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Jahrgang 2015 Nummer 11

Unsere Flucht und die Heimat der Anderen

Erzählt von Bert Köhler und seiner älteren Schwester Anni – Teil I

Die Familie Köhler, circa 1937/38: Hedwig, Hilde, Mutter (mit Paul), Ewald (Erstkommunikant), Vater, Bert und Anni.

Oberschlesien, im Januar 1945

Heydebreck, zwischen Oppeln und Gleiwitz an der Oder gelegen, war mit seinen 12 000 Einwohnern wegen der ansässigen Chemieindustrie und den Stahl verarbeitenden Betrieben ein lebhaftes Städtchen und als Reichsbahn-Knotenpunkt die Heimat vieler Eisenbahner, wie mein Vater auch einer war.

So lebten wir, das waren meine Eltern, meine drei Schwestern, die beiden Brüder und ich, Engelbert Adolf Köhler, Jahrgang 1933, in einer Betriebswohnung ganz nah an den Bahngleisen und konnten uns glücklich schätzen, dass Vater als Lokomotivführer gebraucht wurde. Fast alle anderen Männer befanden sich an der Front. Die Daheimgebliebenen, soweit sie nicht zu alt oder invalid waren, bildeten den »Volkssturm«; hier eigentlich nur, um zusammen mit Halbwüchsigen Panzersperren zu bauen und Schützengräben auszuheben.

In dieser Zeit flogen aus Italien, über Kärnten und der Steiermark kommend, vermehrt englische und amerikanische Bomber zu uns. Bald schon fast jeden Tag. Meistens vormittags, was anfangs für uns Kinder schulfrei bedeutete, doch im Februar wurde unser Schulhaus durch eine Brandbombe fast vollständig zerstört und schon zuvor wurden Frauen und Kinder in das nahe gelegene Dorf Kostenthal evakuiert. Ziele der Fliegerbomben auf Heydebreck waren übrigens nicht nur Industriegebäude und Bahnanlagen, auch eine Kaserne am Stadtrand bekam immer wieder Treffer ab.

Bei Fliegeralarm sorgte ich mich oft mehr um meinen Bruder, als um mich selbst. Gerade mal 15 Jahre alt, war er als Flakhelfer auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt eingesetzt. Es gab keine Uniformen mehr und so musste er diesen verhassten Dienst in seiner Hitlerjugend-Kluft verrichten. Nur ein für ihn viel zu großer Stahlhelm ließ ihn als Soldat erscheinen und schon Tage, bevor die Stellung endgültig aufgegeben wurde, schickten ihn die älteren Soldaten heim zu unserer Mutter.

Noch im Städtchen, liefen wir bei Fliegeralarm unter dem grausigen Geheul der Sirenen zum etwa einen Kilometer entfernten Hochbunker. An die tausend Menschen konnten dort Zuflucht finden und mussten, dicht an dicht stehend, der Entwarnung harren. Infolge Sauerstoffmangels und auch vor Angst fielen immer wieder Schutzsuchende in Ohnmacht und mussten dann aus dem Bau getragen werden.

Einmal sah ich während eines Angriffs und der Räumung unseres Schulhauses meine große Schwester Anni als Feuerwehrfrau zu einem Großbrand laufen. In der Eile konnte sie offenbar nur den roten Schutzhelm aufsetzen und die dicke Brandschutzjacke überziehen, unterhalb dieser und bis zu den Waden wehte ihr strahlend weißer Kittel.

Ein wirklich lustiges Bild. Sie arbeitete als Bäckerei-Verkäuferin und das stellte sich ganz nebenbei, mit Blick auf den heimischen Küchenzettel, als oft recht vorteilhaft heraus.

Bislang war es in unserer neuen Heimat Kostenthal weitgehend ruhig geblieben. Am 21. März 1945 änderte sich das grundlegend: Schon am Morgen hörten wir im Osten russische Artillerie. Gegen Mittag schlugen dann erste Granaten im Dorf ein und mehrmals konnten wir einzelnen Geschossen, die furchterregend fauchend über uns nach Westen ins Land flogen, zuschauen.

