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Jahrgang 2013 Nummer 47

»Und die lange, die lange Ewigkeit …!«

Vor 30 Jahren entstand die bairischste aller Opern: »Der Goggolori«

Zeipoth (Christa Schneider), Aberwin (Tobias Gründl): »Naa, i schaam mi.« - »Gäh zua, sichts do koana.«
Goggolori (Markus G. Herzog): »Sausts und brausts und summts und brummts. Honigvogal, kummts nur, kummts!«
Irwing (Heinz Schmidtpeter): »Mey, wanns da Eynsidl sagd, na gem mas hoidt zamm.«
Ullerin (Werner Perret): »I woaß nix. I hab koa Midtl mea. I kann dan ned fanga!«
Weberin (Rose Bihler Shah): »Draisg suibane Tala! Fia des Göid had da Judas sogar unsan Heagott fakaft.«
Spinnstube (Theaterchor Halsbach): »Saids ned faul und ruats no minda, draahts aich gschwinda, gschwinda, gschwinda…!«
Einsiedel (Martin Winklbauer): »Apage, Satanas! Heb dich hinweg, haidnischa Lügengaist!«
Bäuerinnen: »… sizt di Zaibot, wia Föis und wia Nebe so grau, und muas ewig lem und muas ewig wem am Kronmantl unsara Liabn Frau.«

Eine kurze Ewigkeit scheint's her zu sein, dass der 1929 in Garmisch-Partenkirchen geborene Dichter Michael Ende das Zeitliche segnete. Der Autor so hochgerühmter Kinderbücher wie »Momo« und »Die unendliche Geschichte« lebt schon seit 18 Jahren nicht mehr. Doch leben seine Figuren, Lukas mit dem Lokomotivführer, die grauen Herren Zeitsparer, das Traumfresserchen, Tranquilla Trampeltreu – und der Goggolori. Ihn, der rund um das Ammersee-Dorf Finning als Waldschrat sein Unwesen getrieben haben soll, als der Schwed' das Bayernland im Dreißigjährigen Krieg heimsuchte, packte Michael Ende am Schlafittchen und machte ihn zum Helden seiner »bairischen Mär«. Vor 30 Jahren begann Ende mit der Niederschrift, 1984 erschien der Text – in Hochdeutsch und höchst eigenwilligem Bairisch – bei der Stuttgarter Edition Weitprecht.

Der heute 72-jährige Wilfried Hiller aus dem schwäbischen Weißenhorn, der schon als Jugendlicher Texte fürs eigene Handpuppentheater verfasste, war Student beim berühmten Komponisten Günter Bialas. Mit 28 Jahren wurde er, auf diversen Instrumenten versiert, Meisterschüler von Carl Orff. Bald konnte er die 1982/83 entstandene Musik zu Michael Endes »Goggolori« in sein bis dahin schon recht ansehnliches Werk einreihen. So gibt es seit etwa drei Jahrzehnten so etwas wie eine »bairische Oper«, ein Novum eigentlich bis in diese Tage. Uraufgeführt wurde »Der Goggolori« mit Wilfried Hillers dem Volkstümlichen ebenso naher wie Orff'sche Tonsprache und Dramatik vereinende Musik am 3. Februar 1985 am Münchner Gärtnerplatztheater, sieben Jahre nach der Erstbegegnung der beiden sich kongenial ergänzenden Kreativen in Rom, wo Michael Ende damals lebte. Wilfried Hiller ist aus dem aktuellen Münchner Musikleben nicht wegzudenken.

Michael Endes Libretto geht auf bayrische Volkssagen zurück. Otto Reuther hatte sie wissenschaftlich aufgegriffen und 1935 darüber ein Buch veröffentlicht, das Michael Ende zu seiner dramatisierten Version anregte. Als originale Eigenschöpfung war sie lange Zeit umstritten. Nach gerichtlichen Querelen mit den Erben Otto Reuthers fand sie 1990 vom Bundesgerichtshof Anerkennung. Heute denkt kaum jemand mehr an jene problemgeladene Zeit, die Ende in nicht geringem Maße zusetzte. Zumindest Insider wussten, wie sensibel der Sohn des bedeutenden Surrealisten Edgar Ende (1901 bis 1965) war, der als Schauspieler, ausgebildet an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, anfing, sich dann aber dem Erfinden von Gedichten, Coupléts, dem Verfassen von Filmkritiken und Komödien zuwandte, bis er sich als Akteur ganz aus dem Theater zurückzog und nur mehr schrieb. Als Autor erreichte Michael Ende Auflagen in Bestsellerhöhen.

