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Jahrgang 2020 Nummer 6

Umstrittener Zufluchtsort für ledige Schwangere

Bau der Münchner Gebärklinik entfachte Diskussion um »unmoralische Mütter« – Teil I

Das Gebärhaus an der Münchner Sonnenstraße, hier ein zeitgenössischer Stich, erregte die Gemüter.
Für unverheiratete Frauen bedeutete ein Kind eine große finanzielle und seelische Belastung. Darstellung einer erschöpften Mutter mit ihrem Baby, vom norwegischen Maler Christian Krohg 1883 gefertigt. (Repros: Mittermaier)

Eine Klinik auf dem neuesten Stand der Medizin in unmittelbarer Nähe zu wissen, müsste für viele Menschen eigentlich eine große Beruhigung sein. Die Errichtung einer neuen Gebäranstalt Mitte des 19. Jahrhunderts in der Münchner Sonnenstraße stieß allerdings nicht in allen Kreisen der Gesellschaft auf entsprechende Zustimmung: Die einen bekrittelten die Nähe der Anstalt zu den angrenzenden Wohnhäusern und Straßen, während andere sich am opulenten Baustil des Gebäudes stießen. Der tatsächliche Stein des Anstoßes waren aber weder Lage noch die aufgewandten Kosten, sondern die Klientel, für die die Klinik in erster Linie gedacht war, nämlich unverheiratete Schwangere, die nicht wussten, wo sie ihr Kind zur Welt bringen sollten und oft auch keine entsprechenden finanziellen Mittel hatten, um Hebammen oder Ärzte zu bezahlen. Die Idee, einen Zufluchtsort zu schaffen für jene, »die ihrer Entbindung aus welchen Rücksichten immer mit Furcht und Bangigkeit entgegensehen«, wie es ein zeitgenössischer Autor formuliert, war im München des 19. Jahrhunderts keineswegs neu. Bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts gab es, wie alte Rechnungen belegen, im Heilig-Geist- Spital eine Entbindungsstation, auf der »arme Mädchen« – sprich Unverheiratete – zweiWochen vor ihrer Entbindung aufgenommen und dort bis nach der Geburt unentgeltlich verpflegt und betreut wurden. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Gebär-Anstalt modernisiert und zusätzlich eine geburtshilfliche Lehranstalt eingerichtet, die es bis dahin im südlichen Bayern nicht gab. Mit dem medizinischen Fortschritt des 19. Jahrhunderts, der einherging mit einer Professionalisierung sowohl der Ausbildung von Ärzten wie auch der Behandlung von Patienten, entstanden auch erste Kliniken im heutigen Sinn, wobei die Blütezeit der Münchner Kliniken mit der Übersiedlung der Ludwig-Maximilians-Universität von Landshut in die bayerische Landeshauptstadt 1826 begann, in deren Folge eine ganze Reihe von Einrichtungen unter dem Dach der medizinischen Fakultät entstanden.

Die Geburtshilfe war lange Zeit Domäne von Hebammen – viele Frauen, vor allem auf dem Land und aus den unteren Schichten, bekamen Ärzte während der ganzen Schwangerschaft und auch bei der Geburt nur selten zu Gesicht. Angehende Mediziner wiederum hatten Geburtskunde zunächst nur sporadisch auf dem Stundenplan und erhielten erst mit der Entstehung entsprechender Kliniken die Möglichkeit, ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet zu erweitern.

Auch das neue Münchner Gebärhaus diente als Lehranstalt, wobei sicher nicht jede Patientin glücklich darüber war, als »Versuchskaninchen« dienen zu müssen, wozu speziell die Schwangeren, die für ihren Aufenthalt nicht zahlen konnten, allerdings verpflichtet waren. Allerdings waren sie es in der Regel auch gewohnt, dass ihre Umgebung wie auch die Öffentlichkeit insgesamt nicht allzu rücksichtsvoll mit »gefallenen Mädchen« umging.

Was konservative Kreise über unverheiratete Schwangere dachten, belegt ein Bericht der »Bayerischen Nationalzeitung« aus dem Jahr 1835: Demnach hatte die Kammer der Reichsräte – die sogenannte Erste Kammer im bayerischen Parlament, die sich aus Mitgliedern führender Adelsfamilien, Erzbischöfen und Kronbeamten zusammensetzte – gesetzliche Maßnahmen gegen die »überhandnehmende Mehrung« unehelicher Kinder gefordert. Als Mittel, wieman diesem »Übelstande« begegnen könnte, nannten die Herren Reichsräte die Aufhebung der Paternitätsklage sowie die »angemessene Bestrafung der Mütter in Polizei- und Arbeitsanstalten.«

Wohl kaum eine Aussage könnte die Doppelmoral der damaligen Zeit besser beschreiben als dieses Ansinnen: Zwar dürfte den auch biologisch weniger versierten Zeitgenossen durchaus bewusst gewesen sein, dass Männer an der Entstehung eines Kindes genauso beteiligt waren wie Frauen, die negativen Konsequenzen trug nach damaliger Moral aber allein die Schwangere. Wäre der Vorschlag angenommen worden, hätten Mütter illegitim geborener Kinder, wie man uneheliche Sprösslinge damals bezeichnete, nicht nur die Möglichkeit verloren, die Vaterschaft und damit auch die Zahlung von Unterhalt einzuklagen, sondern wären darüber hinaus auch noch als Straftäterinnen ins Gefängnis oder Arbeitshaus gesteckt worden.

