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Jahrgang 2015 Nummer 32

Tassilo III. – Urbild baierischer Identität

Er war der letzte Spross des Agilolfinger Geschlechts – Teil I

»Römermauer« des Legionslagers Castra Regina in Regensburg.
Denar Kaiser Karls des Großen nach 800 AD – der Antipode Tassilos.
Porta praetoria, Regensburg.
Bildnis Kaiser Karls des Großen an einem heutigen Wohnhaus auf dem Areal der ehemaligen Kaiserpfalz in Ingelheim am Rhein.
»aula regina« der Kaiserpfalz zu Ingelheim. An diesem Ort wurde 788 Herzog Tassilo III. von Kaiser Karl dem Großen zum Tode verurteilt und anschließend begnadigt.

Regensburg gleicht nicht den übrigen Römerstädten in Deutschland – wie beispielsweise die drei altehrwürdigen Erzbistümer Köln, Mainz und Trier –, die gleichermaßen auf eine zweitausend Jahre alte Vergangenheit zurückblicken können. Regensburg ist mehr. Die Stadt ist älteste Geschichte Bayerns und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Darüber hinaus ist sie faszinierende Historie des europäischen Abendlandes. Nichtsdestoweniger siedelten bereits keltische Boier (lat. Boii) in ihrem befestigten, stadtartig angelegten oppidum Ratisbona gut ein halbes Jahrtausend vor der Ankunft des legendären Philosophen auf dem römischen Caesarenthron, Marc Aurel, und seines 6000 Mann starken Heeres (legio III Italica concors) im fischreichen Flusstal des Regen, das die Germanen nach Christi Geburt Reganus oder Regana nannten. Ebenso bezeichnen unsere französischen Nachbarn Regensburg noch heute als Ratisbonne.

»Regensburg liegt gar schön. Die Gegend mußte eine Stadt herlocken (…)« – in diesem vergnügten Schreibstil hielt der große Dichterfürst und passionierte Naturwissenschaftler Johann Wolfgang von Goethe seine Impressionen über die alte Donaumetropole in seinem Tagebuch der Italienischen Reise fest. Als Filippo Miller – und nicht als allmächtiger Weimarischer Minister – war er inkognito aus dem böhmischen Karlsbad kommend auf dem Weg nach Italien unterwegs, als er am 4. September 1786 in Regensburg Station machte. Goethe war damals im noblen Gasthaus »Zum Weißen Lamm« abgestiegen, wo er in seinem Zimmer folgende Sätze niederschrieb: »… in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und Stift gegen Stift. (…) Kirchen, Türme und Gebäude haben etwas Großes und Vollständiges (…), das allen Menschen insgeheim Ehrfurcht einflößt.« Einen Tag später reiste er nach München weiter.

Reganburgo hatte sich aus Marc Aurels, im Jahre 179 nach Christi errichteten, Legionslager Castra Regina – dem Lager am Regen – und der sie umgebenden Zivilsiedlung (canabae legionis) zu einer blühenden, mittelalterlichen Großstadt entwickelt, die an der nördlichsten Stelle der Donau sowie an den Mündungen ihrer beiden Nebenflüsse Naab und Regen liegt.

Noch im 8. Jahrhundert konnte Arbeo – der erste baierische Geschichtsschreiber und vierte Bischof von Freising –, das zehn Meter hohe und zwei Meter breite, marcaurelische Befestigungswerk bewundern: »Die Stadt ist schwer zu erobern, aus Quadersteinen errichtet und mit hochragenden Türmen versehen.« Mit diesen überschwänglichen Worten hatte der Bischof und getreue Biograph seines Lehrers, des heiligen Korbinian von Freising, die 2000 Meter lange Umwehrung des Römerkastells gepriesen, deren acht bis zehn Meter breite und drei Tonnen schwere Bauinschrift in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts glücklich gefunden worden ist. »Imperator Caesar Marcvs Avrelivs Avgvstvs et Imperator Caesar Commodvs Avgvstvs … (dessen Sohn und Nachfolger) … haben die Mauer und Tore bauen lassen durch den Legaten M. Helvius Clemens Dextrianus, den kaiserlichen Stadthalter«, emeritierten Konsul und Regensburger Legionskommandanten, lesen wir auf der Inschrift des einstigen Osttores von Castra Regina, die im Historischen Museum der Stadt zu besichtigen ist.

