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Jahrgang 2004 Nummer 33

Vom Frauendreißiger und der Kräuterweihe

Am 15. August Mariä Himmelfahrt

Am 15. August (Mariä Himmelfahrt) bringen die Bäuerinnen, Mägde und Dirndl ihre Kräuterbüschl zur Weihe in die Kirche. Der Priester spricht zur Segnung folgende Worte:

»Herr, unser Gott, du hast Maria über alle Geschöpfe erhoben und sie in den Himmel aufgenommen. An ihrem Fest danken wir dir für alle Wunder deiner Schöpfung. Durch die Heilkräuter und Blumen schenkst du uns Gesundheit und Freude. Segne diese Kräuter und Blumen. Sie erinnern uns an deine Herrlichkeit und an den Reichtum deines Lebens. Schenke uns auf die Fürsprache Mariens dein Heil! Lass uns zur ewigen Gemeinschaft mit dir gelangen und dereinst einstimmen in das Lob der ganzen Schöpfung, die dich preist durch deinen Sohn Jesus Christus in alle Ewigkeit!«

Der Frauendreißiger dauert vom 15. August bis 13. September und reicht in heidnische Zeiten zurück. Den uralten Glauben an die Zauberkraft der Pflanzen, den es schon bei den Indogermanen gab, rottete das Christentum nicht aus. Dies wäre auch nicht möglich gewesen. Wie so viele heidnische Bräuche wurde er in das Christentum übernommen.

Ein Beispiel sind die Kräuter- oder Wurzbüschl, die früher heidnischen Gottheiten heilig gewesen sind. Da ist zu nennen das galium ferum = Labkraut, welches einst der holden Freia heilig war und das man bereits damals hoffenden Frauen zur leichteren Entbindung ins »Kindbett« legte. Aus dieser heidnischen Zeit sind uns noch heute Kräuternamen bekannt, die in unseren Kräuterbuschen zu finden sind, so z.B. die Kamille, die in Skandinavien »Baldersfrau« heißt und als göttliches Kraut gerne für Heilzwecke verwendet wird. Die Gundermann Donnerrebe (Donar-Rebe), die an den Gott Donar erinnert, stand in großer Verehrung. Unsere heidnischen Vorfahren melkten beim Viehaustrieb durch »Gundermannkränze« hindurch, um das Tier von Schadenzauber zu bewahren. Noch heute soll das Kraut von alten Bäuerinnen gegen »Milchverhexung« verwendet werden.

Aber auch die alte Donarpflanze »Bärenklau«, die in Tirol Donnerbohne (Donnardbohne) genannt wird, gilt heute noch als wirksames Mittel gegen Blitzgefahr. Karl der Große verordnete ausdrücklich, sie zum Wetterschutz auf Hausdächern anzupflanzen.

Es fällt uns auf, dass der Frauendreißiger vom 15. August = Mariä Himmelfahrt, einem Wendetag des Sommers (an diesem Tag werden auch die schwarzen Wetterkerzen geweiht), bis zum 13. September = Tag der Kreuzerhöhung fällt. Das ist die Zeit von Sommer bis zum Herbst, die in altgermanischen Tagen Kultfesttage einschloss.

Nicht genug, am 15. August wurden nicht nur Heilkräuter und »Hexenbuschen« gebunden, auch Natternwirbel, Natternbälge oder Schneckenzähne wurden zum »Fraisbeten« eingenäht. Dem Herzkreuzl von Steinböcken und Hirschen, die zwischen den zwei Marienfesten erlegt wurden, wurde besondere Heilwirkung zugeschrieben. Es war ja auch die Zeit der Wilderer.

In besonderem Ruf standen die so genannten »Frauendreißiger-Eier«, da sie sich vorzüglich zum Aufbewahren über den Winter eigneten und im Frühjahr gern den Hennen zum Ausbrüten untergelegt wurden.

Mariä Himmelfahrt der große Frauentag

Eine alte Überlieferung sagt: Um das Jahr 58 n. Chr. war es, dass die allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, im Alter von 72 Jahren nach einem makellosen und gottseligen Leben zu Ephesus sanft entschlafen ist. Die zwölf Apostel waren allesamt zur Beerdigung gekommen, nur der ungläubige Thomas hatte sich um drei Tage verspätet, vermutlich glaubte er die Botschaft nicht. Da er aber die Mutter seines Herrn noch einmal sehen wollte, öffnete man ihm zuliebe das Grab und siehe da - es war leer! Maria war in den Himmel aufgefahren. Es dauerte lange Zeit, bis man die Kräuter unter den Schutz der Gottesmutter stellte. Im Konzil von Leptinä 731 wurde der Aberglaube »von dem Bettstroh Freias« kirchlich verboten, allerdings vergebens. Später verstand es die Kirche, die Kräuter unter den Schutz der Mutter Gottes zu stellen. Erstmals hören wir im deutschen Sprachraum, dass der 15. August 813 zum hohen Marienfeiertag erhoben wurde. Zur Kräuterweihe kamen nun in den Frauendreißiger Marienwallfahrten zur »Hohen Frau«. An Maria Himmelfahrt findet z. B. die Kirchfahrt der Almbauern nach Hinterriß statt und innerhalb des Frauendreißiger wallfahren die Münchner seit 1688 nach dem nahen Ramersdorf, um nur die bekanntesten Wallfahrten zu nennen. Noch heute finden in manchen Orten während der 30 Tage täglich Abendandachten zur Ehre Mariens statt.

