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Jahrgang 2015 Nummer 12

Unsere Flucht und die Heimat der Anderen

Erzählt von Bert Köhler und seiner älteren Schwester Anni – Teil II

Zeitweilige Registrierungskarte von Engelbert Köhler, ausgestellt am 11. Juli 1945.

Altkirchen, Ende April 1945

Hildes Klagen über stärker werdende Schmerzen in der Nierengegend veranlassten unsere Mutter zu einem Gespräch darüber mit der nur schwer zugänglichen Wirtin unserer Unterkunft. Nach kurzem Begutachten – es war äußerlich kaum etwas zu sehen – kam man überein, dass das mit der Zeit schon besser würde.

Zwei oder drei Wochen vergingen und die verkündeten Endsieg-Träumereien vereinzelt auftretender Uniformierter nickten unsere Mutter und auch die Mütter der anderen Flüchtlinge ebenso geduldig ab, wie die Beschimpfungen Einheimischer. Hier waren unberechtigte Vorwürfe und schmerzhafte Beleidigungen dabei, vom »Preußenpack« bis zum »schmarotzenden Flüchtlingsgesindel«. Oft auch die Frage, was wir hier denn wollten und dass wir doch schauen sollten, wieder schleunigst dahin zu kommen, wo wir hergekommen waren.

Für uns Flüchtlingskinder erwiesen sich die vielen Tage in Altkirchen als wenig ereignisreich und eher langweilig. Im Dorf waren wir nicht gern gesehen und die Gleichaltrigen dort schienen von den Eltern angehalten zu sein, nicht unsere Nähe zu suchen. Soweit überhaupt Kontakte mit den Dorfkindern entstanden, blieben sie meist sehr oberflächlich, auch weil deren bairische Mundart für uns schwer zu verstehen war. Unsere Mütter sprachen oft über die verlassene Heimat und hofften eindringlich, schon bald zurückkehren zu können. Mit den Wochen wurde nicht nur die Stimmung, sondern auch das Essen schlechter und die Zuteilungen dürftiger.

Einmal versuchten wir Burschen, den Küchenzettel etwas aufzubessern. Hinter einem der nahe gelegenen Bauernhöfe war wieder der Kessel zum Dämpfen minderwertiger Kartoffeln als Schweinefutter in Betrieb. Fast im Vorbeilaufen griff jeder von uns kurz hinein und fischte mit Glück eine große, dampfende Knolle heraus. Der Bauer hatte wohl unsere Beutezug-Vorbereitungen mitgekriegt, denn geschwind kam er mit wüsten Beschimpfungen um die Ecke und drohte uns Flüchtigen noch mit der geballten Faust.

1. Mai 1945

Alles schien sehr ruhig an diesem Morgen und die Einwohner wussten vom Einmarsch der amerikanischen Besatzer in München am Vortag, dem 30. April. Ihre Häuser hatten sie mit weißen Betttüchern »beflaggt«, denn allen war klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte, bis die Amis da sein würden.

Das Rattern der anrollenden Panzer machte uns fürchten. Es dürfte ein halbes Dutzend gewesen sein, gefolgt von etwa derselben Zahl an Lastwagen. Dazwischen ein Jeep mit einem bunten Wimpel an der Kühlerhaube. Bei den einzelnen Panzern war von der Besatzung nur der MG-Schütze auf dem geöffneten Turm zu sehen, stahlbehelmt und mit der Waffe im Anschlag. Auch auf einigen der Lkw waren Bordschützen postiert.

Wie ich es mit meinem, nicht weniger neugierigen kleinen Bruder Paul geschafft hatte, aus unserer Unterkunft vor das Haus zu kommen, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß aber noch genau, dass wir ganz allein auf der Straße standen. Unsere Aufregung verdrängte wohl die Angst vor den fremden Soldaten und auch jede Befürchtung hinsichtlich nachfolgender Schelte oder Ohrfeigen.

