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Jahrgang 2010 Nummer 29

»Voll Vertrauen auf Gottes Hilfe«

Das Salzburger Dommuseum zeigt kostbare und seltene Objekte des religiösen Volksglaubens

Träger der Heilshoffnung: IHS-Breverl mit Anhängern, 18./19. Jahrhundert

Träger der Heilshoffnung: IHS-Breverl mit Anhängern, 18./19. Jahrhundert
Angekettet: Charivari-Set, 18./19. Jahrhundert

Angekettet: Charivari-Set, 18./19. Jahrhundert
Komposition aus Steinbockshorn: Reliquienreigen, 18. Jahrhundert

Komposition aus Steinbockshorn: Reliquienreigen, 18. Jahrhundert
Ein Glücksfall sondergleichen: Auf Vermittlung von Johannes Neuhardt erwarb die Münchner Edith-Haberland-Wagner-Stiftung neben einer vor zwei Jahren bereits präsentierten Wiener Rosenkranz-Sammlung zusätzlich eine Kollektion von Objekten religiösen Volksglaubens, die als Dauerleihgabe ans Salzburger Dommuseum gingen. Unter dem Titel »Glaube & Aberglaube« stellt es jetzt, ähnlich üppig aufbereitet wie die Schau »Edelsteine – Himmelsschnüre« 2008, »Amulette, Medaillen und Andachtsbildchen« aus. Bis 21. September sind an die 2000 »wunderbare« Gegenstände vor allem der barocken Alltagskultur zu sehen, Montag bis Samstag von 10 bis 17, Sonn- und Feiertage von 11 bis 18 Uhr.

Mit dem Katalog, der etwa 2500 Abbildungen auf 400 Seiten bieten wird, lässt Museumsdirektor Peter Keller noch auf sich warten. Er konnte zur Vernissage mit Erzbischof Alois Kothgasser die Volkskundlerin Ulrike Kammerhofer-Aggermann für den kurzen Festvortrag »Gottvertrauen und Hilfsbedürftigkeit« gewinnen. In beiden Begriffen sieht die Gelehrte die Klammer für die in der Ausstellung prunkenden Gegenstände: Wolfgangihackln und Reisealtärchen, Heiligenbildchen und Gebetszettel, Dreikönigssegen und Benediktuspfennige, Rosenkranzanhänger und Fraisenketten, Walburgi- und Wehfläschchen, Votivgaben, Breverl und Agnus Dei, Sebastianspfeile und jede Menge »Wundersteine«, Totenköpfe aus Bein, Wettersegen, Charivari-Sets, Schabfiguren, Reliquienkapseln. Dies alles und noch mehr Devotionalien und Sakramentalien aus Bauern- und Bürgerstuben, aus Schlössern und Landgütern, Klosterapotheken und Arztkoffern, aber auch aus Handtaschen und Umhängbeuteln frommer Frauen sowie Brieftaschen und Tabakdosen zuversichtlicher Männer erzählt Geschichten, die vom vollen Vertrauen leidgeplagter Menschen auf Gottes Hilfe zeugen.

Zwischen Magie und Frömmigkeit sind die »Mittel« und »Mittelchen« anzusiedeln, die, angewandt oder auch nur mitgetragen und in Kästen und Schubladen aufbewahrt, von Krankheit und Siechtum entweder bewahren oder befreien sollten. Mit Namen versehene Bruderschaftsbriefe – Kupferstiche dienten als »Hingucker« – zeugen von organsierten Verbänden, die durch Gebet und Meditation Böses fernzuhalten suchten und sich im Glauben übten. Amulette galten als »kompakte Hilfspakete«, wie Kammerhofer-Aggermann formulierte. Sie sprach eindrucksvoll und überzeugend, gestützt vor allem auf Forschungen bayerischer Sachvolkskundler des vorigen Jahrhunderts wie Rudolf Kriss, Lenz Kriss-Rettenbeck oder Erwin Richter, von einer Art »dinggemachter göttlicher Energie«, die den Objekten der Volksfrömmigkeit vergangener Jahrhunderte innewohnte.

Selbstverständlich dienten sie – neben ihrer Funktion einer »alltagsrelevanten Form des Gesprächs mit Gott«, der entweder selbst oder dann Maria, die Jesu Mutter, daneben auch etliche Heilige (mit speziellen Hilfs-»Diensten« wie Florian bei Feuersgefahr oder Sebastian und Rochus bei drohender Pest) in besonderen Nöten körperlicher oder seelischer Natur angerufen wurden – zur Demonstration von Reichtum, Besitz und Macht. Ein »fetter« Rosenkranz war ein Schmuckstück, aber eben immer auch ein sinnfälliges, von allen Umstehenden wahrnehmbares und zur Kenntnis zu nehmendes »Zeichen gesellschaftlicher Distinktion«. Wehfläschchen, die Gebärenden in die Hand gelegt wurden, um ihnen die Geburtsschmerzen zu erleichtern, waren teuer (und gehören heute zu den absoluten Raritäten der zu gesuchten Antiquitäten gewordenen Volksfrömmigkeits-Zeugnisse). Und so manche Medaille war ein edles Geschenk für einen Jubilar, wie es der Tauftaler für den Täufling war, der das runde Stück Silber vom Paten zur Erinnerung an den Empfang des ersten heiligen Sakraments erhielt: ein Schutzmittel fürs weitere gedeihliche Leben.

