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Jahrgang 2001 Nummer 16

»Traunstein, das schöne Traunstein liegt in Asche!«

Der Stadtbrand von 1851 in Augenzeugenberichten, Publikationen und zeitgenössischen Dokumenten – Teil I

Ein Blick von der damals noch spärlich bebauten Maxstraße über die Au (rechts), die vom Brand völlig verschont wurde, auf die ze

Ein Blick von der damals noch spärlich bebauten Maxstraße über die Au (rechts), die vom Brand völlig verschont wurde, auf die zerstörte Stadt mit der Oswaldkirche inmitten der Verwüstung. Im Vordergrund sammeln verzweifelte Bürger ihre verbliebene Habe zusammen. Das unzerstörte Gebäude am linken Bildrand ist der sogenannte »Wispauersche Neubau«, das nunmehrige Landratsamt (Altbau). Rechts ist das alte Lindenbauernanwesen zu sehen. Der Stich wurde in der »lithographischen Anstalt« Anton Miller gefertigt. (Original im Stadtarchiv)
Ansicht der »Schadtzeile« (Südseite) des Stadtplatzes um 1780. Das historische Gepräge der Fassaden wurde 1851 zur Gänze zerstör

Ansicht der »Schadtzeile« (Südseite) des Stadtplatzes um 1780. Das historische Gepräge der Fassaden wurde 1851 zur Gänze zerstört. (Original im Heimathaus)
Ein historischer Spritzenwagen rückt vor zur Brandbekämpfung. In etwa so könnte man sich auch das Eintreffen der benachbarten Hi

Ein historischer Spritzenwagen rückt vor zur Brandbekämpfung. In etwa so könnte man sich auch das Eintreffen der benachbarten Hilfsmannschaften, etwa aus Altenmarkt oder Stein an der Traun, in der Nacht zum 26. April 1851 vorstellen. (Entnommen aus einem Werbeprospekt für Löschmaschinen, Stadtarchiv Traunstein, A 091/21)
In ihrer über 750jährigen Geschichte wurde die Stadt Traunstein zweimal von Stadtbränden heimgesucht: 1704, als im Verlauf des spanischen Erbfolgekrieges ungarische Panduren die Stadt anzündeten und 1851. Der fast allen »echten« Traunsteinern geläufige und noch heute als Schulwissen vermittelte »erste Stadtbrand« von 1371 hingegen basiert auf einer Fehlinterpretation historischer Quellen, die der frühen Heimatforschung des 19. Jahrhunderts unterlaufen ist und die seither kritiklos von allen Autoren stadtgeschichtlicher Werke übernommen, d. h. abgeschrieben wurde. Ob Traunstein tatsächlich schon vor 1400 ein Brandunglück erleiden mußte, könnten allein archäologische Grabungen klären, die bislang noch ausständig sind. Schriftliche Dokumente jedenfalls geben darüber keine Auskunft. Sie berichten lediglich von einem sehr viel späteren Feuer im Jahr 1586, dem jedoch keinesfalls die gesamte Stadt, sondern »nur« zehn Häuser in der untern Zwerchzeile (Hofgasse) zum Opfer fielen. 1587 wurde daraufhin erstmals eine Feuerordnung für das Stadtgebiet erlassen.

Dieses Relikt des ausgehenden Mittelalters hatte nach wie vor Gültigkeit, als in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1851 Traunstein Opfer eines verheerenden Brandes wurde, der das frühneuzeitliche Stadtbild nahezu vollständig zerstörte. 90 Häuser und 30 Ökonomiegebäude im Bereich der Innenstadt fielen den Flammen zum Opfer, lediglich das heutige Heimathaus, »Zieglerwirtschaft und Brothausturm«, die Schaumburgerstraße sowie fünf Häuser der Stadtplatz-Nordseite gegenüber der Kirche wurden verschont. Das Feuer brach in einem Stadel neben dem im Bau befindlichen Pfarrhof am Maxplatz aus und nahm, begünstigt durch starken Wind, mit rasender Geschwindigkeit seinen Lauf über die mit Holzschindeln gedeckten Dächer. Sämtliche Bemühungen der heimischen und auswärtigen Lösch- und Spritzenmannschaften waren vergebens, denn: »Wenn das Feuer einmal eine gewisse Grenze überschritten, keine menschliche Gewalt mehr im Stande ist, ihm Einhalt zu thun.« Diese Feststellung Anton Millers, einer der »geistigen Väter« der 1860 als Reaktion auf den Stadtbrand ins Leben gerufenen Freiwilligen Feuerwehr Traunstein, kennzeichnet treffend die damalige Situation. Viele Bürger konnten mit Mühe ihr Leben retten und standen buchstäblich nur mit dem, was sie am Leibe trugen, vor den Trümmern ihrer Existenz.