Die Figur des Goggolori geisterte bereits durch Carl Orffs bairische Komödie »Astutuli«: »Da springt er der Hortula hintn aufs Gnack, treibt Schnack und treibt Schabernack«. Alfred Kubin illustrierte diese Textzeile für eine Deutsche Taschenbuchausgabe 1980. Fünfzig Jahre zuvor fand man bei Grabungen in Kärnten ein keltisches Heiligtum mit Inschriften über einen »Genius cuculatus«, einen Kapuzengott, der wohl das Modell für das oft in Kindertexten erscheinende Sandmännchen abgab. Dass Wichtel, Zwerge und Kobolde die letzten Lebensformen der vom Christentum entthronten heidnischen höheren Wesen sind, ist dem Volkskundler geläufig. Ein Erhabener war degradiert worden zu einem Untertan. Der war über die ihm durch Geringschätzung zugefallene Bedeutungsminderung erbost und versuchte nun, sich dafür zu rächen. Er geriet in Feindschaft mit den ihn als Machtinhaber anrufenden Menschen, die er nasführte, belog, bedrohte, in existentielle Ängste trieb.

Der Goggolori ist, wie alle seine Vettern aus der Welt der Schrate, Kobolde, Zwerge, unerlöst. Seine Erlösungsbedürftigkeit durchzieht die Geschichte, die Ende/Hiller auf die derb und deftig bairisch eingefärbte Musiktheaterbühne brachten. So wurden sie mit Richard Wagners Mythenwelt verwandt, dessen zentrale Dramenfiguren der Erlösung harren – vom auf den Weltmeeren umherirrenden »Fliegenden Holländer« bis zum »Parsifal«-Amfortas, dessen von Klingsor geschlagene Wunde sich nicht schließen mag. Der Zuschauer ist in der Frage der Sympathie mit Wagners Erlösungs-Typen zwiegespalten; kostet doch eine Erlösung jedes Mal einen hohen Preis, meistens den des Opfers des eigenen Lebens. In der Volks-Oper »Der Goggolori« erlöst das Bauernmädel Zeipoth, dem der Schrat Goggolori versprochen war, diesen dadurch, dass sie ihm ihren Tod schenkt. »Kann jez ned mid dia ge und nia. Zschbaat kummst, mey liaba Bua. Mex Lem – am Goggolori gheats und aa mey Dod dazua«, singt die unschuldige Zeipoth, als sie ihrem Liebsten, dem Musikanten und armen Köhler Aberwin, sanft den Laufpass gibt. Das ist eine anrührende Szene, von Wilfried Hiller wunderbar zart musikalisch untermalt. Den Zuschauer, der ein Ohr für psychologische Zwischentöne hat, überkommt ein leiser Schauer.

Hatte man das Glück, den »Goggolori« auf der von aller Zivilisation weit entfernten Waldbühne des oberbayerischen Theaterdorfes Halsbach im Landkreis Altötting zu erleben (wie das im Rahmen des »Musiksommers zwischen Inn und Salzach« 2013 bei drei abendfüllenden Aufführungen möglich war), wird man als einzig adäquaten Spielort dieses Stückes den Naturschauplatz erkennen und dabei die Theaterbühne als artefaktischen Ersatz abtun müssen. Ein Regisseur wie der 1957 in Halsbach geborene Gründer der hiesigen Waldbühne, der Theaterdichter, Schauspieler und Intendant Martin Winklbauer, ist begabt und begnadet, eine märchenhaft- mythische Atmosphäre zu schaffen, die keinem anderen Stück so perfekt zugutekommt wie dem »Goggolori«. Unter einer schützenden Plane sitzt man auf Holzbänken, vor sich die Waldkulisse mit Blockhütte, Fichten, Baumstümpfen und Gesträuch, aus dem es schon gleich zu Beginn der Oper dampft und zischt, wenn die Ullerin, Hexe und Gesundbeterin, Baderin und Kräuterweib, nach dem Goggolori ruft, dem sie – im Auftrag der reichen Bauers- und Webersleut – auf den Fersen ist, um ihn abzukrageln. Theatereffekte auch hier, auf der Waldbühne, wo sich der kleine Malefizkerl, der vielgestaltig auf- und, bald aus einem Baum, bald aus einem Graben oder einer Höhle, heraustritt und die Leut' schreckt, nicht ohne weiteres fangen lässt. Man bekam in Halsbach eine nützliche Text-Handreichung, der hier im Wesentlichen gefolgt wird, um Inhalt und Ablauf der Oper anschaulich darzustellen:

Die mit Zauberkünsten begabte Ullerin macht Jagd auf den Goggolori, der ihr aber immer wieder entwischt. Zeipoth, die Unheimliches wahrzunehmen glaubt, fürchtet sich im Moor. Sie ist froh, ihren Liebsten Aberwin zu sehen, den ihre reichen Eltern ablehnen, weil er arm ist. Der Einsiedel will für sie als Paar eintreten. All dies hat der Goggolori heimlich belauscht und versteht nun die Verfolgungsjagd der Ullerin. Er wünscht ihr alle Hummeln und Hornissen auf den feisten Leib.

