Jahrgang 2020 Nummer 25

Torfwirtschaft in Rottau

Wie vor 100 Jahren die Verladestation an der Bahnstrecke Rosenheim – Salzburg entstand

Protokoll im Betreff »Errichtung der Privatladestelle Rottau bei Km 33.8 der Linie Rosenheim – Salzburg« Gegenwärtig: Schrankenwärterposten Nr. 16 Die Unterzeichneten den 9. Juni 1920 Die auf Vorladung erschienenen: 1) Felix Hofmann, Gütler in Rottau 2) Michael Hofmann, Landwirt in Rottau erklären und zwar unter Haftung für die Zustimmung ihrer Ehefrauen: Wir sind bereit, die vom Eisenbahnamt zur Errichtung der Privatladestelle Rottau benötigten in der Gemeinde Rottau gelegenen Teilflächen aus den Plannummern: Zu 1) 1288 – ganze Fläche mit 19 Dezimalen – (Felix Hofmann) Zu 2) 1287 – etwa 6 Dezimalen und 1286 – etwa 1 Dezimalen (Michael Hofmann) an das genannte Amt käuflich abzutreten. Als Einheitspreis für die Dezimale der abzutretenden Fläche bzw. Teilflächen verlangt. 1) Felix Hofmann 50 M (mit Worten: fünfzig M) 2) Michael Hofmann 50 M (mit Worten: fünfzig M) Wir begründen unsere Forderungen damit, daß wir durch die Grundabtretungen die Streunutzung verlieren, die zu jetziger Zeit nur durch hohen Kostenaufwand, der unserem geforderten Einheitspreis gleichkommt, zu ersetzen ist. Die beiden Grundbesitzer gestatten die bauliche Benutzung der benötigten Flächen schon vor Durchführung der Grunderwerbung gegen 4%ige Verzinsung des seinerzeitigen Kaufpreises vom Tage der Bauinangriffnahme bis zur Auszahlung. Vorstehende Erklärungen werden von dem unterzeichneten Vertreter des Eisenbahnamtes fachdienlich entgegengenommen. Ziehr, Oberbahnverwalter Felix Hofmann Michael Hofmann Herr Herrmann Wild in München erklärt und zwar unter Haftung für die Zustimmung seiner Ehefrau: Ich bin bereit, die vom Eisenbahnamt benötigte in der Steuergemeinde Übersee gelegene Teilfläche aus den Plannummern 3077 und 3078, 3073 und 3089 an das genannte Amt käuflich abzugeben. Als Einheitspreis für die Dezimale der abzutretenden Teilflächen verlange ich 30 Mark. Herr Wild gestattet die bauliche Benutzung der benötigten Flächen schon vor Durchführung der Grunderwerbung gegen 4%ige Verzinsung des seinerzeitigen Kaufpreises vom Tag der Bauinangriffnahme bis zur Auszahlung. Vorstehende Erklärung wird von dem unterfertigten Vertreter des Eisenbahnamtes sachdienlich entgegengenommen. L. U. / Ziehr Herrmann Wild Oberbahnverwalter Fortgesetzt Rottau, den 9. Juni 1920 Landwirt Stefan Sichler erklärt und zwar unter Haftung für die Zustimmung seiner Ehefrau: Ich bin bereit, das vom Eisenbahnamt benötigte, in der Gemeinde Rottau liegende Grundstück Plan Nr. 1289 zur Errichtung der Privatladestelle Rottau käuflich abzutreten. Im Übrigen schließe ich mich den Erklärungen meines Nachbarn Felix Hofmann an, gestattete die bauliche Benutzung des Grundstückes schon vor der Durchführung der Grunderwerbung gegen 4%ige Verzinsung des seinerzeitigen Kaufpreises vom Tage der Bauinangriffnahme bis zur Auszahlung. Als Einheitspreis für die Dezimale des abzugebenden Grundstückes verlange ich 50 M (wörtlich: fünfzig Mark). Vorstehende Erklärung wurde von dem untenstehenden Vertreter des Eisenbahnamtes sachdienlich entgegengenommen: L. U. Oberbahnverwalter Stefan Sichler Ziehr

Vor zehn Jahren hatte sich der Verfassermit der Baugeschichte des Torfbahnhofs Rottau gründlich befasst. Dazu gehörten einige Besuche im Hauptstaatsarchiv München, wo sich vor allem im Verkehrsarchiv wichtige Unterlagen fanden. Ein Teil dieser handschriftlichen Schriftstücke aus den Jahren 1919 und 1920 musste transskripiert werden, was Frau Marianne Samesreuther zuverlässig erledigte. So konnte der Aufsatz »Von der Torfverladestation zum Torfbahnhof Rottau« in der Ausgabe Nr. 41 der »Chiemgau-Blätter« vom 9. Oktober 2010 abgedruckt werden.

