Jahrgang 2009 Nummer 50

Vom »Gutelbacken« und vom Christkind

Eine Kindheit auf dem Land

Anfang Dezember, wenn der Winter endgültig einzog und Weihnachten vor der Tür stand, hatte die Großmutter mit dem »Gutelbacken« angefangen. Meine Tanten halfen mit, denn ein großer Waschkorb musste voll werden. Am Heiligen Abend bekam jeder in der Familie einen großen Teller davon, natürlich auch die »Godn« und »Göd«, und an mache Bekannte dachte die Großmutter. Ich erinnerte sie daran, Muschi nicht zu vergessen, die jedes Jahr eine große Tüte mit heim nehmen durfte. Beim »Gutelbacken« durfte ich die Figuren ausstechen und den bunten Zucker daraufstreuen. Am Abend bekam ich dann meist »Bauchweh«. Sophie meinte schadenfroh: »Des kimt davo, Lisbeth, weilst so vui Doag gessn hast.«

Heimelig und still waren diese Wochen vor Weihnachten. Wenn der Wind die Schneeflocken um das einsame Gehöft trug, so sah ich oft dem Treiben zu, um dann eiligst wieder an mein Plätzchen neben dem Ofen zurückzukehren und meinen Großvater zu bitten, mir eine Geschichte vom Christkind zu erzählen. Das Weihnachtsfest rückte immer näher, und endlich war der Tag gekommen, an dem mein Großvater zu mir sagte: »Lisbeth, i’ geh iatzt außi ins Holz und suach an schöna Baum fürs Christkind.« Mit diesen Worten zog er seine schweren Winterstiefel an und stapfte hinaus in den tief verschneiten Wald. Ich konnte es kaum erwarten, bis er endlich mit dem Baum unter dem Arm auf das Haus zuging. Er klopfte sich den Schnee von den Stiefeln und stellte den Baum in den warmen Stall, damit er trocknen konnte. Nun schaute ich alle »Daumlang« nach, ob ihn das Christkind schon geholt hatte. Die Englein, so dachte ich bei mir, brauchen ja auch ihre Zeit, bis sie ihn mit Kugeln und Lametta geschmückt haben, um ihn dann am Heiligen Abend rechtzeitig zu bringen. War dann endgültig der Tag da, an dem das Christkind kommen sollte, konnte ich es kaum noch erwarten, bis es endlich finster wurde. Die Großmutter und Tante Sophie hatten es in der »Kuchl« recht »gnädig«, damit für den Abend, wenn das Christkind kommt, alles fertig ist. Die Teller mit den »Guatln« mussten ja auch noch hergerichtet werden. Drinnen in der heimeligen Stube aber hatte ich mich ganz nahe zum Großvater aufs Kanapee gesetzt. Dieser zündete sich seine lange Pfeife an und auf meine ungeduldige Frage, ob bei dem vielen Schnee das Christkind überhaupt zu uns herauf findet, hat er mir immer wieder versichert, dass es bestimmt in unsere Stube kommen würde.

Einmal holte er ein dickes Lesebuch, das meine Tanten in der Schule bekommen haben, schlug es auf und meinte zu mir, dass es der Martl in der Geschichte auch nicht erwarten konnte, bis ‘s Christkindl kimt, und der Großvater fing zum Vorlesen an:

»Der Heilige Abend ist ein besonderer Tag, und drum haben alle Dienstboten schon von Mittag an nach dem Abfuttern Feiertag und ihre schönen Gwanda an. – Der Jagerloisl putzt seinen Zwilling und stopft sich fünf starke Schrotpatronen, die recht krachen. – Der Riedhofer-Martl ist ein Schraz von kaum fünf Jahrl. Einen Mordsbauschen Grumetheu hat er vors Stubenfenster nausghängt, der Esel vom Christkindlfuhrwerk braucht eine kleine Stärkung in dera Nacht. Dann soll auch das Christkindl ganz gwiss bei ihm einkehren. A Goaßl hat er sich gwunschen und die zwoa Rössa zu seim Bruckenwagerl darfs ja net vergessn. – Auf dem Tisch liegen nachat die Christkindl der Dienstboden: Lederpantöffl – Fetzn – Pfoad – Schürzelstoff – schön der Reih nach geordnet für den Oberknecht, an Mitterdirn und ‘s Hausdirndl. – Nach der Mettn dampft scho d’ Mettnsuppen in der Stubn. – Der Jagerlois schickt von der Waldhüttn aus noch einen Schuss übers Donibauernholz – dann ist’s stad in dieser Heiligen Nacht.«