Lediglich deren westliche Lagerfront aus sorgfältig gearbeiteten Sandsteinquadern – die von Steinbrüchen Donau aufwärts mit römischen Schiffen antransportiert worden waren –, wird im Rahmen einer Stadterweiterung unter dem Luitpoldinger-Herzog Arnulf I., des Bösen, von Baiern im Jahr 920 abgebrochen werden.

Tragisches Schicksal des letzten Agilolfinger-Herzogs Tassilo

Die mit 22 Türmen flankierte und mit vier monumentalen Toren versehene Verteidigungsanlage erfüllte auch weiterhin ihren Zweck, allerdings nicht mehr als wehrhafte Palisade des antiken Castra Regina, sondern nun als Stadtmauer der ersten Hauptstadt Baierns – die Arbeo stolz metropolis, Radasbona oder Reganburgo nennt –, von der aus die älteste bairische Herzogsdynastie der Agilolfinger zweihundert Jahre lang das Land regierte, bevor deren letzter glückloser Regent und Urbild baierischer Identität, Tassilo III. (geboren um 740/41), dem expandierenden und bald ganz Europa umspannenden Großreich der Karolinger weichen musste.

Tassilos Antipoden – dem ehrgeizigen Frankenherrscher Karl dem Großen (Charlemagne) – war die Macht seines gleichaltrigen, bairischen Vetters ersten Grades – beide hatten in Karl Martell den selben Großvater –, ein Dorn im Auge, weil sie so groß geworden war und weil kein anderer Agilolfinger zuvor solch eine vergleichbare Autorität auf seine Person vereinigen konnte. In dieser Hinsicht feierten Tassilos Zeitgenossen ihren herizogo (Heerkönig) – der zu drei Vierteln ein gebürtiger Franke war –, wie einen neuen Kaiser Konstantin. Der Baier wurde – nebst seinem Herzogsrang – auch als »Fürst« oder »höchster Fürst« tituliert, zugleich »erlauchtest«, »glorreich« »ruhmreichst« und »großmächtig« genannt, wie es sonst nur einer hochwohlgeborenen Majestät zukam. Tassilo selbst nannte sich »vir illuster« (hervorragender Mann), einen Titel, den sich auch die fränkischen Merowingerkönige nach dem höchsten senatorischen Rang im spätrömischen Reich zugelegt hatten.

Kirchliche Quellen erwähnen den bairischen Herzog als »princeps«, wie die karolingischen Hausmeier (majordomus) genannt wurden. In den Schriften wird seine Regentschaft mit dem Wort für Königsherrschaft »regnare« beschrieben, das Herzogtum hieß »regnum«. Tassilo berief darüber hinaus – gleich einem absolutistischen Souverän – Landtage der weltlichen und geistlichen Großen ein, entsprechend den Reichsversammlungen im Frankenreich. Die vor Ort gefassten Beschlüsse besaßen den selben Rechtscharakter wie die fränkischen Kapitularien (Anordnungen) und galten als Gesetze Tassilos. Er datierte seine Urkunden nach seinen eigenen Regierungsjahren – und nicht nach denen Karls – was nach dem Brauch der damaligen Zeit bedeutete, dass man keinen Vorgesetzten über sich akzeptierte.

Überhaupt ist die bairische Gesetzgebung eine der fortschrittlichsten jener Epoche. Sie beweist, dass Baiern in Bezug auf Kultur und Zivilisation dem hoch entwickelten Staatswesen der Franken in nichts nachstand. Bekanntlich erließ Tassilo das erste Schulgesetz, nach dem jeder Bischof einen Lehrer stellen musste. Somit wird der bairische Staat reich, stark und ausgedehnt. Er ist der große Ostund Musterstaat der lateinischen Christenheit. Der Herzog hatte sein Heer und Reganburgo war der Sitz seines glänzenden Hofes. Baiern ist eine Macht, die auf der Landkarte etwas bedeutet.

