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Jahrgang 2016 Nummer 11

Statt Glaube bestimmt heute Gürtelweite die Fastenbräuche

Gesundheit steht an erster Stelle beim Verzicht auf bestimmte Genussmittel vor Ostern

Fisch, wie hier auf einem Stillleben von Luis Melendez, diente in den Wochen vor Ostern als Fleischersatz.
Der Eroberer Hernan Cortes brachte Schokolade von Südamerika nach Europa. Die historischen Fliesen zeigen spanische Adelige bei der Zubereitung des Getränks, das in der Fastenzeit erlaubt war. (Repros: Mittermaier)

Früher war es der Glaube, heute ist es meist der Gürtel: Die Motive, in den Wochen vor Ostern auf liebgewonnene Gewohnheiten zu verzichten, haben sich über die Jahrhunderte gewandelt. Doch egal, ob Mönch im Mittelalter, Bauer im Barock oder moderner Manager: bei allem Unterschied in den Lebenswelten hat sich eines, besser gesagt einer kaum verändert: der innere Schweinehund. Der Blick zurück zeigt, dass das menschliche Phlegma genau dann in außergewöhnliche Aktivität verfällt, wenn kirchliche Regeln und ein knurrender Magen miteinander konkurrieren. Dass der Klerus selbst äußerst kreativ war, um den mageren Speiseplan zwischen Faschingsdienstag und Ostersonntag aufzumöbeln, beweist allerdings, dass es auch in den Klöstern menschelte – und hat zudem dafür gesorgt, dass sich die Geschichte des Fastens nicht als langweilige Litanei trockener Regeln und Verbote liest, sondern eine gut gewürzte Mischung amüsanter Anekdoten auf Lager hat. Apropos: Während heute Süßigkeiten auf der Liste, worauf die Deutschen während der Fastenzeit verzichten, ganz oben zu finden sind, galten Pfefferkuchen früher als ausgesprochene Fastenspeise. Das hängt unter anderem mit den vielen Gewürzen zusammen, die traditionell in den Lebkuchen gehören: Nelken, Piment, Ingwer und Honig verschafften den kleinen Küchlein nämlich nicht nur einen unwiderstehlichen Geschmack, sondern räumten auch den Magen auf – Pfefferkuchen galt damit als Medizin und die war auch in der Fastenzeit erlaubt. Ein bisschen schwieriger gestaltete sich die Argumentation für Kakaoliebhaber, die während der Quadragensima, wie die 40-tägige Zeit vor Ostern in der Kirche offiziell genannt wurde, nicht auf heiße Schokolade verzichten wollten.

Der spanische Eroberer Hernan Cortés hatte 1528 die geheimnisvollen Bohnen, die von den Azteken und Maya mit Wasser und Gewürzen gekocht als Getränk verzehrt wurden, mit nach Spanien gebracht, wo die »Indianische Brühe« zuerst in den Boudoirs der feinen Damen und bald auch hinter den Mauern katholischer Klöster mit großem Genuss geschlürft wurde. Da das fremdländische Gebräu nicht nur gut mundete, sondern angeblich auch stark aphrodisierend wirkt, rief das bald moralinsaure Herrschaften auf den Plan, die den Verzehr von Kakao, besonders in der Fastenzeit, als böse Verfehlung ansahen. Als der Papst 1569 gebeten wurde, ein Machtwort zu sprechen, stellte Pius V. klar, dass nichts gegen Schokoladengenuss in der Fastenzeit spräche. Was ihn zu diesem Urteil brachte, darüber gibt es unterschiedliche Versionen: Der einen Geschichte nach wurde dem Pontifex ein Gemisch vorgesetzt, das tatsächlich dem Namen »Brühe« alle Ehre machte, denn es soll nur Wasser und Kakao, aber keine süßenden Gewürze enthalten haben. Nachdem Pius das bittere Gebräu probiert hatte, soll er geäußert haben, dass so ein ekelhaftes Zeug wohl kaum gegen das Fastengebot verstoße. Version zwei berichtet dagegen, dass Pius selbst schon Fan der flüssigen Schokolade war und deshalb kein Interesse daran hatte, das Getränk auf den vorösterlichen Speiseindex zu setzen. Zumal ja eh das Gebot galt: Flüssiges bricht das Fasten nicht, weshalb dann auch der besonders mit der bayerischen Tradition untrennbar verbundene heimische Gerstensaft erlaubt war, wobei es, analog zur Schokolade, auch dazu ein nettes Anekdötchen gibt: Demnach soll eine Delegation von Mönchen diesseits der Alpen ein Fass Bier nach Rom geschleppt haben, damit der Papst höchstpersönlich, wie schon beim Kakao, mittels Kostprobe ein Urteil fällen konnte. Der älteren Generation ist ja wahrscheinlich hinlänglich bekannt, dass Bier in früheren Zeiten, wenn es nicht anständig gelagert wird, ziemlich schnell ziemlich ungenießbar wird, noch dazu wenn es, auf wochenlanger Reise auf einem Mulirücken geschüttelt und gerührt über die Alpen durch halb Italien geschleift wird. Statt süffigem Bier bekam der Papst so nur schale Plörre zu schlürfen, worauf er entschied, dass es wohl eher Strafe denn Sünde sei, wenn man sich so etwas freiwillig antue. Ob der liebe Gott – sollte die Idee des Fastens denn tatsächlich von ihm höchstpersönlich stammen – so leicht zu täuschen ist, sei einmal dahingestellt. Doch die Vorstellung, dass man den himmlischen Vater ähnlich leicht täuschen kann wie seinen irdischen Stellvertreter in Rom, hat so manchen Klosterkoch auf gar aberwitzige Ideen gebracht. Da zum Beispiel alles, was aus dem Wasser kommt, auf dem Speiseplan erlaubt war, nahm so manches Tier aus den heimischen Wäldern vor Ostern einfach ein unfreiwilliges Bad im nächstgelegenen Bach, ehe es dann im klösterlichen Kochtopf landete. Oder das begehrte Wild wurde einfach durch den Wolf gedreht und anschließend in ein fischförmiges Model gepresst – und schon hatte sich der verbotene Hase in einen erlaubten Hecht verwandelt. Der Sage nach sollen die Schwäbischen Maultaschen einen ähnlichen Ursprung haben: Dabei wurde das Fleisch einfach unter einer Teighülle versteckt, weshalb Maultaschen im Volksmund auch gern als »Herrgottsbscheiserle« bezeichnet werden. Heute spielt Fleisch in Zusammenhang mit Fasten für viele Menschen nur noch eine untergeordnete Rolle und auch die Regeln der Kirche bezüglich der Ver- und Gebote auf dem Speiseplan haben sich im vergangenen Jahrhundert deutlich verändert.