Der Jeep befand sich gerade auf unserer Höhe, als hinter der Planenverkleidung gerufen wurde und das Fahrzeug direkt vor uns stehen blieb. Paulchen zog es vor, sofort und fluchtartig zurück in die Gaststätte zu laufen. Ein Soldat mit Stahlhelm lugte unter der hochgehaltenen Plane hervor und winkte mich zu sich heran.

»Come on, boy!«, hörte ich und schon zog er mich zu den anderen in den Jeep.

»Wo Burgermaster?«, sah er mich fragend an und ich deutete ihm aufgeregt den Weg.

Am ebenfalls mit einem Betttuch versehenen Bauernhof des Gemeindevorstehers angekommen, fragte er noch: »Burgermaster hier?« und schickte mich mit: »Get off!« und einer entsprechend befehlenden Handbewegung wieder weg.

Ganz schnell lief ich zurück zur Wirtschaft und meine besorgte Mutter schloss mich in die Arme. Wider Erwarten gab es von ihr weder Schelte noch Haue, aber stürmisch und nicht enden wollende Fragen von den anderen Kindern.

In den ersten Maitagen ging es unserer Schwester Hilde zusehends schlechter. Sie klagte über schlimme Schmerzen an der verletzten Seite und so suchte Mutter den Bürgermeister auf und bat um Hilfe. Frühmorgens am nächsten Tag brachten zwei amerikanische Soldaten Hilde in das Krankenhaus nach Wolfratshausen. Am 7. Mai starb sie dort, gerade vier Tage vor ihrem 15. Geburtstag. Von einer Milzquetschung war nachher die Rede.

Ein paar weitere Wochen in Altkirchen vergingen. Mit zwei anderen Buben trauten sich Paul und ich auch mal weiter weg und unter der Führung des wagemutigen 13-jährigen Klaus ergab sich die Bekanntschaft mit den zwei etwa gleichaltrigen Mädchen Christl und Erna aus dem Nachbardorf Endlhausen. Es war für mich brennend interessant, seine Anbandelversuche mit Erna zu beobachten – die späteren vermeintlich sachkundigen Schilderungen seines Vorgehens waren aber meist noch aufregender.

Einmal führten uns die Mädels zu einer alten Kiesgrube. Nicht nur Stahlhelme, auch entsorgte Waffen und Munition waren da zu bestaunen. Es gab auch Militärfahrzeuge dort, darunter einen vollständigen, wenngleich nicht mehr fahrtüchtigen Lastwagen. Wieder unter Klaus’ Anleitung, gruben wir einen meterlangen Patronengurt aus dem Sand und staunten über seine Erklärungen, was damit alles zu machen sei. Schließlich bereiteten wir etwas abseits der Kiesgrube ein Lagerfeuer vor und Klaus türmte die Patronen darüber. Nach dem Anzünden rannten wir schleunigst davon.

Vom Schützengraben an der Landstraße aus beobachteten wir das Geschehen und Klaus’ Ankündigungen erwiesen sich als nicht übertrieben: Ein krachendes und zischendes Feuerwerk brach los und es schien nicht mehr enden zu wollen. So war das Herannahen eines Jeeps – wir verkrochen uns jetzt ganz tief im Graben – nicht besonders überraschend, der weitere Verlauf dann aber doch: Nur dürftig hinter einem Gebüsch in Deckung, hielten die Amis minutenlang mit einem Maschinengewehr auf die circa 200 Meter entfernte Feuerstelle. Als von dort keine Explosionen mehr zu hören waren, fuhren sie, noch immer lautstark palavernd, an uns vorbei ins Dorf.