Allein die »Sachen«, die man von der Wallfahrt nach Hause mitbrachte, würden eine eigene Ausstellung füllen: am Heiligtum berührte Bildchen, Medaillen, Gnadenbildkopien aus Wachs, Holz oder Gips, Kerzen, Rosenkränze, Aufstellaltärchen, Büchlein und Segenszettel, dazu geweihte Gebrauchsgegenstände – vom Bierglas und der Mokkatasse bis zum Wanderstab – und Ausstattungsstücke für den Herrgottswinkel wie Haussegen, Hinterglastafeln oder Kruzifixe. Zum Schutz vor bösem Zauber und Krankheit war unseren Vorfahren quasi jedes Mittel Recht. Wo die Medizin versagte, versuchte man es mit der Neidfeige aus roter Koralle, die gegen den bösen Blick helfen sollte.

Erzbischof Alois Kothgasser gab bei der Eröffnung der Ausstellung zu bedenken, dass das lateinische Wort für »glauben«, credere, von »cor dare« kommt, »das Herz hingeben«. Glaube sei Übereignung, Aberglaube eine »Entgleisung des religiösen Empfindens«. Bei Matthäus stünde, wie strikt sich Jesus gegen abergläubische Praktiken gewandt habe. Der Kirche obläge es, den Aberglauben vom Glauben nicht nur zu unterscheiden, sondern zu scheiden. Der Aberglaube schreibe den Zeichen und Bildern eigene Kräfte zu, die sie aber nicht besäßen. Die neue Schau des Salzburger Dommuseums sollte zum Nachdenken darüber anregen, wie es um den Glauben heute stehe. Die gezeigten Objekte, in den Augen des zwischen Glaube und Aberglaube kaum unterscheidenden »Volks«-Heilbringer, setzten die Liturgie der römisch-katholischen Kirche in gewisser Weise fort, ersetzten sie aber nicht.

In drei Abteilungen sind die »Heilbringer« selbst und bildgewordene Zeugen ihrer Kraft für einen mindestens einstündigen Rundgang gut gegliedert: »Krankheit und Katastrophen« stellt Stadtbrände (etwa den vom einst Salzburgischen Mühldorf am Inn, 1640), Brücken- und Hauseinstürze, Bauopfer (eine mumifizierte Katze, die beim Umbau der Salzburger Michaelskirche 1617 lebendig eingemauert worden war), die Rettung des Maria Plainer Gnadenbildes aus dem Feuer 1774, auf Leinwand gemalt von Matthias Siler. Bilder von »Christus als Apotheker«, die »Geistliche Hausapotheke« mit ihren »Wunderheilmitteln« gehört schon zur Abteilung »Heil und Heilen«. Sie greift unter anderem das Thema »Wallfahrt« auf – mit vielen Verweisen namentlich auf Maria Zell und Altötting, ob figürlich und durch geradezu zahllose Andachtsbildchen. »Heil und Segen« fordert auf, sich mit den aus Halbedelsteinen geformten, silbergefassten, an Bändern, Ketten und Schnüren baumelnden Amuletten auseinanderzusetzen und geht auf Sakramentalien und Hirtenbriefe ein, etwa den des Fürsterzbischofs Hieronymus Graf von Colloredo von Salzburg.

Wie man, von einer Wallfahrt zum Grab der hl. Äbtissin Walburga, Eichstätt, kommend, das in einem Fläschchen mitgenommene »Walburgi-Öl« zu gebrauchen hatte, geht aus einer Anleitung hervor, die gewiss 200 Jahre oder älter ist: Vorher möge er beichten und kommunizieren, zumindest »eine wahre Reue« erwecken und einen »steifen Vorsatz« fassen – »denn sonst wird es entweder verschwinden (so du in einem bösen Stande sein solltest) oder wenigstens dich nichts nützen. Zum andern willst du selbes einnehmen, so nimm es in keiner Suppenbrühe, in keinem Wein, noch Bier, sondern in einem frischen Brunnenwasser aus einem saubern Löffel…« Ein skeptischer Ausstellungsbesucher sei auf Goethe verwiesen, der über den »Aberglauben« wusste: Er »gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel«.

Hans Gärtner



29/2010