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Jahrgang 2007 Nummer 46

Sie »… schämet sich der Armuet nit«

2007 ist Elisabeth-Jahr: Vor 800 Jahren kam eine große Heilige zur Welt

Mit vier Jahren an einen Mann vergeben, mit 14 Jahren verheiratet, mit 20 Jahren den Vater ihres jüngsten Kindes verloren: Elisabeth von Thüringens nur 24 Jahre währendes Leben verlief von Anfang an sonderbar. Und es endete nicht minder ungewöhnlich.

Von Thüringen? Elisabeth war, wie man allgemein annimmt, Ungarin. Oder Slowakin, wenn sie, manchen Quellen zufolge, in Pressburg, dem heutigen Bratislava, geboren wurde. Früh kam sie ins thüringische Eisenach, auf die Wartburg des Landgrafen Hermann, dessen Sohn Ludwig sie als unmündiges Kind versprochen war. Sie kam an den schicksalhaften Ort, wo 300 Jahre später Martin Luther der katholischen Kirche den Rücken kehrte, deren Glauben Elisabeth ihr Lebtag treu diente. Den sie – wie bis dahin kaum eine »hohe Frau« – aus voller Überzeugung zum Leitprinzip ihres Daseins erhoben hatte.

»Mater pauperum«

Ihrem Zeitgenossen Franziskus von Assisi ähnlich, nahm Elisabeth sich der Armen und Kranken in einer Weise an, die ihr schon im Mittelalter die Bezeichnung »Mater pauperum«, Mutter der Armen, eintrug. Und bald auch eine Fülle von Patronaten: Sie ist Schutzherrin nicht nur der Notleidenden und Kranken, sondern auch der Witwen und Waisen, der unschuldig Verfolgten, der Bäcker und Leinenweber, der Bettler und der Spitzenmacherinnen. Dass alle Caritas-Vereinigungen sie zur Patronin wählten, Landespatronin von Hessen und Thüringen wurde, bedarf keiner Erklärung. Was aus ihrem kurzen Leben, in dem ihre überaus glückliche Ehe nur sechs Jahre dauerte, überliefert ist, stellt die Indizien für die zahlreichen Schirmherrschaften bereit, die man ihr zusprach.

Ob es stimmt, dass sie, wie ihr Zeitgenosse Jacobus von Voragine in seiner »Legenda Aurea« notierte, ihre drei Kinder nach der Geburt jeweils selbst in die Kirche trug, »selbige Gott aufzuopffern«, dass sie »den Presthafften Haupt und Fueß« gewaschen, »ihre Geschwaer« geküsst und in dem von ihr »in Hungersnoth« erbauten Spital (im heute hessischen Marburg) »tagtaeglich 900 gespeiset« hat, ist ungesichert. Solche Zuschreibungen tragen aber dazu bei, das Bild der »Heiligen der Gerechtigkeit« (Theodor Schnitzler) plastisch zu modellieren.

Über die Maßen karitativ

Elisabeths ganze Sorge galt während ihrer Ehejahre mit Ludwig, der 1227 in Otranto starb, als Kaiser Friedrich II. gerade zu einem Kreuzzug rüstete, ihrer Familie. Und, damals bereits, den Armen. Ludwig soll, da seine selbstlose, den höfischen Sitten zwar treue, aber von ihnen auch bisweilen abweichende Gattin am liebsten alles den Ärmsten der Armen gegeben hätte – Speis und Trank selber, von der Burg heruntersteigend, in die Elendsquartiere trug – sich gesorgt haben, dass sie eines Tages gar die Wartburg veräußern würde. Ludwig hielt zu seiner über alle Maßen karitativen Frau und wehrte alle Angriffe von Bedenkenträgern ab, die Elisabeth vorwarfen, zu generös zu sein und ihre adelige Herkunft zu verraten.

Doch die junge Frau setzt sich, auch ihrer Verwandtschaft gegenüber, durch. Gepränge galt ihr nichts gegenüber dem, was sie als ihre Aufgabe ansah: den Ärmsten der Armen zu helfen. Bereits der harte Winter 1225 hatte große Not ins Land gebracht, der darauf folgende heiße und trockene Sommer nur eine spärliche Ernte beschert. Also ließ Elisabeth kraft ihrer Macht als Landesmutter die Vorratskammern öffnen. Nahrung und Geld gab sie, um die Bedrängnis des Volkes nicht noch ärger werden zu lassen. Damals war Ludwig außer Landes, und die misstrauischen Angehörigen setzten die daheim gebliebene Gattin unter Druck. Diese legte ihre herrschaftlichen Gewänder ab und ging fortan in Sack und Asche.

Ein Spital für 2000 Silbertaler

Das lockere Leben und das Aufgehen im verschwenderischen höfischen Lebensstil war die Sache Elisabeths nicht. Als ihr Schwager Heinrich Raspe nach Ludwigs Tod das Ruder auf der Wartburg in die Hand nahm, packte sie alles zusammen, was man ihr noch gelassen hatte, nachdem man ihr das Witwengut zunächst ganz absprechen hatte wollen. Sie zog mit ihren drei Kindern, 20 Jahre jung, nach Marburg. In ihrem Spital, errichtet vor den Toren der Stadt Marburg auf einem ihr zuerkannten Grundstück und mit 2000 Silbertalern Witwengut, pflegte sie Kranke und Sieche, die anderswo keine Aufnahme fanden.