Mutter war gerade mit den Vorbereitungen für das spärliche Mittagessen fertig, als ein Wehrmachtsoffizier in unsere Küche stürmte:

»Ihr seid noch da? Nichts wie weg mit euch!«, rief der Soldat mit weit aufgerissenen Augen und gestikulierte wie wild zur offenen Tür. Dem erkennbaren Zögern unserer Mutter und ihrem Hinweis auf den nicht anwesenden Vater, hielt er laut und fast hysterisch entgegen: »Wollen Sie denn, dass die Bolschewiken ihre Söhne erschießen und die Mädchen vergewaltigen?«

Auf Mutters Frage, wie lange wir weg müssten, verkündete er fanatisch, dass schon morgen eine große deutsche Gegenoffensive die Russen wieder zurückdrängen werde.

Eine Viertelstunde später fanden wir uns auf einem Militärlastwagen wieder – was sich noch als besonders schicksalhaft erweisen sollte – und warteten auf die Abfahrt. Wir, das waren unsere 42-jährige Mutter mit der ältesten Tochter Hedwig, Hedel genannt. Sie war 23 und hatte im Frühjahr 1944 geheiratet. Der kleine Wolfgang in ihren Armen, ganz fest eingewickelt, war gerade neun Monate auf der Welt. Dann waren da Anni, 20 Jahre alt, und Hilde, die ihren 15. Geburtstag nicht mehr erleben sollte. Ewald, der »fahnenflüchtige« Flakhelfer und schließlich Paul, das jüngste Familienmitglied, mit neun Jahren.

Ich, der Erzähler dieser Geschichte, war damals zwölf Jahre alt.

Es war noch winterlich kalt und wir hatten uns so dick angezogen, dass ein Bewegen nur eingeschränkt möglich war. Der kleine Dorfplatz war voller Fuhrwerke, Lastwagen und herumirrender Menschen. Kaum jemand hatte mehr bei sich, als er auf dem Leib tragen konnte, doch ich bekam zuvor meinen Schulranzen von meiner Schwester Hedwig noch mit Kleinkindernahrung vollgepackt. Den eindringlichen Bitten unserer Mutter war es zu verdanken, dass wir für den Kleinen den Korbkinderwagen mit aufladen durften.

»Tiefflieger, russische Tiefflieger! Alles unter die Fahrzeuge!«, schrie jemand und nach dem Einschlag erster Sprenggranaten wurde der Platz mit den vielen Flüchtlingen zu einem wahren Hexenkessel: Pferde scheuten, vorgespannte Ochsen und Kühe zerrten an ihren Wagen und das Weinen verzweifelter Kinder und gellende Frauenstimmen vermischten sich mit dem Dröhnen überfliegender Flugzeuge und deren Maschinengewehrsalven. Nach dem letzten Angriff war sekundenlang nur Hundegebell wahrnehmbar, die Schreie der verletzten Menschen und das Gebrüll der angeschossenen Zugtiere setzten erst nach und nach ein.

Jetzt befahlen die Uniformierten, überwiegend Fahrer und Beifahrer der Lkw, den sofortigen Aufbruch. Langsam bildete sich aus dem Gewirr ein Tross und wand sich aus dem Dorf.

Nach vielleicht zwei Stunden waren die Flieger wieder da. Mit aufheulenden Propellermotoren und scheinbar ununterbrochenem MG-Feuer stürzten sich die Jagdflugzeuge auf den armseligen Treck. Der Zug stoppte und ich, meinen kleinen Bruder Paul fest an der Hand, sprang geschwind vom Lastwagen herunter in den die Straße entlang führenden Schützengraben. Hilflos mussten wir von dort mit ansehen, wie unsere Schwester Hilde ängstlich als Letzte die Bordwand überstieg und beim Loslassen mit der linken Körperseite am Griff des hervorstehenden Bordwand-Hakens hängen blieb. Für einen Moment schien sie daran zu baumeln – befreite sich aber gleich und fand bei den anderen zweifelhaften Schutz unter dem Militärfahrzeug.

Ich hielt mir wegen des Lärms mit beiden Händen die Ohren zu, während Paulchen flink aus dem Graben kletterte und zum Wagen rannte. Ich beobachtete noch, wie er von unserer winkenden und verzweifelt rufenden Mutter aufgenommen werden konnte.

Direkt neben mir sprang unvermittelt ein junger Soldat in den Graben und zielte stehend mit einem Karabiner auf die immer wieder anfliegenden Jäger. Fast taub vom Donnern der Flugzeuge und dem Knattern ihrer MG´s erkannte ich die abgegebenen Schüsse nur am Zucken seines Körpers. Ich duckte mich tiefer in die Grube, kniff die Augen zu und drückte meine Hände fester auf die Ohren.

