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Jahrgang 2013 Nummer 31

So wohnte es sich in der guten (k)alten Zeit

Nur ein Raum in Bauernhäusern beheizbar – Schlafkammern kalt und zugig

Eine typische Bauernstube aus dem 19. Jahrhundert: Neben dem Ofen eine Bettstatt, die im Winter für Kranke, Kinder oder Alte vorgesehen war.
Die Familie Quaglio beim Tischgebet

Die gute alte Zeit – wenn sie doch nicht immer schon vorbei wäre. Aber das ist gerade die Crux an der Sache: das, was früher war, bekommt im Heute gerne einen nostalgischen Anstrich, der ruhig auch etwas abgeblättert ausfallen darf. Denn gerade das Perfekte, das Moderne und Schnelle ist es ja, was manchmal so anstrengend sein kann. Wenn man sich dann, quasi als Gegenmodell, das langsam-gemütliche Dasein von anno dazumal ins Gedächtnis ruft, kann das schon Sehnsüchte wecken. Vor allem das Leben auf dem Land steht im Wunsch nach dem idealen Wohnort hoch im Kurs: Alte Bauernhäuser, farblich aufgepeppt mit Gardinen und Polstern aus dem Designerladen, perfekt gedeckte Kaffeetische im genauso perfekt arrangierten Bauerngarten sind mittlerweile zu Hauf in Wohnund Gartenzeitschriften abgebildet. Könnten die ursprünglichen Bewohner ihre heute auf Hochglanz polierten Behausungen sehen, sie würden sich ungläubig die Augen reiben. Denn zu Urgroßvaters Zeiten war ein typischer Bauernhof in Bayern noch alles andere als ein Traumhaus mit Einrichtung aus dem Dekokatalog. Die Wohnverhältnisse waren alles andere als beneidenswert, wie in historischen Berichten nachzulesen ist. Egal, ob es sich um einen Bauern, der gut im »Gschirr« stand, handelte oder um einen einfachen Handwerker, der in der Stadt wohnte. Vom Winter einmal ganz abgesehen, war auch in kühlen, ver regneten Monaten bei Menschen früherer Generationen Abhärtung gefragt. »In den meisten Familien sind die Wohnzimmer die einzigen heizbaren Räume und müssen dieselben noch nebenbei in Krankheitsfällen und auch als Wochenbettstuben dienen, wo dann irgendeine einfache Vorrichtung, meist ein Vorhang, selten eine leichte Wand die Schicklichkeit einigermaßen wahren soll«, beschreibt der Landgerichtsarzt Dr. Auer die Lebensverhältnisse in den 1860er Jahren im südostbayerischen Raum. Die Schlafzimmer seien in der Regel unbeheizte Kammern, oft feucht, in der Regel düster.

Zwar gebe es auch vereinzelt in Schlafkammern Heizmöglichkeiten, die würden jedoch nur in Anspruch genommen für kleine Kinder, alte Menschen oder Wöchnerinnen, dann aber würde sie so stark geheizt und gleichzeitig jegliche Frischluft vermieden, dass dies der Gesundheit auch wieder kaum zuträglich sei, kritisiert Dr. Auer, der seine Beobachtungen im sogenannten Physikatsbericht niederschrieb, einer Beschreibung über Land und Leute, die König Max II. von allen Amtsärzten seiner Landgerichte angefordert hatte. Die Bezeichnung Landgericht ist hier nicht im strafrechtlichen Sinne zu verstehen, sondern als Bezeichnung für eine Verwaltungseinheit. Max wollte aus diesen Berichten erfahren, wie der »kleine Mann« in Bayern lebte. Dass der König bei der Schilderung der Wohnverhältnisse seiner Untertanen ins Frösteln kam, ist eher zu bezweifeln, denn hochherrschaftliche Gemäuer waren ja auch nicht unbedingt Musterbeispiele gemütlicher Wohnkultur, der König wird also selbst entsprechend abgehärtet gewesen sein.

Die tatsächlichen Lebensbedingungen der unteren Schichten dürften ihm aber dennoch so fremd gewesen sein wie uns heute, wenn wir aus dem Jahr 2013 in die Vergangenheit unserer Urgroßeltern und darüber hinaus zurückblicken. Die große Schar der Dienstboten, selbst meist vollkommen besitzlos, musste sich ohne Murren mit dem zufrieden geben, was ihnen die Herrschaft zugestand und oft genug war das im wahrsten Sinn des Wortes das letzte Loch: »Sie schliefen immer in ungeheizten Räumen, häufig im Dachraume, nicht selten dem Einfluss der Witterung, besonders dem Eindringen der Kälte auch des Schnees ausgesetzt.« Manchmal mussten mehrere Personen in einem Bett schlafen – nach Geschlechtern getrennt natürlich, Privatsphäre war dabei ein weitgehend unbekannter Begriff.