Heuer, im Jahr des 100-jährigen Bestehens des Torfbahnhofs, soll an die Anfänge erinnert werden. In kurzer Zeit gelang es, das Projekt Torfverladestelle bei Bahn-km 33,8 zu verwirklichen, was auch einigen Rottauer Landwirten zu verdanken war. Das macht das Protokoll vom 9. Juni 1920 deutlich, das nachstehend mit einem Teil der ersten Seite und in vollem Wortlaut in der transskripierten Fassung wiedergegeben wird.

Die Landwirte als Grundstückseigentümer hatten ganz bestimmte Vorstellungen beim Verkauf, wollten aber das bauliche Vorhaben keinesfalls verzögern. Hinzu kam noch, dass ihre Ehefrauen als Miteigentümerinnen nicht vergessen werden durften. Alle Eigentümer waren verheiratete junge Männer im Alter von 30 bis 40 Jahren, die hier verhandelten. Jetzt galt es herauszufinden, welche der im Protokoll genannten Landwirte gemeint waren. Das gelang anhand des Häuserbuchs für Grassau und Rottau, dem Chronikband des Marktes Grassau aus dem Jahr 2004.

Felix Hofmann vom Lippengut (heute Kapellenstr. 4), Michael Hofmann vom Hofmanngut (Homer – heute Oberdorfstr. 3) und Stefan Sichler vom Mayergut (heute Kreuzstr. 3).

Die Anmerkung, er schließt sich den Erklärungen seines Nachbarn Felix Hofmann an, bezog sich nicht auf die Nachbarschaft im Ort, die ja nicht gegeben war, sondern auf die bei ihren Streuwiesen an der Bahn. Gefunden wurde übrigens im Vermessungsamt Traunstein das Eisenbahn-Messungsverzeichnis (Deckblatt), das eine Vermessung im Jahr 1920 bestätigt. Das Blatt ist nachstehend auszugsweise abgedruckt.

Laut Protokoll wären folgende Flächen überlassen worden: von Felix Hofmann 19. Dezimal (Entspricht bei 34 qm je Dezimal einer Fläche von 646 qm), von MichaelHofmann 7. Dezimal,was einer Fläche von 238 qm entspricht.

Über die von Stefan Sichler veräußerte Fläche ist nichts angegeben. Diese konnte ebensowenig wie die Fläche von Hermann Wild, Westerbuchberg, ermittelt werden.

Kaum zu glauben, wie rasch hier Behörden aus München und im Landkreis Traunstein zusammengearbeitet haben, um die Verladestation bei Bahn-km 33,8 errichten zu können.

Wie sich das Umladen von Torfsoden oder Torfmull von Feldbahnwagen der Spur 880 mm auf offene Bahngüterwagen abgespielt hat, ist nicht genau zu erklären.

Es war auf jeden Fall ein Torfverlade-Elevator im Einsatz, von dem in einem Schreiben des Bausachverständigen Mathias Hörterer aus Grassau an die Bahninspektion Rosenheim vom 28. Juli 1926 wie folgt die Rede ist:

»Die Baustelle liegt Staats-resp. Reichsbahn-Aerarischen Grundstück auf der Ladestelle Rottau nächst dem Posten No. 16 und direkt über dem, den Bayerischen Landestorfwerken gehörigen Torfverlade-Elevator«.

Zeichnungen über einen solchen Aufzug waren nicht zu finden. Vielleicht lässt eine Detailskizze aus dem Bauplan für das ehemalige Torfwerk von Hans Nickl in Rottau aus dem Jahr 1917 erahnen, wie ein solcher Aufzug funktioniert hat. Demnach wäre von den Kipploren der Feldbahnmit der Spurweite 880mm neben der Vollspur ein Trichter befüllt worden, der das Torfmaterial mit einem Förderband in einen bereitstehenden, weitaus höheren Eisenbahnwaggon verfrachtete.

Für den Betrieb der Verladestation war noch eine Bodenwaage im Bereich des Vollspurgleises unabdingbar. Diese war mit einer Wiegefähigkeit von 30 000 kg, geliefert von der Firma Müller und Sohn 1920, vorhanden. Die Länge der Brücke betrug sieben Meter, also genau für einen Bahnwaggon ausreichend. Die Waage ist mit dem Messgehäuse, das sich nur bahnseitig öffnen lässt, komplett vorhanden.

Als Betreiber dieser so ausgestatteten Verladestation konnten die Landestorfwerke GmbH der Eisenbahndirektion in München mit Schreiben vom 1. Dezember 1920 mitteilen, dass die Privatladestelle Rottau in Betrieb ist und deshalb das Industriegleis in Bernau und die Schmalspurbahn dorthin nicht mehr von uns benötigt wird. Sieben Jahre später war auch diese Verladestelle Geschichte. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle entstand der Neubau einer Torfstreufabrik Kendlmühl der Landestorfwerke GmbH München.

 

 

 

Claus-Dieter Hotz

 

Quellennachweis: Bayer. Hauptstaatsarchiv Signatur Verkehrsarchiv Nr. 53 768 und Nr. 54 221 Der Torfbahnhof 25 Jahre unter Denkmalschutz Broschüre von C.D. Hotz, 2013.

 

 

25/2020

 

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