weather-image
-1°
Jahrgang 2008 Nummer 28

Vom Herrn Pfarrer und seinem Gänserich

Erinnerung an einen Besuch bei meiner Tante im Pfarrhof

Ein kleines Dirndl, so vier bis fünf Jahre bin ich alt gewesen dortmals, wie ich mit meiner Großmutter schon des öfteren auch wochentags den langen Weg zur Frühmesse in unsere kleine, schmucke Pfarrkirche gegangen bin. Eine meiner fünf Tanten ist im Pfarrhof beim Herrn Pfarrer im Dienst gewesen und hat neben der schon älteren Köchin Rosi, für Ordnung im Haus und vor allen auch im Geisenstall gesorgt. Nach dem Gottesdienst durfte ich mit der Großmutter meistens noch zu dieser in den Pfarrhof, zu dem man von der Kirche aus durch den kleinen, stillen »Gottesacker« (Friedhof) über ein paar Steinstufen hinunter, nur etliche Minuten brauchte, gehen und das kleine, schmiedeeiserne Friedhofstürl hat immer ein bisschen geknackt, wenn ich es aufgemacht habe.

Das große Pfarrhaus hat mir immer so gut gefallen, wunderschön und anheimelnd ist es mir vorgekommen, mit seinen verzierten Fenstern und den milden, rötlichen Farben der Hauswand. Auf der Südseite ist ein großer Garten mit viel Gemüse, auch etlichen, verschiedenen Beerensträuchern und allerlei Blumen in den verschiedensten Farben gewesen. Auch ein paar Obstbäume sind dort gestanden und Rose hat sich manchmal auf die alte Bank unter einem Apfelbaum gesetzt und ein weilchen ausgerastet. – Nach vorne hinaus ist die große Wiese gewesen, auch der Stall für die Geißen und Gänse ist dort gestanden und mit dem Bretterzaun rundherum, hatte der ganze Pfarrhof fast wie eine kleine Oase ausgesehen, in der dank der liebevollen Pflege meiner Tante die Geißen mit ihren kleinen, lieben Zicklein, die gescherzt und übermütige Luftsprünge gemacht haben, fast wie im Paradies gelebt haben.

Eines Tages nun, da habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und den Herrn Pfarrer schon gefragt, ob ich vielleicht manchmal bei meiner Tante im Pfarrhaus übernachten dürfte und wie dieser daraufhin zu mir gemeint hat, das ich ein braves Dirndl sei und das freilich dürfte, da hat mein Herz vor Aufregung und Freude laut geklopft. Damals habe ich im Sommer öfters am Nachmittag meiner Tante geholfen, wenn diese von der entfernten Pfarrerwiese am Waldrand, das Heu für die Geisen auf ein großes Leiterwagerl geladen hat. Da bin ich hinauf gekrackselt und habe es fest zusammengetretet, damit wir viel hinaufbringen, aber auch verlieren wollten wir nichts beim Heimfahren, so haben wir beide plagend und schwitzend, das volle Wagerl mühsam die Anhöhe zum Pfarrhof hinaufgezogen und geschoben. Drinnen im Stall hat die Tante das Heu nun oberhalb der Geißen, weit bis unters Dach hinaufgeschmissen und ich habe es ganz oben, wiederum fest zusammengetreten. Wenn wir endlich fertig gewesen sind, so haben wir zwei uns am Brunnentrog vor dem Stall draußen, den meisten Staub abgewaschen, meine Tante hat mich gelobt und Rosi hat uns eine gute Brotzeit hergerichtet.

Zum »Viehbestand« im Pfarrhof haben aber neben den Geißen, ja auch noch etliche Enten und Gänse gehört, die meine Tante versorgt hat, aber natürlich hat auch beim Hochwürden seinen noch so lieben Viecherl, eines Tages das Schlachten sein müssen und nicht selten sind dabei Tränen verstohlen abgewischt worden. So muss es dortmals auch dem Herrn Pfarrer selber ergangen sein, denn ein wunderschöner »Ganserer« ist es gewesen, der diesem sozusagen, fast ans Herz gewachsen ist und so haben eines Tages Hochwürden, die gute Rosi und nicht zuletzt meine Tante beschlossen, dieses brave und gescheite Federvieh, weiterleben zu lassen.

