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Jahrgang 2013 Nummer 34

Theatinerkirche: Zum Dank für ein kurfürstliches Baby gebaut

Henriette Adelaide erfüllte vor 350 Jahren ein Gelübde

»Italienisch« durch und durch: Die Theatinerkirche in München feiert heuer ihren 350. Geburtstag.
Kurfürstin Henriette Adelaide gebar nach 13 Jahren Ehe mit Ferdinand Maria endlich einen Thronfolger und löste danach ihr Gelübde ein.
Das Grab der kleinen Prinzessin Maximiliane ist eines der wenigen außerhalb der Fürstengruft.
Der »halbe« Engel im Altarraum erinnert an die Zerstörung durch Bomben im Zweiten Weltkrieg.
Der Altarraum, der von der riesigen Kuppel umspannt ist.

Wer an einem warmen, sonnigen Tag über den Münchner Odeonsplatz spaziert und dabei die umliegenden Gebäude im Blick hat, wird sich vielleicht auch schon gefühlt haben, als hätte ihn eine höhere Macht schnurstracks in ein malerisches oberitalienisches Städtchen versetzt.

Zwar beanspruchen die Regensburger den Titel »nördlichste Stadt Italiens«, doch die Geschichte der Landeshauptstadt ist von so vielen italienischen Einflüssen geprägt, dass die Münchner den Oberpfälzern diese Bezeichnung sicher streitig machen könnten. Ein Paradebeispiel für die italienisch- bayerische Verbindung in Sachen Kultur ist die Theatinerkirche, die heuer ihren 350. Geburtstag feiert. Von italienischen Klosterbrüdern betrieben, von einem italienischen Baumeister geplant und auch noch von einer Italienerin in Auftrag gegeben, ist der Prachtbau am Odeonsplatz wahrlich »Made in Italy«.

Bei der italienischen Bauherrin handelt es sich um Henriette Adelaide, die Ehefrau von Kurfürst Ferdinand Maria.

Da die geborene Prinzessin von Savoyen schon jahrelang mit dem bayerischen Kurfürst verheiratet gewesen war, ohne dass sich der heißersehnte Nachwuchs einstellen wollte, gelobte die junge Ehefrau in ihrer Verzweiflung, eine Kirche zu bauen, wenn ihr Wunsch nach einem Thronfolger sich doch noch erfüllen sollte. Sie erfüllte damit ein Gelübde, das sie während ihrer langen Zeit der Kinderlosigkeit abgegeben hatte. 1636 in Turin zur Welt gekommen, hätte Henriette Adelaide Maria, wie sie mit vollem Namen hieß, eigentlich den späteren König Ludwig XIV. von Frankreich heiraten sollen. Doch die hochfliegenden Pläne von Adelaides Mutter Christine zerschlugen sich und so musste die zweite Wahl herhalten, in diesem Fall der bayerische Thronfolger Ferdinand Maria. Kurfürst Maximilian wiederum hätte zwar lieber eine deutsch sprechende Schwiegertochter »eingekauft«, doch die Schönheit der Savoyerin wog diesen Mangel dann schnell auf. Um ja nicht die Katze im Sack für seinen Sohn zu kaufen, hatte der listige Maximilian zuvor keine Kosten gescheut und den Spion Ferdinand Egartner, der unter dem Decknamen Aloise Rizzi auftrat, nach Turin geschickt, um die Prinzessin mit eigenen Augen zu begutachten. Was der Spion nach München vermeldete, überzeugte den Kurfürsten, worauf im Dezember 1650 per procurationem geheiratet wurde, das heißt die Braut erhielt im Turiner Dom die Hand ihres zukünftigen Gatten durch einen Stellvertreter. Da sie, wie ihr Ehemann übrigens auch, gerade erst 14 Jahre alt geworden war, durfte die junge Ehefrau vorerst noch in der mütterlichen Obhut bleiben. Als Ferdinand Maria nur ein Jahr später nach dem plötzlichen Tod seines Vaters mit 15 Jahren Kurfürst wurde, musste sich Adelaide dann aber schweren Herzens von Turin und ihrer Familie verabschieden, um in ihre neue Heimat zu Mann und Untertanen zu reisen.

In Kufstein steht die junge Frau das erste Mal ihrem Ehemann gegenüber, der seiner Braut auf deren Weg nach München entgegengekommen war. Was Adelaide dabei zu sehen bekommt, scheint ihren Kummer nicht gemildert zu haben: In einem von Tränen befleckten Brief berichtet sie ihrer Mutter: »Es stimmt, dass der Kurfürst sehr groß ist, aber er hält sich schlecht und trägt den Kopf gesenkt. Eine seiner Schultern ist größer als die andere und er schneidet eine unschöne Grimasse mit dem Mund. Diesen hält er ständig offen, und was das schlimmste ist, er sieht nichts. Seine Augen haben eine fade Farbe.«

Vielleicht ist diese mangelnde Attraktivität einer der Gründe, warum sich auch nach etlichen Jahren Ehelebens noch immer kein kurfürstlicher Nachwuchs in der Münchner Residenz einstellen will. 1659, nach sieben Jahren Ehe, soll eine Kur in Bad Heilbrunn für Fruchtbarkeit sorgen und tatsächlich ist die 23-jährige Fürstin nach der Wasserkur schnell schwanger, auch wenn sie 1660 vorerst nur ein Mädchen zur Welt bringt. Zwei Jahre später folgt dann mit Maximilian II. Emanuel endlich der so sehnlichst erwartete Bub. Die überglückliche Mutter muss daraufhin ein von ihr abgegebenes Gelübde in die Tat umsetzen: Eine Kirche und ein Kloster hatte sie dem heiligen Cajetan, ihrem schon seit Kindertagen so verehrten Schutzheiligen versprochen, wenn sie einen Thronfolger gebären würde. Cajetan von Chieti (1480- 1547) war Mitgründer des Ordens der Cajetiner oder Theatiner, nach dem altitalienischen Namen der Stadt Chieti, Teati, benannt. Die Kurfürstin war vom Wunderwirken Cajetans so überzeugt, dass sie Schriften über dessen Mirakel ins Deutsche übersetzen und ganz München mit Abhandlungen und Kupferstichen des Wohltäters überschwemmen ließ. In einem Brief an ihren Beichtvater schrieb Adelaide stolz, »dass zu München kein Haus …gezählet werde, wo sich nicht das Bildnis des seeligen Cajetans im Zimmer, und die Andacht gegen den selben im Herzen befinde.«

