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Jahrgang 2008 Nummer 50

»Voll Neigung und Liebe für den Militärdienst«

J. B. Neumüllers Porträt des Hauptmanns Dismas von Gumppenberg

Mit Zustimmung des Gemeinderates konnte die Gemeinde Vachendorf im Frühjahr dieses Jahres über den Kunsthandel ein Soldatenbildnis erwerben, welches der wohl berühmteste Sohn der Gemeinde, der akademische Maler Johann Baptist Neumüller (1799 bis 1840) im Jahr 1824 anfertigte und namentlich signierte. Es handelt sich bei dem Bild um ein äußerst qualitätvolles Werk, das jeden Vergleich mit Neumüllers hervorragenden Bürgerporträts im Heimatmuseum Traunstein standhält.

Das Bild, Öl auf Leinwand, befindet sich noch in der originalen Rahmung. Leider wurde das Gemälde vom Vorbesitzer anonymisiert, das heißt, die auf der Rückseite des Rahmens befindliche Beschriftung mit dem Namen des Dargestellten wurde vor dem Verkauf abgekratzt. Einige Wortfragmente blieben jedoch noch sichtbar, die ausreichen sollten, den Porträtierten zu identifizieren, zumal die drei Goldstreifen auf dem Kragen des Uniformrockes auf einen Hauptmann des Militärs der ersten bayerischen Königsepoche hinwiesen. Das Namenspuzzle auf der Rückseite des Rahmens konnte vom Verfasser alsbald vervollständigt werden. Bei der Durchsicht aller eingetragenen Hauptleute der kgl. bayerischen Armee der Jahre 1823-25 im Kriegsarchiv München, sowie der noch im gleichen Archiv befindlichen Personalunterlagen der damals bediensteten Offiziere entstand zunehmend ein klares Ergebnis.

Es kann sich bei dem Dargestellten nur um den Hauptmann 1. Klasse der damaligen 1. kgl. bayerischen Sappeurkompanie Dismas Freiherr von Gumppenberg handeln.

Freundlicherweise schaltete sich, von der Qualität des Neumüllerbildes sehr angetan, der derzeitige Hauptkonservator am Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt Herr Dr. Jürgen Kraus in die Identifizierungsbemühungen des Verfassers ein und konnte entscheidende Hinweise zu einzelnen Details auf dem Bild geben. Außerdem gelang es durch freundliche Mithilfe von Herrn Dietrich Freiherr von Gumppenberg-Peuerbach aus dem dortigen Hausarchiv der Adelsfamilie genealogische Beiträge zu erhalten. Der von J. B. Neumüller im Jahr 1824 dargestellte Offizier kann also auf Grund der lückenlosen Übereinstimmung aller dieser verschiedenen Quellen nun auch urkundlich belegt werden. Dismas von Gumppenberg wurde am 25. März 1784 in Neuburg an der Donau geboren. Da sämtliche Personalien seine elterliche Herkunft verschweigen, wird man davon ausgehen müssen, dass er das unerwünschte Produkt einer außerehelichen Beziehung seines Vaters zu einer Neuburgerin war.

Dort in Neuburg, wo sein Vater als Platzleutnant seinen Dienst verrichtete, erhielt der kleine Dismas auch die katholische Taufe. Der relativ seltene Vorname, der ihm gegeben wurde, ist auf den reuigen rechten Schächer auf Golgotha zurückzuführen. Für das spätere Soldatenleben des Neugeborenen durchaus ein passender Namenspatron. Wird doch der Hl. Dismas als Fürsprecher all derer betrachtet, die den letzten Moment ihres Lebens dazu nützen, um mit Gott ins Reine zu kommen.

Die Legitimation bzw. die Erlangung des Adelsprädikates dürfte Dismas von Gumppenberg über seinen Vater gelungen sein. Einen Beleg hierzu gibt es nicht oder nicht mehr, denn der Baron wird später einmal behaupten, er wäre bei einem Brand vernichtet worden. Wie denn auch war. Das Stammbuch der Immatrikulierten des Hauses führt ihn offiziell nicht und läßt ihn nur durch ausdrückliches Wohlwollen in einer bis dato umstrittenen Nebenlinie (Dingolfinger Linie) in den Analen des uralten bayerischen Adelsgeschlechtes aufscheinen. Der Weg in das Soldatenlager war für den jungen Dismas gewissermaßen vorgezeigt. Was man anfänglich als eine reine Versorgungsangelegenheit betrachten konnte, entwickelte sich bei dem strebsamen jungen Mann zu einer Passion für das Soldatenwesen. Am Ende seiner über fünfzigjährigen militärischen Laufbahn äußerte er sich darüber beinahe gerührt über die vielen glücklichen Fügungen, die seine Karriere beförderten. In seinem militärischen Werdegang spiegeln sich die gesamten Ereignisse der napoleonischen Wirren, bis hin zur Neuordnung der kgl. bayerischen Armee der Ludwigsära. Und das waren im Soldatenrock höchst aufregende und abenteuerliche Zeiten.