Dies hat aber auch seinen ganz besonderen Grund gehabt und angefangen hat alles damit, dass eines schönen Tages der Herr Pfarrer zur Tante meinte, diese solle die größte und schönste von den Gänsen nach Knesing bringen, denn dort hatte eine Bäuerin, einen stattlichen Gänserich in ihrer Schar dabei und der sollte bei der Pfarrersgans für Nachwuchs sorgen. So hat diese gleich nach Mittag, ihr Fahrradl hergerichtet und mit Rosi zusammen, haben sie die Gans in eine große, feste Pappschachtel gesteckt und auf den Gepäckträger hinten, festgebunden. Zuerst hat die »Gänsin« gemeutert, wie aber die Tante aufs Rad gestiegen und ein bisschen wacklig losgefahren ist, da hat diese keinen Muckser mehr getan und nur ihren langen Kragen, den sie aus einem Loch in der Schachtel herausstrecken konnte, hat sie von einer Seite auf die andere gedreht. Meine Tante aber ist »totfroh« gewesen, wie sie endlich mit dieser in Knesing angekommen ist und zusammen mit der Bäuerin haben sie selbige aus der Schachtel geholt, sind mit ihr zu den Gänsen dort auf der Wiese und wollten die schöne Pfarrersgans schon unter den Zaun hindurchschieben. Die Bäuerin hat diese gerade noch einmal kurz betrachtet, hat auf einmal den Kopf geschüttelt und zu lachen angefangen und wie diese meiner Tante erklärt hat, was da so lustig sei, haben die Beiden den Gänserich, denn ein solcher ist er ja gewesen, schnell wieder in seine Schachtel gepackt und die Tante hat gejammert, weil sie nun mit der Gans, bzw. dem Ganser, wieder hat heimfahren müssen und die ganze Mühe umsonst gewesen ist. Wie diese endlich schnaufend mit ihrem ungewöhnlichen Gepäck, das Bergerl zum Pfarrhof heraufgeradelt ist, hat sie bei sich gedacht, dass es schon fast zum Schämen wär, weil auch der Herr Pfarrer und auch Rosi nicht gemerkt haben, dass sie einen so schönen Ganserer haben. So hat also dortmals Selbiger, so als sei nichts gewesen, weiterhin mit den übrigen im Pfarrgarten friedlich nach Fressbaren gesucht und dem Herrn Pfarrer, der jeden Tag in den frühen Nachmittagstunden, das aufgeschlagene Gebetbuch in den Händen, wiederholt an ihnen vorbeigegangen ist und dabei sein Previer gebetet hat, haben diese keinerlei Beachtung zukommen lassen.

Doch da eines schönen Nachmittags, wie Hochwürden wieder um dieselbe Zeit, mit dem aufgeschlagenen Buch in den Händen, vom Pfarrhaus gekommen ist, um seinen gewohnten Gang durch den stillen Garten zu machen, hat sich etwas ganz seltsames abgespielt. Als nämlich der Betende nahe an einem »schönen Ganserl« vorbeigeschritten war, hat dieser auf einmal seinen Hals gereckt, dem Herrn Pfarrer eine kurze Weile nachgeschaut, dann auf einmal zu laufen angefangen, hinter diesem her, bis er ihn eingeholt hatte. Nun watschelte er, dem Anschein nach, ganz friedlich, langsam neben selbigen her. Zuerst schenkte dieser dem Ganserer keine besondere Beachtung, als er sich jedoch, am Gartenzaun angelangt, wie immer umgedreht hatte um wieder umzukehren, da hat Hochwürden nun doch verwundert geschaut als dieser dasselbe getan hat. So hat sich dies nun immer wiederholt, der Ganserer ist weiterhin Seite an Seite mit diesem gegangen und wie der sich schließlich auf die kleine Holzbank gesetzt hat, da ist sein Begleiter schnurstracks zu seinen Artgenossen auf die Wiese gewatschelt und hat, anscheinend hungrig von dem langen Marsch, nach Fressbaren gesucht.

