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Jahrgang 2015 Nummer 33

Tassilo III. - Urbild bairischer Identität

Er war der letzte Spross des Agilolfinger Geschlechts – Teil II

Hochzeitskelch des Herzogs Tassilo und seiner langobardischen Gemahlin Liutberga, gestiftet für das Kloster Kremsmünster aus den 60er Jahren des 8. Jahrhunderts, vermutlich langobardisch.

Die Gründe für die zahlreichen Klostergründungen und kirchlichen Landschenkungen nicht nur der bairischen Agilolfinger wird in deren religiösen Motiven – »um dem Pfuhle des Teufels und seinem furchtbaren Grauen zu entgehen und den Himmelssal aufzuschließen« –, in der Sorge um ihr Seelenheil (memoria) und in dem Wunsch nach der Ausbreitung und Festigung des christlichen Glaubens – zu suchen sein. Daneben müssen wir berücksichtigen, dass mittelalterliche Klöster wirtschaftliche Faktoren bildeten, die bei der Kultivierung und Bestellung der Böden beachtliche Dienste leisten konnten. Tassilo betrieb ferner eine aktive Kirchenpolitik; er berief die Synoden von Aschheim (756), Dingolfing (770) und Neuching (771) ein, wirkte bei der feierlichen Investitur (Einsetzung in ein Amt) von Bischöfen mit und beobachtete aufmerksam die Gerichtsbarkeit über den Weltklerus. Außerdem hatte er – der im Gegensatz zu seinen Standesgenossen als ein außergewöhnlich klerusergebener Fürst geschildert wird –, im Verlauf seiner fast drei Jahrzehnte währenden Herrschaft mindestens 29 (!) Klöster in Baiern gestiftet. Bereits seine Zeitgenossen würdigten seine persönliche Frömmigkeit mit den Worten: »In sensu sanctæ scriptuare præcessoribus maturior« (Im Geist der heiligen Schrift überragt er seine Vorgänger); somit sind seine innere Bekehrung zum Mönch und die Lokaltradition – die in ihm einen Seligen sieht –, glaubhaft. »Fundatore sunt quasi beati«, [Wohltäter, (Stifter), sind gleichsam gesegnet], sagt die Kirche und erkennt sie damit dankbar an. Unter diesem strenggläubigen Gesichtspunkt gehörte Herzog Tassilo zu den tatkräftigen Förderern oder auch (Wieder-) Gründern des vermutlich über der Ruine einer heidnischen Kultstätte (Minervatempel) erbauten Klosters Weltenburg, das, in einer Donauschleife bei Kelheim gelegen, sich an die Felswand des Arzberges schmiegt. Nach Tassilos Entmachtung erhielt die oberhalb des landschaftlich imposanten Donaudurchbruchs befindliche Abtei durch Karl den Großen ihre Reichsunmittelbarkeit, wodurch das Kloster direkt dem Kaiser unterstand.

In Weltenburg ist der bairische Landesherr auch im farbenprächtigen Bilde präsent, hier schildert im Presbyterium das spätbarocke Deckenfresko von Cosmas Damian Asam – das mit der Jahreszahl 1721 signiert ist –, die Stiftung des berühmten Klosters durch den gottesfürchtigen Agilolfinger.

Die Stiftskirche des Regensburger Niedermünsters – eine vermutete Fundation des Herzogs Tassilo

Zu den wichtigsten Damenstiften in Deutschland gehörte das der Maria Himmelfahrt und dem heiligen Erhard geweihte Niedermünster in Regensburg. Als deren Fundamente für die erste hölzerne Stiftskirche dienten verwaiste römische Militärgebäude des 3./4. Jahrhunderts auf dem brachliegenden Areal des einstigen Legionslagers Castra Regina. An der Stelle des antiken Praetoriums (Wohngebäude des Kommandanten) war um das Jahr 700 unter Herzog Theodo II. eine steinerne Saalkirche entstanden, die als das bislang früheste Zeugnis für eine Bautätigkeit der Agilolfinger jener Zeit in Regensburg gilt. An der Ostseite der römischen Bastion erhob sich die bajuwarische Herzogspfalz, die eine Pfalzkapelle voraussetzt, die gerne in der Alten Kapelle (antiqua capella) gesehen wird, schon weil sie in der städtischen Tradition als »anvank aller gotzhäuser in bayrn« bezeichnet wird. Gleichfalls gehörte das in der Nordostecke des Römerlagers gelegene Niedermünster zum herzoglichen Besitz.

