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Jahrgang 2015 Nummer 24

Sommerfrische in Schleching und Raiten in alten Bildern

Die Urlaubsreisen einer Nürnberger Familie in das Achental von 1904 bis 1907

1902 Postkarte aus Schleching
Gasthof Geigelstein 1905
Auf dem Weg zur Alm
Grafenkaser
Ausflug zum Taubensee. Eine willkommene Badegelegenheit
Steinbergalmen bei der Alm des Huberbauern – Sennerinnen mit den Gästen
Am Entenloch, dem Durchbruch der Tiroler Ache
Wohnung des Schmieds in Raiten 1907 mit Schmiedfamilie und Gästen
Kaffeegesellschaft in Unterwössen
Waschbankerl

Nach der Jahrhundertwende um 1902 kamen nur vereinzelt Sommerfrischler aus der Stadt nach Schleching. Während der nördliche Teil des Tals der Tiroler Ache durch die Eisenbahn von Übersee bis Marquartstein recht gut auch für den aufkommenden Fremdenverkehr erschlossen wurde, fanden nur wenige Besucher den beschwerlichen Weg bis nach Schleching. Durch einen glücklichen Umstand erhielt Fritz Irlacher, Alt-Bürgermeister von Schleching, ein Fotoalbum, das ein wenig die Urlaubsreisen einer Familie aus Nürnberg in das Achental dokumentierte. Die Fotos zeigen aber nicht nur die touristischen Ziele der Urlauber, sondern geben teilweise einen wenig bekannten Einblick in das dörfliche Leben kurz nach der Jahrhundertwende.

Die Anreise erfolgte zumeist mit der Bahn bis Marquartstein und dann mit dem Pferdefuhrwerk nach Schleching. Es gab nur ein kleines Zimmerangebot vor Ort, zumeist in den Wirtshäusern. Manche der wenigen Sommerfrischler kamen mit den Hausbediensteten und einem großen Begleitwagen, auf dem die Möbel, Geschirr und Wäsche für den Urlaubsaufenthalt verstaut waren. Diese Familien versuchten dann am Urlaubsort ganze Wohnungen anzumieten. Die Gäste aus Nürnberg quartierten sich 1904 beim Grafenbauern ein. Schon 1905 kehrten sie wieder und wohnten im Gasthof »Geigelstein«.

Das Angebot am Urlaubsort zur Ausgestaltung des Aufenthalts lässt sich mit den heutigen Angeboten kaum vergleichen. In der Regel waren die Orte nicht auf den beginnenden Tourismus eingestellt. Nur in wenigen Zentren des aufkommenden Fremdenverkehrs, wie Reit im Winkl, Ruhpolding, Bad Reichenhall oder Berchtesgaden konnte man schon damals zahlreiche Gäste begrüßen, so dass es notwendig wurde einen fast schon professionellen Fremdenverkehr aufzubauen. Im Mittelpunkt des Interesses der Sommerfrischler waren natürlich die Berge und die Almen, aber auch die Ufer der Tiroler Ache. Die Gäste hatten nur wenige Möglichkeiten sich über die Wanderwege in der Region zu informieren.

Schon bald nach ihrer Ankunft strebten sie den Almen auf dem Geigelstein zu. Über die Wegführung konnten sie sich in dem einzigen damaligen Reiseführer informieren, der schon 1898 von Eugen Arnold verfasst wurde und in den folgenden Jahren mehrmals neu aufgelegt wurde. Der »Führer vom Thale der Tiroler Ache« setzte aber als Schwerpunkte Marquartstein, Unterwössen, Reit im Winkl und dazu das österreichische Kössen. Nur wenige Touren wurden mit dem Startpunkt Schleching beschrieben. So steht auf Seite 22:

»Geigelstein (ab Schleching-Ettenhausen): Von Ettenhausen ½ Std. südl. von Schleching, westlich zwischen Wuhrstein- und Schneiderhangraben auf hübschem Weg zur Wuhrsteinalpe 1 ½ Std. In ¾ Std. zur Wirtsalpe am Ostfuß des Gipfelhangs. Von hier steil und ermüdend (über Kalkschotter) in ¼ Std. zum Gipfel.«

Eine andere Route zum Gipfel wurde auch im Führer vorgeschlagen und der Gipfel in blumigen Worten beschrieben:

Geigelstein (Marquartstein - Unterwössen - Schleching): Von Schleching über das Forsthaus westlich empor zur Blasialpe (1 Std.). Von hier zur Gschwendt- und Haidenholzalpe (in 1 ¼ Std.); dann sehr steinig empor zur Roßalpe auf dem Tauron (1 ¼ Std.). Von der Roßalpe südlich zum Geigelsteingrat (1 Std.). Der Berg ist dominierend im Achenthale. 1809 m, von der ungefähren Höhe des Wendelstein, beherrscht er alle Gipfel zwischen Prien- und Traunthal, sofern die Linie Reit im Winkl, Kössen als Südgrenze betrachtet wird. Von der Schlechinger Seite zeigt er sich als felsgekrönte Pyramide, während er dem Besteiger von Westen her durch seinen wuchtigen, latschenbewachsenen Kuppelaufbau imponiert. Die Rundschau wird mit Recht als die schönste des Chiemgaus gepriesen. Schreiber dieses kennt die bedeutendsten Hochgipfel Tirols und kann verstehen, daß ein ähnlicher Tiefenblick, wie jener die gewaltige Flucht des Innthals entlang mit den geradezu idealen Umrahmungen rechts und links, sowie den eisumgürteten Hintergrunde dazu, in den bayer. Alpen wohl nirgends wieder, in Tirol aber kaum ein zweites Mal gefunden werden dürfte. Die Kaisermauer, durch deren Scharte der Schneedom des Groß-Venediger hereingrüßt, repräsentiert sich hier in ihrer ganzen Majestät. Alle Linien, Formen und Farben sind von edelster Harmonie. Wenn man die östlich vom Inn liegenden Berge gerade wegen des durch seine wuchtige Breite die Zentralalpenkette verdeckenden Kaiserzuges als minderwertige Aussichtsberge bezeichnet hat, so macht hiervon der Geigelstein eben wegen des genannten Gebirges eine Ausnahme. Nirgends ist das ungeheuerliche Cyklopengemäuer schöner und in richtigerem Verhältnis zwischen Beschauer und Objekt zu erblicken als vom Hochthron des Geigelstein ...

Auf den Almen am Geigelstein waren zwar Sennerinnen und die Rinder anzutreffen, aber die Almen waren nicht auf den Besuch einer größeren Zahl von Gästen vorbereitet. Die wenigen Wanderer, welche den Weg hinauf zur Wuhrstein- und auch zur Wirtsalm fanden, konnten sich aber auch über frische Milch und eine Brotzeit freuen.

Die Wege waren in der Regel nicht ausgeschildert, so dass sich die Wanderer auf die Informationen der Einheimischen verlassen mussten. Im nördlichen Teil des Achentals um Marquartstein gab es schon vereinzelt Beschilderungen und Wegemarkierungen mit Nummern, da dort schon mehr Sommerfrischler ihren Urlaub machten.

Auch der Taubensee war schon bei den damaligen Sommerfrischlern bekannt. Dazu steht im »Führer für das Achenthal«:

Taubensee (ab Oberwössen): Von Marquartstein oder Unterwössen den Waldweg Nr. 19 nach Oberwössen bis Ortschaft Brem. Von da rechts nach Hinterwössen. Nunmehr südlich, den Moosbach ein paar Mal überschreitend, vorüber an dem prächtigen über die Vogelwand herabstürzenden Moosbachfall, etwas steil hinan durch den schattenkühlen Bergwald (später Lärchenbestände); dann über einen Zaun, schräg rechts empor auf den Sauermöser Boden (1273 m) mit seinen Alpen, bis sich plötzlich tief unten im Kessel das dunkle Auge des Taubensees erschließt. (Ab Brem 2 ¼ Std.). Die wunderbare Umrahmung des nahezu 150 m in seine Umgebung eingesenkten Wasserspiegels, darüber das duftblau schimmernde Kaisergebirge, die Kirchenstille, welche so geheimnisvoll über dem Wasser und dem Walde webt, das erhebt und begeistert unsäglich. Man möchte nicht fehl gehen, wenn man die Taubenseetour als die Perle aller Touren im Achenthale bezeichnet. Amthor schätzte zudem die Aussicht von den Möseralpen jener des Herzogstandes völlig ebenbürtig ...«

Auf dem Weg von und zum Taubensee machten die Wanderer auch gerne Station bei der Alm des Großknoglers vom Achberg. Heute kann man von der Alm nur noch die Grundmauern sehen.

Gerne wurden auch die anderen Almen östlich der Tiroler Ache besucht. So war ein beliebtes Ziel die Gschwendner-Alm auf dem Weg vom heutigen Bärendenkmal an der Straße nach Kössen zum Streichen. Die Alm gehörte zum Gschwendnerhof in Mettenham, der heute seine Alm auf der Steinbergalm hat. Der Hofname leitet sich vom Beruf des Almschwender ab, der früher die Almen von der Verbuschung freihielt.

Die Sommerfrischler fanden den Weg auch zu einem ganz besonders markanten Platz unterhalb der Rudersburg zur »Naring«. Über das Naringer Loch führt ein uralter Steig zum Schmugglerweg. Ganz in der Nähe hat Hartmut Rihl 36 Bronzebarren aus der Keltenzeit gefunden. In diesem Graben wurde Erz für die Schmelzhütte in Kössen abgebaut. Das gesamte Holz unterhalb der Naring und Rudersburg wurde früher zu Holzkohle verarbeitet. Die Standorte der Kohlenmeiler sind bekannt und man findet dort sehr viel Kohlenlösch, die man zum Abdichten der Meiler brauchte.