Über die Brandursache wurde viel gemutmaßt, man vermutete zunächst einen Racheakt erzürnter Haslacher, hervorgerufen durch die gerade erfolgte Verlegung des Pfarrsitzes von ihrem Dorf nach Traunstein. Später verdichteten sich Gerüchte, wonach Fahrlässigkeit eines Dienstboten den Brand ausgelöst hätte. Beweisen allerdings konnte man derartige Spekulationen nicht, und daher konnten der oder die Verantwortlichen für das Unglück nie zur Rechenschaft gezogen werden.

An die 700 Bürger waren zunächst obdachlos, doch unverzüglich wurde der leidgeprüften Stadt reiche Hilfe aus Nah und Fern zuteil. König Maximilian besuchte schon am 27. April Traunstein, spendete Trost und wies mehrere tausend Gulden aus seiner Kabinettskasse an. In vielen Städten gründeten sich Hilfskomitees, die Geld- und Sachspenden sammelten. Und dank der raschen Auszahlung der Brandversicherungsgelder konnten die Bewohner schon bald damit beginnen, ihre Stadt aus den Trümmern neu aufzubauen. Der mittelalterliche Grundriß des Stadtplatzes blieb dabei weitgehend erhalten, lediglich die Fassaden erhielten ein neues Gesicht im Stil der Zeit. Mit der Errichtung eines neuen Rathauses auf den Grundmauern der Stallechnerschen Brandruine in den Jahren 1855 bis 1857 war der Wiederaufbau weitgehend abgeschlossen, eine beeindruckende Leistung der Bürgerinnen und Bürger, die an ihrem Schicksal nicht verzweifelten, sondern sich mit Entschlossenheit und Tatkraft »ihre« Stadt neu schufen.

Mehrere Schilderungen und Berichte verschiedener Augenzeugen dieser wohl größten Katastrophe der Traunsteiner Geschichte sind uns überliefert. Eindrucksvoll legen sie Zeugnis ab vom Ausmaß der Schäden, von der Verzweiflung der Menschen, aber auch von Mut, Hoffnung und Tatkraft. Bei den nachfolgenden wörtlichen Wiedergaben wurden Sprache und Rechtschreibung (weitgehend) unverändert beibehalten.

Max Fürst »Traunstein im 19. Jahrhundert«

Der Kunstmaler, Heimatforscher und Schriftsteller Max Fürst, Ehrenbürger der Stadt Traunstein, schilderte das schreckliche Ereignis und dessen Hintergründe in seinem an Weihnachten 1900 erschienenen Büchlein »Traunstein im neunzehnten Jahrhundert«:

»Als man in den Familienstuben und Gast-Lokalen Traunsteins den Sylvester-Abend 1850 feierte, da dachte man wohl nicht, daß schon die nächste Zeit gar schwere Heimsuchungen bringen werde. War der Anfang des Jahrhunderts für die Allgemeinheit bitter gestaltet gewesen, so brachten die angehenden fünfziger Jahre speziell für Traunstein herbe, kummervolle Tage. Wir haben hier zunächst anzudeuten, daß die bereits erwähnte Verlegung des Pfarrsitzes vom Dorfe Haslach nach der Stadt mancherlei Aufregung, zunächst bei der Landbevölkerung, hervorzurufen imstande war. Bald nachdem der Pfarrherr mit seinen Hilfsgeistlichen eine Interimswohnung in der Stadt (im Hause des Kaufmanns Wassermann) bezogen hatte, fand man vor der äußeren Sakristeithüre bei St. Oswald einen Brief, welcher ein großes Unglück ankündete, falls man sich unterstehen sollte, den Bau des Pfarrhofes, wozu bereits vor dem äußeren oberen Throre die Grundstücke erworben waren, zu beginnen. Ob dieser am 5. März 1851 gelegte Drohbrief mit dem bald darauf entstandenen Brand in wirklichem Zusammenhange stand, kann freilich nicht mit voller Sicherheit gesagt werden, wir halten aber die hohe Wahrscheinlichkeit für gegeben, daß eine ruchlose Hand an den Stadtbewohnern, die in der Pfarrsitzfrage den Sieg davon getragen, bitter sich rächen wollte.

In der Nacht von Freitag den 25. auf Samstag den 26. April brach in einem Oekonomiegebäude, welches auf dem zur Anlage des Pfarrhofes erworbenen Platz stand, plötzlich Feuer aus, das, von heftigem Winde gejagt, alsbald seinen verheerenden Flug durch Traunstein nahm. Da bei der raschen Ausdehnung des Brandes die innere Stadt sowie der Salinenbezirk gleichzeitig bedroht erschienen, zeigte sich unter der aus dem mitternächtigen Schlafe aufgeschreckten Bevölkerung große Verwirrung. Das Salinenpersonal, auf nötigen Schutz des eigenen Bezirkes bedacht, konnte nicht entsprechend zu Hilfe kommen; die Arbeitskräfte und Löschrequisiten der Stadt, »letztere ohnehin nicht in hervorragendem Stande«, reichten zur Dämpfung des Brandes nicht hin. Der heftigen Luftströmung folgend, hatten die Flammen zunächst die Salzstädel ergriffen und zogen an diesen und auf den Dächern der gegenüber liegenden Gebäude nach den beiden oberen Thoren. Dort wurde zwar durch die inzwischen erschienenen Hilfsmannschaften von Stein und Altenmarkt dem Feuer momentaner Einhalt gethan, aber bereits hatten einzelne Flammen darüber hinweg die inneren Häuser mit solcher Schnelligkeit und Gewalt ergriffen, daß eine Rettung unmöglich wurde. Rasch loderte die südliche Häuserreihe des Hauptplatzes im Feuer hoch auf, so daß durch die außerordentliche Hitze gegen halb 3 Uhr morgens auch die St. Oswaldkirche in Brand geriet.

Trotz Regen und Schneegestöber nahm das entfesselte Element seinen Weg; der Sturmwind warf Feuerbrände auf die Nordseite des Platzes, bald standen auch hier alle Häuser in wilden Flammen, die nun hüben und drüben gegen das Salzburgerthor und dessen Turm sich wälzten. Die Bewohner der Vorstadt Vorberg, über welche der Sturm die Feuergarben hoch in der Luft dahinwirbelte, wehrten thätigst auf ihren Dächern die fallenden Gluten ab. Dennoch entzündete ein brennendes Holzstück das unbewachte Dach einer Hütte, und nach kurzem lag auch die südliche Häuserzeile dieses östlichen Stadtteils in Asche.

Nur durch lebensgefährliche Wagnisse vieler, zunächst durch die angestrengte Thätigkeit der aus der Nachbarschaft – auch aus Salzburg – eingetroffenen Hilfsmannschaften, war es möglich geworden, etliche Teile der Stadt und auch der Vororte vor der Wut der Flammen zu retten. Aber groß genug war die Ausdehnung des Unglücks: mit der St. Oswaldkirche lagen neunzig Wohnhäuser und dreißig Scheunen im Schutte.

