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Jahrgang 2020 Nummer 12

Spanische Grippe 1918 tödlicher als der Krieg

Damals starben vor allem junge Menschen – Im Vergleich zu heute kaum Behandlungsmöglichkeiten

Auch damals versuchten die Menschen, sich mit Schutzmasken vor einer Ansteckung zu schützen.
Er war der erste prominente Grippe-Kranke 1918: König Alfons XIII. von Spanien, hier auf einem Gemälde von 1912.
So beschaulich wie auf dem Foto 1915 ging des 1918 im Nürnberger Klinikum nicht mehr zu: Während der Grippeepidemie platzten die Krankensäle aus allen Nähten. (Repros: Mittermaier)

Sie hat mehr Menschen das Leben gekostet als der Erste Weltkrieg: Bis zu 50 Millionen Personen erlagen zwischen 1918 und 1920 einer als »Spanische Grippe« bezeichneten Virusinfektion, die angesichts der aktuellen Ereignisse um das »Coronavirus« erschreckende Aktualität erhält. Allerdings unterschied sich die Pandemie vor 100 Jahren von der heutigen in zwei wesentlichen Faktoren: 1918 tobte in Europa im fünften Jahr der bis dahin verheerendste Krieg der Geschichte. Das Deutsche Reich stand damals kurz vor dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch, worunter auch die medizinische Versorgung der Bevölkerung gewaltig litt. Und: viele der Toten wären auch unter idealen Umständen nicht zu retten gewesen, denn es gab weder Schutzimpfungen gegen Influenza noch Antibiotika, mit denen sich die besonders bei der »Spanischen Grippe« so häufig auftretende Lungenentzündung hätte behandeln lassen.

Für die bayerische Bevölkerung, die wegen der katastrophalen Lebensmittelversorgung selbst an der Heimatfront ums tägliche Überleben kämpfen musste, kam im Juli ein weiteres Schreckgespenst hinzu: Eine mysteriöse Krankheit breitete sich über ganz Europa aus und streckte bald auch die Menschen in heimischen Gefilden reihenweise nieder. Wie rasend schnell die als »Spanische Grippe« bezeichnete Virusinfektion epidemische Züge annahm, ist anhand zeitgenössischer Zeitungsmeldungen zu rekonstruieren:

Am 29. Mai 1918 berichtet der »Rosenheimer Anzeiger« das erste Mal von einer »rätselhaften Erkrankung« des spanischen Monarchen Alfons XIII.: »Der König, der Ministerpräsident und die anderen Minister sind unter rätselhaften Erscheinungen erkrankt, die sich über ganz Spanien verbreitet und dreißig Prozent der Bevölkerung befiel. Die Krankheit wird nicht als ernst angesehen.« Drei Tage später, am 1. Juni, folgt eine Meldung, wonach sich die »grippeartige Epidemie« in Spanien mit »unglaublicher Schnelligkeit« weiter ausbreite: »In Madrid verzeichnet man über 120000 Fälle. Die meisten Familien zählen ein bis zwei Kranke. Mehrere Personen sind bereits gestorben. Der König hütet noch das Bett.«

Am 5. Juni ist erstmals von Todesfällen die Rede: An der Epidemie, die inzwischen auch in fast allen spanischen Provinzstädten wüte, seien inzwischen an die 700 Personen gestorben. Am 23. Juni vermeldet der »Rosenheimer Anzeiger«, dass nun auch in Innsbruck mindestens 47 Personen unter der »spanischen Krankheit« litten, und Anfang Juli hat die mysteriöse Epidemie auch auf Bayern übergegriffen: In München seien bereits zehn Prozent der Bevölkerung davon befallen. Was die Bevölkerung nicht ahnen konnte: Die hochansteckende Viruserkrankung, die bald allgemein als »Spanische Grippe« bezeichnet wurde, weil die iberische Halbinsel der Ausgangsherd der Seuche galt, war schon Monate zuvor im April an der Westfront aufgetreten, eingeschleppt von amerikanischen Soldaten, die damals zu Hunderttausenden aus den USA über den Atlantik nach Europa kamen. Die Bevölkerung im Deutschen Reich hatte davon allerdings nichts erfahren, denn die Berichterstattung von der Front unterlag wegen des Kriegs einer strengen Zensur. Die vielen grippekranken Soldaten waren demnach einfach totgeschwiegen worden.

