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Jahrgang 2015 Nummer 50

Strahlkraft der Miniaturen

Das DomQuartier zeigt erlesene gotische Buchmalerei aus Salzburg

Den Fehler hat der Schreiber/Maler gleich korrigiert: statt »Grammatica« heißt es »Geometria« (Handschrift, Oberrhein, 15. Jahrhundert).
Ulrich Schreibers Porträt seines Auftraggebers Bernhard von Rohr, auf Papier, Salzburg, 1476.
Immer wieder: König David. Hier sitzt er in einem »B« einer Prager Handschrift um 1395.
Da ist der (Holz-)Wurm drin: im Gewand des Papstes Bonifatius VIII., Miniatur in einer Handschrift des 14. Jahrhunderts.

»Fünfzig Lux. Mehr geht nicht. Bei mehr sind sie beleidigt. Und das merken sie sich. Da kann es sein, dass sie drei Monate lang unter Verschluss bleiben müssen.« Beatrix Koll liebt es, auf die Besucher ihrer Ausstellung »Farbenpracht auf Pergament« im DomQuartier Salzburg geradezu magisch einzureden. Die kostbaren, einzigartigen Exponate, die sie in vier Räumen zeigt, vertragen nicht mehr als 50 Lux Beleuchtung. Sonst nehmen sie Schaden. Es handelt sich um dicke, kräftige, in Holz mit Lederüberzug gebundene Buchwerke aus spätmittelalterlichen Salzburger Schreibwerkstätten und Bibliotheken. Nicht mehr als 23 Handschriften sind zu sehen, 18 davon leiht sich das DomQuartier von der Universitätsbibliothek Salzburg aus, wo Beatrix Koll arbeitet. Sie kuratiert diese kleine, aber feine Ausstellung und betont: »Hier sind die schönsten und wertvollsten Handschriften des Mittelalters aus Salzburger Sammlungen zu sehen.«

Pergament, Tierhaut also, wurde kunstvoll beschrieben und meisterhaft mit farbigen Bildern und Zierleisten »illuminiert«. Fast alle Buchseiten – freilich sind nur jeweils zwei gegenüberliegende einer Pergamenthandschrift in der verglasten Vitrine aufgeschlagen – sind bebildert. Entweder ganzseitig oder vignettenartig. Einzelne Buchstaben, insbesondere die Initialen, sind manchmal bildhaft ausgestaltet. Die Farben, die die Buchmaler aus ferner Zeit auch für die oft lustig verzierten Randleisten verwendeten, wurden aus zerriebenen Halbedelsteinen gewonnen, aus blauem Lapislazuli beispielsweise oder aus grünem Malachit. Erstaunlich, welche Strahlkraft die »Illuminationen« besitzen und wie einfallsreich, nicht selten auch symbolträchtig, die Ornamente ausgestaltet wurden. So stehen ein Hund für die Kirche und ein Fuchs für die menschliche Seele. Solche Bedeutungen muss man wissen, um die Handschriften wirklich »lesen« zu können.

Die Meisterwerke Salzburger Buchmalerei sind in der Regel Bibeln, Chroniken, Messbücher oder Graduale. Es sind aber auch theologisch-philosophische, juristische und medizinische Abhandlungen darunter. Neun Zehntel der ausgestellten Exponate waren schon geschrieben, als Christoph Columbus 1492 auf Amerika gestoßen war. Es sind Spitzenstücke dabei. Das »Radecker Missale« etwa, 876 Seiten stark. Es inspirierte den wohl bedeutendsten und fleißigsten gotischen Buchkünstler Salzburgs, Ulrich Schreier, der zwischen 1450 und 1500 tätig war und seine Aufträge von Erzbischof Bernhard von Rohr erhielt. In einer medizinischen Sammelhandschrift von 1476 porträtierte Schreier den Erzbischof als Medicus mit Uringlas, Lehrbuch und Apothekerkorb. Aus dem Oberrheingebiet stammt eine Handschrift aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts, die die »Sieben Freie Künste« (Artes Liberales) thematisiert. Der Schreiber hatte sich verschrieben gehabt, den Fehler dann aber sichtbar ausgebessert: »Grammatica« strich er durch und schrieb »Geometria« darunter.

Wer genau hinschaut, entdeckt andere lustige Sachen. Eine Lupe brächte sie sofort an den Tag. Sie ließe, wenn auch nicht auf den ersten Blick, ein Löchlein im roten Gewand des auf dem Thron sitzenden Papstes Bonifatius VIII. erkennen. Beatrix Koll: »Da wollte sich bestimmt ein respektloser Holzwurm durchringeln. Pergament mag er ja nicht, Holz muss es sein, und daraus besteht der Buchdeckel.« Die Miniatur, um die es sich handelt, befindet sich in einer Bologneser Handschrift zum Kirchenrecht um 1380. Dem Papst gegenüber sitzt, auch auf einem Thron, Guido de Baysio, wie man annimmt. Er ist der Verfasser des Textes, eines Kommentars zum »Decretum Gratiani« Kanonist und Erzdiakon von Bologna. Im Katalog ist dieses und vieles weitere nachzulesen.

Die Universitätsbibliothek Salzburg, die mit dieser Ausstellung (bis zum 6. Januar) im DomQuartier gastiert, wird 2019 ihr 400-jähriges Bestehen feiern. 2,4 Millionen Medien bietet sie derzeit an. Darunter sind 1100 Handschriften aus dem 8. bis 20. Jahrhundert, 1385 Inkunabeln, gut 10 000 »Rara« (Seltenheits-Exemplare) und 2200 Handzeichnungen und Druckgrafiken. All dies zusammen bildet einen Teil des wertvollsten Dokumentenerbes Salzburgs.


Dr. Hans Gärtner

 

50/2015