Adelaide war fest davon überzeugt, dass sie es nur Cajetan zu verdanken habe, dass ihr kleines Töchterlein, nach so vielen Jahren des Wartens endlich geboren, im Alter von sechs Monaten eine schwere Erkrankung an Rotlauf überstand. Die Ärzte hätten ihr verkündet, »dass in einem so zarten Alter aus hundert Kindern nicht ein einziges in einem solchen Zustand mit dem Leben davonkomme.« Dass ihr nicht nur die kleine Maria Anna erhalten geblieben, sondern bald darauf auch der spätere Kurfürst Max Emanuel »geschenkt« worden sei, beweise ihr die Gewogenheit Cajetans. Kirche und Kloster, die ab 1663 direkt gegenüber der Residenz entstanden, sollten diesem »Superheiligen« geweiht und von Theatinern geführt werden. Auch die Handwerker und Künstler für den Bau holte die gebürtige Italienerin Adelaide aus ihrem früheren Heimatland: Agostino Barelli aus Bologna bekam den Auftrag für den Entwurf, den der Baumeister nach der Mutterkirche der Theatiner in Rom, Sant’Andrea della Valle, gestaltete. Doch die Bauarbeiten gingen alles andere als glatt voran: Wahrscheinlich trafen auch in der zuweilen kühlen Münchner Umgebung zwei hitzige italienische Gemüter aufeinander, denn Baumeister Barelli sollte sich bald mit dem Bauleiter Antonio Spinelli, dem Beichtvater der Kurfürstin, in die Haare bekommen. Eine erste Entlassung Barellis wurde noch rückgängig gemacht, aber nach der Fertigstellung des Rohbaus verließ der beleidigte Baumeister München auf Nimmerwiedersehen. Sein Nachfolger wurde Enrico Zucalli, der die Form der Türme und der 71 Meter hohen Kuppel kreierte. Für die Stuckarbeiten wurden Giovanni Nicolò Perti, Giovanni Viscardi sowie Abraham Leuthner engagiert. Noch im Rohbau wurde die Theatinerkirche 1675 eingeweiht, nachdem bei der Gestaltung der Außenfassade die unterschiedlichen Vorstellungen nicht unter einen Hut zu bringen waren und diese vorerst unvollendet blieb. Die Kurfürstin sollte die Fertigstellung ihrer Kirche dann auch nicht mehr miterleben: Seit Längerem von einem schweren Herzleiden geschwächt, verschied Adelaide im Juni 1676 im Alter von nur 39 Jahren. Selbst beim Tod Max Emanuels, dessen Geburt der Grund für den Bau der Kirche war und der genau 50 Jahre nach seiner Mutter im Jahr 1726 starb, war die Außengestaltung noch immer nicht vollendet. François de Cuvilliés der Ältere entwarf 1765 eine Fassade, mittlerweile schon im Stile des Rokokos; sein Sohn François de Cuvilliés der Jüngere, führte die Arbeiten des Vaters 1768 zu Ende.

Während das Klostergebäude nicht einmal 150 für geistliche Zwecke genutzt wurde – die Säkularisation Anfang 19. Jahrhundert hatte ja die Auflösung der Orden zur Folge – ist die Theatinerkirche noch heute eng mit der Gründerin und ihrem Ehemann, Kurfürst Ferdinand Maria, verbunden. Denn seit dem Tod Adelaides dienen die Kirche und vor allem ihr Untergeschoß als eine der Grablegen der Wittelsbacher. 49 Angehörige der ehemaligen bayerischen Herrscherfamilie sind hier beerdigt, darunter die Könige Max I. Joseph und Max II. sowie König Otto von Griechenland. Außerdem vier Kurfürsten – aus der Zeit, als Bayern noch kein Königreich war, Prinzregent Luitpold und Kaiser Karl VII.. Nur Max II. und seine Frau Marie sowie einige im Kindesalter verstorbene Wittelsbacher sind nicht in der Gruft, sondern im Kirchenschiff beerdigt. Wer das ganz in elegantem Weiß gestaltete Innere der Kirche mit der riesigen Kuppel betrachtet, findet bis auf eine Engelsfigur im Altarbereich keinen Hinweis mehr darauf, dass dieses Schmuckstück barocker Kirchenbaukunst durch Bombeneinschläge im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden erlitten hatte.

Mit der Residenz auf der gegenüberliegenden Seite, der Feldherrenhalle gleich nebenan sowie den Prachtbauten, die sich sowohl stadteinwärts wie auch die Ludwigsstraße entlang ziehen, liegt die Theatinerkirche quasi mitten im Zentrum der architektonischen Schmankerl Münchens. Dass unter den zahlreichen Touristen aus dem In- und Ausland, die St. Kajetan auf ihrem Besichtigungsplan stehen haben, auch ein großer Anteil Italiener ist, hätte die Initiatorin dieses Bauprojekt, Henriette Adelaide, sicher gefreut.


Susanne Mittermaier

 

34/2013