Gramgebeugt und sorgenbelastet standen die meisten Bürger Traunsteins nun »am Grabe ihrer Habe«; immerhin war ihnen der Trost geblieben, daß beim Zählen ihrer Angehörigen kein teures Haupt fehlte. Bei den Umständen, unter denen der Brand sich entwickelte, bei der Ausdehnung, die er genommen, muß es fast als wunderbar bezeichnet werden, daß kein Menschenleben der Katastrophe zum Opfer fiel ...«

Ungeachtet der aus heutiger Sicht teilweise pathetischen Wortwahl und einiger zweifelhafter Aussagen und Wertungen – die abschätzige Randbemerkung über den schlechten Zustand der städtischen Löschrequisiten beispielsweise hält einer historischen Überprüfung keinesfalls stand – bietet Max Fürst für jeden heimatkundlichen Interessierten nach wie vor den idealen Einstieg in die Geschehnisse des 19. Jahrhunderts. Zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt äußerte er sich wie folgt:

»Während Turm und Thore nun fielen (gemeint waren der Jacklturm und das obere innere sowie äußere Tor), die St. Oswaldkirche allmählige Wiederherstellung fand, erhoben sich rasch die Häuser der Bürger aus dem Schutte. Trotz des äußerst unfreundlichen, regenreichen Sommers 1851 entfalteten die Bauleute regste Thätigkeit, und so gestalteten sich in verhältnismäßig kurzer Zeit zunächst die Häuserreihen des Hauptplatzes zu dem hübschen Architekturbilde, dessen Anblick heute Einheimische wie Fremde erfreut. Als letztes Glied der Neubauten des Stadtplatzes entstand 1855-1877 nach dem Plane des kgl. Bauingenieur(s) v. Kapeller das Rathaus, dessen Facade, ausgeführt im »gothischen« Stil, als eine hervorragende Schöpfung freilich nicht bezeichnet werden kann (...).«

Bericht des Landgerichtsvorstandes Anton von Schmid

Ein sehr authentischer, weil unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen erstellter Bericht findet sich in den »Brandakten« des Stadtarchivs Traunstein (Signatur: A II 5/2). Verfaßt wurde dieser vom Vorstand des Königlichen Landgerichts Traunstein – das Amt wäre heute dem des Landrates mit zusätzlicher Jurisdiktion gleichzusetzen – Anton von Schmid. Am »26. April 1851, Nachmittags 3 Uhr«, schilderte er dem Präsidium der Regierung von Oberbayern den Ernst der Lage. Die im Original zunehmend flüchtig und unleserlich werdende Handschrift spiegelt deutlich die Aufgeregtheit des Beamten wieder:

»Ein gräßliches Verhängnis ließ die Vorsehung über die Stadt Traunstein walten, deren größter Gebäudetheil ein Raub der Flammen wurde. Heute ungefähr um 12.30 Uhr Nachts ertönte Feuerruf, und außer dem Rosenheimerthore zunächst dem für Erbauung eines neuen Pfarrhofes bestimmten Platze loderte ein dem Stadtschreiber Daxenberger gehöriger Stadel hoch auf, dessen Feuer bey starkem Winde einen Theil der städtischen Baustädl ergriff, das Durchfahrtsthor und die rechte Seite der Häuser des Stadtplatzes im Flammen setzte. Zu noch größerem Unglücke packte auch die Gluth die Kirche, welche ganz zusammenbrannte, und durch deren Flammen auch die linke Häuserreihe ergriff, von wo aus zurück sowohl als abwärts die weiteren Gebäude sich entzündeten, und durch den rechter und linker Seite fortgesetzten Brand auch der äußere Stadttheil, den sog(enannten) Vorberg hinunter, ein Raub des Feuers wurde. Auch an der Münchnerstraße links und rechts hinaus brannten Gebäude nieder, bis zu dem Hotel des Weingastgebs Wispauer, welches gerettet wurde.