Unsere Mütter und die älteren Mädchen versuchten zaghaft mit den Dorffrauen in Kontakt zu kommen und meines Wissens gelang ihnen das nur einmal wirklich: Die Anwesenheit einiger Flüchtlingsfrauen – wir waren fast ausnahmslos Katholiken – bei den täglichen Maiandachten in der Pfarrkirche schien geduldet und einmal sangen sie nach den Gebeten ein vorher einstudiertes Marienlied. Verwundert schauten da die Einheimischen zu ihnen nach hinten und später wurden die Frauen zu ihrer großen Überraschung aufgefordert, doch öfter etwas zu singen. Nach einigen Andachten durften sie sich sogar über ein anerkennendes Wort des Pfarrers freuen.

Schon vorher kamen angetrunkene Einheimische sonntags nach der Messe von der Wirtsstube in den Saal und beschimpften uns Flüchtlinge. Den Frauen blieb nichts anderes, als immer wieder zu beteuern, dass man nicht freiwillig hier sei und gerne wieder nach Hause ginge – doch diesmal machten die Hiesigen ein überraschendes Angebot. Sie hätten zwei Pferde für uns, um damit wieder nach Schlesien zu kommen, es müsste nur noch ein brauchbarer Wagen gefunden werden.

Diese Offerte rief Max Sollich auf den Plan. Ein stiller, zurückhaltender Mann um die Sechzig, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte. Er schien etwas von Pferden zu verstehen und sein 16-jähriger Sohn Erwin würde ihn sicher unterstützen. Max war der einzige erwachsene Mann in der Unterkunft und es stellte sich heraus, dass er nicht weit von Hydebreck entfernt Zuhause war.

Jetzt fruchteten unsere jugendlichen Erkundungstouren, denn in der besagten Kiesgrube fand sich ein überraschend intakter Planwagen, mit Deichsel und somit wie geschaffen für das Vorhaben. Ein Militärfahrzeug zwar, aber das sollte Wochen nach der Kapitulation kein Problem mehr sein.

Sorgen machten die unterschiedlichen Pferde. Da waren ein brauner, schwerer Hengst, der in seinem Pferdeleben wohl immer nur den Pflug gezogen hatte und ein im Vergleich dazu zierlicher Rappe, der von seinem Besitzer, offensichtlich wegen dessen NS-Vergangenheit, bei einem der Bauern eingestellt worden war und nicht mehr abgeholt wurde.

Der Transport war schnell formiert. Teilnehmer waren wir sieben Köhlers und der kleine Wolfgang. Max der Kutscher, seine Frau, der Sohn Erwin, die Nichte Edith und die Schwiegertochter mit einem Eineinhalbjährigen. Der Platz auf dem Wagen reichte nur zur Not für alle, wir älteren Kinder mussten meistens hinter dem Fuhrwerk hergehen.

Jetzt zu den Pferde-Sorgen: Während der Braune, wie für einen Ackergaul üblich, ein altes Kummet trug, war das Reitpferd nur mit einem ledernen Brustgeschirr ausgerüstet. Diese Umstände und vielleicht auch die mangelhaften Kutscherkenntnisse von Max Sollich, machten eine gleichmäßige Weisung der beiden Zugtiere äußerst schwierig.

Für uns Burschen war es lustig anzuschauen, wenn unter dem Geschrei des Kutschers das Gespann mal nach links und mal nach rechts in den Straßengraben abdriftete und einmal sogar umkippte. Bei schlechteren Straßenverhältnissen zogen es die Mütter der Kleinkinder sogar vor, uns mit ihren Kinderwagen hinter dem Gefährt Gesellschaft zu leisten und zeitweise wagte sich außer dem Kutscher niemand mehr an Bord.

Mit guten Wünschen für die Reise wurde uns auch die Empfehlung gegeben, das zerbombte München weit zu umfahren und uns nicht allein auf die eh nur unzureichend vorhandenen Wegweisungen zu verlassen. Außerdem sollten wir nur Feldwege und Nebenstraßen befahren. Nachdem wir keinerlei Karten hatten, waren wir weitgehend auf die Empfehlungen befragter Anwohner angewiesen.