Knechte hatten ihr Schlaflager mitunter im Pferdestall, wobei sie hier – vom Geruch einmal abgesehen – zumindest etwas Wärme von den Tieren abbekamen. Als Matratze fungierte ein Strohsack und die Zudecke bestand meist nur aus einem Kotzen. Nicht nur der Begriff Zimmertemperatur, auch die Bedeutung von Hygiene war im 19. Jahrhundert noch eine weitgehend unbekannte Größe. »Die Reinlichkeit ist auf dem Lande sehr vernachlässigt, nicht selten trifft man die Betten der sämtlichen Familie ohne Überzug, immer ist dies zur Zeit der Wäsche der Fall, da nur ein solcher benützt wird, und die übrigen, wenn überhaupt vorhanden, in großen Schreinen als Schaustücke prangen; besonders die Betttücher, … die nie ein Bett berühren.« Die Bettdecken, die mit Gänsefedern gefüllt waren, wurden selbstverständlich auch nicht gereinigt, wobei das im Zusammenhang mit der Kälte noch nicht einmal entscheidend war; wohl aber die Verarbeitungsweise der Plumeaus. Denn abgesteppte Zudecken waren bei der ländlichen Bevölkerung ebenfalls unbekannt, und das sollte sich bis in unsere Zeit nicht ändern. So mancher Leser wird sich vielleicht noch an Zudecken erinnern, die aus einem Stoffsack, mit einer Masse an Federn gefüllt, bestanden. Diese Federnmasse bewegte sich im Lauf der Nacht immer weiter nach unten, bis sie endlich an den Füßen angelangt war, und sich wie eine Würgeschlange um diese wurschtelten. Wer dann mitten in der Nacht aufwachte, weil es kalt wurde, konnte dann noch so stark von oben her an seiner Zudecke ziehen, der Federberg bewegte sich einfach nicht mehr in Richtung Oberkörper.

Dieser Alptraum winterlicher Schlafstätten fand auch am Tage seine Fortsetzung. Wenn sich Bauer und Bäuerin, deren Kinder, die Dienstboten, womöglich auch noch die Austragler und zu guter Letzt auch noch die Hühner in der Stube umeinander scharten, weil dort die einzige Wärmequelle stand, war es zwar nicht die Zimmertemperatur, die zu wünschen übrig ließ. Dafür dürfte Frischluft das Letzte gewesen sein, was man in einer derartigen Ansammlung an Mensch, Tier und miefiger Kleidung vorfand. Um Holz zu sparen, wurde der Ofen in der Stube im Winter fast immer auch zum Kochen verwendet, »wodurch die Wohnstube mit den mannigfachsten Dünsten, neben den Ausdünstungen der vielen Bewohner, überladen wird. Nicht selten fällt bei der schlechten Bauart der Öfen auch noch der Rauch zur Last.« Auch wenn die Luft in der Stube noch so abgestanden war, wurde kaum für Frischluft gesorgt, schließlich bedeutete jede offene Tür und jedes offene Fenster im Winter gleichzeitig Wärmeverlust. In baufälligen Behausungen wurden zu Beginn der kalten Jahreszeit erst einmal alle Ritzen und Löcher möglichst »luftdicht « verschlossen: »Daher bei Fenstern das [fehlende] Glas mitunter durch Papier ersetzt, die Türen mit Tuchenden vernagelt, die Löcher in dem Boden mit Lehm und Brettchen verstopft sich finden«, beschreibt Dr. Auer die »Energiesparmaßnahmen« von anno dazumal. Frischluft als Beitrag zur eigenen Gesundheit war für den bayerischen Landmann vor einigen Generationen überhaupt äußerst dubios, wie der Schriftsteller Heinrich Noé 1865 in seinem Werk »Baierisches Seebuch« feststellt.

»Es ist unmöglich, den Bauern im Bauernhause an frische Luft zu gewöhnen; er lässt die Luken seiner Hütte fest zu. 'Ich bin draußen genug in der Frischen', sagt er. Die Mitwirkung des atmosphärischen Sauerstoffs bei der Blutbildung wird ihm nicht gelehrt. Er sieht alt und abgestanden aus. Er und seine Generation wären eine andere, wenn er statt in die Kirche zu gehen, das Fenster aufmachen würde.« Der folgende Tipp Noés, wie man zu einer gesünderen Wohnung gelangt, ist übrigens nicht zur Nachahmung empfohlen. Der Schriftsteller stellt fest, dass Grabenstätt am Chiemsee, »das größte Glück widerfahren [ist], das einem Gebirgsdorfe begegnen kann: es ist abgebrannt.« Jetzt wären die windschiefen Holzhäuser mit den niedrigen, finsteren Kammern ersetzt durch stabile Steinhäuser mit anständigen Fenstern. Ob die Hausherren ihre neuen, schmucken Häuser dann auch besser belüftet und beheizt haben, ist zu bezweifeln. Wer von früher als der »guten alten Zeit« spricht, sollte dies für die kühle Witterung und Jahreszeit also besser anpassen an »die gute (k)alte Zeit«.


Susanne Mittermaier

 

31/2013