An der rechten Seite des Stadtplatzes blieb ledig(lich) die Behausung des Schmids Kasenbacher, des Schlossers und Wagners, die Frohnfeste und das Binderhaus des Bräuhausbesitzers Dr. Hutter von der Flammenwuth verschont. An der linken Seite wurde dem Feuer vom Weinwirth aufwärts in der Richtung gegen die s(o)g(enannte) Schrädl(gasse) ein Ziel gesetzt, die Vorstadt brannte beinahe gänzlich zusammen. Hienach ergibt sich, daß das k(önigliche) Landg(ericht), Rent- und Salzamtsgeb(äude) niederbrannten. Die Landgerichts-Kassa brannte (...), die Hypotheken-Bücher zu retten (ließ) der Unterzeichnete als erste Pf(licht) sich angelegen seyn, und es gelang auch glücklich sowie mit einer Masse Acten, von denen jedoch die im Landgerichts-Gebäude in zwey Regist(ratur)-Lokalen niederbrannten.

Als Entstehungsursache scheint eine Frevelthat so ziemlich sicher annehmbar, zu welcher wahrscheinlich Rache wegen eingetretener Pfarrhofversetzung den Impuls gegeben haben mag.

Landr(ichter) ist sammt seinen Beamten mit Ausnahme des ersten Assessors nunmehr obdachlos und sämtliche sind (...) theils eines großen, theils des größten Theils ihrer Habe beraubt. Zur Zeit hat Landrichter seinen Aufenthalt in der Au, wo in der Wohnung des Sali(nen)beamten (...) und zugleich die Kassen in einem vergitterten Lokal aufbewahrt sindt. Ein Lokal für die Landgerichts-Geschäftsführung ist z(ur) Z(eit) nicht zu beziehen und die Untersuchung über den Brand um so weniger ausführbar, als sämtliche Beamte Brandbeschädigte sind und wohl kaum in dieser Eigenschaft ihnen deren Durchführung zuspricht, weswegen um gnädigsten Verhaltensbefehl gebeten wird.

Der Schaden zeigt sich als ungeheuer: Der größte Theil der Einwohner ist obdachlos, gegen welchen traurigen Zustand Menschenliebe mit milder Hand und Erbarmung eingreift. Bey vielen scheint die fahrende Habe gerettet. Gegenwärtig wüthet der Brand noch fort, da ein fürchterlicher Sturm, zu allem Glück bey den heftigsten Regenströmen, fortwehrt.«

Briefe an den »Münchner Volksboten«

Auch die überregionale Presse berichtete ausführlich über das spektakuläre Unglück, das im ganzen Königreich Bayern Aufsehen erregte und eine Welle der Hilfsbereitschaft im gesamten Deutschland und auch im benachbarten Ausland auslöste. Der »Münchner Volksbote«, dessen Schlagzeile »Traunstein, das schöne Traunstein liegt in Asche« als Überschrift für diesen Beitrag gewählt wurde, veröffentlichte am 29. April 1851 zwei Briefe, die der Redaktion noch am 26. April zugesandt worden waren. (Die betreffende Ausgabe dieser Zeitung wird im Stadtarchiv unter der Signatur A II 5/1 verwahrt.) Der erste stammt von einem Reisenden, der zufällig Zeuge des Brandes wurde, der zweite von einem Bewohner Traunsteins:

»Als wir heute (Samstag) früh von München kommend Seebruck erreichten, war es halb 1 Uhr. Damals sahen wir schon einen großen Theil Traunsteins in Flammen. Vor Erlstätt kam uns viel Vieh entgegen, daß aus der Stadt gerettet wurde. Weil wir nicht durch´s Thor in die Stadt konnten, mußten wir südlich auf der alten Straße gegen die Au hinunterfahren, bis wir auf der Brücke Halt machten. Den schönen Thurm der Hauptkirche sahen wir etwa um 3 Uhr einstürzen; er fiel nicht auf das Dach der Kirche, sondern stürzte in sich zusammen. Das Kirchendach stand damals noch. Im Feuer standen um diese Zeit außerhalb der Thore alle Häuser der Rosenheimer Straße (= Maxstraße) bis zu Wiesbauers Privathaus (= Landratsamt, altes Gebäude). In der bis zum Oberthor hin abgebrannten Häuserreihe sind das Lithographenhaus, dessen Inwohner sich kaum mehr hatten retten können, das Ringler Weinhaus (falsch: die heutige Marienapotheke brannte nicht ab; Anm. Verfasser), das schöne Haus vom Schwinghammer (Obermayr), der Lammwirt, der Stanglbräu usw. Der Jakobsthurm stand noch. Die Au war um halb 4 Uhr noch nicht in Brand, doch zogen sich die Flammen bereits am Vorberg hinab.

