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Jahrgang 2013 Nummer 44

Theater in Traunstein

Von 1948 bis zur Gegenwart

Aus dem Drama »Der Mann am Strick« nach Armand Payot mit Sepp Kettenberger als Hauptdarsteller.
Georg Rückerl.
Die Familientruppe »Pampelmusen« in Peterchens Mondfahrt.
Aus »Brandner, willst du ewig leben« mit Franz-Josef Fuchs und Theo Fischer.

»Eine lebendige Stadt braucht ein Theater und Menschen, die gerne Theater spielen«. Das war das Fazit einer Gesprächsrunde zum Thema »Theater in Traunstein - gestern und heute«, die heuer im Frühjahr in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS stattgefunden hatte. Der nachfolgende Überblick soll an einigen prägnanten Beispielen aufzeigen, wie sich das Theater(leben) in Traunstein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt hat und wie es sich heute präsentiert.

So ist heute kaum mehr bekannt, dass der Münchner Staatsschauspieler und Schriftsteller Friedrich Ulmer (1877 - 1952) bereits Ende der vierziger Jahre als Darsteller und Mitarbeiter der »Neuen Bühne« mithalf, das Theater in Traunstein wieder »salonfähig« zu machen. Etwa mit den Stücken »Der Tod im Apfelbaum« und »Kabale und Liebe«, die im Oktober 1948 neben der Operette »Das Dreimäderlhaus« im Vereinshaus aufgeführt wurden. Allerdings schon damals nicht ohne Probleme, wie einem Bericht des »Traunsteiner Kurier« vom 13. Oktober zu entnehmen ist: »… Kaum, dass nun wieder geregelte Betriebsverhältnisse eingetreten sind, greift eine neue, vielleicht sogar die schwerste Wirtschaftskrise an den Lebensnerv des Unternehmens, die, wenn sich die Traunsteiner Bevölkerung nicht aktivieren lässt und ein besserer Besuch einsetzt, das Ende des Traunsteiner Theaters bedeutet, das mit so viel Mühe und Energie aufgebaut wurde und in unserer Stadt nicht nur der Unterhaltung, sondern vor allem auch dem Bildungsbedürfnis diente«.

Eine wichtige Rolle in den darauf folgenden Jahren spielten auch Theatergruppen wie die der Katholischen Jugend oder des Gesellenvereins, die mit Kinderstücken wie »Der Kasperl in der Schlangenhöhle« oder dem Singspiel »Der Rattenfänger von Hameln« ebenfalls im Vereinshaus auftraten. Mit toller Resonanz, wie sich Sigi Strohhammer, einer der Akteure, in einem Gespräch mit dem Autor erinnerte, es sei jedes Mal »bummvoll« gewesen. Aber auch schwere Kost stand dabei auf dem Programm, etwa das Drama »Der Mann am Strick« (nach Armand Payot) mit Sepp Kettenberger als Hauptdarsteller. Ab 1964 habe er dann, so Strohhammer weiter, beim Veteranenverein in Haslach eine neue Heimat gefunden, im Gasthof Alpenrose, wo er auch Regie geführt habe bei Stücken wie »Der verkaufte Großvater« oder »Wegweiser zum Himmel«.

Auf ein langjähriges Engagement beim Theater kann auch Sebastian Eisenreich zurückblicken, der in den siebziger Jahren in Traunstein Dutzende Einakter wie »Musterung in Niedertupfenhausen« inszenierte und damit auch auf Tournee ging, mit bis zu 1200 Zuschauern pro Vorstellung. Ein Erfolg, der sich mit der Gründung der Traunsteiner Heimatbühne im Jahr 1980 und der damit verknüpften Aufführung auch von Drei-Aktern wie »Der Schuasterwastl« zunächst fortsetzte. Leider habe man es in der Folgezeit aber versäumt, wie Eisenreich erklärte, sich rechtzeitig um Nachwuchs bzw. junge Leute zu bemühen (»Wenn der Liebhaber um die 40 ist, wirkt das nicht mehr so«), so dass 1997 Schluss war.