Möglicherweise fungierte es auch als erste Bischofskirche der Stadt, da die frühen Metropoliten bis in das Jahr 739 in der Herzogsresidenz wirkten. Zweifellos sehen heutige Wissenschaftler diesen feudalen Sakralbau als Eigenkirche der agilolfingischen Herrscherfamilie an, in die nach dem Jahr 710 der heilige Erhard aus Narbonne (Erhard de Ratisbonne) – fränkischer Missionsbischof, 3. Diözesanpatron von Regensburg und Nachfolger des heiligen Emmeram – in einer Grablege aus wieder verwendeten Tuffplatten beigesetzt wurde (gestorben 717). Seine Identität ist aufgrund der ununterbrochenen Verehrung bis in unsere Tage unzweifelhaft.

Bei einem um 788 errichteten Neubau handelte es sich erstmals um eine Stiftskirche, als dessen Gründer Tassilo III. – der Urenkel Theodos II. – angenommen wird. Eine um das Jahr 955 geweihte, dreischiffige Basilika nutzte dann die bairische Herzogsfamilie der Liudolfinger (Ottonen) als Krypta und als Ort für ihr rituelles Totengedenken (memoria). Dort wurden Herzog Heinrich I. von Baiern – der zweite Sohn des ostfränkischen Königs Heinrich I. und jüngere Bruder des römisch-deutschen Kaisers Otto I., des Großen – neben seiner Gemahlin Judith – einer Tochter Herzog Arnulfs I. von Baiern – in einem spätantiken Kalksteinsarkophag beigesetzt (gestorben 955).

Daneben fand ihre Schwiegertochter Gisela von Burgund – Gemahlin Herzog Heinrichs II., des Zänkers, von Baiern und Mutter von zwei berühmten Kindern: Königin Gisela von Ungarn und Kaiser Heinrich II., der Heilige – in einem zu zweit verwendeten, römischen Sarkophag ihre letzte Ruhestätte (gestorben 1006/07). Ihr wird das namhafte Giselakreuz – ein mit Goldblech verkleidetes Kreuz aus Eiche – zugeschrieben, das sie für das Grab der Mutter in Auftrag gegeben hatte. Die in der katholischen Kirche selig gesprochene Gisela trug mit zur Bekehrung ihres Gatten, des heiligen Stephan, bei, der als erster König von Ungarn sein Land christianisiert hatte. Angesichts der herzoglichen Familiengrablege war das Niedermünster allen anderen Regensburger Kirchen vorangestellt.

Tassilos Klostergründung »Wezzobrunn« und die Kunsthandwerker der Wessobrunner Schule

Nach der Überlieferung der St. Emmeramer Legende kam es im Jahr 753 zwischen Lech und Ammer zur Einrichtung des Klosters Wessobrunn durch den bairischen Regenten, nachdem er mit seinen, ihn begleitenden, Waidmännern Wezzo und Taringeri während eines Jagdausritts im Rotwald (Rotter Wald) in einem nächtlichen Traum eine Himmelsleiter und Quelle gesehen hatte, deren frischsprudelndes Wasser in drei Richtungen floss.

Seinen spirituellen Traum interpretierte der tief gläubige Herzog als ein himmlisches Zeichen, an jener Stelle eine Abtei zu erbauen, die zur Erinnerung an seinen Jagdgefährten und an die Quelle den Namen »Wezzobrunn« erhielt. An der angeblichen Stelle des Traumes erhebt die sogenannte Tassilo-Linde ihre Zweige in den oberbairischen Himmel. Vom Kloster erhalten geblieben ist der 1680 erbaute Fürstentrakt, in dem sich ein barocker Tassilo-Saal befindet.

In den Werkstätten der Abtei werden ab dem 17. Jahrhundert über 600 namentlich bekannte Stuckateure, Baumeister, Kupferstecher und Graveure ausgebildet, die zu den angesehensten Kunsthandwerkern des Süddeutschen Barocks der Wessobrunner Schule zählen.

Tassilos Stiftung Frauenchiemsee – älteste und schönst gelegene Nonnenabtei Deutschlands

Von herausragender Bedeutung ist die 782 erfolgte Fundation der Benediktinerinnenabtei Frauenchiemsee – die häufig auch Frauenwörth genannt wird. An der Gründung war wahrscheinlich neben Tassilo auch dessen andächtige Gemahlin Liutberga, dritte Tochter des letzten Langobardenkönigs Desiderius (reg. 757-74), beteiligt. Am 1. September desselben Jahres ist uns die Weihe der Klosterkirche durch den heiligen Bischof Virgil von Salzburg – einem universell bedeutenden Gelehrten des Frühmittelalters – überliefert.