Ganz andächtig hörte ich meinem Großvater zu, während es draußen bereits ganz finster wurde. Die Tanten waren längst bei der Stallarbeit und nach dem Essen ging ich mit meiner Mutter noch einmal »zum Kühewässern« in den Stall. Ich spähte aus jedem Stallfenster in die dunkle Nacht hinaus, um vielleicht ein Englein oder sogar das Christkind selbst zu sehen. Hatte ich mich getäuscht, oder klingelte gerade ein feines Glöcklein? Da, jetzt noch einmal. Schnell rannte ich durch den Rossstall in den Hausgang. Die Stubentür stand weit offen, in der Stube war es dunkel, nur der Schein der Kerzen erleuchtete das Dunkel. Der Christbaum erstrahlte in hellem Schimmer: »‘s Christkindl is komma, zu de Bravn und Fromma.«

Ich »spähte« schon auf die Geschenke, die unter dem Christbaum lagen, doch mein Großvater ermahnte mich: »Zuerst wird gebetet.« Und er begann: »Vater unser, der du bist im Himmel – gedenke auch der Soldaten auf dem Feld und lass sie bald gesund heimkehren.« Alle schlossen sich dem Betenden an.

»Stille Nacht, heilige Nacht« tönte es in den Abend hinaus. Eine kurze Zeit hielt ich noch stillstehend aus, aber als der Großvater meine Hand losließ, ging ich andächtig auf den Christbaum zu, um nun endlich eingehend meine Geschenke zu betrachten. Einmal brachte mir das Christkind eine Puppe aus Porzellan und ein Ringlein, ein andermal lag ein Armreif mit lauter bunten Herzchen unterm Christbaum und dazu ein neues Kleid. Glücklich zeigte ich die Sachen meinen Großeltern und meiner Mutter. Nun wickelten auch die anderen langsam ihre Geschenke aus. Da gab es für meinen Großvater eine dicke Schafwolljacke und ein besonders gutes Packl Tabak, für meine Großmutter mal ein neues schwarzes »Sonntags-Schürzl« und warme Strümpfe. Socken, Hausschuhe und mitunter sogar Ohrringe oder ein schöner Schürzelstoff waren darunter, denn das Christkind dachte an jeden in Pettersdorf. Ich setzte mich zu Großvater auf den Schoß und hielt seine Hand ganz fest. Ich dankte dem Christkind für die schönen Sachen und bat es, Großvaters wehen Fuß bald zu heilen.

Das Feuer im Kachelofen musste am Christabend lange brennen, denn die Erwachsenen kamen nass und durchgefroren von der Mette aus dem kleinen Dörflein heim. Alle kuschelten sich um den warmen Ofen, um wieder richtig aufzutauen. Als ich schon in die Schule ging, durfte ich einmal zur Mitternachtsmette mitgehen. Wie kleine Irrlichter sahen die vielen Laternen aus, die die Einödler bei sich trugen, während sie langsam aus allen Richtungen dem Gotteshaus zustrebten. Die kleine Kirche war feierlich geschmückt und auf beiden Seiten des Altars stand ein großer, hell erleuchteter Christbaum. Der Pfarrer hielt eine Predigt von der Geburt des Herrn und er gedachte in seinem Gebet der Soldaten in der Ferne. Zum Schluss spielte der Herr Hauptlehrer auf der Orgel das »Stille Nacht, heilige Nacht«. Als der Hall der vielen Stimmen weit in die Nacht hinaus zu hören war, betete ich zum lieben Gott, immer so froh und glücklich sein zu dürfen.

