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Jahrgang 2001 Nummer 27

Seit über 350 Jahren gibt es den »Poidai«-Hof

Bis heute ist das Gebäude fast im Originalzustand erhalten

Der »Poidai«-Hof in Laufen und »Troadkasten«

Der »Poidai«-Hof in Laufen und »Troadkasten«
Stubenkammer mit Blick in den »Soier«

Stubenkammer mit Blick in den »Soier«
»Guete Kamma«

»Guete Kamma«
»Es bewohnt dies Land ein Menschenschlag von großer Dauerbarkeit, stark, über Mittelgröße, sehr gesund und rüstig, gerade nicht unbildsam in Zügen und Gestalt, besonders die jüngeren Mädchen und Weiber von runden, gefälligen und sinnlichen heiteren Gesichtern... Das Volk materiell so wohl bestellt... ist durchaus nicht ohne Anlagen und natürlichen Gaben... Sie sind äußerst fleißige und ausdauernde Arbeiter... Seine Wohlhabenheit gibt den Bauern Selbstbewußtsein der freilich sehr oft zum Bauernstolz wird... Er will von aller Welt anerkannt und ebenbürtig behandelt sein... Er hält mit den Nachbarn fest zusammen und ist sehr wohlthätig und sparsam. Es gibt keine Trinker und Spieler... Mit der Moral nehmen sie es sehr oberflächlich. Die Zahl der unehelichen Kinder zu ehelichen verhält sich wie 1:4 oder 5... Es herrscht hier blinder Kirchenglaube... Ein Hauptgrundzug des Volkscharakters... ist der gänzliche Mangel... an Vertrauen gegen alles was nicht Bauer ist; besonders gegen die Obrigkeit...«

So beschrieb J. F. Lentner um 1850 die Bewohner des heutigen Rupertiwinkels, die »in ihren Sitten und Gewohnheiten mit denen des salzburgischen Thalgaues vollkommen übereinstimmen« in der mittlerweile berühmten Bavaria, Landes- und Volkskunde des Königreiches Bayern, Band Oberbayern. Als sich der bayerische Kronprinz Max, der spätere König Max II., ernsthaft auf seine künftige Aufgabe vorbereitet, wünscht er eine ethnologische Bestandsaufnahme des Landes, dessen Herrscher er werden soll. Als der Mann, der diese Aufgabe meistern könnte, wird ihm Joseph Friedrich Lentner (1814-1852) empfohlen. Lentner erhält auch den Auftrag und wandert in den Sommern 1846 bis 1851 durch Bayerische Lande, um im Winter das Gesammelte zu sichten, zu ordnen und in eine endgültige Form zu bringen. Diese Arbeiten, später zum Teil als Unterlagen für die Bavaria verwendet, gelten heute als die Anfänge volkskundlicher »Feldarbeit«.

Vielleicht ist Lentner vor mehr als 150 Jahren auch am »Poidai« vorbeigewandert – dort, wo heute immer wieder Wanderer und Radler überrascht stehen bleiben, sich zunächst ungläubig die Augen reiben und dann sehen wollen »ob es echt ist« oder vielleicht nur eine Filmkulisse? Aber das »Poidai« ist echt, außen wie innen, in vielen sogar »echter als fundamentalistische Denkmalpfleger dies haben möchten! Nun steigert sich heute der ideologische Wert wie auch der Marktwert von »echt« mit dem Alter – je älter, desto »echter«.

Nun war das »Poidai« schon zu Lentners Zeiten uralt und echt – nämlich rund 200 Jahre alt und heute hat es mittlerweile 350 Jahre hinter sich! Wie es damals, um 1650, auf dem Lande nahe der berühmten Altstadt von Laufen an der Salzach aussah, weiß nur der Kenner:

