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Jahrgang 2016 Nummer 52

Theatralisches Spektakel

Der Schaulust zuliebe: Neapolitanische Weihnachtskrippen

Welch ein Treiben um Bethlehems Stall mit dem heiligen Paar und dem göttlichen Kind! (Alle Fotos: Hans Gärtner, gefertigt mit Erlaubnis des Krippenbesitzers)
Wünsch wohl zu speisen, die Herrschaften! Man suche sich den dicksten Schinken aus!
Da schauen nicht nur Ochs und Esel auf das Wunder der hochheiligen Nacht.
»Kommt, lasset uns anbeten – den König, den Herrn!«
Musikanten, spielt auf – junge und alte, schwarze und braune! Der Heiland ist geboren.
Ist nicht zum Verhungern – hier gibt's Obst und Gemüse, aber nichts ist umsonst.
Geh zu, Bub, was willst du denn mit deiner Schalmei – ich hol lieber meine Harfe!
Wo gab es denn so etwas wie diesen kleinen Schlangenbeschwörer schon einmal?
Die Neugier treibt sie an, die alte Magd, die das Gesehene gleich weitererzählen wird.
Gloria- oder Verkündigungs-Engel schweben über dem unglaublichen Geschehen.

Christbaum oder Weihnachtskrippe? Für den traditionsbewussten Neapolitaner – und davon gibt es noch heute viele – ist das angeblich nicht die Frage. Er zählt sich weniger gern zu den »Albertisti«, also den Christbaum- Anhängern (»albero di natale«), sondern ordnet sich in der Regel den »Presepisti« zu. »Presepe« ist das italienische Wort für »Krippe«. Nirgendwo ist sie in ihrer figürlichen Überladenheit und künstlichen Miniatur-Imitation einer verklärten altertümlichen Pseudo-Realität so präsent wie im schon immer turbulenten Napoli.

Wo das »Krippenherz Neapels« schlägt

Das »Krippenherz Neapels« schlägt, so formuliert es der Direktor des Diözesanmuseums der Erzdiözese München und Freising Christoph Kürzeder im Vorwort des Buches »Buon Natale. Choreografien der Neapolitanischen Weihnacht« (München: Sieveking 2015), »in der via San Gregorio Armeno«. Hier drängen sich gegen Jahresende Schau- und Kauflustige keineswegs nur aus der Stadt am Vesuv selbst, nein, aus ganz Europa. Schon einige Wochen vor Weihnachten wird Neapel zur Stadt der Presepisti. Die Vielbesungene unter Italiens Metropolen wird zum Pilgerziel immer auch zahlreicher deutschsprachiger Krippenliebhaber und -handwerker. Sie lassen sich vom verspielten Glamour und Glimmer der auf alte Muster und Vorbilder zurückgehenden Krippen-Interieurs und -Dekors gefangen nehmen.

Bekennende »Presepisti« gibt es auch in Bayern. Krippenfreunde und Krippenvereine halten im Freistaat die Weihnachtskrippe mit den Dekorationen ihrer jeweils eigenen Heimatkulisse hoch. Manche mögen sich über einen Satz wie »Wenn schon eine Weihnachtskrippe, dann am liebsten eine aus Neapel!« ärgern. Aber: Mit solchen Wünschen halten Münchner oder Chiemgauer, die durchaus ihre heimischen Krippen lieben und ehren, nicht hinterm Berg. Sie wissen (und schauen immer wieder gern in der »staaden Zeit« Einkehr im krippenreichen Bayerischen Nationalmuseum), dass die echte alte neapolitanische Krippe allen anderen regionalen Krippen den Rang abläuft. Bei Kindern schon, deren Augen angesichts der oft derben, einfältigen, aber stets lustigen Alltags-Szenen der neapolitanischen Krippe strahlen.

Viel Volk rund ums heilige Kind

Die neapolitanischen Krippenkünstler holten schon im 18. Jahrhundert das dürftige, armselige Bethlehem ins überschwängliche, lebensfreudige Italien. Sie machten aus dem gar bescheidenen Geschehen in der Geburtsstätte des königlichen Söhnchens Mariens und Josefs Volkstheater im zweifachen Sinn des Wortes: Theater vom Volk, Theater fürs Volk. Und das gefiel schon immer auch den Krippenbauern in den Alpenländern und den Gegenden der Mittelgebirge mit ihren Heimarbeitern. Das im vorigen Jahr erschienene »Schwäbisch-alemannische Krippenbuch « von Bernhard und Ingeborg Rüth (Fink Verlag, Lindenberg) legt Zeugnis ab für einen speziellen kulturgeographischen Raum.

Rund um den Stall von Bethlehem versprühen die landschaftsbezogenen Weihnachtskrippen so viel Lokalkolorit wie nur möglich. Sie zeigen mit Vorliebe und Bedacht einheimischen Menschen ihre Trachten, lassen Tiere und Pflanzen, Wälder und Berge, Seen und Weiden, dazu – völlig disparat zur Überlieferung der Evangelisten – ganze Innenstädte mit Häuserzeilen, Kirchen und Kapellen, Türmen, Weinschenken, Trödlerbuden, Viehställen, Handwerksbetrieben der Umgebung in ihren dicht bevölkerten »Krippenbergen« und staunenswerten mechanischen Vorzeige-Krippen auftreten, sodass seit jeher schon, unabhängig davon, ob jemand gläubig ist oder das Weihnachtsereignis als freundliche Erfindung einstuft, jeden Advent ganze Völkerwanderungen den unterhaltsamen Kirchen-, Museums- oder Hauskrippen zustrebten, allein schon um die in der Gruppe noch gesteigert empfundene Schaulust zu befriedigen. Das zentrale Geschehen der Heiligen Nacht war da, auch für den gläubigen Christen, schon immer eher Nebensache. »Hauptsach', es tuat si was rund ums Kindl!« So hörte man die Nachbarin reden, die sich zum »Kripperlschauen« aufmachte.

