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Jahrgang 2008 Nummer 11

Unternehmen Otto oder der „Blumenkrieg“

Am 12. März 1938 rückte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein – Teil II

Eine motorisierte deutsche Einheit wird von der Bevölkerung bejubelt.

Eine motorisierte deutsche Einheit wird von der Bevölkerung bejubelt.
Österreichische Zollbeamte entfernen den Schlagbaum in Großgmain.

Österreichische Zollbeamte entfernen den Schlagbaum in Großgmain.
Tragtiereinheit aus Bad Reichenhall in Salzburg

Tragtiereinheit aus Bad Reichenhall in Salzburg
Die Operation begann am Morgen des 12. März 1938 nach Plan.

Bei Freilassing bereitete sich das III. Bataillon des Infanterie-Regiments 61 vor, die Brücke über die Saalach zu nehmen. Um 5.00 Uhr überschritt ein Parlamentär unter dem Schutz feuerbereiter Maschinengewehre die Brücke. Bereits nach einer Viertelstunde kam er in Begleitung mehrerer österreichischer Zollbeamter zurück, die das Bataillon mit Deutschem Gruß aufs herzlichste begrüßten. Sofort überquerten Teile der 10. und 12. Kompanie die Brücke und bildeten auf dem österreichischen Ufer einen Brückenkopf. Um 08.00 Uhr begann das Bataillon mit dem Marsch nach Salzburg. Die Stadt wurde kurz nach 9.00 Uhr durchquert; das Bataillon setzte dann den Marsch nach Straßwalchen fort.

Auch das Gebirgsjäger-Regiment 100 passierte aus seinem Bereitstellungsraum Schwarzbach/Weißbach um08.00 Uhr die österreichische Grenze. Der Regimentsadjutant fuhr mit einer Beiwagenmaschine voraus, um den Durchmarsch durch Salzburg zu erkunden. Dabei sah er, dass gerade ein Bataillon des berühmten Salzburger Infanterie-Regiments “Rainer” in seiner an der Marschstraße gelegenen Kaserne zum Appell antrat. Er meldete dies sofort seinem Kommandeur, der daraufhin befahl, dass die Marschgruppe zur Ehrenbezeugung bei der österreichischen Kaserne im Parademarsch vorbeizudefilieren habe. Der vom Adjutanten ebenfalls verständigte österreichische Kommandant ließ seinerseits sein Bataillon “mit Fahne und klingendem Spiel” antreten. Der Regimentsadjutant schrieb hierzu: “So wurde dieses Problem durch taktvolle Maßnahmen beider Seiten gelöst. Bei dem folgenden Durchmarsch durch die Stadt wurde ich von der begeisterten Menge mit meinem Pferd fast von der Salzachbrücke hinuntergedrängt – der Weitermarsch des Regiments wurde ein einziger Blumenkrieg…. Allenthalben reicher Flaggenschmuck; Fahnen des Dritten Reiches, vereinzelt schwarz-weiß-rote Fahnen mit und ohne Hakenkreuz, schwarz-gelb, rot-weiß-rot, weiß-rot, Farben der Städte mit und ohne Hakenkreuz. Bevölkerung in hellen Scharen auf den Straßen, hochgehende Begeisterung, freudigste, nicht enden wollende Zurufe”. Da planmäßiger Feindwiderstand nicht zu erwarten war, waren die Gewehre nicht geladen und die Stahlhelme wurden am Koppel getragen; aufgesetzt hatten die Gebirgsjäger ihre traditionelle Bergmütze.

Um 9.30 Uhr wurde im Regierungsgebäude des Landes Salzburg der Divisionsgefechtsstand eingerichtet.

Im Gegensatz zu den beiden Marschgruppen “Freilassing” und “Reichenhall” musste die Gruppe “Hallein” erst einen langen Marsch vom Ausladebahnhof Teisendorf durchführen und konnte erst gegen Mittag die Grenze bei Hallein überschreiten.