Weites, unbebautes Land, auf den Weideflächen frei äsende Kühe von eher zierlicher Statur, viele Weidezäune, die vereinzelten Einöden und Weiler mit Anwesen halb so groß wie »Neubauten« zu Lentners Zeiten. Aus den Dörfern und Kirchweilern ragten die massiv aus Naturstein gemauerten gotischen Kirchen mit ihren spitzen Turmhelmen und ihren steilen ziegelroten Dächern auffallend hell und bunt empor, denn alle umgebenden bäuerlichen Gehöfte waren von oben bis unten aus Holz: die Wohnräume aus Blockbau, die Städel verbrettert, die durchwegs flachgeneigten Dächer mit Legschindeln gedeckt, alles wettergegerbt von dunkelbraun bis grau, nur an wenigen Stellen ein paar farbige Ornamente, denn Farbe war ja sündteuer. Teuer war auch das Glas, aber davon brauchte man beim Hausbau kaum mehr als 16 Scheiben von etwa 22/22 cm Größe! Denn ein Fenster um 1650 war zumeist noch eine »Schuberluke«. Das sind Brettchen, zur Hälfte verglast, wenn man sich´s leisten konnte, ansonsten nur mit Rindsblase oder Schweineblase oder sonst etwas Durchscheinendem versehen. Diese Brettchen schob man in einer raumseitigen Wandvertiefung (»Schubertasche«) vor die eigentliche »Fensteröffnung« von etwa 22/22 cm Größe hin und her. Es waren drei Stellungen zum offenen Fensterloch möglich: zum Lüften, zum Verschließen und zum durchsichtigen Verschließen. Im Hause brannte in der Flurküche das offene Herdfeuer, der Rauch strich zunächst über einen trichterförmigen Funkenfang in den hölzernen Rauchschlot und entwich – meist noch ohne Kamin im Dachraum – durch die Ritzen der Dachdeckung ins Freie. So ein Haus dampfte also am ganzen Dach, wenn man eingeheizt hatte.

Richtig rauchfrei beheizt war nur die gute Stube neben der Flurküche – denn hier wurde der Kachelofen vom Flur her beheizt. Für den Schlafraum über der Stube genügte es, im Fußboden den Deckel über dem »Wiamloch« wegzunehmen und schon strömte etwas warme Luft von unten nach oben. Die Türen hatten eine lichte Durchgangshöhe von etwa 1,6 m, man war es einfach gewohnt sich zu bücken, wenn man durch eine Türe ging und man mußte auch die Beine kräftig anheben, denn die »Hochschwelle« war gut 20 cm hoch. Dafür war ein Balkon kaum 60 cm tief und die Brüstung kaum 70 cm hoch.

Das fließende Wasser am Hausbrunnen vor der Haustür galt als Privileg der Bergbauernhöfe, im Flachland war damals ein eigener Schöpfbrunnen eine Art Existenzgrundlage. Der Begriff Hygiene ward nur wenig strapaziert: ein Nachttopf unterm Bett galt wohl als große Annehmlichkeit. Lesen und Schreiben war ein Privileg besserer Schichten, Bilder sah man weitgehend nur in der Kirche. Die durchschnittliche Bauernfamilie hatte 13 Kinder, von denen mehr als die Hälfte im Kleinkindalter starb. Die Bäuerin starb früh, oft nach dem 13. Kind. Der Bauer heiratete nochmals, die neue Bäuerin gebar ihm nochmals zwei Kinder. Auch der Bauer starb früh, mit 50 Jahren galt er als Greis. Weltgeschichtliches Diskussionsthema war der Dreißigjährige Krieg, der 1648 zu Ende gegangen war.

Unser Poidai wurde im Grundsteuer-Kataster als »Poldlgütl« mit etwa 16 Tagwerk Acker geführt und der Besitzer galt mit seinem Viertelacker als »Gütler«; denn nur mit vier Viertelacker galt er als Bauer.

Lassen wir noch die Geschichte um die Jahrhundertmarken am Poidai Revue passieren. Wie können wir uns die Zeit um 1700 vorstellen, als das »Poidai« noch jung war? Die Stadt Laufen und ihre Umgebung lebten vom Salzhandel und dessen Transport auf der Salzach - und das nicht schlecht. Noch heute zeugen die mächtigen Patrizierhäuser und die prächtige gotische Stiftskirche vom einstigen Reichtum der kleinen Stadt. Mit »Nahui in Gotts Nam« vertrauten die Schöffleut sich und ihre wertvolle Fracht dem reißenden Strom an und steuerten ihre Zillen gen Passau. Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun regierte in Salzburg. Reformatorische Spannungen wie in den südlichen Teilen des Erzstiftes blieben diesem Landesteil erspart, so daß es im benachbarten Bayern hieß: Unterm Salzburger Krummstab läßt sich´s gut leben.