Ich kann heute nicht mehr sagen, wie lang ich so ausharrte. Wohl machte ich die Augen erst wieder auf, als mich Mutter unwirsch am Arm zog. Mühsam und völlig verstört kroch ich hoch und noch bevor ich richtig stehen konnte, setzte es eine Ohrfeige und dann gleich noch eine. Wahrscheinlich, weil ich Paul mit mir in den Graben genommen hatte und nicht verhinderte, dass er im Kugelhagel zurück lief. Erst jetzt sah ich vor mir den jungen Soldaten liegen. Das Gesicht in der Erde, mit beiden Händen das unheilvolle Gewehr vor sich umklammernd und die Beine noch im Schützengraben, sein blutverschmierter Stahlhelm unter ihm.

Wir hatten nach diesem ersten Fluchttag großes Glück mit unserem Nachtlager. Ein unlängst verlassenes Dorf ermöglichte ein komfortables Unterkommen und wir Köhlers durften die Nacht in einem richtigen Schlafzimmer verbringen. Zu fünft in einem Doppelbett zwar, dafür aber gegenseitig gut gewärmt. Unsere Hilde machte infolge ihrer Verletzung eine schlimme Nacht durch.

Am Morgen waren einige der Lastwagen verschwunden und von den Uniformierten war keiner mehr zu sehen. Weitgehend unbeeindruckt davon, setzte sich der Treck dennoch schon bald in Bewegung und nach einigen Stunden zeichnete sich vor uns eine Ortschaft ab. Wir waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr weit von der Grenze zum heutigen Tschechien entfernt.

Als wir die Bahnstation Deutsch-Rasselwitz erreichten, schlug unsere Hoffnung auf einen baldigen Transport in tiefe Enttäuschung um: Die Bahnsteige waren schwarz vor Menschen. An ein Wegkommen in absehbarer Zeit war unter diesen Umständen nicht zu denken. Es hieß, nur noch ein Zug führe nach Westen, aber wann dieser käme, wisse niemand.

Was blieb uns anderes übrig, als zusammen mit den Wartenden einen Platz auf dem Bahnsteig zu beziehen, uns um Sitzgelegenheiten zu kümmern und abzuwarten?

Für Hilde konnten wir mit momentan nicht gebrauchten Kleidungsstücken eine dürftige Liegestatt schaffen.

Plötzlich wurde Mutter von einem der patrouillierenden Bahnpolizisten angesprochen:

»Sophie, in Gottes Namen, bist du das?« Paul Richter war ein Freund unseres Vaters und nach kurzer Unterhaltung mit ihr wandte er sich ab und ging weiter. Mutter wirkte jetzt etwas gelöster, sagte aber kein Wort.

Wir warteten still und lange, doch endlich kam Unruhe in die Menschen und tatsächlich, zuerst nur hörbar, dann Gewissheit: Am Ende des Bahnsteigs tauchte eine mächtige schwarze Dampflokomotive auf. Dahinter ein unglaublich langer Zug, länger als alle Züge, die ich bisher gesehen hatte. Sehr bald mussten wir aber erkennen, dass die Waggons schon jetzt bis auf den letzten Platz besetzt waren.

Als der Zug vor uns zu stehen kam, war auch der Bahnpolizist Paul Richter wieder bei uns, nickte unserer Mutter zu und deutete kurz entschlossen mit seinem weißen Stock in ein mit Reisegepäck und Menschen geradezu vollgestopftes Abteil:

»Sie befinden sich hier in einem Dienstabteil. Räumen Sie dieses umgehend und machen Sie Platz für diese Familie!«

Das Entsetzen in den Gesichtern dieser Menschen verfolgt mich noch heute. Keiner von ihnen wagte, der Amtsperson zu widersprechen. Ich bemerkte, wie meine älteren Schwestern ihre Blicke verlegen abwandten. In ihrer Scham drückte Mutter Paulchen an sich und verwies auf das neunmonatige Bündel in Hedels Armen, während sich die Leute, blass und enttäuscht, daran machten, ihre Gepäckstücke auszuladen. Einige von ihnen fluchten verhalten, andere weinten.

