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Jahrgang 2015 Nummer 52

Transeamus – Ein Meisterwerk ohne Schöpfer

Es gehört in die Christmette wie kaum ein anderes Weihnachtslied

Das Deckblatt einer der ersten Abdrucke des »Transeamus« von einem Schlesischen Verlag. Hier ist Schnabel als Komponist genannt.
Auch hier, auf der Dominsel in Breslau in Schlesien erklingt jedes Jahr an Weihnachten das altbekannte »Transeamus«.
Dom zu St. Johann in Bresslau – Vielleicht hat Schnabel das »Transeamus« hier komponiert?

Haben sie es auch im Ohr? Eine kräftige, tiefe Männerstimme die von der Kirchenempore »Tran-se-a-mus« schmettert? So laut und so tief, dass auch der letzte Gottesdienstbesucher verstanden hat: Lasst uns nach Bethlehem gehen, der Heiland ist geboren! Das »Transeamus« gehört in die Christmette wie kaum ein anderes Weihnachtslied und das seit Jahrzehnten. Was für uns so selbstverständlich ist, ist für Historiker und Kirchenmusiker ein großes Rätsel, denn bis heute ist unklar, wer das »Transeamus« komponiert hat.

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass das Offertorium »Transeamus« von dem schlesischen Komponisten Joseph Ignaz Schnabel geschrieben wurde. Einen Nachweis hierfür gibt es jedoch nicht. Sicher ist, dass das »Transeamus« den Ursprung in der schlesischen Kirchenmusik hat. Musikwissenschaftler vermuten, dass das Stück in der früheren ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Zu dieser Zeit, also von 1805 bis 1831, war Joseph Ignaz Schnabel Domkapellmeister in Breslau.

Schnabel wurde 1767 in Naumburg am Queis in Niederschlesien, im heutigen Nowogrodziec in Polen, geboren. Schon als Kind ist er wegen seiner schönen klaren Sopranstimme und seinem musikalischen Talent immer wieder aufgefallen. Nach dem Gymnasium wollte Schnabel Lehrer werden und im Rahmen dieser Ausbildung wurde er in den Fächern Orgel, Violine und Kontrapunkt unterrichtet. 1797 wurde er Organist in Breslau und Konzertmeister am Breslauer Theater. Von 1805 bis zu seinem Tod wirkte er als Domkapellmeister am Breslauer Dom. In dieser, letzten Phase seines Lebens entstanden die meisten seiner Werke.

Schnabel war kein großer Komponist. Er schrieb zahlreiche kleinere Messen, Vespern und Lieder für den kirchlichen und privaten Gebrauch, doch diese reichten nicht für einen musikalischen Durchbruch. Abgesehen von dem »Transeamus« und ein oder zwei Liedern wurden seine Kompositionen nicht verlegt, in Abhandlungen über die Geschichte der Kirchenmusik erreicht er gerade so eine »Fußnote«.

In einem der ältesten Drucke erscheint das »Transeamus« als einfaches Lied mit Singstimmen und Klavierbegleitung, jedoch ohne Angabe eines Komponisten. Anfang des 20. Jahrhunderts veröffentlichen kleine, lokale Musikverlage in Schlesien, einer davon der Verlag A. Pietsch, das »Transeamus«. Hier taucht Schnabel das erste Mal namentlich als Komponist auf.

Um 1913 entdeckte der Augsburger Verlag Anton Böhm und Sohn die Komposition. Er übernahm die Bearbeitung vom Verlag Pietsch und verlegte das Stück mit einigen Ergänzungen und Bearbeitungen als vierstimmigen Satz mit Orchesterbegleitung unter dem Titel »Transeamus usque Bethlehem«. Auch Böhm vermerkte Schnabel als Komponist des Stückes. In einigen Abschriften ist zusätzlich auch ein Rezitativ mit lateinischem Text aus dem Weihnachtsevangelium zu finden, dies wurde zuvor gesungen und stammt wohl aus einer späteren Bearbeitung.

1931 tauchten jedoch Drucke auf, aus denen hervorging, dass die Komposition aus der Nadel von Paul Blatschke stammte. Auch er war Domkapellmeister in Breslau, jedoch über 100 Jahre später als Schnabel, zwischen 1925 bis 1945. Hinzu kommt, dass in einem umfangreichen Werkeverzeichnis Schnabels aus dem Jahre 1912 das »Transeamus« nicht eingetragen ist. Ein anderer möglicher Komponist und kein Vermerk im eigenen Werkeverzeichnis. Ist nun Schnabel der Komponist des »Transeamus«, oder nicht?

Das Werk besteht aus zwei Teilen: Zum einen aus einer Melodie, diese wird heute vom Tenor gesungen, zum anderen aus den beiden Oberstimmen Sopran und Alt, die das Gloria singen. Es ist nicht gesichert, dass die Melodie selbst von Schnabel stammt. In Schlesien hörte man gelegentlich die Sagen, Schnabel habe die Melodie einem Hirten in Italien abgelauscht oder aus einem Kloster mitgenommen. Dies würde auch den lateinischen Text erklären. Zu dieser Zeit wurden Kirchenlieder standardmäßig eigentlich in der Landessprache verfasst. Warum das »Transeamus« einen lateinischen Text hat und ob Schnabel die Melodie selbst erfunden hat, bleibt also offen.

Fest steht, dass Schnabel die Melodie so bearbeitet hat und insbesondere die Orchesterbegleitung komponierte. Er machte die Melodie zu der Musik, die heute überall erklingt. Für seine Urheberschaft spricht auch seine kompositorische Handschrift: einfache, leicht verständliche, fast volksliedhafte Melodien, Verwendung von wenigen grundlegenden Harmonien und sehr häufigen Wiederholungen der Motive.

Früher war das »Transeamus« vor allem in Dorfkirchen und in privaten Wohnstuben bei kleinen Krippenspielen zu hören. Diese waren zur damaligen Zeit sehr beliebt: Der »Familienvorstand« sang mit voller Kraft das Lied und seine Kinder sangen mit ihren hellen Stimmen dazu das Gloria. Dem Ohrwurmcharakter des Stückes hat er es wohl zu verdanken, dass das »Transeamus« sich in ganz Schlesien verbreitete.

Nach dem I. Weltkrieg kannte das Lied in Schlesien fast jedes Kind. Doch erst nach dem II. Weltkrieg schaffte das Stück seinen Durchbruch auch im übrigen deutschsprachigen Raum. Kriegsflüchtlinge aus Schlesien haben die Musik als kulturelles Erbe mit auf die Flucht genommen. So ist es heute in ganz Österreich, Deutschland und besonders in Bayern nicht mehr wegzudenken. Das kleine Lied aus einem liturgischen Krippenspiel wurde ein Welthit, ein kleines Weihnachtswunder, sozusagen.


Theresa Volk

 

52/2015