Noch in den 1930er Jahren galten für die Katholiken in Bayern strenge Fastund Abstinenzregeln. An Fasttagen durfte man nur einmal am Tag eine volle Mahlzeit zu sich nehmen und musste sich am Morgen und Abend mit einer kleinen Stärkung begnügen. An den sogenannten Abstinenztagen waren alle Fleischspeisen verboten, Eier und Milch, Schmalz, Grieben und Margarine waren hingegen erlaubt. Auch Fleischbrühe durfte man, mit Ausnahme des Karfreitags, zu sich nehmen. Als Abstinenztage und gleichzeitig Fasttage galten: der Aschermittwoch, die Freitage der 40-tägigen Fastenzeit, der Karsamstag bis 12 Uhr Mittag sowie die Freitage der vier jährlichen Quatemberwochen. Die übrigen Wochentage der vierzigtätigen Fastenzeit galten als Fasttage, ebenso die Mittwoche und Samstage der Quatemberwochen sowie die sogenannten Vigiltage vor Weihnachten, Pfingsten, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen. Abstinenztage waren außerdem alle Freitage außerhalb der Fasten- und der Quatemberzeit. Inzwischen schreibt die Katholische Kirche ihren Mitgliedern nicht mehr detailliert vor, wie sie fasten und damit Buße tun müssen. Die Gläubigen sollen sich an den betreffenden Tagen jedoch »in besonderer Weise dem Gebet widmen, Werke der Frömmigkeit und Nächstenliebe verrichten, sich selbst verleugnen, indem sie die ihnen eigenen Pflichten getreuer erfüllen. Gefastet werden könne außerdem »auf eine individuell bestimmbare Art und Weise«. Die Abstinenz- also die fleischlosen Tage sind auf den Aschermittwoch und den Karfreitag beschränkt. Kinder und Kranke sind von diesen Regeln ausgenommen, ebenso Personen, die sich aufgrund äußerer Umstände nicht an die Fastengebote halten können, zum Beispiel weil sie sich auf Reisen befinden. Auch in der Evangelischen Kirche gibt es in den 40 Tagen vor Ostern ein Fastengebot, wobei die Betonung auch in früheren Jahrhunderten dabei auf »Gebot« statt »Verbot« lag. Martin Luther lehnte die Vorstellung ab, dass der Mensch fasten müsse, um Gott einen Gefallen zu tun – oder sich vor der ewigen Verdammnis zu bewahren. Fasten solle zur eigenen Erziehung und Zucht gelten.

Auch wenn in der Welt des 21. Jahrhunderts der religiöse Einfluss auf das tägliche Leben im Vergleich zu früher grundsätzlich geschwunden ist, bleibt Fasten, speziell in der vorösterlichen Zeit, für viele Menschen dennoch Thema, allerdings haben sich die Motive verändert. Umfragen aus den letzten fünf Jahren zeigen, dass bei zwei von drei Personen, die während der Fastenzeit auf etwas verzichten wollen, das persönliche Wohlbefinden bzw. die eigene Gesundheit im Mittelpunkt steht, während nur noch ein Drittel aus religiöser Überzeugung abstinent bleibt: Bei einer Forsa-Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK mit der Frage, worauf die Deutschen heuer am ehesten verzichten wollen, ergab sich folgende Reihenfolge: An erster Stelle steht Alkohol mit 67 Prozent, gefolgt von Süßigkeiten (66 Prozent), Fleisch (38 Prozent) und Zigaretten (32 Prozent). Im hoch technisierten Zeitalter tauchen jedoch auch nicht ess- und trinkbare Konsumgüter zunehmend auf der Fastenliste auf: Rund 21 Prozent der Befragten wollen in den Wochen vor Ostern die Zeit, die sie mit Fernsehen, Internet- und Smartphone verbringen, einschränken, 15 Prozent zudem öfter auf den fahrbaren Untersatz verzichten. Entschleunigen, dem Stress entkommen, mehr Zeit mit sich selbst und der Familie oder Freunden statt mit einem Blechtrottel verbringen, so in etwa ließe sich der Wunsch zusammenfassen, der hinter dem Nein zu technischen Geräten steckt. Dass es nicht nur dem Magen guttut, wenn er ab und zu weniger zu verdauen hat, sondern auch dem Gehirn, zeigt schon ein Sprichwort des Patriarchen von Konstantinopel, Johannes Chrysostomus (um 350 - 407), der betont, dass Fasten auch die Seele speise: »Wie die körperliche Speise stärkt, so macht das Fasten die Seele kräftiger und verschafft ihr bewegliche Flügel, hebt sie empor und lässt sie über himmlische Dinge nachdenken.


Susanne Mittermaier

 

11/2016