Wenn ich diese Begebenheit noch heute so deutlich wiedergeben kann, dann bestimmt, weil sie bei späteren Erzählungen immer wieder Thema war und sich wohl ganz fest in die Erinnerung aller eingeprägt hat.

Spätnachmittags ging es endlich los. Wir größeren Buben mussten im Gepäcknetz sitzen, was uns keineswegs unangenehm war und auch Hinlegen möglich machte. Gut drei Stunden dürften es gewesen sein und es war dunkel geworden, bis wir in Rautenberg/ Sudetenland Halt machten und Aussteigen angeordnet wurde. Der Zug war die ganze Strecke sehr langsam gefahren, hielt aber nicht mehr an. Fast alle Bahnstationen waren voll mit wartenden Menschen – dieselben traurigen Bilder, zur Nacht hin ganz besonders bedrückend.

Man führte uns in ein Schulgebäude und dort in einem großen Raum. Es war angenehm warm und Feldbetten für jeden von uns standen in Reih und Glied. Endlich konnte sich Hilde ausgestreckt hinlegen, sie sah schlecht aus, bleich und mit verschwitztem Gesicht.

Wir erfuhren, dass Rautenberg vor Flüchtlingen fast zu ersticken drohte, trotzdem gab es warmen Tee und zu essen. Wir hatten wieder einmal großes Glück in unserem Unglück.

Zwei, drei Tage sollten wir dort bleiben, dann würde ein Zug zusammengestellt und es ginge dann in Richtung Bayern, hieß es und so geschah es wirklich. Es sollte aber noch eine schwere und gefährliche Reise werden.

Ein weiteres Mal hatten wir Glück, wieder bekamen wir ein Zugabteil allein für uns und den Kinderwagen. Wie sich später herausstellte, war Anni zu diesem Zeitpunkt schon mit Bärbel, geboren am 11.11.1945, schwanger. Dem Vater des Kindes war es erst nach Ende der Gefangenschaft im Sommer 1947 vergönnt, sein kleines Mädchen in die Arme zu nehmen.

Wir befanden uns jetzt, nach langer Nachtfahrt, weit im Protektorat Böhmen und Mähren und auf dem Weg nach Prag.

»Tiefflieger! Tiefflieger!«, schrie jemand und diesmal waren es Amerikaner, die mit mehreren Flugzeugen unseren Zug immer wieder unter MGFeuer nahmen. Sie hatten es wohl auf die Lokomotive abgesehen und flogen von vorne an. Es krachten die Geschosse aber auch in die Waggondächer und zu beiden Seiten in den Bahndamm.

Der Zug stoppte und wieder mussten wir im Kugelhagel weglaufen und diesmal unter noch schwierigeren Bedingungen. Es waren ja keine Bahnsteige da und vom Abteil bis zur Aufschotterung waren das fast zwei Meter. Unsere verletzte Hilde hier runter zu hieven, war kaum zu schaffen und entgegen unserem Drängen blieb Mutter mit ihr im Abteil.

Mit diesem Angriff verbinde ich die fürchterlichsten Erinnerungen unserer Flucht: Das Geheul der Jagdflugzeuge, wir auf freiem Feld und im Schmutz liegend. Zischend einschlagende Projektile vor uns in die Erde und pfeifend in die Waggons dahinter – mit der armen Hilde und unserer Mutter drin.

Wie durch ein Wunder blieben wir alle unverletzt und die Lokomotive war offenbar nicht schwer beschädigt, denn schon bald ging es weiter Richtung Prag. Der Zug blieb auch hier nicht mehr stehen und durch die ehemalige Hauptstadt fuhren wir ebenfalls ohne Halt. Es war wieder Nacht geworden.

Später erzählte man sich, dass gerade in diesen Tagen Rache übende Tschechen plündernd und mordend über Eisenbahnen hergefallen waren.

Frühmorgens, es war Ostermontag, erreichten wir die Gemeinde Sauerlach, ca. 20 km südlich von München. Man brachte uns in den Nebenraum einer Gaststätte und ein Ortsgruppenleiter in brauner Uniform mit Hakenkreuzbinde am Arm teilte uns einer Gruppe von etwa 30 Flüchtlingen zu, die nach Altkirchen, einem Dorf an der Straße nach Egling, gebracht werden sollte. Dort angekommen, bezogen wir den unfreundlichen Saal einer Gastwirtschaft.


Hans-Georg Hinterreiter


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 12/2015

 

11/2015