevölkerung das bayerische Militär bei Oberaudorf im Kampf um die Auerburg, Endorfer und Wasserburger Schützen stehen im Priental nördlich von Sachrang und am Samerberg stellen sich Bauern den Angreifern. Achentaler Bauern sperren den Klobensteinpass Richtung Kössen und verteidigen die Streichenkirche gegen kroatische Verbände. Der Rest der Chiemgauer Schützen steht wehrhaft in den jeweiligen Heimatorten.

Nach Niederlagen des bayerischen Militärs bei Höchstädt und Blindheim besetzen Österreicher im August 1704 ganz Bayern. Umgehend wird die Kaiserliche Administration eingeführt. Die Bevölkerung muss die Zeche zahlen und lebt in Not und Elend. Einziger Wunsch vieler ist es, dass die lästigen Einquartierungen, Zwangsrekrutierungen und Truppendurchzüge mit ihren Ausschreitungen endlich ein Ende nehmen mögen.

Im Spätherbst 1705 kommt es doch zum gesamtbayerischen Volksaufstand. Erstmals ist hier auch Patriotismus zu spüren, was sich unter anderem in dem Spruch manifestiert »lieber bayrisch sterben, als in des Kaisers Unfug verderben«. Der Aufstand von militärisch völlig unerfahrenen Bauernburschen aus Schnaitsee, Rosenheim, Neuötting, Mühldorf, Kraiburg und Wasserburg gegen die Innübergänge ist erst erfolgreich. Am 23. November werden sie aber grausam niedergemetzelt. Trotz der Aussichtslosigkeit marschieren Aufständische auf Sendling zu mit dem Vorhaben, München einzunehmen. Am 25. Dezember 1705 werden sie in eine Falle gelockt und in der »Sendlinger Mordweihnacht« gnadenlos niedergemetzelt, selbst noch als sie die Waffen niedergelegt haben.

Der Streit um Ansprüche auf das Habsburger Erbe wird im österreichischen Erbfolgekrieg 1740 bis 1745 ausgetragen. Der Schutz der bayerischen Südflanke vom Inntal bis nach Reichenhall wird im August 1741 komplett von den »Landfahnen« und freiwilligen Schützen gewährleistet. Gewehre und Munition werden auch an Gebirgsbauern ausgegeben. Nach der Krönung des bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht VI. zum Deutschen Kaiser in Frankfurt fallen im Januar 1742 österreichische Truppen, Panduren und Kroaten in Bayern ein. München fällt kurz darauf, die Innstellung hält aber.

Am 10. und 12. Februar 1742 fallen Österreicher über Wössen und Marquartstein in das Achental ein. Zwei Tage später wird Traunstein eingenommen. 100 Schützen aus Miesenbach, Inzell und Weißbach können das Schmelzwerk in Inzell verteidigen. Den Winter über bewachen nun Miesenbacher und Marquartsteiner Schützen die Grenze. Am Scharmannpass in Weißbach können sich nur 15 Schützen gegen 1200 Kaiserliche behaupten. Das Inntal wird im Mai 1743 heimgesucht, als 1800 Kroaten, Panduren und Tolpatschen gegen die Auerburg ziehen. Auerburg und 43 Anwesen in Oberaudorf werden eingeäschert.

Größere Abteilungen fallen zur gleichen Zeit über den Streichen und Schleching ins Achental ein. Einen Erfolg verzeichnen die Gebirgsschützen von Ruhpolding, Inzell und Weißbach. Sie können die besetzte Stadt Reichenhall befreien. 1745 beendet der Friede von Füssen die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Bayern und Österreich. In der Folgezeit lösen sich viele Schützenkompanien auf. Um die Salinenanlagen in Reichenhall und Traunstein werden im September 1791 bürgerwehrähnliche Salinenkorps installiert. Die Gedanken der Französischen Revolution schwappen langsam auch auf Bayern und Tirol über. Es beginnen die Koalitionskriege, später die Napoleonischen Kriege.


Werner Bauregger

Teil 1 und 3 in den Chiemgau-Blättern Nr.32 und 34/2009



33/2009