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Jahrgang 2007 Nummer 3

Sonderschau zur Geschichte der Kaffeehauskultur

Münchens kleinstes Museum macht Appetit auf Schokolade

Schwebend im Palmengarten: die Pralinen-Fee (Schaufensterpuppe)

Schwebend im Palmengarten: die Pralinen-Fee (Schaufensterpuppe)
Die Sammlung Cafè Luitpold, Münchens kleinstes Museum, überrascht und entzückt mit einer vierten Sonderschau zur Geschichte der Kaffeehauskultur. Ein süßes Geheimnis wird gelüftet, und ein schwarzes obendrein: die Schokolade. Das heimlich trotz Warnung vor drohendem Übergewicht von Jung und Alt und, wohlgemerkt, beiderlei Geschlechts gleichermaßen gern verzehrte Kakaoprodukt wird in seinen vielfältigen Formen bis hin zum kunstvollen Konditorgebilde aus dem eigenen Haus, angeführt von Konditormeister und Sammler Albert Ziegler, mit konservativem bis surrealistischem Einschlag vorgeführt.

Der Schauplatz, das bald 120 Jahre alte Cafè Luitpold an der Münchner Brienner Straße, strahlt heute wieder beinahe so viel Glanz aus wie zur Zeit seiner Entstehung, im Jahr 1888. Bis zum Zweiten Weltkrieg hielt sich das prachtvolle Haus, in dessen Sälen sich das gesellschaftliche und kulturelle Leben der bayerischen Landeshauptstadt spiegelte wie an keinem anderen öffentlichen Ort. Noch heute gilt er – nach langen Jahren des Wiederaufbaus nach 1944 und der Renovierungen und räumlichen Umgestaltungen bis 1999, als der Luitpoldblock 185, das Cafè 111 und der es zu einem unverwechselbaren Begegnungsort in Münchens City erhebende Palmengarten 10 Jahre alt geworden waren – als Geheimtipp für einen Treff in gehobener Atmosphäre. Sein winziges, perfekt historisch betreutes Museum reiht sich längst in die Liste der Münchner Spezial-Musentempel ein.

Sinnesgenüsse

Den Sinnesgenüssen bei Tisch gab man sich schon seinerzeit im »Palast-Cafè und Palast-Restaurant Luitpold« gerne hin. So ist das für die derzeitige kleine Ausstellung gewählte Thema »Schokolade« nur die konsequente Weiterführung dessen, worum es in diesem epochalen Ambiente Münchens aus der »guten alten« Prinzregentenzeit schon immer ging. Auf der Zunge zergehen kann man sich jetzt alles das lassen, was in die Welt der Schokolade führt. Im leckeren Umfeld feinster Torten, Kuchen und Plätzchen nimmt sich alles, was aus Schokolade ist und mit ihr in Verbindung gebracht wird, doppelt kostbar aus: Pralinen, Trüffel, Marzipan, Baumkuchen, Lebkuchen, Mousse, Bonbons ... Den Kakao, die »heiße Schokolade«, nicht zu vergessen!

»Wenn es stimmt, dass man ist, was man isst, dann bin ich ein Riegel Zartbitterschokolade von 114 Pfund«, soll Lora Brody gesagt haben, ihres Zeichens Köchin aus den USA. Die oft zitierte Dame, wenn es um die Rechtfertigung der Schokolade-Verfallenen geht, steht mit ihrer Lust am Schokoriegel keineswegs allein da. Auch wenn Lady Body zu denen zählt, die zugibt, gerne und oft in die Konfektschachtel zu greifen. »Neun von zehn Leuten mögen Schokolade«, bestätigt es der Karikaturist John Tullius, fügt aber hinzu: »Der Zehnte lügt.«

Schokoladenweg

Im Palmengarten des Cafè Luitpold beginnt der »Schokoladenweg«. Zweieinhalb Meter Durchmesser hat die Riesen-Praline, die hier ausliegt, versteckt wie in einem wild wuchernden Dschungel, eingerahmt von einer Kulisse aus Edelhölzern und Messingbeschlägen, reflektierendem Fensterglas und feinen Vorhangstoffen. Die Monsterpraline ist durch und durch aus reiner Schokolade. Man kann sie durchschreiten, darf sie aber nicht kosten. Über ihr schwebt eine engelhafte Schöne, die ein kugelrundes, verführerisches, schokobraunes, weiß verziertes Gebilde in Händen hält – die Figur gleichsam ein Überbleibsel aus der Zeit, da das berühmte Münchner Kaffeehaus mit dem heutigen Ruf, zu den zwanzig besten der Welt zu gehören, noch in einen Feenpalast integriert war: Mit zwanzig Prachtsälen war es Europas berühmtestes Kaffeeschloss.

