Jahrgang 2001 Nummer 12

Ungewöhnliche Muscheln: Die Rudisten

Sie sind wichtige Leitfossilien in den Alpen – Ungleiche Schalenhälften

Verschiedene Rudisten mit den ungleichen Schalenhälften

Verschiedene Rudisten mit den ungleichen Schalenhälften
Pferdeschweif-Muschel aus den Gosauschichten bei Salzburg, 15 cm hoch, zirka 65 Millionen Jahre.

Pferdeschweif-Muschel aus den Gosauschichten bei Salzburg, 15 cm hoch, zirka 65 Millionen Jahre.
Die Rudisten oder »Rauhlinge« sind ausgestorbene Muscheln, die sich in versteinerter Form in den Kalkalpen finden. Sie zählen zu den ungewöhnlichsten Weichtieren, die je gelebt haben. Ihren Namen erhielten sie von der rauhen Oberfläche der Schalen. Während die uns bekannten Muscheln in der Regel zwei gleiche Schalenhälften um ihren Weichkörper bauen, waren die Rudisten-Schalen sowohl nach ihrer Größe wie nach ihrer Gestalt völlig verschieden.

Die untere Schale war kegelförmig und fest mit dem Meeresboden verwachsen. Sie wuchs rasch nach oben und konnte bei einer Wachstumsgeschwindigkeit von mehreren Zentimetern pro Jahr über einen Meter hoch werden. Die obere Schale blieb dagegen klein, war wie ein Deckel geformt und diente zum Verschließen des Gehäuses.

Der eigentliche Muschelkörper rückte im Verlaufe des Wachstums immer weiter nach oben und sonderte eine Kalkschicht ab, die den unteren, unbewohnten Teil mit einem Querboden abtrennte. An der Unterseite des Deckels befanden sich zapfenartige Vorsprünge, die sogenannten Schloßzähne, die in Vertiefungen der festsitzenden Schalenklappe einrasteten.

Die Geschichte der Rudisten beginnt in der Zeit des Oberen Jura vor 155 Millionen Jahren und endet in der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren. Wie man aus Funden weiß, hatten die frühen Rudisten noch weitgehend gleiche Schalenhälften. Doch bereits in der Unterkreide-Zeit finden sich zahlreiche Arten mit stark voneinander abweichender Schalenform und Schalengröße.

Eine bemerkenswerte Rudistengattung sind die »Hippuriten«, die im Oberkreide-Meer der Gosau-Schichten vorkommen. Ihren volkstümlichen Namen »Pferdeschweif-Muscheln« verdanken die Hippuriten den zahlreichen, auf der Außenseite der unteren Schale verlaufenden Längsrippen, die großen Exemplare das Aussehen eines zusammengebundenen Pferdeschweifes verleihen.

Die Hippuriten lebten in den Ablagerungen vor allem warmer Meere. Je mehr sich die Ablagerungen erhöhten, umso rascher wuchs die untere Schalenhälfte nach oben. Häufig standen sie auch dicht in Kolonien zusammen oder bauten gelegentlich riffartige Konstruktionen. Hier waren die meist zahnradartig miteinander verwachsenen einzelnen Hippuriten gegen die Wasserströmung gerichtet, aus der sie das Frischwasser für ihre Atmung sowie pflanzliche und tierische Reste für die Nahrung entnahmen.

Da die Rudisten mit rund 90 Millionen Jahren – aus erdgeschichtlicher Sicht- nur eine vergleichsweise kurze Zeitspanne lebten, kann man von ihren Fundstellen auf das jeweilige Alter der Gesteinsschichten schließen, so daß sie für die Paläontologen wichtige Leitfossilien darstellen.

Julius Bittmann



12/2001