Aus dem kriegsneutralen Spanien flossen die Meldungen dagegen weitgehend ungefiltert, weshalb die – verschobene – Wahrnehmung entstand, die Krankheit habe sich von dort verbreitet. Wo genau die Grippe damals zum ersten Mal auftrat, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt: Einer Theorie zufolge nahm sie ihren Ausgang in einem Militärlager im Bundesstaat Kansas, in dem amerikanische Soldaten auf den Kriegseinsatz vorbereitet wurden, und ist dann mit diesen Soldaten über den Atlantik gekommen. Anderen Forschungen zufolge soll die »Spanische Grippe« nicht in den USA, sondern in einem Militärlager in Frankreich ausgebrochen sein, wo der Erreger von infiziertem Geflügel auf Soldaten übergesprungen sein könnte. Einer erst kürzlich veröffentlichten Studie zufolge soll das Virus von chinesischen Arbeitern eingeschleppt worden sein, die über Kanada zum Arbeitsdienst hinter der Front nach Europa gebracht wurden. Einig sind sich die Forscher, dass es von den Kriegsschauplätzen in Frankreich und Belgien nur eine Frage der Zeit war, bis sich die Krankheit weiter in ganz Europa verteilte. Der Historiker Manfred Vasold hat mit Nürnberg als Beispiel rekonstruiert, welche Folgen die »Spanische Grippe« für die bayerische Bevölkerung hatte: Noch am 22. Juni 1918 wurde die gesundheitliche Lage in der Noris als »insgesamt günstig« bezeichnet, doch nur sieben Tage später sprechen öffentliche Stellen von einer »explosionsartigen« Verbreitung der Influenza. Der Großteil der Erkrankungen nehme zwar einen »ziemlich milden Verlauf, doch sind bei anderen schwere Erscheinungen der Lungen, des Herzens und des Nervensystems zu bemerken. Sehr auffällig ist auch ein gehäuftes Auftreten schwerer, manchmal rasch tödlich verlaufender Lungenentzündungen.« Bei manchen Patienten verlief die Krankheit offenbar so schnell und heftig, dass sie noch in der Früh gesund und munter erschienen, umdannamAbendumihr Leben zu ringen. Wie viele Menschen sich damals infizierten, ist aufgrund mangelnder Quellen heute nur schätzungsweise zu ermitteln – Ärzte und Behörden hatten damals andere Sorgen, als sich um Statistiken zu kümmern. Wie in allen öffentlichen Bereichen an der Heimatfront war auch das medizinische Personal im Lauf des Kriegs immer weiter ausgedünnt worden, und die wenigen Ärzte und Pfleger, die noch zur Verfügung standen, um die Massen an Grippekranken zu behandeln, lagen zum Großteil bald selbst krank darnieder: Aus München wurde damals berichtet, dass allein in den dortigen Lazaretten tagtäglich mehrere hundert Pflegerinnen ausfielen – und sie waren beileibe nicht die einzige Berufsgruppe im öffentlichen Dienst, die ausfielen: Auch der Straßenbahnverkehr musste bald wegen Personalmangels eingeschränkt werden, wobei allerdings auch die Fahrgäste immer weniger wurden, denn in den großen Industriebetrieben beispielsweise waren bis zu zwei Drittel der Belegschaft erkrankt. Die Grippe wütete den ganzen Juli über, doch Anfang August schien das Schlimmste dann endlich überstanden. Tatsächlich war das aber nur die Ruhe vor dem Sturm, denn im Oktober 1918 rollte eine zweite, noch heftigere Infektionswelle übers Land – allein in Nürnberg wurden zwischen dem 12. und 18. Oktober über 3000 Personen mit Neuerkrankungen registriert, und das beinhaltet noch nicht die vielen Infizierten, die keinen Arzt und kein Krankenhaus aufsuchten und deshalb auch in keiner Statistik auftauchten. Zum Vergleich: die Einwohnerzahl Nürnbergs lag damals bei etwa 300000, der tatsächliche Stand war aber aufgrund der vielen Männer an der Front um einiges niedriger. Das Städtische Krankenhaus platzte nun endgültig aus allen Nähten: Vor der Grippeepidemie war die Klinik mit rund 1000 Kranken und Kriegsverwundeten schon mehr als überbelegt, doch im Oktober 1918 mussten gar über 1300 Kranke versorgt werden, für die es nicht einmal ordentliche Betten gab: Viele der Neuankömmlinge mussten sich mit Pritschen oder gar geborgten Liegestühlen und einem Platz auf den Gängen zufriedengeben. Auch in den Schützengräben wütete die »Spanische Grippe« damals erneut, was Historikern zu Diskussionen veranlasst hat, wie die Seuche den Kriegsverlauf beeinflusst hat. Von der Epidemie waren zwar alle Parteien an der Front gleichermaßen betroffen, doch die Folgen, so die Einschätzung, trafen das Deutsche Reich härter als die alliierten Mächte. Im Frühjahr 1918 hatte die deutsche Militärführung noch zu einer großen Offensive an der Westfront geblasen, doch im Spätsommer waren die Siegesparolen längst in den schlammigen Schützengräben versunken: Die Soldaten und mit ihnen die Angehörigen an der Heimatfront hatten nun endgültig genug von dem jahrelangen Gemetzel und die Grippe verstärkte diese negative Tendenz:

Kronprinz Rupprecht, Generalfeldmarschall an der Westfront, berichtet im Juni 1918, dass 15000 seiner Männer wegen Influenza in ärztlicher Behandlung seien. Im August notiert er in sein Kriegstagebuch: »Die schlechte Verpflegung, die großen Verluste und die stark aufgetretene Grippe beeinflussten die Stimmung höchst ungünstig.« General Erich von Ludendorff, stellvertretender Chef der Obersten Heeresleitung, forderte im Oktober 1918 in einem Gespräch mit Reichskanzler Max von Baden einen Waffenstillstand mit der Begründung, die versuchte Offensive sei an den »zahlreichen amerikanischen Panzern, Kartoffelmangel und der Grippe« gescheitert. Der badische Prinz wurde damals selbst von der Influenza aufs Krankenlager geworfen, genas aber nach zweiwöchiger Bettruhe wieder. Viele seiner Leidensgenossen hatten dieses Glück besonders während dieser zweiten Infektionswelle nicht, was möglicherweise mit einer Mutation des Virus zusammenhängt. Was Ärzten und Forschern damals ein großes Rätsel aufgab, war die Tatsache, dass sich unter den Todesopfern auffallend viele, eigentlich gesunde und einigermaßen gut genährte Opfer befanden. Aus Akten des Nürnberger Krankenhauses geht hervor, dass von den 20 Grippetoten, die am 20. Oktober 1918 in der dortigen Pathologie seziert wurden, 13 jünger als 30 und nur zwei über 50 Jahre alt waren. Zahlen aus München bestätigten diese Beobachtungen: 1917 waren in der bayerischen Landeshauptstadt 675 Personen zwischen 21 und 30 Jahren gestorben, in den Grippejahren 1918 und 1919 lag die Zahl der Toten dieser Altersgruppe bei 1410 bzw. 1038. Der Grund für dieses Phänomen sollte erst in jüngster Zeit geklärt werden: 2007 veröffentlichte ein japanisch-amerikanisches Forscherteam in der Zeitschrift »Nature« eine Studie, wonach das Virus der »Spanischen Grippe« bei Infizierten zu einer Überreaktion des körpereigenen Abwehrsystems geführt und das wiederum eine übermäßige Zerstörung von Lungengewebe bewirkt habe. Da junge Erwachsene im Allgemeinen ein starkes Immunsystem besitzen, verlief die Erkrankung in dieser Altersgruppe am schwersten, während bei Kindern und älteren Menschen, deren Immunsystem allgemein schwächer ist, das Lungengewebe weniger stark geschädigt wurde und dementsprechend weniger Betroffene daran starben. Einer anderen Erklärung für die weitgehende Verschonung von älteren Patienten zufolge, könnte der als »H1N1« klassifizierte Erreger der »Spanischen Grippe« in einer ähnlichen Form schon bei Influenzawellen in den 1860er und 1870er Jahren aufgetreten sein, was dazu geführt hat, dass ältere Personen, die damals schon gelebt hatten, immunisiert und deshalb nicht so anfällig für das neu aufgetretene Virus waren. Wie viele Menschenleben die Epidemie zwischen 1918 und 1920 tatsächlich gefordert hat, ist heute nur schätzbar: Manfred Vasold beziffert die Todesopfer in Europa auf 2,3 Millionen, und in Bayern auf 30000 Personen. Die weltweit gestorbenen Opfer werden zwischen 25 und 50 Millionen geschätzt. Trotz des schlechten Ernährungszustands durch den Krieg, der die Menschen sicher insgesamt anfälliger gemacht hat, traf die Grippe, was die Todesfälle betrifft, im internationalen Vergleich andere Ethnien noch härter: Vor allem unter Ureinwohnern in Ländern wie Kanada, Neuseeland oder auf den Pazifikinseln war die Sterblichkeitsrate besonders hoch, was an der damals noch vergleichsweise isolierten Lebensweise und dem dadurch schwächeren Immunsystem dieser Personengruppen lag. In einem Punkt machte die »Spanische Grippe« allerdings keinen Unterschied: Sie machte keinen sozialen Unterschied und befiel »Großkopferte« wie den spanischen König oder den deutschen Reichskanzler genauso wie die Gemüsefrau oder den Gefreiten im Schützengraben.

 

Susanne Mittermaier

12/2020