Circa fünfundsiebzig Jahre nach der feierlichen Kirchenweihe setzte um das Jahr 857 König Ludwig II. der Deutsche, der seit 826 Baiern regierte, seine Tochter – die selige Irmengard von Buchau, eine Urenkelin Karls des Großen – als Äbtissin in Frauenwörth ein, die als dessen zweite Stifterin und als verehrungswürdige Patronin des traditionsreichen Chiemgaus gilt. Das Kloster hielt Tassilo nicht nur als gottgefälligen Stifter, sondern auch als präsumtiven Seligen über die Jahrhunderte in Ehren. Bis zur Säkularisierung (1803) veranstalteten die Nonnen an dessen Todestag alljährlich Lobamt und Predigt und schmückten das Bild des glücklosen Regenten mit Nimbus und Strahlenschein.

An den letzten unabhängigen Agilolfinger erinnern zwei, vermutlich über 1000 Jahre alte, Bäume: die Tassilo- und die Marienlinde, die in einem Hain im Zentrum der Insel stehen. Heute ist Frauenchiemsee mit ihrer mehr als 1200-jährigen Geschichte die älteste und schönst gelegene Nonnenabtei Deutschlands. Sehenswert ist zudem die karolingische Torhalle aus der Frühzeit des Klosters.

Herzog Tassilos und Herzogin Liutbergas Lieblingsstift Kremsmünster

Außerordentlich großzügig förderte Tassilo das von ihm im Jahr 777 gegründete und im Tal der Krems gelegene Kloster Kremsmünster, das sich im Traungau, im Osten des bairischen Stammesherzogtums befand. Es sicherte nach dem Sieg des Agilolfingers über das slawische Fürstentum der Karantanen (slov. Karantanija) als ein weiterer Vorposten die Missionierung der heidnischen Slowenen im heutigen Kärnten ab; aus dem bairischen Drang nach Osten wird eines Tages Österreich entstehen.

In Gegenwart der Bischöfe Arn(o) von Salzburg, – des Primas von Baiern –, Regensburgs und Passaus hielt Tassilo zur Einweihung eine Ansprache, deren Text uns erhalten ist: »Ich habe erwogen, von dem Besitz, dessen mich der Herr gewürdigt hat, Gott selbst wieder etwas darzubringen. (…) Daher habe ich mich entschlossen, mit dem höchsten Beistand des Herrn Jesus Christus in seinem Namen ein Kloster zu erbauen, was mit seiner Hilfe auch geschehen ist. Denn ich habe ein Kloster errichtet an dem Fluss, genannt Krems, zu Ehren unseres Erlösers und habe ihn einen Abt, Namens Fater(ikus), gegeben mit zugeeigneten Mönchen, auf daß an dieser ehrwürdigen Stätte ein geistiges Leben entstehe.«

Fater, der erste Abt an der Krems und Hofkaplan Tassilos, wird später dessen ereignisreiches Leben beschreiben.

Kremsmünsters fürstliche Ausstattung mit Grundbesitz im Bergland und in der Ebene gegen den Almsee zu, garantierte dem Kloster eine mehr als tausendjährige Einflussnahme auf alle Bereiche des menschlichen Lebens in der markanten Region. Zu den noblen Wohltaten des Herzogs, die er dem Benediktinerstift zukommen ließ, gehört ein heute denkmalgeschützter Jod-Sole-Brunnen: die sogenannte Tassiloquelle in Bad Hall. In deren Kurpark wird 1880 der spätromantische Wiener Musiker Gustav Mahler sein viel bejubeltes Debüt als Dirigent geben.

Über den Gründungsmythos von Kremsmünster existieren zwei Fabeln. Einer Version zufolge soll sich der Landesherr während eines Jagdausflugs im dichten Unterholz des Schachenwaldes verirrt haben. Von einer weißen Hirschkuh zu seiner Jagdgesellschaft zurückgeführt, gelobte er daraufhin feierlich, an jener Stelle ein Kloster zu gründen. Nach der Aussage einer zweiten Legende wird Gunther, der jüngste Sohn Tassilos, im Verlauf einer tollkühnen Parforcejagd bei einer Quelle von einem wilden Keiler angefallen: »Im Kampf mit dem Eber war ihm beim Zustoßen der Schaft des Speeres gebrochen. Das wütende Tier verletzte Gunther, der einsam verbluten mußte. Von Hunden geführt, fanden die Jäger den toten Prinzen.«

Daraufhin stifteten, offensichtlich noch im gleichen Jahr, der kirchentreue Landesvater und seine trauernde Gattin ihrer Lieblingsabtei Kremsmünster ihren kostbaren Hochzeitskelch, der am Fuß folgende lateinische Inschrift trägt: »Tassilo Dux Fortis + Liutpirc Virga Regalis« – »Tassilo, tapferer Herzog + Liutpirc, königlicher Sproß«.