Irwing, Zeipoths Vater, berichtet dem Einsiedel von seinem Vertrag mit dem Goggolori, dem er und sein Weib ihren Reichtum verdanken: Jetzt könne dieser ihre ihm versprochene Tochter als Lohn für seine Dienste verlangen. Am besten, so der Eremit, gäben sie Zeipoth dem Aberwin, doch die Weberin stimmt nicht zu.

Der Goggolori erscheint Zeitpoth als Wichtel beim Schlehenpflücken. Er wirft ihr vor, sich an seinem Besitz zu vergreifen. Zeipoth nimmt das als Scherz, balgt sich mit ihm und nimmt ihn mit nach Hause.

Die Ullerin kriegt den Goggolori nicht zu fassen. Die Weberin bezahlt sie, damit sie dem Goggolori den Garaus mache. Sie luchst ihr eine Phiole ab, die ein Stückchen vom Mond enthält. Damit kriege sie den Wicht. Wenn nicht, stünde sie dafür ein, dass das Land von der Pest heimgesucht wird.

Der Goggolori unterhält die Spinnerinnen. Zeipoth kann grad noch verhindern, dass die Weberin den Goggolori mit der Phiole trifft. Doch diese birst, was einen Tumult unter den Spinnerinnen auslöst.

Zum Erntedank predigt der Einsiedel gegen Krieg und Unglauben. Auf dem Fest erscheint der noch immer freie Goggolori zum Entsetzen der Weberin. Sie muss hören, dass die Pest ihre Opfer fordere. Das erste ist bereits sie.

Vier Monate später: Irwing kniet nachts am Grab der Weberin, die keine Ruhe findet. Zeipoth, vom Goggolori verschleppt, erscheint. Jetzt weiß sie von ihm, dass ein Fluch auf ihm liegt und er nicht sterben kann. Die Weberin geistert herum und gesteht ihre Schuld ein. Von Irwing hört Zeipoth, dass sie dem Goggolori versprochen war.

Die Ullerin, durch die Pest wohlhabend geworden, kartelt mit dem Goggolori. Zuerst um Geld, dann um die Macht – auch über Zeipoth. Der Goggolori gewinnt. Zeipoth schenkt dem Goggolori ihren Tod dafür, dass er ihr das Leben rettete.

Das Bauernvolk beklagt Zeipoths Schicksal. Bis zum Ende aller Zeiten ist sie zum Weben verdammt. Der Epilog bringt den »Abgesang«. Hinter einem Schleiervorhang, so des Autors Anweisung, soll Zeipoth sitzen. »Sie ist weiß und grau, aber alterslos«. Es soll dämmern im Hintergrund, während die Vorderbühne immer stärkeres Licht bescheint, »sodass der Schleiervorhang langsam undurchsichtig wird. Er sieht aus wie ein kostbares, silberweißes Brokatgewebe voller Pflanzen- und Tierformen«.

Gesungen wird vom disparaten himmlischen und irdischen Glück: »des oane kost oiwai des anda«. Frauen und Männer beschwören das Weltenende: »Und die lange, die lange Ewigkeit bis zum End fo da Wöid, bis zum End fo da Zaid, sitzt di Zaibot, wia Föis und wia Nebe so grau, und muas ewig lem und muas ewig wem am Kronmantl unsara Liabn Frau.«


Dr. Hans Gärtner


Verwendete Literatur:

- Michael Ende: Der Goggolori. Eine bairische Mär, Stuttgart 1984
- Staatstheater am Gärtnerplatz, München: Programmheft »Der Goggolori« zur Aufführung am 17. 2. 1985 (Musikalische Leitung: Tristan Schick, Inszenierung: Friedrich Meyer-Oertel, Bühnenbild: Hans Schavernoch, Kostüme: Lore Haas)
- Programmzettel »Der Goggolori - eine Bayrische Mär mit Musik in acht Bildern «, Musikalische Fassung von Alois Rottenaicher, Waldbühne Haslach, Gesamtleitung Martin Winklbauer, Juni 2013


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