Jahrgang 2009 Nummer 43

Sie gab der Récamière ihren Namen

Madame Récamier – die begehrenswerte Dame zur Zeit Napoleons thronte gern lässig auf einer Luxus-Liege

Halb sitzend, halb liegend – dies war Madame  Récamiers Lieblingsposition. – Das Bild von Louis David, dem Begründer des französ

Halb sitzend, halb liegend – dies war Madame Récamiers Lieblingsposition. – Das Bild von Louis David, dem Begründer des französischen Klassizimus, befindet sich heute im Louvre in Paris.
Die Récamière hat im modernen Design nichts von ihrer Schönheit verloren – auch wenn sie mit der klassizistischen Liege von ehed

Die Récamière hat im modernen Design nichts von ihrer Schönheit verloren – auch wenn sie mit der klassizistischen Liege von ehedem nicht mehr viel gemein hat.
Beim Aussuchen einer Polstermöbelgarnitur wird der Kauflustige sehr schnell mit der modernen »Möbelsprache« konfrontiert. Man spricht von Kombinationselementen, Anreihmodellen und Hochlehnern, von Rundteilen, Funktionsstützen und Relaxsitzern.

Was für ein Glück, dass da für die gepolsterte Liege, meist mit Rückenkissen und verkürztem Armteil, auch noch das Wort Récamière in Gebrauch ist, das herrlich klingt und an das Interieur einer vergangenen Epoche erinnert!

Woher hat nun das Möbel, auf dem man so lässig halbaufrecht liegen kann, seinen klangvollen Namen? Unwillkürlich denkt man an etwas Vornehmes, Elegantes.

Und in der Tat: Madame Juliette Récamier (1777 - 1849), nach der diese Liege genannt wird, war eine elegante, begehrenswerte Dame der Pariser Gesellschaft zur Zeit Napoleons und der nachfolgenden Epoche der Restauration.

Sie tanzte in den Jahren nach der Schreckensherrschaft der Jakobiner auf den Bällen der exklusiven, vergnügungssüchtigen Gesellschaft, bezauberte die Männer und wurde schon in jungen Jahren eine der am meisten bewunderten Frauen Frankreichs. Kein Wunder, dass sie von so vielen Männern, den bedeutendsten und mächtigsten, begehrt wurde! Von Napoleon wurde ihr die Stelle einer Hofdame angeboten, wobei es keinen Zweifel gab, was damit gemeint war. Die Ablehnung dieses Angebots und ihre Verbindungen und Sympathien zu oppositionell eingestellten Kreisen verschlechterte sein Verhältnis zu ihr, so dass sie später aus Paris verbannt wurde. Erst nach drei Jahren, 1814, im Jahr seines Sturzes, konnte sie wieder in die Stadt zurückkehren.

Ihren weiblichen Reizen verfiel auch ein preußischer Prinz, Neffe Friedrich des Großen. Prinz August und Juliette schworen sich ewige Liebe und versprachen sich die Ehe. Dass daraus nichts wurde, lag nicht nur daran, dass Juliette schon seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr mit einem sehr viel älteren Mann, einem reichen Bankier, verheiratet war, sondern dass sie, wie Prinz August schrieb, »Gefühle vorzutäuschen weiß«. Sie war eine Meisterin der Koketterie, betörte die Männer und erweckte in ihnen Begierde und Leidenschaft, konnte sich aber letztlich einem Manne nicht hingeben. So blieb sie »tugendhaft« und verschaffte sich durch viele Aktivitäten Erfolge auf dem gesellschaftlichen Parkett.

Was immer ihr versagt geblieben ist und was sie auch entfesselt haben mag: Juliette war außerordentlich beliebt und wurde überall wohlwollend aufgenommen.

Ihr harmonisches Gemüt, ihr Zauber und ihre Weiblichkeit erfreuten so sehr, dass jeder stolz war, sie bei sich zu haben – ganz abgesehen von dem damit für die Gastgeber verbundenen Gewinn an Prestige.

Zum großen Ereignis ihres Lebens wurde die Begegnung mit François René de Chateaubriand, dem Politiker und Freund der Bourbonen, dem Denker und Dichter mit großem Einfluss auf das Geistesleben seiner Zeit. So begann für Juliette, die inzwischen vierzig Jahre alt geworden war, eine große geheimnisvolle Liebe, die über drei Jahrzehnte, bis zum Lebensende, andauerte. Sie lebte nun getrennt von ihrem Mann und versammelte nach wie vor bedeutende und einflussreiche Persönlichkeiten in ihrem Salon. Von ihrem Dichterfreund täglich besucht und von der Pariser Gesellschaft beäugt und hofiert, erlebten die beiden eine große Passion, in der sie tiefe Befriedigung und Erfüllung fanden.

Dass Madame Récamier nicht in Vergessenheit geriet, ist nicht zuletzt dem Bild von Jacques Louis David, dem Begründer des französischen Klassizismus, zu verdanken, das er im Jahr 1800 gemalt hat und das zu einem sehr populären Werk wurde. Sehr viel hat die geschwungene Liege mit der heutigen Récamière natürlich nicht mehr zu tun.

In den klaren und strengen Formen und der sparsamen Ausstattung zeigt sich da die klassizistische Arbeit von Georges Jacob, dem Begründer einer namhaften französischen Kunsttischlerwerkstatt, in der hochwertige Möbelstücke für viele europäische Fürstenhöfe angefertigt wurden. Auch in der Kleidung eiferte man dem antiken Ideal nach. So liebte auch Juliette das einfache Gewand, das ihrem Aussehen etwas von der Würde altrömischer Priesterinnen gab. Das Band im Haar und Perlen waren ihr einziger Schmuck. Ihr Gang, so sagte man, glich dem einer »Göttin auf den Wolken«. Wenn die junge Frau dann vor ausgewählten Gästen in ihrem Salon ihren »Tanz des Schals« dargeboten hatte, war die Wirkung einzigartig. Sie verschwand in ihrem Boudoir und nahm, auf dem berühmten Liegebett ruhend, die Komplimente ihrer Gäste entgegen.

Hans Feist



43/2009