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Jahrgang 2010 Nummer 3

»Uns ist in alten Mären wunders viel gesagt …«

Unter den BSB-»Nibelungenlied«-Schätzen: »Tittmoninger« Ausgabe und Blattfunde aus Rosenheim

Prachtausgabe des »Nibelungenliedes« von J. Sattler, Berlin 1898

Prachtausgabe des »Nibelungenliedes« von J. Sattler, Berlin 1898
»Nibelungenlied und Klage«, Handschrift D, Böhmen, um 1320, Textanfang mit Initiale

»Nibelungenlied und Klage«, Handschrift D, Böhmen, um 1320, Textanfang mit Initiale
Sog. »Tittmoninger Nibelungenlied«, Holzschnitte von K-H. Hansen-Bahia, Duisburg 1963

Sog. »Tittmoninger Nibelungenlied«, Holzschnitte von K-H. Hansen-Bahia, Duisburg 1963
Einer kleinen klugen Dame entfährt vor einer Vitrine – in der Ausstellung »Unsterblicher Heldengesang. Das Nibelungenlied im UNESCO-Weltdokumentenerbe« in der Bayerischen Staatsbibliothek, die noch bis 7. Februar geöffnet ist – mit »Nibelungenlied«-Ausgaben des 20. Jahrhunderts ein kleiner kurzer Schrei: »Wusste nicht, dass mein Vater…« Ihr Herr Papa war Armin Eichholz. Kein Unbekannter in Münchens Literaturszene. Starb vor zwei Jahren, hochbetagt. Schrieb nicht nur Theaterkritiken und Essays, sondern gab manchmal Bitten um dies und jenes Vorwort für ein Buch nach. Der einmal auf Tittmonings Burg lebende Grafiker Karl-Heinz Hansen-Bahia illustrierte eine von Eichholz eingeleitete volkstümliche Ausgabe des »Nibelungenliedes« für den Verlag Lange in Duisburg, die 1963 erschien. Die Nummer 216 (von 750 gedruckten, mit Hansen-Bahias Holzschnitten geschmückten Exemplaren) liegt als »Tittmoninger Nibelungenlied« in einer der Vitrinen der Staatsbibliotheks-Schatzkammer. Sie trägt dazu bei, das Prunkstück, die BSB-eigene »Handschrift A« des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert würdig und zugleich spektakulär einzurahmen. »Unsterblicher Heldengesang« titelt das vornehmlich weibliche BSB-Expertenteam die neue Ausstellung und hofft damit ein paar Interessenten mehr in das finstere Handschriften-Kabinett zu locken. Im hellen Licht liegen hier rund um die schmucklose, am ursprünglichsten aussehende, zerlesene Gebrauchs-Handschrift A des mittelalterlichen deutschen Heldenepos auf Pergament zahlreiche hübsche, originelle, witzig platzierte und gescheit ausgesuchte Nibelungenlied-Ausgaben durch alle Jahrhunderte – bis herauf in unsere Zeit.

Die »Tittmoninger« Ausgabe, keine 50 Jahre alt, ist nicht der Hingucker. Eher die riesenhafte Prachtausgabe von Joseph Sattler (Berlin, 1898 ff). Aufgeschlagen ist ein ganzseitiges Farbbild mit Kriemhild, die das Haupt Gunthers dem grimmen Hagen zeigt und einem Text, dessen Lettern einzig für diese Buchedition geschaffen wurden. Ein grausiges Geschehen wird da erzählt. Beginnt mit den Worten »Uns ist in alten Mären wunders viel gesagt…« Man schreckte nicht davor zurück, die Story schon der zarten Jugend des 19. Jahrhunderts (und später) zuzumuten. Schließlich war der Germanist Karl Simrock einer, der auch für die junge Leserschaft schrieb. Und seine deutsche Nibelungenlied-Version hatte man gerne für Schulzwecke und Volksausgaben verwendet, etwa auch für das »Tittmoninger Nibelungenlied«. Ein anderes Buch ist, unter vielen, ausgelegt, das aus einem Kartenspiel entstanden war, illustriert von Friedrich Tieck, dem Bruder des berühmteren Ludwig Tieck (Breslau, Graß, Barth & Co., 1819) – da sind die in der anonymen Dichtung, die Richard Wagner wenig später für seine Tetralogie »Der Ring des Nibelungen« hernahm (aber mit anderen Motiven mischte), auftretenden Helden einzeln konterfeit.

Anlass für die Ausstellung ist die ehrenvolle Aufnahme des Nibelungenliedes ins Unesco-Programm »Memory oft he World« durch das Internationale Nominierungskomitee der Unesco im Juli 2009 auf Barbados. Neben Münchens Handschrift A stehen noch Handschrift B (Stiftsbibliothek St. Gallen) und Handschrift C (Badische Landesbibliothek Karlsruhe) im Unesco-Register. Beide Geschwister des Münchner Heldenepos (A) waren aus konservatorischen Gründen nicht zu besichtigen. Doch ist ein weiteres uraltes Stück »Nibelungenlied« in ganzer Pracht und Herrlichkeit zu beäugen: die »Klage« (Handschrift D – die Klassifizierung geht auf den Altphilologen Lachmann 1826 zurück), in Böhmen um 1320 entstanden, 169 Blatt aus Pergament, mit großer Fleuronnée-Initiale geschmückt. Der wertvolle Beleg früh-deutscher Literaturgeschichte stammt aus Schloss Prunn im Altmühltal.

Staunenswert ist das alles. Aber noch nichts gegen die Teile einer Nibelungenlied-Handschrift, die in den 1980er Jahren im Stadtarchiv Rosenheim auftauchten. Die unschätzbaren Blätter wurden als Umschläge für Rechnungsbücher verwendet. Kann gut möglich sein, dass solche Stücke – die alten Handschriften wurden oft genug zerteilt – noch in Verliesen irgendwelcher Art schlummern. Sie warten darauf, entdeckt – und in einer Ausstellung gezeigt – zu werden. Hans Gärtner

Hans Gärtner



03/2010