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Jahrgang 2009 Nummer 39

»Stets wandle auf blumigtem Pfade dahin…«

Ausklingendes Biedermeier auf schönen Widmungsblättern

Widmungsblätter mit Sprüchen, zuoberst mit aufgeklebtem koloriertem Kupferstich.

Widmungsblätter mit Sprüchen, zuoberst mit aufgeklebtem koloriertem Kupferstich.
Widmungsblatt-Illustration mit Spruch: das lodernde Feuer »heiliger« Freundschaft

Widmungsblatt-Illustration mit Spruch: das lodernde Feuer »heiliger« Freundschaft
Sie zog ins Altenheim, und weil die gut Achtzigjährige Wochen vor dem Verlassen ihres jahrelang allein bewohnten Hauses »reinen Tisch machen«, manches Liebgewonnene aber nicht wegwerfen wollte, kam ich zu einem kleinen Schatz. Um nichts weiter als ein Kästchen aus Pappe in Form eines 14 mal 8 Zentimeter messenden, anderthalb Zentimeter starken Büchleins im Querformat handelt es sich. Vorder- und Rückendeckel, um echtes Leder vorzutäuschen, bräunlich geprägt mit Goldeinfassung und Goldschnitt. Auf dem »Buch«-Rücken, in drei Zeilen: »Der / Freund- / schaft.« Das Ding stammt aus einer Zeit, die noch einen Punkt nach Titel und Überschrift setzte: erste Hälfte 19. Jahrhundert, als »Biedermeier« kulturgeschichtlich vermerkt.

So lang wir noch sind
und Blut in uns rinnt,
erneure sich wie heut
der Freundschaft Herzlichkeit.

Sinnreich sind die geprägten Ovale auf Vor- und Rückseite des buchähnlichen Kästchens: Amor steht nackt und geflügelt mit Pfeil und Köcher in einer auf Wasserwellen gleitenden Muschel, die ein Schwanenpaar zieht. Hinten eine mit reifen Früchten und Blumen übervolle Schale. Amors Bild wiederholt sich auf der Deckelinnenseite, die mit zartrosa Prägepapier ausgelegt ist. Mit zwei (lädierten, bereits verblassten) gezackten Seidenbändern lassen sich die, das Kästchen ausfüllenden, weißen, goldgeränderten Blättchen ausheben, 60 an der Zahl. 13 sind beschriftet, davon 6 zusätzlich bemalt oder mit einer Bleistift-Zeichnung verziert.

Was Dich froh und glücklich macht,
hat mein Wunsch Dir zugedacht.
Lebe glücklich und heiter der Jahre noch viel
und erreiche der Tugend lohnendes Ziel.

Im Gegensatz zu manch anderem »alten« Schrift-Fund – geglückt auf Flohmärkten oder in Antiquariaten – ist die beschriebene Erinnerungsgabe der ins Altenheim gewanderten Dame datierbar. 8 Widmungsblätter tragen die Jahreszahl 1836, drei sind von 1837, eins von 1841. Ein beschriftetes Blatt blieb undatiert, ohne Namen, ohne Widmung – beides ist auf den übrigen Blättern akribisch vermerkt, etwa: »Zur Erinnerung an Deine Freundin Louise von Hardt« oder »Denk auch in der Entfernung manchmal an Rösle Raff« oder »Zum Andenken von Deiner Dich liebenden Freundin Jutta Windesheim«. Auf allen Blättern steht derselbe Ort: Eßlingen. Der Ortsname gibt ein Rätsel auf: Handelt es sich um das »Eßlingen« (Esslingen) am Neckar oder das in der Eifel? Da auf manchen Blättern nach dem Ortsnamen ein schwer lesbarer Zusatz, möglicherweise die Abkürzung für »i. d. E.« (»in der Eifel«?) zu lesen ist, könnte das Esslingen bei Stuttgart ausgeschlossen werden.