Ironischerweise kamen im Bayern des 19. Jahrhunderts 20 Prozent, also jedes fünfteKind außerehelich zur Welt; die vorhandenen Arrestanstalten wären durch die Flut an schwangeren Insassen aus allen Nähten geplatzt, ganz zu schweigen von dem Stigma, dem die betroffenen Frauen ausgesetzt gewesen wären, nur weil sie das Pech hatten, ein Kind ohne Ehemann zu bekommen. Zum Glück bewies zumindest die Kammer der Abgeordneten Verstand und Humanität und schmetterte die Vorschläge der Reichsräte ab mit der Begründung, »dass diese sich weder mit den Rücksichten der Menschlichkeit, noch den Grundsätzen des Rechts und der Moralität vereinigen ließen, das schwache Geschlecht bloßzustellen, und nicht selten ein unschuldiges Mädchen vollends zur Verzweiflung bringen würden.«

Jenen Kritikern, die sich neben der Existenz des neuen Gebärhauses auch noch über dessen in ihren Augen »Palazzo prozzo«-artigen Stil mokierten, nahm dessen neuer Direktor, AnselmMartin, den Wind aus den Segeln, in dem er erklärte, dass alle während der Regierungszeit König Max II. gebauten öffentlichen Gebäude den gleichen Stil aufwiesen und eine entsprechende architektonische Opulenz nichts anderes demonstriere als die Wertschätzung seiner Majestät für die darin untergebrachten Institutionen.

Dass Frauen ihre Kinder in einem Krankenhaus zur Welt bringen, war bis weit ins 20. Jahrhundert grundsätzlich eher Ausnahme denn Regel, wofür es mehrere Gründe gab: Zum einen entstanden vor allem im ländlichen Bereich erst im Lauf des 19. Jahrhunderts nach und nach überhaupt Kliniken, und dort wurden hauptsächlich schwer Kranke aufgenommen, deren ärztliche Behandlung – etwa, weil Operationen notwendig waren – im häuslichen Umfeld nicht mehr möglich war. Schwangere fielen normalerweise nicht in diese Kategorie. Wer es sich leisten konnte, entband zu Hause in der gewohnten Umgebung, betreut von der örtlichen Hebamme. Bei Frauen, die außerehelich schwanger wurden, sah die Situation allerdings anders aus: Viele der Betroffenen verdienten sich ihren Lebensunterhalt als Dienstboten und wohnten in der Regel im Haushalt ihrer Arbeitgeber, die sie, wenn sie von den »anderen Umständen« erfuhren, von einem Tag auf den anderen, ohne Lohnfortzahlung, vor die Tür setzen konnten. Bei ihren Eltern oder sonstiger Verwandtschaft unterzukommen, war oft schwierig, entweder, weil die Familien selbst kaum über die Runden kamen und eine schwangere Anverwandte nicht monatelang durchzufüttern, geschweige denn auch noch die Kosten für eine Hebamme aufbringen konnten.

Darüber hinaus galt eine Frau, die keinen Ehemann oder zumindest Verlobten hatte und ein Kind erwartete, aus Sicht der Gesellschaft als Schandfleck, weshalb Familien, um dem Getratsche von Nachbarn und Bekannten zu entgehen, nicht selten auch deshalb einer Betroffenen die Tür wiesen. Die werdenden Väter waren ebenfalls kaum eine Hilfe, entweder, weil sie auch kein Geld hatten oder weil sie, ohne entsprechenden gerichtlichen Zwang, nicht bereit waren, sich an den Kosten für Unterhalt von Mutter und Kind zu beteiligen.

Die neue Gebär-Anstalt, die ihre Pforten nach drei Jahren Bauzeit 1856 geöffnet hatte, war grundsätzlich für alle Schwangeren offen, es bestanden jedoch bestimmte Regeln, wann und zu welchen Konditionen »Pfleglinge«, wie die Patientinnen genannt wurden, aufgenommen wurden. Schwangere, die Kosten für Aufenthalt und Betreuung zu übernehmen, erhielten frühestens vier Wochen vor der Entbindung einen Platz. Zahlende Patientinnen konnten die Dienste der Klinik auch schon früher in Anspruch nehmen, wofür sie 24 Kreuzer pro Tag für ein Mehrbettzimmer und noch einmal 24 Kreuzer für Vollverpflegung berappen mussten. Zum Vergleich: Eine Bauernmagd in Niederbayern verdiente um 1840 durchschnittlich 25 Gulden pro Jahr mit Kost und Logis, eine Münchner Arbeiterin um 1870 etwa 40 Kreuzer pro Tag, von denen sie im Gegensatz zur Magd aber ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten musste.

