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Jahrgang 2001 Nummer 11

Volkstümliche Ansichten zum Lenz

Alte Bauernregeln zum Frühlingsanfang am 20. März

Am 20. März beginnt auf der nördlichen Erdhalbkugel der kalendarische Frühling. Zwar ist die Bezeichnung »Frühling« oder »Frühjahr« als Sammelbegriff für die Monate März, April und Mai heute allgemein gebräuchlich, dennoch handelt es sich um eine vergleichsweise »moderne« Wortschöpfung. Als die Menschen ihren Lebensunterhalt nämlich noch mit der Bestellung ihrer Felder sicher stellten, wurde das Jahr lediglich in eine fruchtbare und eine unfruchtbare Periode eingeteilt. Im Gegensatz zu den Begriffen »Sommer« und »Winter« wurde eine nähere Bezeichnung für die beiden Übergangszeiten Frühling und Herbst meist für verzichtbar gehalten.

Eine der ältesten schriftlichen Erwähnungen der beiden Übergangszeiten stammt aus einem Gedicht von 1654. Darin heißt es: »Der Frühling ist zwar schön; doch wann der Herbst nicht wär, wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer«.

In der Kunst wird der Frühling seit Jahrhunderten als Kind, Jüngling oder junge Frau dargestellt und mit Attributen wie Blumen, Lämmer oder Zicklein charakterisiert. Im christlichen Kulturkreis steht der Frühling zudem den Lebensabschnitt der Kindheit.

In seiner Bedeutung als Zeit des Aufbruchs haften dem Frühling zahlreiche volkstümlich-abergläubische Überlieferungen an. So galt es, aus dem Verlauf des Frühlings Hinweise auf das weitere Jahr zu entnehmen: Ein besonderes Augenmerk galt bei den volkstümlichen Überlieferungen seit jeher der Tierwelt. Flatterte einem Menschen zu Beginn des Frühlings zuerst ein weißer oder ein gelber Schmetterling vor der Nase herum, so bedeutete dies Glück in Geldangelegenheiten.

Besonderes Augenmerk wurde jedoch den Vögeln und Fröschen geschenkt, die als verläßliche Boten des Frühlings angesehen wurden. Entsprechendes ist bis heute in alten Bauernkalendern nachzulesen: »Kommt der Frühling, so quaken auch die Frösche.« Oder: »Der Frosch spricht vom Frühling.« Sah man den ersten Frosch des Jahres im Wasser, standen tränenreiche Zeiten ins Haus. Ein Frosch im Gras versprach hingegen viel Freude für die Zukunft.

Für die Vögel galt: »Wenn die Drossel schreit, ist der Lenz nicht weit.« Auch aus Beobachtungen der Lerche wurden Rückschlüsse gezogen: Sollte die Lerche ohne zu zwitschern tief über die Felder fliegen, sei mit einem nassen Frühling zu rechnen. Spinnweben auf dem Felde sollen dagegen Vorboten eines schwülen Sommers sein.

Wer seine Gesundheit fördern wollte, aß die ersten Frühlingsblüten. Das konnten Anemonen, Schlüsselblumen, Leberblümchen oder Hirtentäschel sein. Auch die ersten drei Kätzchen der Salweide waren allgemein begehrt.

Aus dem Frühlingswetter wurden zudem Rückschlüsse auf den weiteren Verlauf des Jahres gezogen: So hieß es »Ist der Frühling trocken, gibt's einen nassen Sommer« und »Frühlingsregen bringt stets Segen«. Ein kühler und nasser Lenz versprach im Herbst volle Scheunen. Frühlingsgewittern wurde dagegen nichts Gutes nachgesagt.

Heike Michel



11/2001