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Jahrgang 2020 Nummer 48

Traumberuf mit Verbesserungsbedarf

Frauen in der Landwirtschaft wünschten sich eine bessere Ausbildung – Teil II

Bäuerinnen kleinerer Höfe mussten neben der Haus- und Stallarbeit meist auch auf dem Feld mit anpacken. Hier eine Szene von Julien Dupré von 1895 mit dem Titel »Heimkehr«.
Etliche Bauerntöchter gingen eine Zeit lang in die Stadt, um in bürgerlichen Haushalten das Kochen zu lernen. (Zeitgenössische Fotografie)

Kein Berufsfeld im Bayern des beginnenden 20. Jahrhunderts war noch so stark von Kontinuität geprägt wie die Landwirtschaft. Die Verhältnisse in den Städten mochten sich damals rasant verändern, und das galt besonders auch für den weiblichen Teil der Bevölkerung, denn Frauen waren mittlerweile nicht nur als Arbeiterinnen in Fabriken zu finden, sondern auch als Verkäuferinnen und Stenotypistinnen, doch die Lebenswelt der Bäuerinnen und ihrer Töchter hatte sich seit Generationen kaum gewandelt.

Wie ihr Alltag vor dem Ersten Weltkrieg aussah, hat die Sozialwissenschaftlerin Rosa Kempf in ihrer Studie »Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen in der bayerischen Landwirtschaft« analysiert, wozu die gebürtige Birnbacherin Dutzende von Fragebögen und Berichten auswertete. Als Quintessenz stellte sich dabei heraus, dass der überwiegende Teil der Bäuerinnen trotz einer Arbeitsbelastung, die im Sommer nie weniger als 15 Stunden pro Tag umfasste, mit ihrer Existenz weitgehend zufrieden waren, und das galt auch für ihre heranwachsenden Töchter, die träumten nur selten von einem bürgerlichen Leben jenseits von Hühnern, Heu und Hafer. Allerdings galt das nur für Mädchen, die nicht schon in jungen Jahren übermäßig hart arbeiten mussten, weil der Hof zu klein und die Familie zu arm war, um sich Dienstboten leisten zu können – oder der Vater aus Geiz nicht genügend Personal einstellte.

Für die Frauen der Bauern galt, dass ihre Zufriedenheit dann am größten war, wenn sie in ihrem Bereich autark wirtschaften konnten. Bäuerinnen waren in den meisten Fällen nicht nur Mitinhaberin des Hofs, sondern verfügten darüber hinaus auch über ein eigenes Einkommen, das sie aus dem Verkauf von Milch, Butter, Eiern und Geflügel generieren und ohne Einmischung des Mannes verwenden konnten. Diese finanzielle Freiheit stärkte das Bewusstsein der Bäuerinen für ihre Stellung, wodurch sie Würde und Stolz für ihren Beruf empfanden. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die weibliche Selbstbestimmung damals oft auf Küche und Stall beschränkt war.

Vor allem junge Bauerntöchter, die schon eher mit den Forderungen der Frauenbewegung nach weiblicher Emanzipation und Gleichberechtigung vertraut waren als ihre Mütter und Großmütter, beklagten sich in den Befragungen über despotische Väter, die auf dem Hof ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und Gefühle der weiblichen Familienmitglieder regierten und ihre Ehefrauen mitunter als bloße »Gebärmaschinen« und »Lasttiere« sahen. Rosa Kempf forderte in diesem Zusammenhang eine bessere Bildung der Bauern: Es genüge nicht, Vorträge über die neuesten Saat- und Erntemethoden anzubieten. Hofbesitzer müssten auch vernünftig darüber aufgeklärt werden, dass sich die Ausbeutung der familieneigenen Arbeitskräfte auf lange Sicht lohne, denn eine zufriedene Hausfrau trachte danach, den Betrieb nach vorne zu bringen und zufriedene Töchter wanderten nicht in die Stadt ab.

Wie hoch die Arbeitsbelastung von Bäuerinnen gerade auf kleineren Höfen vor dem Ersten Weltkrieg noch war, beweist folgendes Beispiel: Zum betreffenden Hof gehörten fünf Tagwerk Acker- und fünf Tagwerk Wiesenland. Pferde oder Ochsen waren nicht vorhanden, und an sonstigem Vieh gab es drei Kühe, ein Kalb, sechs Schweine, neun Hühner und zwölf Gänse, dazu noch einige Stallhasen. Der einzige Dienstbote war eine Magd, die für die grobe Stallarbeit zuständig war und den Rest der Zeit mit dem Bauern aufs Feld musste. Die Bäuerin musste neben ihren Aufgaben in Haushalt und Stall und der Kindererziehung ebenfalls bei den Außenarbeiten mithelfen, wobei sie noch weniger Pausen hatte als ihr Mann und die Magd, da sie sich ja noch um die Verpflegung in diesen Pausenzeiten kümmern musste.