Der weitere Vormarsch der drei Marschgruppen nach Osten ging am 12. und 13. März problemlos vor sich, wobei die Marschroute etwa dem Verlauf der heutigen Westautobahn entsprach. Inzwischen hatte die geänderte politische Lage auch eine Änderung der ursprünglichen militärischen Absichten ermöglicht. Nicht mehr der blitzartige Vormarsch auf Wien war das Hauptziel, sondern der österreichischen Bevölkerung sollte möglichst eindrucksvoll die Stärke der Wehrmacht vor Augen geführt werden«.

Der weitere Verlauf der Besetzung Österreichs hatte den Charakter von Übungsmärschen. Um den 20. März erreichten die deutschen Verbände ihre endgültigen Unterkunftsräume und nach etwa einer Woche begann für die meisten der Rückmarsch in die Heimatstandorte, der dann bis Ende März abgeschlossen war.

Nach rund zwei Wochen kamen auch die Traunsteiner Soldaten wieder zurück. Am 28. März (11) nachmittags trafen der Bataillonsstab und die 12. Kompanie am Bahnhof in Traunstein wieder ein. Die übrigen Kompanien folgten am 29. März nach und wurden von der Traunsteiner Bevölkerung herzlich begrüßt und feierlich zur Badenweiler Kaserne begleitet.

So überraschend, wie sich der Einmarsch der Wehrmacht entwickelte, so überraschend waren auch die politischen Veränderungen in Österreich. Schon in der Nacht vom 11. auf den 12. März, etwa gegen Mitternacht, wurde eine neue österreichische Regierung und zwar die nationalsozialistische Bundesregierung gebildet. Alle österreichischen Sender brachten die Mitteilung um 1.20 Uhr. Aber schon am Abend vorher war zum Beispiel in Salzburg allerhand los, denn in der Nacht zum 11. März hatte Hitler schon den österreichischen Nationalsozialisten Handlungsfreiheit erteilt. Um 20.30 Uhr wurde von Wien aus angeordnet, dass die SA und die SS die öffentlichen Ämter zu besetzen und die NSDAP die Macht zu übernehmen haben. Hierauf besetzte die SS die Sicherheitsdirektion und der Staatssicherheitsdienst (SD) übernahm die österreichische Staatspolizei. Überall marschierten die SA-Stürme und besetzten den Sender, das Fernsprechamt, das Landesgericht und die Landwirtschaftskammer.(12)

Am Nachmittag des 12. März kam Hitler nach Österreich. Seine Wagenkolonne überschritt bei Braunau die Grenze und fuhr über Ried und Wels nach Linz. Dort wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen und unter dem Eindruck der allgemeinen Begrüßung entschloss sich Hitler zum sofortigen und vollständigen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Das entsprechende Gesetz wurde schon am 13. März 1938 durch das Kabinett der neuen nationalsozialistischen Regierung in Wien beschlossen.(13) Durch Artikel II dieses Gesetzes wurde bestimmt, dass am Sonntag, den 10. April 1938 eine freie und geheime Volksabstimmung aller über 20 Jahre alten deutschen Männer und Frauen über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich stattzufinden hat.

Bundeskanzler Seyß-Inquart, der zur Begrüßung nach Linz gekommen war, schlug Hitler vor, auch österreichische Truppen nach Deutschland zu entsenden, um aller Welt zu zeigen, dass sich hier eine freiwillige Vereinigung vollzieht und keine Eroberung. Hitler war einverstanden und bereits am 14. März marschierten österreichische Truppen durch Dresden, Stuttgart und Berlin. Eine Kompanie des Salzburger Infanterie-Regiments Nr. 12 »Rainer« marschierte mit Fahne und Musik in Berchtesgaden ein und wurde begeistert empfangen(14). Eine weitere Kompanie dieses Regiments marschierte in München vom Bahnhof bis zur Artilleriekaserne. Eine unübersehbare Menschenmenge begrüßte die Soldaten.