Bühne eines Theaterspektakels

Im erzählerischen Erfinden waren seit jeher die Weihnachtskrippen aus Neapel unschlagbar. »Straßen- und Marktszenen mit ambulanten Verkäufern, Pizzabäckern, Makkaroniköchen und Straßenmusikanten« erfreuen sich da größter Beliebtheit. »Vor den Häusern gehen Handwerker ihren Tätigkeiten nach, Männer spielen Karten, Bettler heischen Almosen, Soldaten paradieren. Die 'Wäscherin', die 'Zigeunerin' und die 'Hure' sind wiederkehrende weibliche Typen. Manchmal fällt der Blick auch in die Häuser, zeigt dort Privates, gar Intimes. Besonders prachtvoll sind exotische Szenen ausgeführt, die sich an den Zug der Heiligen Drei Könige anschließen: Man sieht Türken und Mohren in fremdländischen Kostümen, Elefanten, Löwen, Kamelreiter, schwarze Sklaven und Haremsdamen …« So beschreibt der Bremer Kulturhistoriker Dieter Richter die neapolitanische Weihnachtskrippe in seinem Beitrag zu Kürzeders »Buon Natale«-Buch. Richter hält es mit Walter Benjamin, wenn er den »riesigen Volksauflauf« der neapolitanischen Krippe als eines ihrer markanten Kennzeichen anspricht und die neapolitanische Weihnachtskrippe insgesamt als »Bühne eines Theaterspektakels« beschreibt.

Detailfreude und hohe Qualität

Eine der spektakulärsten neapolitanischen Krippen steht in Oberbayern. Sabine Kroiss geht im schon genannten Kürzeder-Buch auf die »Königliche Krippe des Diözesanmuseums Freising« ein. Sie bezeichnet sie als »herausragendes Beispiel für die Detailfreudigkeit und die außergewöhnlich hohe künstlerische Qualität der barocken Krippenwelt Neapels«. Vor genau 30 Jahren wurde dieses Vorzeige- Exemplar einer neapolitanischen Weihnachtskrippe aus dem Kunsthandel erworben. Ihre Figuren werden in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert. Sie wurden später teilweise ergänzt und umgearbeitet. 135 menschliche bekleidete Figuren, circa 30 bis 45 Zentimeter groß, und – ungewöhnlich genug – nicht weniger als 65 Tierfiguren werden gezählt. Sie bestehen aus mit Werg umwickelten Eisendrahtgestellen. Die Kopfbüsten aus Terrakotta sind lebensecht bemalt, die Augen aus Glas, die Gliedmaßen aus Holz geschnitzt. Die gezeigten Gebrauchsgegenstände, Naturalien und Gerätschaften entsprechen echten Vorbildern in Form und Farbgebung.

Von der Schönheit geblendet

Die Freisinger neapolitanische Krippe zeigt folgende Szenen: Geburt Christi und englische Verkündigung an die Hirten; Dreikönigs-Zug und -Anbetung; das ins Neapel des 18. Jahrhunderts versetzte Bethlehem. Viele Einzelfiguren und Gruppen der Museums-Krippe finden sich, verkleinert, in einer neapolitanischen Weihnachtskrippe wieder, die in der Weihnachtszeit 2016/2017 zum dritten Mal im Schaufenster der auf altes Porzellan spezialisierten Kunsthandlung Röbbig in der Münchner Briennerstraße 9 ausgestellt ist. Kein Wunder, dass viele Passanten von ihrer Schönheit geblendet sind und oft lange, besonders gern nachts, wenn sie beleuchtet ist, vor dem Schaufenster verweilen. Alfredo Reyes ist der stolze Besitzer des als Blickfang dienenden prachtvollen Schaustücks. Die Anzahl der überaus qualitätsvollen Figuren kann Reyes nicht nennen. Alles, was zu sehen ist – besonders faszinierend: die Verkündigungsengel, die über dem »Stall von Bethlehem« schweben – stammt aus dem Neapel des 18. Jahrhunderts. Kleine restauratorische Nachbesserungen und fachmännisch erfolgte Ergänzungen waren notwendig. Hierzu wurden durchwegs alte Materialien und kostbare Stoffe verwendet.

Kein Betrachter dieses Musterbeispiels einer öffentlich von jedermann wahrnehmbaren neapolitanischen Hauskrippe wird je sagen können, er habe alles gesehen. Immer wieder entdeckt das noch so wache Auge eine ihm neu erscheinende Kleinigkeit, ob das ein Musikinstrument ist, ein Mitbringsel des Dreikönigszuges, ein Lämmchen auf der Hirtenwiese, der Schnitt eines Engelsgewandes, das Schmuckstück einer »aufgebrezelten« Neugierigen, ein verstecktes Tier oder gar der Faltenwurf des Gewandes der Gottesmutter oder der verlorene Blick von Nährvater Josef über das sich ihm von seiner erhöhten Position darbietenden Geschehens.


Dr. Hans Gärtner


52/2016