Heutige Historiker sehen in dem prächtigen Kelch ein wichtiges Dokument; zwei silberne Leuchter mit Vergoldungen aus Tassilos Stiftung sind ebenfalls erhalten. Obendrein rechnen sie das formvollendete Meisterstück, das vermutlich in einer langobardischen Werkstatt in den 60er Jahren des 8. Jahrhunderts angefertigt worden ist, zu den schönsten Goldschmiedearbeiten jener Epoche und zu den bedeutendsten Kunstwerken der Welt.

Augenscheinlich bezeugt dieses erlesene Gefäß mit seinen Heiligenfiguren und Flechtwerkornamenten das politische Bündnis des bairischen Fürsten mit den Langobarden, deren germanisches Königreich vom 6. bis 8. Jahrhundert ganz Nord- sowie Teile von Mittel- und Süditalien umfasste. Noch immer wird der Tassilo-Kelch verwendet. Bei der Wahl eines neuen Abtes werfen die Brüder ihre Stimmzettel in den Kelch, was auf die Tradition des Stiftungsbechers verweist. Die Gunthersage steht mit dem Gründungsmythos der Traungauer Abtei in enger Verbindung. Danach berichtet uns der Kremsmünsterer Chronist, Skriptor und Diakon Bernardus Noricus im 14. Jahrhundert, dass die am 9. November 777 geweihte Klosterkirche über dem Grab des bei der Quelle Gundraeich verstorbenen Herzogsohnes errichtet worden ist, wobei die Erscheinung eines brennende Kerzen im Geweih tragenden Hirsches den Platz des Grabes und die Baustätte bestimmt hatten (Narratio de ecclesia Cremsmunstrensi).

Bernardus Noricus‘ Prinzipal, der Abt Friedrich von Aich, ließ 1304 ein Hochgrab (Tumba) mit einer damals modellierten Liegefigur Gunthers aufstellen, in dem die aus der alten Krypta zuvor erhobenen Gebeine mit denen des seligen Wisinto zusammen erneut beigesetzt worden sind. Im Jahr 1712 wurden die Reliquien des Priestermönchs Wisinto und des sagenhaften Herzogsohnes in eine neue Gruft vor dem Hochaltar umgebettet. Seit 1948 befindet sich das Gunthergrab – ein weißer Kenotaph (altgr. leeres Grab) – im Läuthaus der Stiftskirche, die bei der Einweihung ihres Neubaues im Jahr 1082 auch das Patrozinium des heiligen Agapitus von Præneste hinzubekommen hatte, der als Patron den kleinen Kindern, den Schwangeren und bei Bauchschmerzen hilft. In lebendiger Erinnerung an Gunther wird an jedem 11. September ein opulentes Wildschweinessen von den Mönchen veranstaltet.

Tassilos Tod im karolingischen Reichskloster Lorsch

Gunthers Vater Tassilo III. starb an einem 11. Dezember in der Benediktinerabtei Laurisham – der klassischen Abtei der Karolinger – die sich in der hessischen Rheinebene zwischen Lorsch und Bensheim befindet. Leider bleibt uns sein Todesjahr unbekannt, wenngleich die meisten Experten davon ausgehen, dass der entmachtete Baiernherzog im Jahr 796 verschied. Noch im 16. Jahrhundert zeigten die Brüder des Klosters in einer dämmerigen Gruft einen brüchigen Steinsarkophag, den sie als sein Grab bezeichneten. Er diente in späteren Zeiten vorübergehend den Schweinen als Futtertrog und trug folgende Inschrift:

»Tassilo, Herzog zuerst, Mönch am Ende, starb eines ruhigen Todes am 11. des Monats Dezember. Hier liegt er in der Gruft. Mache ihn selig, o Herr !«

Trotz dieser schmerzlichen Desavouierung bleiben die großen Verdienste des Agilolfinger Geschlechts, deren letzter Spross Tassilo III. war, bei der gelungenen Besiedlung und Christianisierung Bayerns bestehen.

Unter ihrer Führung wuchsen die ethnisch verschiedenen Teile des bajuwarischen Stammes zu einem homogenen Volk mit einem starken Eigenleben zusammen.

An Tassilos Todestag, dem 11. Dezember, versammeln sich die Mönche in der Kremsmünsterer Klosterkirche noch heute zu einem hochtönenden Requiem. Anschließend wird seine Stiftungsurkunde feierlich in der Bibliothek verlesen.