Im Jahr 776 ging Tassilo noch weiter, indem er seinen Sohn Theodo (III.) zum Mitregenten erhob. In diesem Zusammenhang berichten uns die vor allem die Interessen Karls des Großen vertretenden, fränkischen Reichsannalen (Annales regni Francorum), dass sich Tassilo – der seit 757 den Karolingern lehenspflichtig gewesen sein soll –, im Jahr 763 geweigert hatte, jenen gehorsame Heeresfolge zu leisten, zu der er aufgrund eines Schwures in der Pfalz zu Compiègne an den Schreinen der wichtigsten Heiligen: Dionysius, Rusticus, Eleutherius, Germanus und Martin, verpflichtet war. Ein über heiligen Reliquien gesprochener Eid war im Mittelalter verbindlich, selbst wenn er erzwungen war. Die Heristaler Kapitulare (Capitulare Heristalense) schildern uns, wie mit Meineidigen umzugehen sei: »Wer einen Meineid schwört, soll keine andere Gutmachung leisten dürfen als den Verlust der Hand.« (Cap. 10).

Obendrein soll Tassilo sich einer kleinmütigen Fahnenflucht – der harisliz (ahdt.) – schuldig gemacht haben, für die die Todesstrafe galt. Heute wird dieser erst um das Jahr 790 entstandene Bericht erheblich in Zweifel gezogen, wahrscheinlich hat es sich hier um eine nachträgliche Konstruktion gehandelt.

Dessen ungeachtet blieb der Agilolfinger bairischer Herzog bis in das Jahr 787, in welchem ihn Charlemagne in der sagenumwobenen Nibelungenstadt Worms aus politischen Gründen zum Lehensmann degradierte. Hierfür hatte Tassilo seine geschlossenen Hände in die seines Herren Karl zu legen, ihm die Knie zu küssen und den Vasalleneid zu leisten (sog. Handgang). Zudem musste er dreizehn Geiseln – darunter seinen Sohn Theodo – stellen, die von Bischof Suidbert von Regensburg in die Königspfalz Quierzy am Ufer der Oise – dem Sterbeort Karl Martells (gestorben 741) – gebracht wurden.

Danach überreichte der diskreditierte Rebell zum Zeichen seiner Unterwerfung seinem fränkischen Cousin sein adlergeschmücktes Zepter. Karl nahm Tassilos Unterordnung und die erneuerten Eide an, verlieh jenem das Herzogtum Baiern als königliches Lehen und gab ihm symbolisch dessen Zepter zurück. Nicht nur Baiern war jetzt ein Lehen des Königs und Tassilo als dessen Lehensmann und Vasall an das Fränkische Reich gebunden, sondern auch der gesamte bairische Adel musste sich Carolus Magnus zur Treue verpflichten. Tassilos Zepter wurde übrigens ein Jahr später in Regensburg gestohlen, bevor es später im Kloster Kremsmünster verfremdet wieder auftauchte. Mönche hatten es in zwei Kerzenhalter umgearbeitet. Vielleicht enthalten die edlen Kremsmünsterer Tassiloleuchter die Insignien des letzten Agilolfingerherzogs?

Hingegen mag jener Kompromiss für den stolzen Baiernherzog zu hoch gewesen sein, so dass er sich erneut widersetzte: »Lieber wolle er zehn Söhne verlieren, als so einen schändlichen Vertrag einzuhalten. Besser sei es, tot zu sein, als so zu leben«, so soll sich Tassilo in der Überlieferung der tendenziösen Annales geäußert haben. Der rebellische Herzog bewies durch sein aufsässiges Verhalten, dass Baiern noch immer ein eigenständiges, politisches Gewicht besaß. Natürlich blieben seine eigensinnigen Umtriebe den Franken nicht lange verborgen.

Tassilo als einfacher Mönch in der karolingischen Abtei Jumièges

Nur ein Jahr später (788) verurteilten sie den bairischen Empörer in der aula regina der Ingelheimer Kaiserpfalz – neben Aachen Karls Lieblingsresidenz – zum Tode wegen der Vorgänge von 763 und seines (angeblichen) Bündnisses mit dem, die pannonische Tiefebene beherrschenden, Großreich der turktatarischen Awaren. Trotz alledem begnadigte der älteste Sohn Pippins des Jüngeren seinen bairischen Vetter und ließ ihn am 6. Juli 788 in dem, im Tal der Loreley gelegenen, Stift Sankt Goar tonsurieren. Anschließend wurde Tassilo mit seinem Sohn Theodo – »auf eigenem Wunsch«, wie es hieß –, in die weltverlorene Abtei Jumièges bei Rouen (Haute-Normandie) gebracht.