Inzwischen hatte das Schneetreiben aufgehört und eine sternklare Nacht empfing uns, als wir aus der Kirche traten. Der Herr Hauptlehrer kam mit dem Pfarrer aus der Sakristei und jeder stapfte eilig und händereibend durch den Friedhof seinem Zuhause zu. Schön haben es die beiden, dachte ich bei mir, brauchen nur ein paar Schritte zu gehen und sind schon daheim. Wir machten uns auch schleunigst auf den Heimweg.

Zu Hause wartete die Großmutter schon mit der heißen Mettensuppe auf uns, und Großvater legte noch einmal ein großes Scheit in den Ofen. Wir zogen unsere nassen und kalten Schuhe aus und setzten uns gemeinsam um den Tisch. Nach ein paar Löffeln fielen mir die Augen vor Müdigkeit zu. Mama zog mich vorsichtig aus und brachte mich ins Bett, das mir meine Großmutter schon mit einem Ziegelstein »eingewärmt« hatte.

Am nächsten Tag, am Christtag, waren alle, trotz der kurzen Nacht, schon früh auf den Beinen, um »gschickt« zu werden für den Weg zum Hochamt. Jeder zog sein »Christkindlsach« an, damit alle sehen konnten, was das Christkind gebracht hatte. Der Herr Pfarrer hielt feierlich das Hochamt und alle sangen: »Ihr Kinderlein, kommet, oh kommet doch all, zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.« Nach der Kirche wollte das Erzählen kein Ende nehmen, bis vor lauter Frieren allmählich die Zehen und Finger wehtaten. So machte sich jeder wieder schnell auf den Heimweg. Die »Gamerin« wartete derweil schon mit dem Essen. Sie hatte sich heute besonders beim Kochen angestrengt. Am Nachmittag besuchte mich Muschi, um mein »Christkindlsach« anzuschauen. Sie war traurig, weil sie keine so schöne Puppe bekommen hatte. Dafür ließ ich sie den ganzen Nachmittag damit spielen und versprach: »Muschi, allerweil, wennst kimmst, derfst mit ihra spieln, solang wiasd magst.« Im Nu war sie getröstet. Als es langsam dämmerte und sie heimging, steckte ich ihr heimlich eine große Tüte »Gutl« unter den Arm. Am Abend bete ich zum Christkind, dass es das nächste Mal Muschi auch so eine schöne Puppe bringe. Gleich darauf schlief ich glückselig und zufrieden ein. Diese Stunden und Tage gehören zu den glücklichsten in meinem Leben.

Als ich viel zu früh von den Großeltern und allem, was mir so lieb gewesen ist, Abschied nehmen musste, war es unter vielen kleinen, aber lieben Andenken auch das alte Lesebuch, das ich damals mitgenommen habe. In den Jahren, die folgten, habe ich es oft aufgeschlagen und darin geblättert. Wehmütig dachte ich daran, wie vertraut und heimelig es doch auf unserem Einödhof gewesen ist. Viele Jahre später, weit nach meiner Kinder- und Jugendzeit, war es immer wieder die Seite mit dieser einfachen Erzählung, die ich am Heiligen Abend aufschlug und dabei an die eigene frühe Kindheit dachte.

Es war an einem Heiligen Abend, als ich mich entschlossen habe, all die Erinnerungen niederzuschreiben, die schon so lange Vergangenheit sind. Vielleicht wird ja diese so weit zurückliegende Zeit für meine Enkel und Urenkel ein bisschen lebendig. Und wer weiß, vielleicht beneiden sie dann einmal ihre Ururgroßmutter. Es ist sogar leicht möglich, dass ein kleines Dirndl, wenn ihm die Mutter an Heiligen Abend ein Weihnachtsgschichtl von ihrer Urgroßmutter vorliest, das verschneite, einsame Gehöft droben auf die Anhöhe sehen kann, und das Dirndl, das dort in der alten heimeligen Bauernstube glücklich neben dem Großvater vor dem Christbaum steht, rückt vielleicht, wenn auch nur für kurze Zeit, ganz nahe.


Elisabeth Mader


Entnommen aus dem Buch von Elisabeth Mader »Eine Kindheit auf dem Land«. Foto aus dem Archiv der Autorin.



50/2009