Im Jahr 1799 (in dem Jahr in dem der Maler seines Porträts als Kramersohn von Vachendorf geboren wurde), trat Dismas als fünfzehnjähriger Kanonier aus dem Kadettencorps in das Artillerie-Regiment ein. Schon ein Jahr danach hatte er sich auf dem Felde bei Hohenlinden gegen die Franzosen zu bewähren, stieg 1804 zum Corporal auf und stand wiederum ein Jahr später nach dem Bündnis Bayerns mit Napoleon auf dessen Seite gegen die Österreicher an der Front. 1806 zum Unterlieutnant befördert, ging es bald gegen Preussen ins Gefecht. Unklar ist, wo er sich zu bewähren hatte, als der Korse unter anderem mit den verbündeten Bayern 1809 zum vernichtenden Schlag gegen Österreich bei Wagram ausholte.

Immerhin hatte er sich auch hierbei soviel militärisches Verdienst erworben, dass er 1812 zum Oberlieuntnant befördert wurde. Da er der Jüngste dieses Ranges in der Armee war, wurde er zum großen Russlandabenteuer nicht »eingeladen«, was er zuerst sehr bedauerte, später aber kaum bereut haben wird. Er wurde bei verschiedenen Festungskommandanturen eingesetzt, so in Passau, Kufstein und letztlich auf der lothringischen Zittadelle Bitsch, wo er bis zur entgültigen Niederwerfung Napoleons bei Waterloo seinen Dienst versah. Vorher aber focht er in den sogenannten Befreiungskriegen 1813 bei Hanau, 1814 erneut bei einem Feldzug gegen Frankreich (möglicherweise Arcis sur Aube) und dann nocheinmal bei Kämpfen auf französischem Boden 1815. In diesem Jahr stieg er zum Hauptmann 2. Klasse auf, auf die neun Jahre später die Ernennung zum Hauptmann 1. Klasse erfolgte. Diese für den weiteren Fortgang seiner militärischen Karriere sicherlich entscheidende Beförderung war mit einer Versetzung zur 1. Sappeurkompanie, einer technischen Einheit, die mit dem Bau von Schanz- und Festungsanlagen befasst war, verbunden.

Dieser Grad seines Dienstes erfüllte den nun 40-jährigen Haudegen mit solchem Stolz, dass er den Akademieabsolventen J. B. Neumüller, der bereits in den Münchner Kreisen hochrangiger Militärs als Porträtmaler einen guten Namen hatte (zum Beispiel Oberstallmeister von Keßling kgl. Adjudant) beauftragte, ihn in dieser Position bildlich festzuhalten. Neumüller malte den Hauptmann in sitzender Pose im kornblauen, kgl. bayerischen Uniformrock mit rotem Ärmelaufschlag, mit den dominanten Schuppeneppauletten, die die Schultern aller Offiziere schmückten, mit dem metallenen Ringkragen, in dessen Mitte das goldene Wappen des Königreiches Bayern, flankiert von zwei Löwenköpfen. Um das Gefäß des Degens ist das weiß-blaue Portepee geschlungen. Darüber befindet sich das »Militärdenkzeichen« für Verdienste in den Befreiungskriegen, welches an Dismas von Gumppenberg 1817 verliehen wurde. Auf den Knöpfen des Rockes ist in miniatura ein sogenannter Schanzkorb aufgeprägt, als Hinweis, dass der Träger einer Sappeurkompanie angehört. Dafür sprechen auch die Attribute, die der Abgebildete rechter Hand aufweist. Der Zirkel und die Zeichnung (Skizze eines Brückenkopfes) sollen andeuten, dass sich der Hauptmann vornehmlich mit Festungsbauten zu befassen hatte. Der Ring im linken Ohr und am kleinen Finger der linken Hand sind modische Attribute, letzterer könnte aber auch so etwas wie einen Verlobungsring darstellen, denn der 40-Jährige fand während der Friedensphase endlich Gelegenheit, eine Heirat anzustreben. Es liefen zeitgleich mit der Erstellung des Bildes mühsame Bestrebungen eine Heiratskaution aufzurichten. Immerhin dauerte es drei volle Jahre bis die Hochzeit nach einer Einlage von 5000 fl genehmigt wurde. 1826 konnte sich Dismas dann verehelichen. Auch die Braut war nicht mehr ganz taufrisch. Es war die Landrichterswitwe Anna Maria Wutz, geb. Gerbel aus Neustadt/Waldnaab.

Die kinderlose Ehe dauerte bis zum Jahr 1833, dann hatte der bis dahin wohl glücklich verheiratete Hauptmann, das bittere Los des Witwerdaseins zu ziehen. Auch beruflich hatte sich eine gravierende Veränderung ergeben. Im Jahr 1827 wurde er ohne eigene Bewerbung zum Oberzeugwart bei der kgl. Zeughaus-Hauptdirektion ernannt. Dieses damalige bayerische Armeezeughaus wies eine beachtliche Größe aus. Es befand sich noch innerhalb des bewehrten Münchner Stadtringes zwischen der Residenz und den Hofställen.