Laufen war also salzburgisch; die Hausforscher nannten die Gehöftform »Salzburger Flachgau-Hof« und nur der »Zugroaste« bedarf der Erläuterung, daß Poidai vom österreichischen »Leopold« kommt:

Leopold III war 1095-1136 Markgraf von Österreich und entstammte der Dynastie der Babenberger. Im Jahre 1485 heilig gesprochen, erklärte ihn Kaiser Leopold I zum Landespatron von Österreich, ferner wurde er zusätzlich Patron von Oberösterreich, von Wien und von den Diözesen St. Pölten und Gurk.

300 Jahre Frieden waren dem Landesteil bereits vergönnt, 100 Jahre Frieden sollte ihm noch verbleiben. Im unruhigen Europa ein gesegnetes Land, bis zu den Zeiten Napoleons. Im Dezember 1800 lagerten hier etwa 7000 Soldaten des französischen Revolutionsheeres, bevor sie gegen das Reichsheer anstürmten. Für die Stadt Laufen, mit den Vororten Oberndorf und Altach gerade 2400 Einwohner zählend, brach große Not herein. Die Menschen flohen und versteckten sich oder versuchten, Frauen, Mädchen und ihr Gut zu schützen. Gleich viermartialische Verschließmechanismen an der dicken Bohlentür bezeugen vielleicht die Ängste eines besorgten Hausvaters vor marodierenden Banden. Die Fenster waren ohnehin einbruchsicher – entweder zu klein zum Durchsschliefen oder mit durchgesteckten Schmiedeeisenstäben vergittert.

Eben in diesem Dezember 1800 lebte Thomas Schützinger mit seiner Frau Maria und acht Kindern am Hof. Sein Sohn Johann war eben 13 Jahre geworden und kannte von da ab nur Krieg, bis zu seinem Tod 1813 als Soldat. Sein Bruder Florian wurde Pfarrer und sein Bruder Thomas erbte den Hof, starb mit 51 Jahren kinderlos und hinterließ den Hof seiner nun alleinstehenden Frau.

In diese Zeit fielen auch tiefgreifende Veränderungen, die das Leben der Menschen nachhaltig beeinflußten. Laufen wurde bayrische Grenzstadt. Die Stadtteile Oberndorf und Altach am anderen Ufer der Salzach waren abgetrennt und durchliefen von nun an eine eigene Entwicklung in Österreich und im Lande Salzburg. Durch die Entstehung des Weihnachtsliedes »Stille Nacht...« sollte Oberndorf bald in aller Welt bekannt werden.

Der restliche Teil der Stadt Laufen lag nicht mehr zentral in der einstigen Kornkammer des Erzstiftes und verlor als bayerisches Randgebiet an Bedeutung. Für das Poidai und viele alte Höfe war kein Geld da, für Modernisierung oder gar Neubau und so blieb auch das Poidai bis auf einige »Modernisierungen« unverändert. Schon vorher, wohl um 1750, hatte es große neue, »richtige« Fenster bekommen.

Mit 1836 ist ein herrlich bemaltes Ehebett bezeichnet; es kamen weitere, herrliche Bauernmöbel mit reicher Ornamentik hinzu, mehrere Zimmer wurden innen verputzt und mit Stuckprofilen so reich verziert wie ein Laufener Bürgerhaus 100 Jahre zuvor.

Um 1950 wurde eine Vergrößerung von Stall und Stadel nötig und nun erhielt der Hof eine neue Grundform: Der alte profilgleiche Wirtschaftsteil wurde abgebrochen, der neue Stallstadel in Form einer »Widerkehr quer zum First des Altbaus angebaut- die charakteristische Endausformung eines Salzburger Flachgauhofes war nun auch beim Poidai vollzogen.