Am 14. März fuhr Hitler weiter nach Wien und am 15. März bejubelten ihn über 100 000 Menschen bei seiner großen Kundgebung auf dem Wiener Heldenplatz. Dabei beendete Hitler den »Blumenkrieg« mit dem Ausruf: »Als Führer und Kanzler der Deutschen Nation und des Reichs melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich.«(15)

Am Tag vor der Kundgebung waren die österreichischen Soldaten in einer blitzartigen Aktion auf Adolf Hitler vereidigt worden. Nur 123 Soldaten und ein Offizier verweigerten die Eidesleistung. Das österreichische Bundesheer war Teil der deutschen Wehrmacht geworden.

Österreich war politisch von der Landkarte verschwunden; es wurde zur »Ostmark«. Die Welt hatte sich mit den veränderten Verhältnissen abgefunden. Lediglich Mexiko und die Sowjetunion legten Protest ein.

Interessant ist die damalige Haltung der Katholischen Kirche. Am 18. März 1938 gaben die Bischöfe der österreichischen Kirchenprovinz eine feierliche Erklärung ab. Sie bekannten sich zur nationalsozialistischen Bewegung und sie erachteten es als ihre selbstverständliche nationale Pflicht, sich als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen.

Ein Ereignis, das Traunstein betraf, ist noch bemerkenswert. Vom 30. März bis 3. April 1938 wurde die bereits oben erwähnte Österreichische Legion von ihren Bereitschaftsräumen in Bayern nach Wien verlegt. Am 30. März befanden sich etwa 9.000 Legionäre zwischen Traunstein und der ehemaligen Landesgrenze in Wartestellung. 2000 davon fanden Unterkunft in der Turnhalle und in Traunsteiner Gaststätten. Führungskräfte, unter ihnen der Stabschef der SA Viktor Lutze, übernachteten im Parkhotel.(16)

Am 10. April 1938 fand die durch das Reichsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich angeordnete Volksabstimmung statt. Die Frage auf dem Stimmzettel lautete: »Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?«. Im Altreich wurden 99,08 Prozent Ja-Stimmen und in Österreich 99,73 Prozent Ja-Stimmen gezählt. In der Stadt Traunstein war das Ergebnis ähnlich. Unter den 7119 abgegebenen Stimmen waren 7064 Ja-Stimmen. 44 stimmten mit nein und 11 Stimmzettel waren ungültig.(17)

Zur Erinnerung an den 13. März 1938 wurde am 1. Mai 1938 eine Medaille gestiftet. Sie wurde an Deutsche und Österreicher, welche am Anschluss teilgenommen haben, verliehen.

Soviel zur Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich im Jahre 1938. Viele haben mich bei meinen Recherchen unterstützt. Besonders bedanken möchte ich mich bei Herrn Oberstleutnant a. D. Hans Daxer, beim Luftfahrtarchiv Fredric Müller-Romminger und bei meinem Sohn Walter Staller.

Alfred Staller

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 10/2008

Anmerkungen:
11: Traunsteiner Zeitung, 28. März 1938; 12: Nationalsozialismus und Krieg, Lesebuch zur Geschichte Salzburgs, Verlag A. Pustet, Salzburg, 1993; 13: Reichsgesetzblatt 1938, S. 237-238; 14: Quelle: Oberstleutnant a. D. Hans Daxer, Marquartstein; 15: Steffahn Harald, Deutschland, Klett-Cotta, Stuttgart, 1990; 16: Traunsteiner Zeitung, 30. März 1938; 17: Stadtarchiv Traunstein, AZ: 004/1.

Hinweis: Die ist eine gekürzte Fassung. Der gesamte Text mit allen Anlagen wird im Jahrbuch 2008 des Historischen Vereins für den Chiemgau erscheinen.



11/2008