Von den insgesamt 65 befragten Bäuerinnen gaben nur elf an, dass sie keinerlei Außenarbeiten verrichten mussten, wohingegen knapp die Hälfte aller Frauen bei allen Feldarbeiten mithalfen, teilweise sogar beim Pflügen. Ähnlich gestalteten sich die Zahlen für die Stallarbeit: Elf Bäuerinnen brauchten selbst im Kuhstall keine Hand anlegen, fünf nur melken, während 25 alle anfallenden Aufgaben verrichteten. Melken und Ausmisten waren auch die ersten Tätigkeiten, mit denen heranwachsende Töchter betraut wurden, später kam die Feldarbeit dazu, die vor allem in ärmeren Familien schon in jungen Jahren oft so schwer und umfangreich war, dass sowohl die gesunde Entwicklung der Mädchen beeinträchtigt war, als auch deren Lust, ihr ganzes Leben mit so schwerer Arbeit zu verbringen. Viele der befragten jungen Frauen beklagten sich darüber hinaus, dass sie durch die Tätigkeiten im Stall wie auch auf dem Acker kaum Gelegenheiten bekämen, der Mutter im Haushalt über die Schulter zu schauen. Viele Töchter wünschten sich bessere Kenntnisse im Kochen, wie auch im Nähen, wobei es bis zum Ersten Weltkrieg in Bayern schon entsprechende Projekte gab, die diesem Manko abhelfen sollten, zum Beispiel in Form von Wanderkochkursen, allerdings war dieses Angebot nur punktuell vorhanden und damit entsprechend ausbaufähig.

Manche der Töchter lösten dieses Dilemma, indem sie für einige Zeit in die Stadt gingen, um in bürgerlichen Haushalten als Dienstmädchen oder Küchenhilfe zu arbeiten, wo sie nicht nur entsprechende Kenntnisse erwerben, sondern sich dabei auch noch Geld für ihre Aussteuer verdienen konnten. Als Arbeitskraft auf dem väterlichen Hof bekamen Bauerntöchter meist keinen regelmäßigen Lohn in Form von Bargeld, wobei die Mädchen wohlhabenderer Eltern später als Ausgleich zumindest eine entsprechende Aussteuer erhielten.

Kempf plädierte dafür, landwirtschaftliche Schulen einzurichten, in denen sich junge Frauen nach dem Ende ihrer Volksschulzeit umfassend auf ihre Tätigkeiten auf dem Hof vorbereiten und dabei auch Erkenntnisse und Methoden kennenlernen konnten, die sie allein durch die Mitarbeit im elterlichen Betrieb nicht erhielten. Davon würden dann nicht nur die Schülerinnen und ihre Familien, sondern die gesamte Bevölkerung profitieren: »Solche berufliche Ausbildung der Mädchen und Frauen hebt durch größere Tüchtigkeit die Geldeinnahmen der Bäuerin und ihre Wirtschaftlichkeit und gibt ihr damit die Mittel zu mancherlei Verschönerungen und Erleichterungen des eigenen Lebens und des Lebens der Ihrigen an die Hand, während die erhöhte Produktivität zugleich dem ganzen Volke nutzt«, argumentiert Kempf.

Allerdings bargen der technische Fortschritt und die damit einhergehenden, strukturellen Veränderungen in der Landwirtschaft aus Sicht der Bäuerinnen auch einen gravierenden Nachteil, etwa bei der genossenschaftlichen Vermarktung von Molkereiprodukten. Trete der Bauer einer Genossenschaft bei, verliere die Bäuerin in der Regel ihre Einnahmequelle, denn das erwirtschaftete Geld fließe in die Gesamteinnahmen des Bauern ein, in dessen Ermessen es dann lag, wie viel davon er seiner Frau zukommen ließ – ein Punkt, bei dem es nach Aussagen der Befragten, immer wieder zu Streitereien käme. Kempf forderte in diesem Zusammenhang die Bildung von Interessengemeinschaften, die sich speziell für die Rechte der Bäuerinnen einsetzten, denn nur in einer gemeinsamen, fruchtbringenden Arbeit von Bäuerinnen und Bauern könne sich die bayerische Landwirtschaft gegen die zunehmende Überformung ihrer traditionellen Rechte wie auch der kulturellen Traditionen durch die städtische Bürokratie insgesamt behaupten.