Das späte 20. Jahrhundert brachte das Poidai an den Rand des totalen Untergangs: Jahrzehnte stand der verlassene Hof ungenutzt und verfiel, sein Preis war zum Brennholzwert gesunken

Die Rettung vor dem sicheren Untergang ist nur einer glücklichen Schicksalsfügung zu verdanken. Ein besessener Idealist hatte sich ein Leben in diesem ehrwürdigen Blockbau als letztes großes Lebensziel gesetzt; er war bereit, ein finanzielles Wagnis ohnegleichen einzugehen und seine Arbeitskraft bis an die Grenze des gerade noch gesundheitlich erträglichen auszuschöpfen. Mit diesem geistigen, seelischen und körperlichen Kraftakt verband sich um das Jahr 2000 zwangsläufig der vielleicht letzte große Schritt in der Lebensgeschichte des Poidai: Die Umsetzung auf ein anderes Grundstück, einige hundert Meter nur, an den idyllischen Ortsrand, dort, wo der Wald beginnt. Spezialisten mit großer Erfahrung besorgten Planung und Realisierung. Balken für Balken und Brett für Brett, so wuchs das Poidai an neuem Standort wieder heran, »materialauthentisch«; unter Bereinigung aller späteren Mißgriffe und in der ursprünglichen Bauform, der Stadel wurde also profilgleich rekonstruiert.

Heute ist das Dach mit den pflegeleichten, aber auch schon etwa 100 Jahre alten gelben Dachziegeln gedeckt, und die hölzerne Dachrinne entsorgt wie einst ihr Wasser im freien Fall. Die vor dem Haus und traufseitig weit ausragenden Dachvorsprünge erfüllen ihre Aufgabe im ursprünglichem Sinne, indem sie die Holzwände weitestgehend vor Regen und damit vor dem Verfaulen schützen.

Beim Wiederaufbau merkte man es sogleich: Die Zimmerleute vor 350 Jahren haben volle Arbeit geleistet, kaum ein Stück Papier paßt zwischen den schwalbenschwanzförmig ausgebildeten Klingschrot, der an den Ecken das Haus zusammenhält. Auch der Malschrot, der die innere Raumeinteilung außen erkennen läßt, macht seinen Namen Ehre: Die Einzapfungen zeigen verschiedene Formen, so das Werkzeug des Zimmerers, das Beil; aber auch den Umriß eines Hundekopfes.

Bei so einer sichtbaren Holzwand bleibt jede spätere Veränderung für immer sichtbar. So ist zu erkennen, daß die kleinen Fenster noch kleinere Vorgänger hatten, die originalen Schubfensterchen mit Butzenscheiben. Die jetzigen barocken Fenster sind noch einflügelig, mit Bleistegen viergeteilt und mit »Windeisen« stabilisiert. Die einsetzbaren Winterfenster enthalten noch zum Teil Schubfensterchen zum Belüften. Von außen ist deutlich die wellige Oberfläche der alten Gläser zu erkennen, die bei der Durchsicht von innen ein leicht verzerrtes Bild wiedergeben.

Beim Schritt durch die Haustüre steht der Besucher vorerst im Dunkeln. Der Rauch hat die balkensichtigen Wände rußgeschwärzt. Der Verursacher ist leicht zu erkennen: Die weiß getünchte offene Feuerstelle. Wir sind hier bereits in der Flurküche, die damals noch »Haus« hieß, einer Bezeichnung die mit der Feuerstelle im Einraumhaus der Vorzeit zusammenhängt: ein untergegangener Hausgrundriß aus dem Mittelalter.

Auf der etwa 65 cm hohen Feuerstelle wirkte einst die Bäuerin. Mit dem »Dreifuß« über dem Feuer und darauf die langstielige Pfanne, über ihr der mächtige Rauchfang, das war ihr Reich. Gleich daneben das Knechttischerl zum Speisen in den Sommermonaten. Der praktische, rosafarbene Tonpflaster-Fußboden wurde sicherlich von den Bäuerinnen sehr geschätzt.

Die nebenan liegende Kammer ist ebenfalls vom Rauch gedunkelt, der Fußboden ist mit Ziegelsteinen ausgelegt. Sie mußte einst verschiedene Funktionen erfüllen, vom Austragstüberl bis zur Speisekammer.