Geplant war weiter, über Regensburg, Dresden, Görlitz und Breslau nach Oberschlesien zu gelangen, die Tschechoslowakei und das Sudetenland mussten weiträumig umfahren werden. Für die Nacht kamen wir meistens in Scheunen bei Bauern unter. Manchmal gab es gute Waschgelegenheiten und oft konnten wir die Ställe als Toiletten nutzen. Zu essen gab es wenig. Soweit uns beim Betteln die Bauern nicht verjagten oder uns von ihren Hunden verbellen ließen, bekamen wir manchmal Brot oder Kartoffeln. Sonst hielten wir uns an die wenigen Konserven, die wir aus Altkirchen mitnehmen konnten – Geld hatten wir keines.

Die Pferde konnten schon grasen, es war ja bereits Ende Mai, und immer wieder erbettelten wir etwas Heu. Ein paar Mal gelang es Ewald, aus Pferdeställen ein wenig Hafer für die Tiere zu besorgen. Nach ein paar Tagen, München hatten wir schon weit hinter uns, glückte Max ein tolles Geschäft: Den schwerfälligen Hengst konnte er gegen eine zum Rappen passende braune Stute eintauschen.

Alles schien problemlos zu laufen. Das Wetter war uns gut gesonnen, es gab keine unüberwindbaren Hindernisse und keine Kontrollen. Wir hatten keinerlei Informationen über Deutschland in den ersten Wochen nach dem Krieg und ebenso wenig über das politische Weltgeschehen. Hätte es Zeitungen gegeben, wir hätten sie nicht kaufen können.

Nachdem wir an Regensburg vorbei die Donau überquert hatten, wuchs in uns langsam echte Freude auf die Heimat, wenngleich wir uns vorstellen mussten, dass dort nichts mehr so war wie in unserer Erinnerung. Mutter betete oft zu Gott, dass unser Vater wohlauf sein möge und dass er, wo immer er jetzt auch sein mochte, nach Heydebreck kommen könne.

Auf der Höhe von Nürnberg, in Nabburg/Oberpfalz stoppte uns ein amerikanischer Jeep. Nach kurzer Diskussion über unsere Herkunft und unser Reiseziel hieß es schlicht: »No way!«

Wir hatten hinter dem Jeep herzufahren und erreichten bald ein Flüchtlingslager. Das war Ende Mai 1945 und wir sollten mehr als fünf Jahre dort bleiben müssen.

Unser Vater, der Lokomotivführer Johann Köhler, wurde in den letzten Kriegstagen im Protektorat von seinem Führerstand herunter gefangen genommen und interniert.

Spät im Jahr 1946 freigelassen, machte er sich auf den Weg nach Hydebreck. Seine Heimatstadt war nicht mehr wiederzuerkennen, das Wohnhaus aber noch erhalten und in der Wohnung konnte er kurze Zeit bleiben. Im Ort verbliebene Alte halfen ihm bei seinen Nachforschungen. Über den Gemeindepfarrer von Kostenthal erfuhr er schließlich vom Transport seiner Familie nach Bayern und so stand ihm eine weitere lange Reise bevor.

Es war der 20. März 1947, als er vormittags an unsere Baracke klopfte. Mutter öffnete die Tür und nahm eine hagere Gestalt in einem schäbigen grauen Mantel wahr: Mit eingefallenem Gesicht und leeren Augen stand tatsächlich ihr Ehemann vor ihr, zitternd am ganzen Leib vor Aufregung. Hedel, mit dem Zweijährigen und Anni, seit sechs Monaten Mutter, haben diesen ergreifenden Moment miterlebt.

Von der Schule heimgekommen, ich kann mich sehr gut daran erinnern, umarmte mich Vater ohne ein Wort zu sagen, drückte mich fest an sich und ließ mich ganz lange nicht mehr los.


Hans-Georg Hinterreiter


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 11/2015

 

12/2015