Märchenhaften Figuren wie dem Schokolademädchen aus Meißner Porzellan, entstanden nach einem Gemälde des Schweizers Jean-Etienne Liotard in Wien Mitte des 18. Jahrhunderts begegnet man in der liebevoll bestückten, nicht allzu viel Betrachtungszeit beanspruchenden Ausstellung ebenso wie etwa dem schelmischen »Sarotti-Mohren«, strotzenden Schoko-Tieren aus Blechgussmodeln, sprechenden Schokolade-Tassen auf Silbertablett, Einblicke in die Geschichte und Entstehung der Schokolade gewährenden Riesen-Kakaobohnen, dazu von alten Stichen, Gemälden, Geschirren, Postkarten, Fotos und Plakaten grüßenden Motiven, die in mittelbarer oder direkter Beziehung zur Welt der Schokolade stehen.

Verrückte Chocolatiers

Was Erstaunen herrufen dürfte, sind die in einem Raum hinter Vitrinenglas prangenden »echten« kunstvollen Schoko-Gebilde moderner in- und ausländischer Speise-Bildhauer. Ob es sich um einen prallen Damenkopf aus rosig leuchtendem Marzipan, eine überdimensionale schwarz-weiße Muschel oder um zu Pyramiden aufgehäuften Pralinen handelt – derartige Überraschungen aus dem Bereich des zeitgenössischen, manchmal ganz schön verrückten Designs führen aus der nostalgisch anmutenden, manchem Besucher womöglich ein wenig die Luft abdrückenden verstaubt-plüschigen Kaffeehaus-Luft des Großbürgertums in ganz andere Dimensionen des »süßen, schwarzen Geheimnisses«, dem man in der kleinen Ausstellung auf die Schliche kommen kann.

Ohnehin landet der Besucher, der unbeirrt den »Schokoladenweg« gegangen ist, in einer veritablen Pralinenschachtel. Dass sie von Chocolatiers aus ganz Europa ausstaffiert wurde, ist das Besondere dieser kleinen Schau und gibt ihr – entsprechend dem weltläufigen Cafè Luitpold – den Anstrich des Kosmopolitischen, der sie über das Provinzielle hinaushebt. Fotokünstler vom Rang eines Raffaele Celentano oder Nomi Baumgartel trugen mit teils belustigenden, teils geradezu erotisch wirkenden Schnappschüssen aus der Realität des Schokolade-Genusses vom Kleinkind bis zur Salondame zum Gelingen der Ausstellung bei.

Kriegt jeder Besucher zur Eintrittskarte ein Stück Schokolade aus dem Präsentkörbchen gratis, darf er sich zum Schluss – Kuratorin Beate Bentele: »nach dem Sinnesrausch« – in einer breiten Schokoladewand graphisch verewigen: »Ritze ein Herz in die Schokowand – und das Glück bleibt dir gewogen ...!« Die Ausstellung »Schokolade – Das schwarze Geheimnis« zeigt die Sammlung Cafè Luitpold, München, Brienner Straße 11, von Montag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr. Finissage ist am 4. Mai 2007. Ein Katalog ist nicht erschienen. Der Schoko-Shop bietet aber, neben allen erdenklichen Köstlichkeiten und Spezialitäten wie der »Luitpold-Stielkirscheì« aus Schokolade, die sowohl informative als auch unterhaltsame Broschüre »Der Luitpoldblock einst und jetzt«. Wenn alle süßen »Geheimnisse« auf der Zunge zerschmolzen sind – dieses schöne, reich bebilderte Heft bleibt erhalten.

Hans Gärtner



3/2007