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Jahrgang 2015 Nummer 13

Vom Klostersterben bedroht

Den Benediktinern im niederbayerischen Rohr geht der Nachwuchs aus

Abt Dominikus Prokop, der erste Abt von Rohr aus Braunau (1890 - 1970).
Hochaltar der Klosterkirche Rohr.
Kirche, Kloster, Gymnasium und Internat in Rohr.

Der Markt Rohr im Landkreis Kelheim ist allen Kunstfreunden durch seine Klosterkirche mit dem herrlichen Hochaltar, einem Meisterwerk von Egid Quirin Asam bekannt. Dargestellt ist die Himmelfahrt Mariens. Die Madonna wird schwebend von Engeln getragen und bewegt sich nach oben, wo sie vom Chor der Engel und der Dreifaltigkeit erwartet wird. Zu ihren Füßen stellen die Apostel in Erstaunen, Anbetung und Verzückung fest, dass der geöffnete Marmorsarg leer ist. Der Altar wirkt auf den Betrachter wie eine Theaterbühne, wobei das Langhaus zum Zuschauerraum wird. Das in der Gestaltung der lebensgroßen Stuckfiguren einmalige Werk hat Egid Quirin Asam um 1717 geschaffen. Er war damals 24 Jahre alt und gerade von einer Studienreise nach Italien zurückgekehrt.

In Rohr befand sich zu dieser Zeit ein Stift der Augustinerchorherren, die nicht nur als Pfarrer in den umliegenden Gemeinden wirkten, sondern sich auch in der Wissenschaft und als Vertreter der Kirchen- und Ordensreform verdient machten. In der Säkularisation wurde das Stift aufgehoben, die Kirche wurde Pfarrkirche. In Teile des Klosters zogen Schule und Pfarrhof, andere gelangten in die Hand von Privatleuten oder verfielen. Rohr erlebte das gleiche trostlose Schicksal wie in unserer Region die aufgehobenen Klöster in Seeon und Höglwörth, in Baumburg, Rott am Inn, Herrenchiemsee und Raitenhaslach.

Aber 150 Jahre nach der Klosteraufhebung geschah in Rohr etwas Unerwartetes: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwachten die Klostergebäude aus ihrem Dornröschenschlaf und füllten sich wieder mit Leben. Aus dem Sudetenland vertriebene Benediktinermönche aus Braunau in Nordböhmen zogen in das ehemalige Chorherrenstift ein, errichteten ein Gymnasium mit Internat und sanierten Schritt um Schritt die alten Gebäude. Heute präsentiert sich Kloster Rohr als wahres Schmuckkästchen. Unter der Bezeichnung »Abtei Braunau in Rohr« ist es den Mönchen gelungen, nicht nur ein Schulgebäude für die rund 700 Gymnasiastinnen und Gymnasten zu errichten, sondern auch Tagungs- und Gästeräume, ein Internat, einen repräsentativen Festsaal und eine moderne Bibliothek.

Entsprechend ihrer Herkunft machten die Rohrer Benediktiner die kirchliche und kulturelle Arbeit unter den Heimatvertriebenen zu ihrem besonderen Anliegen und veranstalteten Einkehrtage, Seminare und Werkwochen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus trugen Begegnungen mit tschechischen Kirchenvertretern zur Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen bei, Rohr wurde zu einem Zentrum der Friedensarbeit. Die Aufnahme in die Bayerische Benediktinerkongregation, in der die traditionsreichen Klöster Ettal, Niederaltaich, Scheyern, Metten, St. Stephan in Augsburg, Weltenburg, St. Bonifaz in München, Schäftlarn, Plankstetten und Ottobeuren zusammengeschlossen sind, bedeutete für das Kloster Rohr eine Anerkennung seiner erfolgreichen Arbeit.