Jacobus von Voragine schreibt: »… wurdt zur prob ihrer Gedult aus dem Schloß verstossen, welche Schmach sie nit allein gedultig gelidten, sonder deßwegen das Te Deum Laudamus singen lassen. Auch da ein altes Bettelweib, so von ihr das Almusen gehabt, sie ins Koth geworffen, übertrueg sie disen spott mit freuwden. Wurd aber gleich darauff von Christo freundtlich angeredt, ob sie bey ihme, wie er bei ihr, wohnen wolte? welches Elisabetha mit höchstem Trost versprochen; schämet sich der Armuet nit, gleichwohl sie ihr Nahrung mit Spinnen gewunnen, wär gar tu Bettel gangen, wann ihrs der Beichtvatter gestattet hätt…«

Noch einmal heiraten?

Mit »Frau« wollte sich Elisabeth nicht mehr anreden lassen. Noch einmal heiraten? Das kam für die früh verwitwete Landgräfin nicht in Frage, auch wenn der Kaiser um ihre Hand anhielt. Man nahm ihr übel, dass sie sich zu den Armen herabließ. Sie sah den Sinn ihres Lebens, da zu sein für Menschen, die sie brauchten, denen unter die Arme zu greifen war, die sie vor einem elenden Tod bewahrte. Noch als Landesherrin hatte sie oft die Mahlzeiten verweigert und nur noch zu sich genommen, was die eigene Ökonomie hergab.

Jetzt, in Marburg, in ihrem Franziskus-Spital (der Mann aus Assisi war ihr großes Vorbild), erfüllte sich ihr Wunsch, Gott ganz zu gehören. Bettelnd von Tür zu Tür zu gehen, wie Franziskus ihr das vormachte, war für sie als Adelige unmöglich. 1228 geschah, was letztlich niemand für wahr halten wollte: Elisabeth gab ihre Kinder fort. Sie wollte als Terziarin wie Christus das Kreuz tragen. So sehr erniedrigte sie sich, dass sie – mit den Worten des Jacobus von Voragine – »mit ihren Mägdten aus einer Schüssel« aß, die »arme Kuchen« selbst »versahe«, wo sie »waschet und spület« und sich »selig« nannte, »wann sie im Spital armen Leuten zwe geht oder das Beth machet, als thäte sie solches Christo, welcher sie vor ihrem endt An. 1231 besucht und mit sich gen Himmel genommen«.

Die Begeisterung eines Jacobus von Voragine (der Mann war übrigens Erzbischof von Genua und verfasste seine berühmte Heiligenlegende vor 1264 – ein Text der Rückseite des gezeigten Kupferstichs »S. Elisabeth Landgräfin 19. Novemb.« Wird hier zitiert) versteigt sich zu der Behauptung, dass die von Papst Gregor IX. vier Jahre nach ihrem Tod heilig Gesprochene von Christus in den Himmel geholt wurde. Elisabeths Todestag ist der 17. November. Das Datum der Beisetzung, der 19. November, wurde zu ihrem »Festtag«.

Deutschlands erste radikalste Franziskanerin

Und zum Namenstag all der Elisa, Lisa, Else, Lisabeth, Lissy oder Lilli und anderer Mädchen, die nach der Heiligen von Thüringen benannt sind. Die erste radikale Franziskanerin Deutschlands ist Elisabeth gewesen. Eine Außenseiterin, die sich den Vorgaben ihres Standes nur ungern beugte. Die vielmehr ihr Leben denen weihte, die ihr »erbärmlich« erschienen. Verschwendung für sich selbst oder um eines sorg- und zügellosen Lebens willen lag ihr fern. Sie gab lieber als sie nahm. So tun es die in ihrer Nachfolge stehenden Elisabethinnen. Ein Orden, den Apollonia Rademacher 1622 in einem Gasthaus gegründet hatte, das als Spital diente. (Auch Elisabeth lebte kurz bevor sie ihr Marburger Spital bezog, in einem Wirtshaus.) Die Elisabethinnen errichteten in Österreich neben Klöstern und Kirchen auch Krankenhäuser. Heute unterhalten sie Kliniken in Europa und Kanada.

Die Anfeindungen, die Elisabeth einzustecken hatte, kennen auch die Caritas-Mitarbeiter, die sich im Sinne der Heiligen – der sogar Richard Wagner in seiner Oper »Tannhäuser« ein Denkmal setzte – engagieren. Ein Lächeln haben manche Menschen nur übrig, wenn sie die Legende vom Rosenwunder (s. Kasten!) lesen. Sie spielte vielen Malern das Motiv zu, mit dem sie die Heilige darstellten: ein Korb voller Rosen im Arm. Die ältesten Darstellungen der Heiligen gehen ins 13. Jahrhunderts zurück – so ein Glasfenster in der Marburger Elisabeth-Kirche, das die Fürstin, Brust und Hand einer liegenden Kranken berührend, in Begleitung einer Dienerin mit Brotlaib und Wasserkanne zeigt. Andachtsgraphik und Legenden-Illustration bewahren das Bild der selbstlosen Geberin um Christi Willen seit Jahrhunderten und beleben es noch in der Gegenwart immer wieder neu, wie die Abbildungen belegen.

Gläubige pilgern nach wie vor gen Marburg – in der Sakristei der Elisabethkirche steht der Schrein mit den Gebeinen der Heiligen – und nach Kaschau in Ungarn, wo Elisabeth vielleicht zur Welt kam. 800 Jahre ist`s her…

Hans Gärtner



46/2007