Nichts bringt die Zeit,
das nicht die Zeit begrübe.
Nur eines bleibet ewiglich –
die Liebe.

Egal, ob am Neckar oder etwas nördlicher – die (auch von der ins Seniorenheim gewechselten Vorbesitzerin des Biedermeier-Schatzes nicht aufzuklärende) Herkunft weist in den Westen Deutschlands. Die Nähe zu Frankreich ist aus dem Duktus der Sprüche ablesbar. Auch aus den dazu gemalten Motiven, die allesamt von zarter, wohl weiblicher Hand gefertigt sind. Diese Hand kann nur bürgerlichen oder adeligen Kreisen gehören. Im Bürgertum und »bei Adels« war es in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder Brauch geworden, die bereits kurz nach 1500 aufgekommenen »Stammbücher« (zunächst unter Fürsten und Rittern, dann auch unter Gelehrten und Studenten üblich) aufzugreifen, und zwar bei Damen, die Wert darauf legten, in kleinformatigen Papieren, Briefen ähnlich, mit Sprüchen und Sentenzen in Erinnerung behalten zu werden – von Schulkameradinnen, Verwandten oder Gespielen. Auch Tanten schrieben ihren Nichten reizende Sprüche auf Zettel, desgleichen Patinnen ihren Patentöchtern und Lehrerinnen ihren (bevorzugten) Schülerinnen.

So wie die Rosen blühn,
so blühe stets Dein Glück
und wenn du siehst Rosen,
so denke an mich zurück.

In Mädcheninternaten kursierten anfangs noch lose Blätter, die in buchähnlichen Kästchen gestapelt wurden, später dann, etwa ab 1850/60, Alben, in denen keine anderen Eintragungen als auf den losen Blättern gemacht wurden und die zudem mit sich wachsender Beliebtheit erfreuenden, bunten Oblaten, erhältlich in Papeterien, beklebt wurden: Elfen, Engel, Blumen, hübsche drollige Kinder, Glücksbringer wie Fliegenpilz und vierblättriges Kleeblatt, Buketts und Sträußchen, bevorzugt bestehend aus Rose, Nelke, Veilchen und Vergissmeinnicht. Bis in unsere Zeit haben sich – wer kennt sie oder benützte sie nicht? – die sogenannten »Poesiealben« gehalten.

Sanftmuth, Liebe, Frömmigkeit
Sind des Mädchens schönstes Kleid;
Frohsinn, Fleiß u. Herzensgüte
Schützt der Unschuld Rosenblüthe
Und bewahrt vor Reu u. Leid.

Wie aber klang und was kündete die bürgerliche »Poesie« vor beinahe 200 Jahren? Die in diesen »Bedenk-Text« aus dem kleinen Biedermeier-Schatz eingestreuten Weisheits- und Mahnsprüche, Wunschgedichte und gereimten Freundschaftsbekundungen haben den Reiz des Naiven, manchmal auch schon des Banalen. Sie kamen, so jedenfalls hat es den Anschein, von Herzen – und wollten auch »zu Herzen gehen«. In ihrer Stereotypie und Wiederholungs-Manier. In ihren Sentimentalitäten und Abgegriffenheiten. Vielfach ist das herzig Gereimte (ob selbst oder vorformuliert) doch nichts als »Geschwafel«, das aber ernst genommen sein will. Es strotzt indes vor Scheinheiligkeit; täuscht es echte, tiefe Zuneigung doch oft nur vor.

Stets wandle auf blumigtem Pfade dahin,
Wo Myrthen u. Rosen u. Veilchen Dir blühn.
Und darf ich darunter ein Blümchen noch streun,
So soll es ein kleines Vergiß-mein-nicht seyn.