Der Anfang war für die vertriebenen Mönche nicht einfach. Glücklicherweise erfuhren sie von vielen Seiten Unterstützung. Dem Landrat des damaligen Landkreises Rottenburg, Professor Wolfgang Prechtl, begeisterte die Aussicht, mit den Benediktinern endlich ein Gymnasium in seiner Region zu bekommen. Denn das stand für den Abt Dominikus Prokop aus Böhmen von vornherein fest: Schule und Internat sollten die wirtschaftliche Basis des Klosters sein, ebenso wie das im heimatlichen Braunau der Fall gewesen war. Und für den Regensburger Diözesanbischof Michael Buchberger war es vorteilhaft, dass die Mönche in Rohr und Umgebung die Pfarrseelsorge übernehmen und den einheimischen Klerus entlasten konnten.

Der Unterricht begann in der Dorfschule mit 32 Schülern, vorwiegend Kindern von Vertriebenen und Flüchtlingen, Patres waren die Lehrer, bald ergänzt durch weltliche Lehrkräfte. Das Gymnasium war damals das einzige Gymnasium im Raum zwischen Landshut, Regensburg und Ingolstadt. Die Schülerzahlen stiegen von Jahr zu Jahr, 1962 fand das erste Abitur statt. Praktisch wurde jedes Jahr gebaut, Internat und Schule mussten erweitert, natürlich auch Sportstätten und ein Schwimmbad errichtet werden. Das Schuljahr 2010/11 brachte mit 753 den Höchststand an Schülern. Später führte das Schulbus-Zeitalter dazu, dass das Internat weniger genutzt wurde und geschlossen werden musste. Letzte große Baumaßnahme war die Sanierung des Konventtraktes.

Doch während die Schule immer mehr wuchs, schrumpfte die Zahl der Mönche besorgniserregend. Zwar haben auch andere Klöster mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Aber in Rohr zeigte sich die Krise besonders deutlich, weil der Konvent stark überaltert war. Die alte Generation starb, Neueintritte waren selten oder die Novizen verließen das Kloster bald wieder. Waren es im Jahre 1947 noch 29 Patres und Brüder und 1973 sogar 38, so nahm ihre Zahl von da an kontinuierlich ab und liegt heute bei unter 10 Mitgliedern. Das hatte zur Folge, dass sich im Jahre 2010 beim altersbedingten Rücktritt des letzten Abtes, der statutengemäß mit Erreichen des 70. Lebensjahres zu erfolgen hat, im Konvent kein Kandidat für seine Nachfolge fand. Heute ist Rohr ein Kloster ohne Abt aus den eigenen Reihen! In einem solchen Fall gibt es bei den Benediktinern die Möglichkeit, den Abt eines anderen Klosters zum Administrator (Verwalter) auf Zeit zu wählen. Diese Wahl fiel auf Abt Markus Eller vom nahegelegenen Kloster Scheyern, der bereit war, drei Jahre lang den zwei Klöstern Rohr und Scheyern gemeinsam vorzustehen.

Doch auch nach drei Jahren hatte sich die Lage nicht gebessert und der Konvent bat um eine Verlängerung der Aushilfe. Abt Eller hatte Bedenken, weil ihn die Doppelfunktion zu stark belaste, stimmte aber dann doch für weitere zwei Jahre zu. Auf diese Weise blieb die Selbstständigkeit der Abtei erhalten – wenigstens für weitere zwei Jahre, also bis Juli 2015. Was dann werden soll, ist ungewiss. Besorgt über die Entwicklung in Rohr äußert sich auch Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg, in dessen Diözese Rohr liegt. Er hoffe, die Abtei werde auch künftig eine Stätte des brüderlichen Zusammenlebens, der Begegnung und der Wisssenschaft bleiben und die klösterliche Tradition weiterführen, erklärt er. Aber die Aussichten dafür sind düster. Keiner weiß, wie lange in der herrlichen Asam-Kirche noch das Chorgebet der Benediktiner ertönen wird.

 

Julius Bittmann

 

13/2015