Der Kräuterbuschen

Wieviele und welche Kräuter gehören in den Buschen oder Strauch? Diese Frage kann nicht beantwortet werden, denn es gibt keine feste Regel. Es gibt Büschel mit über 70 Kräutern, aber es sollen wenigstens 12 Kräuter sein. Am beliebtesten sind im »Bettstroh unserer lieben Frau« oder im »Marienbündel«

- an erster Stelle die Königskerze, in Bayern auch »Muttergotteskerze« genannt, von der ein alter Spruch sagt: »Unsere liebe Frau geht über Land, hat den Himmelbrand in der Hand«
- das Johanniskraut, es schirmt gegen böse Geister
- die Schafgarbe, sie bringt Ruhe und wirkt gegen Schwindsucht
- das Tausendguldenkraut, es hilft Hexen erkennen
- die Kamille, sie stärkt das Hirn
- die Bibernell, sie hält die Pestilenz zur Stell
- der Beifuß, er wärmt Magen und Geblüt
- der Allemannsharnich, er macht kugelsicher
- das Schusternagerl, es übt heftigen Liebeszauber
- das Immergrün, es befördert die Leibauskehr
- der Bärenklau, er hilft gegen Blitzgefahr
- der Baldrian, ein Wunderkraut. In den Bienenstock gelegt, hält er die Bienen fest. Wenn man den Baldriansaft mit dem pulverisierten Stein, den man in einem Wiedehopfnest gefunden hat, mischt, kann man jedes Tier trächtig machen und den stärksten Gegner zu Boden werfen. Brautleute tragen den Baldrian gern bei sich, weil er Hexen und Unholde fernhält. So weit also zum Glauben und Aberglauben in unserer Zeit, wie wir es von unseren Vätern ererbt haben.

Die folgenden Kräuter finden wir ebenso in den Kräuterbüscheln:

Odermennig, Eberraute, Arnika, Golddistel, Harfheu, Gemeines Leinkraut, Schwarzkümmel, Gemeiner Dost, Tauben-Skabiose, Jakobsgreiskraut, Rainfarn, Gemeiner Thymian, Hasenklee, Mariendistel, Wegerauke, Eisenkraut, Osterluzei, Wiesenkümmel, kleiner Orant, Gemeine Wegwarte, Achterschachtelhalm, Echter Alant, Spitzwegerich, Aufrechter Fingerhut, Echter Salbei, Wiesensalbei, Fenchel, Frauenmantel und Hirtentäschel. Aber auch Knoblauch, gelbe Rüben, Zwiebelblüten und Getreidearten finden wir in den Kräuterbüscheln. Nur eine Blume verschmäht er: die »Brennende Liebe« (Lychnis Chalcedonica), da diese einst als Festblume bei Tanzveranstaltungen verwendet und als »lasterhaft« empfunden wurde.

Nach der Weihezeremonie trägt man das Büschl nach Hause, hängt es im Speicher auf und holt z.B. bei Krankheit einer Kuh etwas vom »G'weichten« und mischt es ins Futter. Erkrankt ein Mensch, wird etwas davon in den Tee gegeben und beim weihnachtlichen Räuchern verbrennt man etwas von den Kräutern.

Nicht vergessen sollen wir aber den tiefen Sinn, dass den Kräutern auch eine symbolische Bedeutung in der Marienverehrung zukommt. Denn sie stellen sinnbildlich Symbole der edlen Tugenden unserer lieben Frau, der Gottesmutter, dar und finden in ihr ein leuchtendes Vorbild.

Der »Hohe Frauentag« ist im Jahreslauf der Bauern wohl der Höhepunkt der Marienverehrung, die in der Weihe der heilkräftigen Kräuter ihren Ausdruck findet. Damit ist aber nur die Himmelfahrt Mariens dargestellt. Der »Frauendreißiger« aber dauert ja bis zum 13. September. So gräbt man zum ersten Sonntag die Baldrianswurzel beim Mondabnehmen. In dieser Zeit wird die Schwindholzwurz und das »Schwindholz« = Esche eingetragen. Am zweiten Sonntag heimst man das »Pfaffenröhrlein« ein.

Wie wäre es, wenn die eine oder andere Leserin sich entschließen könnte, einen solchen Wurz- oder Kräutergarten anzulegen, um im nächsten Jahr möglichst viele Kräuter in ihren Buschen zu binden?

Lasst's den schönen Brauch und den Glauben net abkemma, vererbt's es an unsere Nachkomma!

FH



33/2004