Jahrgang 2003 Nummer 6

Trilobiten – Fossilien erzählen die Geschichte

Diese Meeresbewohner existierten länger als die Dinosaurier

Die Dinosaurier waren die Größten! Aber nicht minder markant waren in der Frühzeit des Tierlebens auf der Erde die meerbewohnenden Trilobiten. Nicht nur, dass sie etwa doppelt so lange existierten wie die Riesenechsen – 300 Millionen Jahre. Markant in ganz besonderem Sinne sind diese Gliederfüßer für uns als Informanten darüber, wie die Erde zu ihrer Zeit aussah. Der Brite Richard Fortey, Leitender Paläontologe am Natural History Museum in London, beschreibt in seinem Buch »Trilobiten! Fossilien erzählen die Geschichte der Erde« (Verlag C.H. Beck, München, 275 S., ISBN 3-406- 49592-3, 24,90 Euro), wie mit ihrer Hilfe eine Karte der Kontinente vor einer halben Milliarde Jahren erstellt werden kann.

Die Trilobiten konnten ganz unterschiedlich groß werden – manche wie eine Suppenterrine, andere wie ein Marienkäfer. Manche waren stachelig, andere glatt wie gekochte Eier. Sie besaßen Augen aus Kalzit – einmalig im Tierreich. Diese Kalkspat-Linsen erlaubten eine viel bessere Abbildung der Umwelt als die Augen anderer Gliederfüßer. Ihren Namen tragen die Trilobiten wegen der Dreilappenunterteilung ihres Körpers (lateinisch lobi = Lappen): Kopf, Rumpf, Schwanz.

Die zuerst im Kambrium vor 545 Millionen Jahren aufgetretenen Trilobiten waren in der folgenden Erdgeschichtsperiode, dem Ordovizium, überall auf dem Globus zu Hause – vor allem in küstennahen Gewässern. Informationsquelle sind sie, weil sie sich jeweils nach Klima und Umgebung unterschiedlich entwickelten.

In Gesteinen im Nordwesten Schottlands und im Westen Irlands findet man dieselben Gliederfüßer dieser Kategorie wie jenseits des Atlantiks im Westen Neufundlands und Grönlands. Das besagt, dass diese Gegenden vor 470 Millionen Jahren zu einer zusammenhängenden Landmasse gehörten. Die Geologen nennen sie Laurentia. Die Gesteine der schottischen Insel Skye entsprechen genau der Art von Kalkstein, die man im Staat New York findet – Gesteine, die unter den Strahlen einer tropischen Sonne abgelagert wurden. Durch Laurentia verlief der Äquator. Wo man Trilobiten etwa aus der Familie der Bathyuriden findet, steht man auf dem Boden dieses einstigen Kontinents.

Es gibt sie auch in Spitzbergen und der kanadischen Arktis, im Westen Kanadas und der USA bis ins Große Becken von Utah, Nevada und Idaho, quer durch Texas, Oklahoma und den Westrand der Appalachen. In Neufundland werden Bathyuriden nur im Westen der Insel gefunden. Ihre Zeitgenossen auf der Ostseite ähneln ihnen nicht. Die beiden Seiten der Insel waren damals durch einen Ozean getrennt und so weit voneinander entfernt wie heute Brasilien und Nigeria.

Ein anderer Kontinent in jener Zeit war Gondwana mit ebenfalls besonderen Trilobiten. Diese riesige Landmasse drängte sich weitgehend in der südlichen Erdhälfte zusammen. Mitten zwischen Laurentia und Gondwana lag der Kontinent Baltica. Nach derzeitigen Verhältnissen umfasste er Norwegen, Schweden, die baltischen Staaten und erstreckte sich nach Osten durch Russland bis zum Ural. Diese Gebirgskette markiert die Grenze zwischen der baltischen und der sibirischen Platte. Sie waren im Ordovizium durch einen Ozean weit voneinander getrennt. Auch in Baltica sammelte Fortey viele Trilobiten – ganz andere als in Laurentia.

Diese Fossilien sind nicht das einzige Mittel zur Rekonstruktion einer globalen Geographie der Urzeit. Auch der Paläomagnetismus kann behilflich sein: Messungen an magnetischen Gesteinen können die Position bestimmen, an der sich der Pol zur Zeit von deren Magnetisierung befand. Doch sind sie nicht immer zuverlässig, denn das Signal kann später gestört oder das Gestein umgepolt worden sein.

Trilobiten existierten Kambrium, Ordovizium, Silur, Devon und Karbon hindurch bis ins Perm vor rund 250 Millionen Jahren. Ihre Fossilien finden sich vor allem in Schiefer und Kalkstein – erhärtete und zu Platten gepresste Schlammmassen, die einst auf dem Meeresboden abgelagert wurden. Ihr Weg von da bis zur Auffindung in Kliffs heutiger Küsten, aber auch in Gebirgen und Ebenen mitten in unseren Erdteilen war höchst wechselvoll.

Der britische Forscher schreibt über seine Trilobiten-Faszination, die ihn seit seiner Jugend begleitet. Er habe von vulkanischen Inselketten geträumt, aus denen Rauchwolken herausquollen und die Lava in ein Inselmeer spien, das von Trilobiten nur so wimmelte. »Ich habe gesehen, wie diese Tiere auf einem zerstörten Meeresgrund erstickten und auf diese Weise gleichzeitig getötet und unsterblich wurden. An einem walisischen Berghang habe ich mich von der Realität einer solchen Tragödie der Urzeit überzeugt.« Fortey war noch ein Schuljunge, als er dort seinen ersten Trilobiten aus hartem Gestein hämmerte.

RG



6/2003
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