Jahrgang 2020 Nummer 45

Vom Brauch des Ganserl-Essens

Die Tradition am Martinstag geht einer Legende nach auf das Jahr 371 zurück

Sie leben derzeit gefährlich: Weidegänse auf einer großen Freilandfläche

Bis heute gibt es in vorwiegend katholischen Regionen den Brauch, am 11. November die berühmte Martinsgans zu essen. Diese Tradition geht einer Legende nach auf das Jahr 371 zurück. Es wird erzählt, dass sich der Mönch Martinus in diesem Jahr 371 in einem Gänsestall versteckte, um seiner Wahl zum Bischof von Tours zu entgehen. Das Geschnatter der Tiere habe ihn jedoch verraten, und zur Strafe habe er sie später braten lassen.

Um das Jahr 400 gestorben, wurde Martinus von Tours angeblich am 11. November beigesetzt. Wegen seines streitbaren Lebens im Dienste des Christentums verehrte ihn die römische Kirche bereits 60 Jahre nach seinem Tod als ersten Heiligen und erklärte den Tag seiner Beerdigung zum Namenstag.

Der Kulturhistoriker Rüdiger Vossen sieht das Schlachten der Gänse weniger im Reich der Legende, sondern in einer früher bedeutsamen Wendezeit des Jahreslaufs. Vor ihrer Christianisierung unterschieden die Germanen nur drei Jahreszeiten: Frühsommer, Spätsommer und Winter. Nach dem Einholen der Getreideernte und dem Eintreiben des Viehs begann am 11. November die bis Mitte März dauernde Winterzeit. Da nun Futter für die Tiere fehlte und für die Wintervorräte gesorgt werden musste, setzte Anfang November die erste große Schlachtzeit ein. Zu Martini wurden vor allem Gänse gerupft.

Den angelsächsischen und irischen Missionaren waren die heidnischen Bräuche der Germanen, den Winteranfang mit Gelagen zu feiern und den Göttern das Blut der Schlachttiere zu opfern, ein Dorn im Auge. Sie ersetzten die alten Gottheiten durch christliche Heilige und verboten die Opferbräuche. An die Stelle der blutrünstigen Feste trat mit der Zeit das Martinsgans-Essen. Im 15. Jahrhundert klagte der religiöse Volksschriftsteller Sebastian Franck: »Unselig ist das Haus, das nit auf die Nacht eine Gans zu essen hat.«

Die schon seit gut 4000 Jahren als Haustier gehaltene Gans galt bereits in den alten Kulturen als Weissagevogel. Auch später noch nutzte man ihr Brustbein als Orakelknochen, dessen Farbe an Martini das Wettergeschehen des nahenden Winters voraussagen sollte. Darüber hinaus waren die Abkömmlinge der wilden Graugans Symbol für Fruchtbarkeit und eheliche Treue.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein spielte der Martinstag im bäuerlichen Wirtschaftsjahr als Zins- und Abgabetermin eine große Rolle. Naturgemäß konnten die Bauern erst nach der Ernte ihre Pacht, die Zinsen und ihre Dienstboten bezahlen. Dabei war die Gans zur Zeit der Naturalienwirtschaft ein beliebtes Zahlungsmittel. So ärgert sich in dem Roman von Ehm Welk »Die Heiden von Kummerow«, der das pommersche Landleben beschreibt, der bärbeißige Dorfpfarrer Breithaupt über die Ablieferung einer zu mageren Martinsgans.

Mit dem 11. November beginnt heute noch die Gänsesaison, wobei allerdings wesentlich mehr Gänse zu Weihnachten als am Martinstag in den Bräter geschoben werden. Mit Zunahme der Single- und Einfamilienhaushalte sind zudem von Jahr zu Jahr eher Geflügelteile denn eine mehrere Kilogramm schwere Gans gefragt.

 

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