Meine Tante und die gute Rosi haben ihrem Herrn Pfarrer, das was er ihnen da erzählt hatte, zuerst nicht geglaubt, so sind nun alle drei gespannt gewesen auf den nächsten Tag und wie dieser, so wie immer, am frühen Nachmittag aus dem Pfarrhaus kommend, im Garten sein Previer zu beten begonnen hat, da haben Rosi und die Tante sich ganz still hinter einer großen Staude geduckt und gespannt abgewartet. Da war doch Hochwürden, das Buch aufgeschlagen in den Händen, erst wenige, langsame Schritte gegangen, wie nun tatsächlich der Ganserer, als er diesen erspäht hatte, von der Wiese her, auf ihn zugewatschelt oder fast schon stolziert ist und zum Erstaunen der beiden Frauen, wiederum an des Betenden Seite, immer und immer wieder, hin und her von einem Gartenende zum anderen gewatschelt ist.

So ist Tag um Tag vergangen und der Gänserich ist immer noch neben dem Herrn Pfarrer hergewatschelt, dieser wiederum hatte sich mittlerweile schon richtig an seinen zweifüßigen Begleiter gewöhnt. Hin und wieder hat er zu diesem hinabgeschaut und man konnte fast glauben, die Gans hat verstanden, wenn Hochwürden schon mal zu diesem gesagt hat, dass er ein braves, gescheites Viecherl sei. Derweilen sind etliche Wochen vergangen und eigentlich sollte das »Viecherl« ja schon in der großen Bratraine von der Köchin der Rosi prutzeln, doch keiner im Pfarrhof hätte diesen geschlachtet, geschweige denn gegessen. So sind sich alle Drei einig gewesen, den schönen Ganserer weiter leben zu lassen, bis dieser sozusagen an Altersschwäche sterben würde, vielleicht wären ja dann noch seine schönen, weißen Federn für ein Kopfkissen zu gebrauchen. Der »gescheite Ganserer« aber hat den Dreien die Entscheidung was nach »seinem Ableben« mit ihm geschehen werde, auf seine Weise abgenommen.

So ist es dortmals ein noch milder Novembertag gewesen, an dem der Herr Pfarrer wie gewohnt, am frühen Nachmittag seinen Gebetgang im Garten gemacht hat, während Rosi und die Tante, unweit davon dabeigewesen sind, noch etliche Krautköpfe einzubringen. Dabei haben die beiden hin und wieder einen Blick auf ihren Herrn Pfarrer und seinen Begleiter geworfen. Da, ungefähr auf der Mitte von einem Zaun zum anderen, ist der Ganserer auf einmal stehen geblieben, hat seinen Kragen kurz von einer Seite zur anderen gereckt, hat seinen langen Hals schließlich noch höher hinaufgestreckt und seine Flügel weit ausgebreitet, gerade so als wolle er fliegen. Da, die beiden Frauen trauten ihren Augen nicht, ist er sanft in die Höhe gegleitet der treue Ganserer, immer höher und schon ist er »drüber« über den Kirchturm. So laut haben die Beiden, dem im Gebet versunkenen Hochwürden zugerufen, dass diesem beinahe das Gebetbuch aus der Hand gefallen wäre: »Schaun’s Herr Pfarrer, die Gans«. Wie aber auch dieser erschrocken gen’ Himmel geschaut hat, da haben die Drei Verdutzten, ihren nur noch ganz klein anzuschauenden, schönen Gänserich, noch über ihr kleines friedliches Dörfchen Hart fliegen sehen und ist gleich darauf deren Blicken entschwunden und war fort für immer!

Wo wird er wohl gelandet sein, der treue, brave Ganserer?

Elisabeth Mader



28/2008