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Jahrgang 2008 Nummer 18

Vom Anderl und seinem Stier

Eine Geschichte vom Viehmarkt in den frühen Fünfziger Jahren

Dass jeden Mittwoch in Traunstein ein Kälbermarkt abgehalten wird, ist eigentlich kaum zu übersehen, wenn man beobachtet, wie ungewöhnlich viele Bauern mit schweren Traktoren und Autos mit Viehanhängern, vormittags in Richtung Chiemgauhalle unterwegs sind. Da bin ich vergangene Woche wieder einmal zufällig an diesem Vormittag, auf dem Weg in die Stadt gewesen und wie ich so hinter einem Bulldog nachgefahren bin, da ist mir plötzlich wieder etwas eingefallen, das mir vor etlichen Jahren einmal der Anderl, ein guter, alter Bekannter erzählt hat.

In den frühen Fünfziger Jahren hat es sich zugetragen, wie dortmals auch ein großer Viehmarkt gewesen ist und vorwiegend Kühe und Kalbinnen sind zum Verkauf angeboten worden. Natürlich sind es aber auch Zuchtstiere gewesen, die von den Bauern ersteigert worden sind, denn im Gegensatz zu der heutigen Zeit, wo ein Anruf bei der Besamungsstelle genügt, um seine Kuh mit dem Samen eines geeigneten Stieres befruchten zu lassen, hat damals fast jeder Bauer für die Nachzucht in seinem Tierbestand, noch einen eigenen Stier in seinem Stall gehalten. So ist die damalige Tierzuchthalle in Traunstein mit dem großen, freien Gelände nahe am Traundamm, ein bekannter Treffpunkt sowohl für jeden Bauern, als auch gleichermaßen für die Viehhändler gewesen.

Unweit der Traunbrücke, nur etliche Meter neben der Scheibenstraße stadteinwärts, ist das für die damalige Zeit recht großflächige Gebäude gestanden, in dem bei einem Viehmarkt und den Versteigerungen, die Bauern und Händler ihre Rinder einstellen konnten. Das Kaufen und Verkaufen aber hat sich auf dem großen Gelände vor der Zuchthalle abgespielt. Aus der näheren aber auch weiteren Umgebung sind die vielen Interessenten zu Fuß, oder mit dem Radl, oder auch mit einem Ross und dem »Gäuwagerl« hergekommen und oftmals hat so ein Viehhandel einen ganzen Tag gedauert, so dass am späten Nachmittag die Bäuerin schon besorgt Ausschau gehalten hat, ob dem Bauern und dem Knecht mit dem ersteigerten Stier doch hoffentlich nichts passiert ist. Doch der Grund für die späte Heimkehr ist meistens die kleine Stärkung gewesen, die sich Bauer und Knecht in Form von einer Brotzeit und einer Mass Bier vor dem Heimweg noch gegönnt haben.

So ähnlich, hat mir der Anderl erzählt, ist es dortmals gewesen, wie er als 16-jähriges Bürscherl zu Fuß mit seinem Vater ebenfalls zum Viehmarkt in besagte Tierzuchthalle nach Traunstein marschiert ist. Ungefähr eine gute halbe Stunde brauchte einer, wenn er gut zu Fuß gewesen ist, von ihm daheim bis dorthin, und auf Mittag zu hatte der Vater auch endlich einen Stier zu einem erschwinglichen Preis ersteigert. Nun meinte dieser zum Anderl, dass er jetzt erstmal eine Brotzeit und eine Halbe Bier bekomme und ob er sich getraue, den Stier alleine heimzutreiben. Natürlich getraue er sich das, hat der Anderl gesagt, so sind die Beiden nach dem Brotzeitmachen wieder zu »Ihrem Stier« zurück, der Vater hat diesen losgebunden und der Anderl ist mit selbigen, den er nur am Leitstangl, das am Nasenring eingehackt gewesen ist, festhalten hat können, auch schon auf und davon gewesen.

Kurz darauf ist der Anderl auch schon mit ihm (»es kann auch umgekehrt gewesen sein«) auf der Scheibenstraße stadtauswärts auf dem Heimweg gewesen. Da ist ihm auf einmal eingefallen, es könnte ja möglich sein, dass ihm auf dem Heimweg mit seinem ungewöhnlichen Weggefährten, vielleicht Leute entgegen kommen könnten, die ihn nicht unbedingt mit selbigem sehen sollten, das hat sich der Anderl jedenfalls eingebildet. Mit solcherlei Gedanken beschäftigt, steuerte er also mit seinem ihm anvertrauten Stier, der Traunbrücke zu »doch man soll den Teufel nicht an die Wand malen«, ging ihm noch durch den Sinn, denn da auf einmal, schon fast auf der Mitte derselben angekommen, hätte der Anderl voll Schreck beinahe die Leitstange vom Stier losgelassen. Der Grund dafür sind zwei Mädel von Hufschlag gewesen, die ihm auf der anderen Straßenseite entgegengekommen sind und die er schon von weitem erkannt hatte. Nun muss erwähnt werden, dass der Anderl keineswegs ein »Draufgänger« gewesen ist bei den Mädchen, aber stolz ist er natürlich schon gewesen, wenn manches Dirndl auf seinem Motorrad mitgefahren ist, wo er doch der Einzige gewesen ist, der in seinem Alter schon ein solches gehabt hatte, wenn er dieses auch meistens anschieben hat müssen, damit es »anspringt«.

So sind es nun genau diese zwei Mitfahrerinnen gewesen, die jetzt gerade da auf der Traunbrücke, wo es auch kein Ausweichen gegeben hat, immer näher gekommen sind und der Anderl wäre gerne »in ein Mausloch gekrochen«. Genau in dem Moment aber hat der Stier einen Sprung zur Straßenmitte hin gemacht, doch der Anderl hat geistesgegenwärtig, das Leitstangl mit aller Kraft angezogen und so sind die Beiden knapp an den vor Schreck laut schreienden Dirndln vorbeigekommen. Ohne nochmal umzuschauen, ist er mit dem Stier, der auf einmal wieder ganz handsam gewesen ist, gleich darauf in die Seitenstraße den Berg hinauf abgebogen. Nach einer guten halben Stunde, in der er sich immer mehr über sich selbst geärgert hatte, den Stier alleine »heimzutreiben«, während der Vater bestimmt noch mit etlichen Bekannten gemütlich beisammengesessen ist, sind die »Beiden« schließlich daheim gewesen und der Stier hat sich an seinem Platz im Stall das Gras gut schmecken lassen.

Das für den Anderl so peinliche Zusammentreffen der Dirndln mit ihm und seinem Stier aber hat sich für ihn doch noch zu seinem Vorteil gewendet, denn wie er am nächsten Sonntag zusammen mit seinem Spezl, die Besagten vor einem Kino zufällig angetroffen hat, da haben gleich beide mit ihm auf seinem Motorrad, trotz eines abgebrochenen Fußpedals am hinteren Sitz, spazieren fahren wollen.

Da hat er ganz ungläubig geschaut, der Anderl.

Elisabeth Mader



18/2008