Jahrgang 2003 Nummer 34

Troja gibt immer mehr Geheimnisse preis

Die Stadt war viel größer als angenommen

Der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann steht in der archäologischen Ausgrabungsstätte Troja im Nordwesten der Türkei. Die von

Der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann steht in der archäologischen Ausgrabungsstätte Troja im Nordwesten der Türkei. Die von Korfmann in den letzten Grabungsperioden entdeckte »neue Größe Trojas« schätzt er selbst als eines der wichtigsten Forschungsergebnisse seiner 15-jährigen Arbeit ein.
Die weltberühmte archäologische Ausgrabungsstätte Troja im Nordwesten der Türkei gibt immer mehr Geheimnisse preis. Vieles lag bisher über die Stadt an den Dardanellen im Dunkeln, die Homer im 8. Jahrhundert v. Chr. mit seiner »Ilias« und der »Odyssee« im Abendland bekannt machte. Bis vor kurzem war die Frage ungeklärt, wie groß und wie bedeutend Troja in der späten Bronzezeit (1750 bis 1200 vor Christus) war, in die Homer den Trojanischen Krieg legte.

Der Tübinger Archäologe Professor Manfred Korfmann hat nach 15 Jahren Grabungsarbeiten in Troja Bilanz gezogen. »Troja war zu dieser Zeit sehr bedeutend. Es gab nicht nur die Burgstadt. Es gab auch eine Unterstadt mit insgesamt 270 000 Quadratmeter umwehrter Fläche. Damit war Troja 13 Mal größer als die bisher bekannte Burg mit 11 000 Quadratmetern«, sagte der Grabungsleiter jetzt in Troja vor Journalisten und Archäologen. Korfmann kommt zu dieser Feststellung, weil er die Grenzmauern gefunden und teilweise ausgegraben hat. Auch konnte der Archäologe die Fläche vieler Häuser freilegen und durch die Auswertung spezieller Satellitenaufnahmen die Unterstadt »entdecken«.

Die von Korfmann in den letzten Grabungsperioden entdeckte »neue Größe Trojas« schätzt er selbst als eines der wichtigsten Forschungsergebnisse seiner Grabungskampagne ein. Korfmann, der als der derzeit profundeste Troja-Kenner weltweit gilt, will mit seinen Forschungsergebnissen einigen Wissenschaftlern und insbesondere seinem Tübinger Kollegen und Ordinarius für Alte Geschichte, Frank Kolb, mit Fakten kontern.

Kolb hatte erst vor kurzem erneut den Wissenschaftler-Krieg um Troja entfacht. Er warf Korfmann »Irreführung der Öffentlichkeit« vor, wenn dieser Troja als »große und bedeutende Stadt« bezeichne. Nun sieht sich Korfmann – ohne den Namen seines Kontrahenten auszusprechen – als Sieger des Zwists. Korfmann: »Die Existenz einer ausgedehnten Unterstadt kann nicht mehr angezweifelt werden.« Die Einwohnerzahl des damaligen Troja schätzt er auf bis zu 7000 Menschen.

Korfmann, der nach Heinrich Schliemann Troja wieder in die Öffentlichkeit holte, hat mit seiner Mannschaft das unter Schutt und Ackerland liegende Troja durch die Freilegung von Türmen und stark befestigten Burganlagen wieder sichtbar gemacht. Heute kommen pro Jahr eine halbe Million Menschen nach Troja, um die ausgegrabene Burganlage, Türme und Plätze zu sehen. Wo Schliemann den unschätzbaren »Schatz des Priamos« ausgrub, wächst heute ein grüner Busch in der Mauer.

Mit 370 Wissenschaftlern hat Korfmann 13 240 Quadratmeter Troja-Boden Millimeter für Millimeter durchsucht. Mit Funden will er belegen, dass die Stadt eine »Mittlerfunktion zwischen Orient und Okzident« einnahm. Dazu gehören Metalle und Gefäße sowie die Auswertung von Keilschriften, die außerhalb Trojas gefunden wurden. 1200 vor Christus sei die Stadt in einer »Katastrophe« mit Bränden und Toten geendet. Korfmann: »Es war ein verlorener Krieg.« Es sei auch jene Zeit, in die Homers »Trojanischer Krieg« möglicherweise zu legen wäre.

Nach 15 Jahren Grabungsarbeit ist sich Korfmann sicher, dass Troja im dritten und zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung »keinen vergleichbaren Ort in Europa hatte« – allein wenn man die nunmehr freigelegten mächtigen steinernen Burganlagen zum Maßstab nimmt. Troja, dies sei nun sicher, sei einer der ersten Orte im Grenzgebiet zwischen Asien und Europa gewesen, »an dem behauene Quadersteine verwendet wurden – und dies in einer Zeit, in der Eisen noch nicht bekannt war«.

Die 15-jährige Grabungsarbeit wäre nach Worten von Korfmann ohne die finanzielle Unterstützung des Stuttgarter DaimlerChrysler- Konzerns nicht möglich gewesen. Der Konzern hat über drei Millionen Euro in Troja investiert und zahlreiche publizistische Veröffentlichungen gefördert. Korfmann hat eine persönliche Grabungslizenz der türkischen Regierung. Auch in den kommenden Jahren wird er in Troja bleiben, aber sich mit seinen Mitarbeitern weniger auf Ausgrabungen als auf die Auswertung der Funde konzentrieren.

Korfmann ist stolz, dass die türkische Regierung auf seine Wünsche hin das gesamte Gebiet in Troja inzwischen zum »historischen Nationalpark« erklärt hat. 50 archäologische Plätze seien damit für immer vor Überbauung geschützt. Der Archäologe geht fest davon aus, dass die Regierung in Ankara ihr Versprechen hält und in Kürze ein Museum direkt in Troja baut.

WS



34/2003
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