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Jahrgang 2004 Nummer 14

»So lange ich kann, schreibe ich still vor mich hin«

Ein Porträt der Trostberger Schriftstellerin Ruth Rehmann


Ruth Rehmann hatte ihr Musikstudium in Berlin noch nicht abgeschlossen, als sie zur Schreibkraft der Wehrmacht abkommandiert wurde und mit einer Verwaltungseinheit quer durch Deutschland zog. Kurz vor Kriegsende, im Mai 1945, blieb der Lastwagen auf einem Feldweg nahe Altenmarkt im tiefen Schnee stecken; Bombenhagel und Maschinengewehrbeschuss hatten den Trupp bis hierhin verfolgt. Der »Gefreite Kramer« half der damals 23-Jährigen von der Rampe herunter und gab ihr einen Rat: »Halt dich an den Oberst, der wird schon Quartier finden!« Der Bäuerin, die sie damals aufnahm, die sie am ersten Morgen weckte, als sie den Küchenofen anschürte, widmete sie den Roman »Die Schwaigerin«, der 1987 im Münchner Hanser Verlag erschien. Es ist das sechste von elf Prosawerken der heute 82-jährigen Autorin, und es steckt so voll von bayerischem Idiom, dass man ihr die rheinische Kindheit kaum abnimmt.

Für das zwölfte, an dem sie unverdrossen arbeitet, lässt sie sich keinen Termindruck mehr machen: »Mit 82 brauche ich keine Termine mehr! So lange ich kann, schreibe ich hier still vor mich hin. Ein Schnellschreiber war ich ohnehin noch nie.« Das augenblicklich noch namenlose Manuskript ist wie »Der Mann auf der Kanzel« – das neben erstgenanntem zu Rehmanns erfolgreichsten Büchern zählt – eine Geschichte mit theologischem Hintergrund, eine Auseinandersetzung mit Menschen in ihrer Biographie, die ihr »eine ausgefallene Art von Christentum nahe gebracht haben«. Überhaupt seien das ihre beiden Pole, zwischen denen sie sich bewege, sagt die Schriftstellerin, die eine Zeitlang auch als Pressereferentin der amerikanischen Botschaft gearbeitet hat: Das ländliche Leben und ihre Kindheit im rheinischen Pfarrhaus. Ihr Talent zeichnete sich schon in der Schule ab, als sie »immer für zwei oder drei Klassenkameraden die Aufsätze« verfasste.

Nach einem Umweg über die Lehrtätigkeit begann sie in den fünfziger Jahren zu schreiben. Die literarische Gattung »Short Story« war soeben aus Amerika herübergeschwappt – eine Kurzgeschichtenart mit »interessantem Plot und gutem Ende, in die man sehr schnell reinspringt« – und erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift »Story«, sowie Zeitungsartikel und Reiseberichte ebneten ihr den Weg zu den Tagungen der legendären »Gruppe 47«, die den Namen aus ihrem Gründungsjahr bezieht. Alljährlich im Oktober trat die damals neue Autorengeneration Deutschlands zusammen; Günter Grass, Heinrich Böll, Martin Walser, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und Hans Werner Richter waren die wohl berühmtesten unter ihnen. 1958 las sie dem versammelten Publikum aus Schriftstellerkollegen und Verlegern ein Kapitel ihres Romans »Illusionen« vor, worauf der damalige Inhaber des Suhrkamp-Verlages, Siegfried Unseld, sie noch an Ort und Stelle unter Vertrag nahm.

»Die Gruppe 47 war eine große Chance und die einzige Möglichkeit, als Schriftsteller an die Öffentlichkeit zu kommen«, sagt Ruth Rehmann. »Heute ist es viel schwieriger für junge Autoren. So etwas wie die Gruppe 47 gibt es nicht mehr, und die Verlage haben nicht mehr so viele Lektoren, die sich Zeit nehmen für ein Manuskript.« Auch der enge Kontakt eines Autoren mit dem Lektor gehört der Vergangenheit an, und lange Gespräche über das entstehende Buch ebenso, weiß die 82-Jährige. »Als während der Arbeit an meinem Roman ”Fremd in Cambridge" mein damaliger Lektor Fritz Arnold starb, habe ich lange Zeit nichts geschrieben. Er war ein guter Kritiker, und ich empfand seinen Tod als großen Verlust.«

Vom Schreiben leben konnte sie trotz ihrer Erfolge nicht immer. Lange Zeit hielt sie sich »mit Hörspielen über Wasser«, von denen sie zahlreiche verfasste und die bei jeder Ausstrahlung »wieder neu honoriert« wurden; dennoch blieb das Schreiben ihr beruflicher Schwerpunkt, so wie Oberbayern der geographische blieb. Aus ihrer Ehe mit dem Schriftsteller Franz Schönauer, der in den siebziger Jahren verstarb, hat sie drei Kinder; nur die jüngste Tochter blieb dem Chiemgau treu, die andere lebt in Berlin, der Sohn als Philosophieprofessor in New York.

Ruth Rehmann, die als Gegnerin der Globalisierung bis heute politisch aktiv ist und der im Jahr 2001 für ihr Engagement in der Friedens- und Umweltschutzbewegung das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, erhielt seit 1962 zahlreiche Literaturpreise; sie gehört dem Verband der deutschen Schriftsteller (VS) ebenso an wie dem internationalen »PEN-Club« (»Poets, Essayists, Novelists«, 1921 in London gegründet). Ihre jüngste Auszeichnung, den oberbayerischen Kulturpreis, wird sie im September in München entgegennehmen.

Die obligatorische Frage nach Plänen für die Zukunft winkt die Autorin ab: »Das weiß ich doch nicht. Es war ja auch nicht einkalkuliert, dass ich so alt werde.«

CR



14/2004