Ein weiteres Kapitel im Traunsteiner Theaterleben bildete das Ende der zwanziger Jahre von Georg Truk gegründete »Chiemgauer Volkstheater«, das von 1954 bis zu seinem frühem Tod im Jahr 1964 von dem unvergessenen Traunsteiner Schauspieler Georg Rückerl geleitet wurde. Danach übernahm die Schauspielerin Amsi Kern die alleinige Verantwortung für das Theater, das unter ihrer so kreativen wie tatkräftigen Führung rasch zu einem der bekanntesten und beliebtesten Gastspieltheater im bayerischen Raum avancierte. 1984 übergab Amsi Kern die Leitung des Theaters ihrem Sohn Bernd Helfrich und dessen Frau Mona Freiberg-Helfrich. Beide machten es sich zum Ziel, das »Chiemgauer Volkstheater« auf seinem Erfolgsweg weiterzuführen, aber auch neue Wege zu gehen und das Theater an die Spitze der bayerischen Bühnen zu bringen. Dank bester Beziehungen zu Stars wie Erni Singerl, Maxl Graf, Beppo Brem und Hans Clarin waren sie darin überaus erfolgreich.

Nicht vergessen dürfte bei vielen auch die legendäre Lore-Bronner- Bühne sein, die mit klassischem Theater den Traunsteinern eine Alternative zum Volks- oder Bauerntheater bot. Zum Repertoire gehörten sowohl Theater-Klassiker von Goethe über Lessing bis Shakespeare als auch moderne Stücke und unterhaltende Komödien sowie Rezitationsabende.

Was die gegenwärtige Situation des Theaterlebens in Traunstein betrifft, so bestimmen im Wesentlichen vier Gruppierungen die Szene: die Theaterwerkstatt des Katholischen Kreisbildungswerks, das Salztheater, die Pampelmusen und das Fabriktheater unter der Leitung von Franz-Josef Fuchs.

Zumeist von Reinhold Lay inszeniert, bringt die Theaterwerkstatt seit Mitte der neunziger Jahre literarisch hochwertige Stoffe in ungewöhnlicher Bearbeitung auf die Bühne, etwa »Unter dem Milchwald« (nach Dylan Thomas), »Die Hölle« von Dante Alighieri oder George Taboris »Mein Kampf«, mit dem Hofbräuhaus als bevorzugtem Aufführungsort. Für das Taschenopernfestival Salzburg entstanden 2009 »Mahlzeit« (Text bzw. Libretto: Hans-Peter Jahn, Komposition Hüseyn Evirgen und Periklis Douvitsas) und 2011 »Der Engel des Herrn«, nach dem Text »Der glücklose Engel von Heiner Müller (Komposition Silvia Rosani), beide aufgeführt in der Salzburger ARGEkultur.

Ebenfalls seit Mitte der neunziger Jahre ist das Salztheater aktiv, das anlässlich der Landesaustellung »Salz 1995« von Gerhard Brusche auf Initiative des damaligen Traunsteiner Oberbürgermeisters Fritz Stahl gegründet wurde. Das erste aufgeführte Stück hieß »Zu Traunstein der Galgen« von G. F. X. Unterforsthuber, nach Recherchen im Stadtarchiv. 1999 wurde der klassische »Jedermann« gespielt und dabei (zum ersten Mal) bewiesen, dass der Traunsteiner Stadtplatz auch durchaus für Freilichttheater geeignet ist. Aber auch Kindertheater wie »Pippi Langstrumpf« oder »Der Geist von Canterville« stand bislang auf dem Programm des Salztheaters, und sogar ein Komödienbuffet mit drei Einaktern von Curth Götz. Vom Publikum begeistert aufgenommen wurden auch die Inszenierungen von »Don Camillo und Peppone« und der »Bayerische Jedermann«, bevor man sich wegen wetterbedingter Ausfälle und aus organisatorischen Gründen von Freilichtaufführungen verabschiedete und sich ebenso erfolgreich auf spritzige Boulevardkomödien wie »Und ewig rauschen die Gelder« oder »Im Himmel ist kein Zimmer frei« verlegte. Erfreulicherweise habe man im Traunsteiner Studio 16, einem Ableger der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS, eine neue Heimat gefunden, so Gerhard Brusche.