Bei den Touren war es manchmal auch notwendig, an den Ausgangsorten oder auch auf dem Berg zu übernachten. So gab es im Achental, insbesondere Grassau, Marquartstein und Unterwössen eine große Auswahl an Gastwirtschaften. Zu Preisen von teils unter einer Mark konnte man problemlos dort übernachten und sich auf die Bergtour des nächsten Tages vorbereiten. Sogar auf dem Hochgern gab es eine Übernachtungsmöglichkeit im Unterkunftshaus Weitalpe. 14 Betten in Einzel- oder Mehrbettzimmern sowie Massenquartiere für 30 Personen zu Preisen von bis zu zwei Mark ermöglichten so einen Aufenthalt unterhalb des Gipfels des Hochgern.

Eine besondere Anziehungskraft hatte auch die Tiroler Ache für die Gäste aus Nürnberg. Gerade ein Besuch am Entenloch und anschließend am Klobenstein gehörte zu jedem Aufenthalt in Schleching dazu. Das Entenloch war vor der Sprengung noch recht eng und wenn man nach einem Regenfall dort hinkam, tosten die Fluten der Ache schon sehr eindrucksvoll. Auf der Sandbank südlich davon ließen sich die Sommerfrischler dann auch gerne fotografieren. Teilweise war es auch damals schon möglich mit einem Holzboot das Entenloch zu durchfahren.

Gerne nutzte man dann auch die Möglichkeit in den ruhigeren Gewässern bei Schleching zu baden.

Urlaub in Raiten

Nachdem die Nürnberger Familie von 1904 bis 1906 drei Aufenthalte in Schleching genossen hatten, machten sie 1907 ihren Urlaub in Raiten. Dadurch konnten sie ihre Erfahrungen aus Schleching weiterhin nutzen und den Ausgang des Achentals in Richtung Chiemsee besser erkunden.

Raiten war ein kleiner Weiler mit einem Gasthof, einigen Bauern und einer Nagelschmiede. Die Gäste aus der Stadt konnten dort die ländliche Ruhe und das typische dörfliche Leben genießen. Besonders hatte es den Gästen dabei die Nagelschmiede angetan und der dazugehörige Kohlenmeiler des Köhlers. Für den Bedarf des Schmieds verkohlte er hier direkt die notwendige Holzkohle aus dem heimischen Holz.

Manchmal hatte man das Glück, die Frauen durch den Ort gehen zu sehen, wie sie die Wäsche oder andere Dinge auf dem Kopf trugen, ein wirklich ungewohnter Anblick für heutige Zeiten. Zumeist waren es aber die Sennerinnen, welche die Butter vom Berg auf dem Kopf zu Tal trugen.

Am Dorfbach konnte man damals die Frauen noch beobachten, wie sie am Waschsteg oder Waschbankerl (Waschbangei oder Waschtisch) die frisch gewaschene Wäsche ausspülten (schwoam), indem sie die Wäsche hin und her durch das frische Wasser zogen. Dabei wurden die letzten Seifen- und Schmutzreste beseitigt.

Eine der Wanderungen führte wieder in das Gebiet der Wuhrsteinalm, wo eine größere Zahl von Almkasern zu finden war.

Weitere Wanderungen führten nach Ober- und Hinterwössen. Besonders beliebt war dabei auf dem Rückweg zum Kaffeetrinken in Unterwössen eine Pause einzulegen.

Auch wenn bis heute schon mehr als 100 Jahre vergangen sind, betont die Tourismuswerbung in Schleching noch immer die Erinnerungen an die Vergangenheit und die besonderen Vorzüge, welche die Landschaft und die Natur im Tal der Tiroler Ache bietet. Worte, welche auch vor 100 Jahren hätten verwendet werden können:

»Der Luftkurort Schleching hat bis heute für Sie seinen dörflichen Charme erhalten. Genießen Sie zu jeder Jahreszeit beschauliche Wanderungen im Schlechinger Tal, geführte Blumenund Naturführungen oder Bergtouren auf gut markierten Wegen zu den Almen und Berggipfeln mit herrlichem Panorama.«


Olaf Gruß

 

Danksagung: Mein Dank gilt Fritz Irlacher, der mir mit seinem Bildmaterial und seinem unerschöpflichen Wissen die Möglichkeit eröffnete, diesen Artikel zu schreiben.

Literatur: Fritz Irlacher, Hartmut Riehl, und Helmut Birner: Schleching am Geigelstein – Die Dorfgemeinde im Achental (2003) Geiger-Verlag, Horb am Neckar.

 

24/2015