Schwangere aus bessergestellten Kreisen konnten im Gebärhaus gegen einen entsprechenden Aufpreis Extras in Anspruch nehmen, wie zum Beispiel Einzelzimmer, umfassendere ärztliche Betreuung sowie Zusicherung, dass Aufenthalt und Identität strikter Geheimhaltung unterlagen, was vor allem für Frauen aus bürgerlichen oder adeliger Kreise wichtig war, für deren Familie ein uneheliches Kind eine noch größere moralische Katastrophe bedeutete als für Schwangere aus der Unterschicht. Die Anstaltsleitung versprach – zumindest auf dem Papier – allen Frauen aber die gleiche, »freundliche und liebevolle Behandlung, wie in einem wohlwollenden Vaterhause« – forderte im Gegenzug aber auch die Einhaltung strikter Verhaltensregeln, gegen die heutige Patienten von Krankenhäusern sicher heftig rebellieren würden: Den Frauen war zum Beispiel nicht gestattet, ohne Erlaubnis ihr Zimmer zu verlassen, geschweige denn in den Garten oder gar auf die Straße zu gehen. Der Briefverkehr wurde kontrolliert und selbst die Zeit, wann die »Pfleglinge« sich ins Bett legen durften, war genau geregelt. Die Zeit untertags sollten die Frauen mit leichten Arbeiten oder erbaulicher Lektüre verbringen – was sie lasen, wurde vom Anstaltsleiter kontrolliert, und eventuell »sittlich gefährdende Schriften«, worunter zu dieser Zeit zum Beispiel auch Romane fielen, konfisziert. Zur richtigen Einschätzung derartiger Regeln muss man allerdings berücksichtigen, dass in der Gesellschaft an sich ähnlich patriarchalisch geprägte Grundsätze galten: Väter oder Ehemänner nahmen sich ebenfalls das Recht heraus, darüber zu bestimmen, was für ihre Töchter und Ehefrauen schicklich war – und vor allem was nicht. Einen Einblick in den Alltag der Gebärklinik liefert auch die Kostordnung für die Verpflegung, in der ebenfalls unterschieden wurde, ob jemand für seinen Aufenthalt zahlte oder nicht: Für Empfängerinnen der höchsten Koststufe gab es in der Früh eine Tasse Kaffee und Brot, Mittags Suppe, ein halbes Pfund Ochsenfleisch, eine Semmel und Gemüse sowie Abends eine eingekochte Suppe, ein halbes Pfund Kalbfleisch und Weißbrot.

Auf dem Speiseplan der anderen Koststufen, der nicht nur wegen geringerer finanzieller Mittel, sondern auch aus rein diätetischen Maßnahmen karger ausfiel, gab es zum Frühstück keinen Kaffee, sondern nur Einbrennsuppe, mittags und abends ebenfalls nur Suppen mit Reis, Graupen oder Kartoffeln, dazu Brot sowie eine Portion Obst zum Mittagessen.

Für alle Klassen von Patientinnen praktisch gleich waren dagegen die hygienischen Bedingungen, die nach heutigem Verständnis mitunter gruselerregend anmuten, Mitte des 19. Jahrhunderts aber als fortschrittlich galten. Damals war die Existenz von Viren und Bakterien als Überträger von Krankheiten noch nicht bekannt und man vermutete stattdessen vor allem schlechte Lüfte, sogenannte Miasmen, als Grund, warum Menschen krank wurden. Das Hauptaugenmerk bei der Konzeption von Kranken- und Behandlungszimmern lag deshalb auf zum Teil kompliziertesten Rechenmodellen, wie viel Frischluft pro Patient benötigt wurde und der Austausch von »schlechter« und »guter« Luft bewerkstelligt werden könnte, während zum Beispiel frische Bettwäsche und saubere Matratzen oft Mangelware waren. Dass Krankheiten, darunter auch das von Gebärenden gefürchtete, meist tödliche Kindbettfieber nicht durch üble Gerüche entstand, sondern als mangelnder Desinfektion, setzte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als allgemein anerkannte Erkenntnis durch, und selbst dann waren die hygienischen Methoden, die Ärzten, Hebammen und Schwestern zur Verfügung standen, nur begrenzt wirksam.

Mehr über den Alltag im Münchner Gebärhaus wie auch das Schicksal der dortigen Patientinnen lesen Sie in der nächsten Ausgabe der »Chiemgau-Blätter«

 

Susanne Mittermaier

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 7/2020 vom 15. 2. 2020

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