Im NUTS treten bevorzugt die »Pampelmusen« auf, eine Familientruppe aus Mindelheim und Traunstein, um die sich je nach Stück und Spielort Freunde und Bekannte gruppieren. Hervorgegangen aus einer Kabaretttruppe, spielt das Ensemble seit rund 30 Jahren erfolgreich ein breit gefächertes Repertoire. Waren es zunächst Komödien von Ephraim Kishon, Philipp King, Saul O Hara, Curt Goetz oder Ludwig Thoma, ging die Truppe mehr und mehr zu Eigenbearbeitungen über: Komödien von Molière, Carlo Goldoni, Ben Jonson, Ludvig Holberg wurden im Stile des »Teatro Comico« bearbeitet und gespielt. In der frechen, spritzigen und temporeichen Spielweise der »Commedia dell arte« wird agiert, dabei aber auf die starren Masken bewusst verzichtet. Aber auch Märchen wie »Peterchens Mondfahrt« oder »Die Schneekönigin« wurden für die Bühne und ein großes Ensemble adaptiert. Ein besonderer Höhepunkt war dabei 2002 die Übersetzung und Aufführung des »Everyman«, der Urfassung des »Jedermann«.

Eine herausragende Rolle im Traunsteiner Theaterleben spielt auch Albert Rosenegger, der sich nach einer Vielzahl von Sketchen und Einaktern für unterschiedliche Anlässe (Weihnachtsfeiern, Starkbierfeste etc.) vor rund fünfzehn Jahren an größere Stücke herangewagt hat. Gepackt hatte ihn das Theaterfieber, als er als gelernter Drucker in der Millerschen Druckerei die Plakate für das »Chiemgauer Volkstheater« und die Lore-Bronner- Bühne anfertigte und dafür oft Freikarten bekam. Inzwischen hat er zum Beispiel Stücke über Balthasar Permoser und Hartwig Peetz geschrieben, und für das NUTS bzw. das Fabriktheater die Stücke »Sterndeandl« (über Traunstein zur Zeit der Pest im 17. Jahrhundert), »Es bleibt natürlich unter uns« (nach einem Roman von Horst Biernath), und zuletzt die Thomareske »Krawall- und andere Dornsteiner Geschichten« verfasst.

Eine weitere, ebenfalls sehr erfolgreiche Aufführung im NUTS war im Frühjahr 2013 das Stück »Brandner, willst du ewig leben?« Geschrieben und inszeniert hat das Stück im Auftrag des Fabriktheaters der Autor, Kabarettist und Schauspieler Dietmar Gamper aus Meran (Südtirol), der die beiden Ebenen der Handlung - die Biographie von Johnny Cash und die Geschichte vom Brandner Kaspar - zu einem ebenso humorvollen wie spannenden »Volksmusical« verzahnte, das dank der vielen musikalischen Einlagen, der pfiffigen Dialoge sowie einiger Knalleffekte beim Publikum bestens ankam.

Theater und Menschen, die gerne Theater spielen, hat Traunstein also. Und offensichtlich auch ein Publikum, das dies zu schätzen weiß. Hoffen wir, dass dies auch in Zukunft so bleibt.


Wolfgang Schweiger

 

Quellennachweise: Gespräche des Autors mit Gerhard Brusche, Sebastian Eisenreich, Reinhold Lay, Albert Rosenegger, Willi Schwenkmeier und Sigi Strohhammer. Internetseiten des Chiemgauer Volkstheaters und der Pampelmusen.

 

44/2013