Weil für die heutige (Samstag) Schranne viele Bauern und Wagen zusammengekommen waren, überdies aber noch für den morgigen Jahrmarkt sich auch schon sehr viele Leute eingefunden hatten, war das Gedräng bei fortgesetztem Läuten und Schießen entsetzlich; Bauern und Krämer waren in großer Zahl auf der Wiese gegen den Galgenberg hin geflüchtet. Die Reichenhaller Feuerspritze, die von Teisendorf, Anger, Achthal, Waging usw. kamen nacheinander heran. Mit den Pferden der Teisendorfer Feuerspritze fuhren wir weiter, weil wir zur Post nicht mehr gelangen konnten. Von Salzburg zeigte sich noch keine Hilfe, obwohl von der dortigen Festung der Kanonenschuß das übliche Feuersignal gegeben haben soll. Die Südseite Traunsteins war um halb 4 Uhr großentheils noch verschont; der Brand ging damals nur bis zur früheren Postexpedition; also waren bis dahin das Landgerichts- und Rentamtsgebäude, die Wohnung der Geistlichen, die sich bei Barbarino befindet (= Stadtplatz 36), das Höllbräuhaus und das von Wiesbauer und auch die Saline bis um halb 4 Uhr noch nicht abgebrannt, doch ließ schon damals der Sturm alles befürchten und es schien nicht unwahrscheinlich, daß in Kurzem die ganze Stadt ein Raub der Flammen werden würde, was leider gegen 10 Uhr auch geschehen ist. Das Feuer ist in einem Stadel des Stadtschreibers Daxenberger (Mitglied der Abgeordnetenkammer) ausgebrochen.«

»Umgeben von rauchenden Trümmern schreibe ich diese Zeilen. Unser schönes, freundliches Städtchen ist bereits auf ein Viertheil ein Raub der Flammen geworden. Heute Nachts gegen 1 Uhr zu fing es pötzlich in einer Scheune vor dem obern Thor an zu brennen; die nahe gelegenen Scheunen und Häuser wurden schnell ein Raub der Flammen, und bis Hilfe kam, hatte des Feuer schon so um sich gegriffen, daß alles rettungslos verloren war. Die schöne Stadtpfarrkirche ist mit Uhr, Glocken und Hochaltar von dem schrecklichen Brand zerstört, nur die Monstranz und das Ciborium mit dem Hochwürdigsten konnten gerettet werden; Rathaus, Salzmayramtshaus, Landgericht, Rentamt sind sammt den Akten in Asche, desgleichen die Pfarrwohnung und die beiden Benefiziatenhäuser; fast alle vermöglicheren Bürger, Bräuer, Metzger, Wirthe, Bäcker, haben ihre Häuser eingebüßt, das Elend ist unbeschreiblich.

Es begann zwar bald, nachdem der Brand angefangen (hatte), zu regnen und regnete immer stärker; aber der heftige Sturmwind von Westen her jagte die Flammen von Haus zu Haus. Nur der kleine nordwestliche Stadttheil, den ich bewohne, ist bisher noch verschont geblieben, aber außer Gefahr ist er noch nicht: denn der Sturm läßt noch nicht nach. Es brennt an zu vielen Orten, so daß die Löschmannschaft zu sehr zerstreut und auch das nöthige Wasser nicht so schnell zu haben ist. Post und Apotheke sind auch hin, die Saline in der Au steht noch: denn sie ist unter dem Stadtberg. Um drei Uhr Morgens schlug die Stadtuhr zum letzten Mal, dann stürzte der Thurm sammt den Glocken (ein). Daß Menschenleben verloren sind, habe ich bis jetzt noch nicht gehört.«

Franz Haselbeck

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 17/2001



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