Ab dem Jahr 1837 wurde Dismas von Gumppenberg in den Armeeregistern als »charakterisierter Major« geführt, seine wirkliche Ernennung erfolgte aus unerklärlichen Gründen erst im Jahr 1845, als er zum 2. Vorstand des kgl. Armee-Montur-Depots befördert wurde. In einem längeren selbstverfassten Bewerbungsgesuch ließ er noch einmal seine Karriere Revue passieren, rückte dabei die sieben Feldzüge, die er bei der kämpfenden Truppe mit Bravour und höchsten Belobigungen allesamt ohne größere Blessuren »heilvoll durchgefochten« hatte, ins Licht und bemerkte unter anderem: »Ganz geschaffen für den Militärdienst und voll Neigung und Liebe für denselben begann ich meine militärische Laufbahn. Und ließ mir angelegen seyn einen rastlosen Diensteifer zu beweisen und zum besten des Dienstes und des aerars nach Kräften zu wirken.«

Am 3. September 1842 trat er zum zweitenmal vor den Traualtar und heiratete die bürgerliche Caroline Maurer von Eggenfelden. Die Niederbayerin brachte 4000 Gulden mit in die Ehe, weit mehr als der Bräutigam an Barem vorzuweisen wusste. Dieser konnte 2200 Gulden offenlegen, konnte aber noch auf die festgeschriebene Kaution von 5000 Gulden aus erster Ehe verweisen. Das beiderseitige Vermögen ließ sich also mit 11 200 Gulden beziffern, bei errechneten 400 Gulden Jahreszinsen. Somit ließ sich also ein gut begüterter Hausstand sicherstellen und die Eheschließung vertraglich besiegeln.
Zur großen Freude des Neuvermählten traf drei Wochen später, sozusagen als königliches Hochzeitsgeschenk, die Nachricht von der Verleihung des »Ehrenkreuzes des Ludwigsordens« laut allerhöchster Entschließung ein. (Verleihung am 16. Oktober 1842). Die Ernennung zum charchierten Oberstleutnant erfolgte am 7.4.1847. Mit dem Veteranen-Denkzeichen geehrt (1848) verstarb Dismas von Gumppenberg am 13. März 1850, nach mehrwöchigem schweren Leiden im Alter von 65 Jahren in seiner Münchner Wohnung. Mit einem Fackelzug und militärischen Ehrenbezeigungen wurde der Verstorbene zum nördlichen Friedhof begleitet und dort beigesetzt.

Da auch seine zweite Ehe kinderlos blieb, schied er ohne eigene Nachkommen aus dieser Welt.

Der Vachendorfer Maler Johann Baptist Neumüller, der Meister der Farbe und des Pinsels, hat der Nachwelt mit dem Porträt seinem Zeitgenossen Dismas Freiherr von Gumppenberg ein würdiges Memorial hinterlassen. Ein Bildnis von größter Detailfreudigkeit und hohem künstlerischen Anspruch. Es zeigt diesen, wie auch die Quellen zu belegen wissen, als einen aufstrebenden, selbstbewussten Streiter für jenes Bayern, das erst nach vielen Wirren und Opfern entstehen konnte.

Albert Rosenegger

Quellen:
J. Klarmann, Offiziers-Stammliste des Bayerischen-Ingenieur-Corps 1744-1894, München 1896.
Kriegsarchiv München, Personalakt Dismas Freiherr von Gumppenberg OP 78130.
Regierungs- und Intelligenzblatt für das Königreich Baiern, Jahrgang 1822, Nr. 46, S. 1283 (Armeebefehl 1.10.1822).
J. Bezzel, Geschichte des bayerischen Heeres, Bd. 6 (1), München, 1933.
Krone und Verfassung - König Max I. Joseph und der neue Staat, Katalog zur Wittelsbach-Ausstellung, München, 1980.
Der in Bayern immatrikulierte Adel, Genealogisches Handbuch, 1978.
Das Bayerland, 1941-42, Heft 16-17 Hgb: Ludwig Deubner.
Hausarchiv Gumppenberg-Peuerbach, Die Dingolfinger Nebenlinie, 21. Kapitel, S. 519-558.
J. Eminger und A. Rosenegger, Johann Baptist Neumüller (1799-1840), ein bedeutender Chiemgauer Maler der Biedermeierzeit, TS-Museumschriften Bd.1.
Der Autor ist zu besonderem Dank verpflichtet:
Herrn Dr. Jürgen Kraus, Bayr. Armeemuseum Ingolstadt, Paradeplatz 4
Herrn Dietrich Freiherr von Gumppenberg-Peuerbach, Chef des Hauses.
Herrn Claus Mannsbart und Frau Jacobi, Kriegsarchiv München.
Herrn Dr. Jürgen Eminger, Stadt- und Spielzeugmuseum Traunstein.
Herrn Dr. Wolfgang Berka, Traunstein.
Herrn Rainer Schroll, Josef Fischer, Frau Lindner, alle Vachendorf, Herrn Sepp Hofmann, Traunstein-Haslach.



50/2008