Gleichermaßen wie Tassilo verschwanden auch dessen hochgemute Gemahlin Liutberga – eine langobardische Prinzessin – und deren Söhne und Töchter hinter den undurchdringlichen Mauern karolingischer Klöster. Inwieweit die zur drakonischen Klosterhaft Verurteilten dabei ihr Los freiwillig akzeptierten oder innerlich dagegen revoltierten – darüber berichten uns die Chroniken leider nichts.

Rotrud nahm den Schleier im Benediktinerkloster Saint-Médard im nordfranzösischen Soissons oder in der Abtei Notre-Dame de Laon und Gotani in der königlichen Abtei Notre- Dame de Chelles im Umland von Paris gelegen, wo sie durch Karls jüngere Schwester Gisela beaufsichtigt wurde, die dort ab 788 Äbtissin war.

Tassilos zweitältesten Sohn Theodebert – der wie sein Vater flehentlich darum gebeten hatte, nicht in aller Öffentlichkeit wie ein armes Schaf geschoren zu werden –, internierten die Franken vermutlich in der Reichsabtei St. Maximin in der einstigen, spätantiken Kaiserresidenz Trier an der Mosel.

Beweise für die Schuld des letzten Agilolfinger-Herzogs sind niemals erbracht worden, weshalb die moderne Forschung das Verfahren gegen ihn als einen politischen Scheinprozess betrachtet. Erst jetzt – als am Ende des konstruierten Prozederes die von Charlemagne gewünschte Ausschaltung Tassilos erfolgt war –, trat der Karolinger – in dessen eisigen Händen von Anfang an alle Fäden zusammenliefen –, selbst in den Vordergrund: »Von Mitleid ergriffen (…), aus Liebe zu Gott und weil Tassilo sein Blutsverwandter war« – so beschreiben es die fränkischen Reichsannalen – habe der großmütige König vor der Reichsversammlung die Begnadigung des »glaubenslosen Übeltäters« erwirkt.

Nunmehr hatte der Franke erreicht, dass Tassilo ohne Blutvergießen gefallen war. Nicht als unversöhnlicher Rächer, sondern als gütiger und gottesfürchtiger Herrscher erschien Carolus Magnus in den Augen seiner erstaunten Zeitgenossen. Zweifellos zeigt ihn der gesamte Prozessverlauf eher als einen machtbesessenen Menschen, als einen scharf denkenden Meister des politischen Kalküls. Nicht von ungefähr wirkt das gesamte Gerichtsverfahren wie eine geschickt arrangierte Szene und ein von Beginn an abgekartetes Spiel.

794 wurde der schlichte Mönch Tassilo aus seiner Klosterzelle in dem im großen Seinebogen gelegenen Jumièges geholt. Vor einer Reichsversammlung in Frankfurt am Main zwang der Karolingerherrscher den ehemaligen dux bajuvariorum erneut dazu, kniefällig ein ehrverletzendes Reuebekenntnis abzulegen.

Gleichzeitig musste er auf sein bis dato selbstständiges und erbautonomes Herzogtum verzichten. Mit dieser Campagne sollte dem Urteil des Jahres 788 nachträglich ein Schein von Recht und Gesetz verliehen werden. Damit war die unerwünschte Dynastie der bairischen Agilolfinger – deren mythische Herkunft bis heute im Dunkeln liegt –, endgültig entmachtet worden. Das Herzogtum – das einst aufgrund eines Eides an Tassilo verliehen worden war – fiel nun an Karl zurück, der die großzügige Belehnung gewährt hatte. Genauer gesagt: hier wird nicht erobert, sondern eingezogen. Der König wird in seinen Akten auf dieser feudalrechtlichen Formulierung bestehen. Gewiss hatte er die Absicht, den Baiern diese Tatsache dadurch schmackhafter zu machen, als eine pure Besitzergreifung durch rohe Waffengewalt vorzunehmen.

Anschließend verbrachte Karl der Große zwei aufeinander folgende Winter (791 bis 93) in der Agilolfingischen Pfalz und Regensburger Herzogsresidenz, um persönlich die Einverleibung Baierns in das Fränkische Reich abzusichern. Baiern – das aber seine nationale Selbstständigkeit, sein Stammesrecht und seinen Namen bewahren konnte –, wurde ein fester Bestandteil des Regnum Francorum. Politisch teilte Karl das Land – ebenso wie Kärnten und Sachsen – in ein Mosaik von Grafschaften auf, an deren Spitze meist fränkisch geprägte Edle aus Baiern standen.