Welche Andenken sind von dem gottgeweihten Herzog in unserer heutigen Zeit lebendig geblieben? Bekanntlich wusste die in Schwaben angesiedelte Chronik der Grafen von Zimmern noch im 16. Jahrhundert zu berichten, dass ihre Vorfahren, die alten Freiherrn von Gundelfingen, ihre Abstammung auf eine Seitenlinie der Agilolfinger zurückgeleitet hatten und damit die letzten Nachkommen aus Tassilos Familie gewesen wären.

Kaum an historischer Kontinuitätsstiftung, sondern primär an kommerziellem Gewinn interessiert, scheinen aktuelle Phänomene der Tassilo-Erinnerung: Namengebungen an Tassilo- Apotheken, Tassilo-Kinos, Tassilo Stub‘n, Tassilo-Löwen, Herzog-Tassilo-straßen, Tassilo-Hallenbäder, alkoholische Produkte etc. Offenbar hat die bayerische Bevölkerung den unglücklich regierenden Agilolfinger nicht gänzlich vergessen, da sich das einfache Volk noch immer seine geschilderte Legende erzählt.

Regensburg nach Tassilos Tod: Zentrum des ostfränkischen Reiches

Regensburg diente den Karolingern während der Herrschaft von Ludwig II. dem Deutschen bis zu Ludwig dem Kind, dem achtzehnjährig verstorbenen, letzten Nachkommen des großen Karl im Ostreich (gestorben 911), als Mittelpunkt des ostfränkischen Reiches (Regnum francorum orientalium). Bereits Ludwig II. (Louis II de Germanie) – ein Enkel Karls des Großen – hatte Aachen zugunsten Regensburgs aufgegeben, das nun zur wichtigsten Stadt des Ostreiches und Süddeutschlands aufstieg als Residenz Aachen, Köln und Frankfurt am Main übertreffend. Nach der endgültigen Teilung des Karolingerreiches im Jahr 843 im Vertrag von Verdun war Regensburg die erste Hauptstadt Deutschlands geworden. Eine Bezeichnung für Ostfranken (Francie orientale) kam allerdings erst im 11. Jahrhundert auf.

Jetzt hatte auch das Herzogtum Baiern, das als Grenzland wichtige Alpenpässe kontrollierte, unter Carolus Magnus und seinen Nachfolgern an territorialer Größe gewonnen. Sein Gebiet umfasst ganz Altbayern, die Oberpfalz und Tirol.

Nach der verheerenden Niederlage des von einem Khagan regierten und aus Großviehzüchtern bestehenden Nomadenstammes und Reitervolks der Awaren, die auf ihren Raubzügen nicht nur die Balkanhalbinsel durchstreift und Konstantinopel bedroht hatten (626), sondern die auch seit 788 mehrmals in das Fränkische Reich eingefallen waren, kamen noch ein Teil des heutigen Österreichs, die Regionen Ungarns bis an die Theiß und das komplett unterworfene Kärnten hinzu.

In diesen, bislang von Slawen und noch nicht sesshaften Magyaren bewohnten, Ländern verbreiteten umherziehende Wandermönche, gottesfürchtige Missionare – wie der heilige Wolfgang (971), späterer Bischof von Regensburg (972 bis 94) – und Vagantenbischöfe (episcopi vagantes) das Christentum. Zur Ordnung der kirchlichen Angelegenheiten wurde Baiern in eine eigene Kirchenprovinz vereinigt, dessen Leitung der Bischof von Salzburg im Amt eines Erzbischofs übernahm. Diesem neuen Erzbistum wurden die Bistümer Passau, Freising, Säben (Brixen) und Regensburg zugeordnet.

Regensburg hatte zuvor schon alle anderen Städte Deutschlands überflügelt und galt als eine Weltstadt, deren Altstadt durch eine mächtige, 16-bogige, steinerne Brücke mit dem Nordufer der Donau verbunden war, nachdem es 1245 Freie Reichsstadt geworden war.

Die ehemalige ostfränkische Residenz wurde nicht nur ein eifrig frequentierter Warenumschlagplatz des Fernhandels bis nach Paris, Venedig und Kiew, sondern auch zum gefragten Schauplatz diplomatischer Aktivitäten.

Allmählich von Augsburg, Nürnberg und Wien überflügelt, erlangte die Donaumetropole nach gut vier Jahrhunderten eine neue Funktion als Sitz des Immerwährenden Reichstags (1663). Schließlich kam Regensburg 1810 während der Regentschaft des beliebten Königs Maximilian I. Joseph zum Königreich Bayern, der die Stadt zum Regierungssitz der Oberpfalz erhob.


Christian Klam, Historiker


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 32/2015

 

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