Eine Sonderstellung nahmen in der bayerischen Landwirtschaft Frauen ein, die sich ihr Brot im Tagelohn verdienten. Neun von 100 landwirtschaftlichen Arbeitskräften waren Tagelöhner, vier davon Frauen. Sozial und wirtschaftlich gehörten Tagelöhner den unteren Schichten an, wobei es zwei unterschiedliche Gruppen gab: Ein Teil besaß als Kleingütler oder Häusler zumindest ein eigenes Dach und einen kleinen Garten bzw. eine bestimmte Anbaufläche zur Selbstversorgung. Wer jedoch über keinen Grundbesitz und keine eigene Wohnung verfügte, musste sich als »Inwohner« bei fremden Leuten einmieten und hatte in der Regel auch keine Möglichkeit, Gemüse und Obst anzubauen oder sich Tiere zu halten.

Bei den von Rosa Kempf ausgewerteten Fragebögen und Berichten stammten über zwei Drittel der Tagelöhnerinnen aus Kleingütler- und Kleinbauernfamilien. Nur jede zehnte der befragten Frauen arbeitete bereits seit ihrer Jugend im Tagelohn, während der Großteil nach der Schulzeit zunächst als Dienstbote in Stellung ging. Hauptmotiv, die Tätigkeit als Magd aufzugeben und sich den Lebensunterhalt auf eigene Verantwortung zu verdienen, war die Gründung eines eigenen Hausstands. Der Weg dorthin war allerdings alles andere als einfach, denn meistens konnten sich die betreffenden Frauen erst »nach einer langen Reihe von Jahren, einer strengen und mühevollen Jugend, in welcher sie sich ihre Aussteuer ersparten, ihren Traum erfüllen«, so Kempf.

Wie für praktisch alle Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert, war auch für Mägde eine Heirat die einzige Möglichkeit, Selbständigkeit zu erlangen. Als ledige Frau einen eigenen Haushalt zu gründen, lag, zumindest für die ländliche Bevölkerung, außerhalb der sozialen Norm – und in der Regel auch jenseits der finanziellen Möglichkeiten, denn selbst eine verheiratete Tagelöhnerin, die mit dem Lohn ihres Mannes ja über einen doppelten Verdienst verfügte, kam oft genug kaum über die Runden. Ausnahme waren hier einige ältere Frauen, die nicht verheiratet waren und den elterlichen Besitz geerbt hatten, den sie dann als Alleinstehende weiterführten und sich im Tagelohn ein Zubrot verdienten.

Sich ein Auskommen zu sichern, mit dem man auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten über die Runden kam, war allerdings alles andere als ein Zuckerschlecken. Wenn bei einem verheirateten Tagelöhnerehepaar der Mann nicht auch in der kalten Jahreszeit eine ständige Einnahmequelle hatte, zum Beispiel als Holzarbeiter, fristete die Familie oft ein so armseliges Dasein, dass es oft selbst am Nötigsten, wie warmer Winterkleidung oder Brennholz, fehlte.

Dienstboten waren zwar das ganze Jahr versorgt, konnten auf der anderen Seite aber nicht heiraten, ohne ihre Stelle aufzugeben, denn für eine Heirat brauchte es eine behördliche Erlaubnis, die nur erteilt wurde, wenn das zukünftige Paar einen eigenen Hausstand hatte und darüber hinaus glaubhaft nachweisen konnte, dass es sich und seine zukünftigen Sprösslinge aus eigener Tasche ernähren konnte. Hintergrund für diese Auflagen war die Befürchtung der Gemeinden, Personen ohne entsprechendem Einkommen auf Kosten der kommunalen Armenfürsorge durchfüttern zu müssen.

Die Wohnungsverhältnisse der Tagelöhner beurteilte Rosa Kempf aufgrund der gegebenen Antworten als »gut oder doch meist genügend«. Der Großteil der Familien verfügte demnach über eine DreiZimmer-Wohnung, in der die Eltern mit durchschnittlich drei Kindern lebten. Auffallend sei, dass in vielen Haushalten bereits mehr Betten als Personen vorhanden seien, was sich damit erklären lasse, dass für ältere Töchter bereits eine Aussteuer zusammengerichtet werde. Die Ernährung sei allgemein »befriedigend«, wobei der Fleischverbrauch – damals ein Maßstab für gutes oder schlechtes Essen – »kräftig« sei. Die Unterschiede unter den befragten Frauen waren in diesem Punkt allerdings sehr groß: Während von den 42 Befragten 16 angaben, dass jeden Tag Fleischspeisen auf den Tisch kämen, manchmal sogar mittags und abends, konnten sich zehn Familien – also ein Viertel – nur einmal pro Woche Fleisch leisten. Ein neuer Mantel oder Lederschuhe statt Holzpantinen waren dagegen oft unerreichbare Extravaganzen.

 

Susanne Mittermaier

 

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 47 vom 21. November 2020

 

48/2020