In jenen Tagen designierte der Sachsenbezwinger seinen Schwager – einen Bruder seiner dritten Gemahlin, der schwäbischen Hildegard –, sowie persönlichen Vertrauten und Heerführer – den fränkisch-alemannischen comes (Graf) Gerold II., den Jüngeren, – zum Nachfolger in der bairischen Herrschaft im Range eines Präfekten (Praefectus Baivariae). Auf diese Weise sollten den partikularen Tendenzen – die im stark ausgeprägten, bajuwarischen Stammesbewusstsein fest verwurzelt waren –, ein eiserner Riegel vorgeschoben werden. Eine weitere, von Tassilo angestrebte, Sonderentwicklung Baierns war somit verhindert worden.

Jetzt waren nicht nur die in einem blutigen Krieg unterworfenen Sachsen – die der fränkische Gelehrte Einhard »den langwierigsten, grausamsten und für das Frankenvolk anstrengendsten« nannte (Vita Caroli Magni) –, sondern auch die freiheitsliebenden Baiern in der Gewalt des großen Karl und damit die beiden wichtigsten Stämme bezwungen – die später einmal den Kern des mittelalterlichen Deutschen Staates bilden werden. Dieser Schritt bedeutete die Frankisierung Germaniens. Die für einen kurzen Augenblick am politischen Horizont aufkeimende Option auf ein zwischen den Karolingern und Agilolfingern geteiltes Reich, war durch Charlemagne zunichte gemacht worden. Das zukünftige Deutschland wird nun seine ersten Schritte unter der Führung der karolingischen Dynastie machen, da es im gesamten Okzident keine Macht mehr gab, die den fränkischen Staat bedrohen konnte. Als Beweis dafür – dass nicht alle Baiern den politischen Wandel ihres Landes mit Genugtuung hinnahmen – ist, dass am Tage der Internierung Tassilos eine heute nicht mehr eruierbare Zahl von Personen in die Verbannung ging; »Finis Bavariae« zur damaligen Epoche.

Tassilo wurde 794 kurz vor seinem Tode – als ein inzwischen gebrochener Mann – noch einmal vor eine Frankfurter Reichssynode zitiert. Die Legende berichtet uns, dass er geblendet gewesen sei und in seinen letzten Jahren von einem Engel von Altar zu Altar begleitet worden war. Der Unglückliche war gebeugt, sein Gang schleppend, seiner brüchigen Stimme war er kaum mehr mächtig, mit der er – »der Verzeihung gewürdigt zu werden« –, für sich und seine Kinder und Kindeskinder den endgültigen Verzicht auf Baiern sowie auf sein Eigentum schriftlich beurkunden musste. Schließlich erneuerte ein königliches Dekret in feierlicher Form den in Ingelheim am Rhein beschlossenen Gnadenakt.

Am Ende verschwand der einstmals so stolze Ex-Herzog wieder – und diesmal für immer – hinter den hohen Mauern des klösterlichen Schweigens in der karolingischen Reichsabtei Lorsch. Sein damaliges Klosterleben dürfte sehr hart für Tassilo gewesen sein, besonders für ihn, der nicht als Bruder, sondern als ein einfacher Häftling gefangen gehalten wurde. Seine Zelle war ungeheizt, die Kost karg. Geweckt wurde er um 1 Uhr in der Früh nach nur vierstündigem Schlaf zu den Vigilien. Um 3 Uhr folgten bis zum Tagesanbruch die Laudes und um 6 Uhr das Morgengebet, die Prim.

Wie bei der Terz um 9 Uhr, der Sext um 12 Uhr und der Non um 3 Uhr nachmittags trugen die Mönche einen Hymnus mit drei Psalmen vor. Vor Sonnenuntergang erfolgten dann die Vesper und um 9 Uhr das Abendgebet. Da Müßiggang der Todfeind der Seele ist, kam die Arbeit nicht zu kurz. Hingegen den kasteiten Körper durch ein erquickendes Bad zu reinigen, durfte man nur zweimal im Jahr. Dementsprechend beredt klangen die Lamentos der Mönche vom Tegernsee: »… besonders schwer empfinden wir es, wenn wir uns zum Gebet auf den Fußboden der Kirche werfen, der mit Schnee bedeckt ist, und durch die offenen Fenster weht der eisige Wind, löscht die Kerzen und trocknet unsere Tränen.«


Christian Klam, Historiker


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 33/2015

 

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