Wer kann beweisen, dass die schriftlich gegebenen, durch Blümchen und »Denkmale der Freundschaft« veranschaulichten, ja erhärteten Beteuerungen ehrlich gemeint waren? Wer kann sagen, ob nicht die Schreiberin eines Wunschgedichtes sich etwas von der Empfängerin erwartete, ihren Vers also gar nicht selbstlos schrieb, sondern, ganz im Gegenteil, berechnend und zielsicher auf eine Erfüllung zusteuernd, die, wie sie glaubte, ihr aus irgendwelchen Gründen zustand?

Dein Glück mein Wunsch,
Deine Freundschaft meine Bitte.

Das Biedermeier klingt aus. 1836 – wir sind gerade einmal zwölf Jahre vom Revolutionsjahr 1848 entfernt. Die Idylle schmilzt. Zerrinnt schon. Versinkt. Löst sich allmählich auf. Die Zeiten werden härter. Die aufkommende Industrialisierung liegt wie mit Staub und Schwefelschwaden und Eisenspänen bereits in der Luft. Wenn auch noch nicht greifbar, aber die heraufdämmernde Umstrukturierung von Gesellschaft und Staat, der Niedergang des Absolutistisch-Monarchistischen kündigt sich, zwischen den Zeilen, schon an.

Schöne Tage sollen nie
Deinem Leben fehlen,
denn der Himmel theilet sie
unter edle Seelen.

Noch will alles Zergehende, Zerfließende, Entgleisende aufgehalten werden. Im schönen Schein will es aufleuchten. Erinnerung wird wach gerufen. Ein menschliches Vermögen, das überdauert, welches Krieg und Not, Krankheit und Niedergang standhält. Wer sich ein Andenken bewahrt, sichert sich ein Stück Lebenssubstanz. Niemand kann der Wirklichkeit entfliehen. Aber jeder kann im Gedächtnis behalten und wieder hervorholen, was ihm lieb war und teuer, was ihn adelte und erhob. Schöne menschliche Gabe: Erinnerung. Memoiren werden in Leerbücher eingetragen oder auf lose Blätter notiert, Lebenserinnerungen werden verfasst, kunstvoll, naiv – egal, ob mit oder ohne literarischen Anspruch. Wem zugedacht? Denen, die sie lesen, wenn die Schreibende längst aus dieser Welt geschieden ist – oder denen, die sich ihr Leben – ob erhebend oder niederdrückend – schreibend noch einmal vergegenwärtigen wollen, Vergangenes dem Vergessen zu entreißen suchen?

Nur Liebe und Freundschaft
sind ewig verwandt;
es knüpfe sie beide
ein himmlisches Band.

Auffällt in der kleinen Sammlung Esslinger Widmungsblätter jener biedermeierlichen Jahre: Sie kommt, unterm Strich, ohne religiöse Bezüge aus. Ins »Transzendente« weist allein die in »Freundschaft« sublimierte Hingabe an einen ausgesuchten Menschen – in den vorliegenden Fällen gleichen Geschlechts. Gott kommt noch ins Spiel. Ausgerechnet auf dem Blatt, das an einer Längs- und einer Breitseite eingeknickt werden musste, um ins Kästchen zu passen. Die Eintragung lautet:

Freundschaft ist die heiligste der Gaben.
Nichts heiliger könnt’ uns ein Gott verleihn.
Und einen Freund kann jeder haben,
der selbst versteht, ein Freund zu sein.
Vom Autor dieses Beitrags ist soeben das mit zahlreichen Abbildungen luxuriöser »Liebesgaben aus Papier« geschmückte Geschenk-Buch »Schöne Grüße und viel Glück« erschienen. Auch sein Buch »Andachtsbildchen. Kleinode privater Frömmigkeitskultur« (beide Titel: München, Verlag Sankt Michaelsbund, 2004 bzw. 2009) greift das Thema, spezifisch auf den religiösen Bereich gemünzt, auf. – Alle Fotos dieses Beitrags sind vom Autor, aus dessen Sammlung die abgelichteten Objekte stammen.

Hans Gärtner



39/2009