Gegenüber dieser Kammer führt die Türe vom »Haus« in die Stube, der einzige beheizbare Raum, mit einem vom »Haus« aus befeuerbaren Grundofen. Was Kammer heißt, war nicht beheizbar. In der Stube ist alles konzentriert, was wir heute Komfort und Gemütlichkeit nennen. Da der prächtige Stubentisch mit der Eckbank unterm Herrgottswinkel, dort der bemalte »Kasten«, anderorts Schrank genannt, um den gemauerten Ofen die Ofenbank, an der die wohltuende Wärme in der kalten Jahreszeit auch tief ins Herz und Gemüt geht. Auf der »Henasteign« läßt es sich behaglich ruhen. Dies ließen die Altvordern auch den darunter durch die Gitterstäbe blinzelnden Hühnern angedeihen, die dieses Wohlwollen in den Wintermonaten mit Eierlegen dankten. Sobald jedoch die Witterung dies zuließ, konnten sie sich durch ein verschließbares »Henaloch« aus der Stube ins Freie begeben.

Die einst auch rußigen Blockbohlenwände in der Stube wurden schon vor langer Zeit verputzt. Der Fußboden mit den teilweise über 50 cm breiten Lärchenholzdielen ist sehr ausgetreten und mit den Erhöhungen an den Aststellen beim Begehen gewöhnungsbedürftig.

Die Stubenkammer, obwohl zum Schlafen gedacht, ist sehr hell mit ihren vier Fenstern und rundum verputzten Holzbalken. Sie muß der Stolz der Hausfrau gewesen sein und beeindruckt auch heute noch mit der Bettstatt, dem »Kasten« und der Truhe. Am Deckenrand und um die Mitte zieren breite Stuckbänder die Kammer und in der Mitte ein Medaillon mit den Initialen IHS, was nach dem Volksmund für »Jesus, Heiland, Seligmacher« steht. Es stimmt nachdenklich, denn unter diesem Zeichen haben Generationen von Bewohnern das Licht der Erde erblickt aber auch ihren Lebenslauf beendet.

Vom »Haus« führt eine steile Stiege in den »Soier« – so hieß einst der zum Dach hin offene Oberstock, ursprünglich nur ein Trockenlager für Erntegut, daher auch der seltsame Name, der sich vom lat. Solarium (= Sonnentrockenraum, nicht Bräunungsstudio!) ableitet.

Der Soier wird vom schrägen Pyramidenstumpf des eichernen Rauchfanges beherrscht. Ein spaßiger Spruch lautete: »Des ganze Haus is hizern (hölzern), bloß der Kamin is oachern.« Also galt ein eicherner Kamin, der irgendwie behandelt wurde, als nicht brennbar. Dieser Raum war einst fast auf einer vollen Seite zum »Tenn« hin als »Dijn« (Diele) offen, und diente zum Einlagern des Erntegutes. Da in diesem Raum oft die zahlreiche Kinderschar nächtigte, wurde die »Dijn« mit Brettern verschlossen; nur ein Dijntürl verblieb. Von hier aus führen Türen zum »Gang« und in die »guete Kamma«, die ebenfalls wie der Soier balkensichtig und angenehm braunfarbig ist. Diese Kammer enthält in die Blockwand gehauene Aussparungen zum Abteilen des Saatgutes und war im Ausnahmefall bewohnt. Doch bald zwang Raumnot, die Mädchen in dieser Kammer unterzubringen, und so hieß sie auch »Derndlkamma«. Obwohl nur ein Fensterchen diesen Raum erhellt, ist das morgendliche Erwachen in einem ganz aus Holz geschaffenem Raum und in seiner alten Art, die Wärme und Geborgenheit ausstrahlt, ein besonderes Erlebnis, das vielen Zeitgenossen vorenthalten bleibt.

Freilich paßt dieses 350 Jahre alte Poidai heute nicht mehr zu den umliegenden Neubau-Siedlungshäusern und auch nicht zu den älteren Bauernhäusern, die in der anmutigen Voralpenlandschaft verstreut stehen – und doch kann dieser alte Bauernhof den Anspruch erheben vor diesen allen da gewesen zu sein und mit all den vielen verlorengegangenen alten Höfen einst die Landschaft zwischen Attersee und Chiemsee geprägt zu haben.

Die Qualität des Wiederaufbaus am neuen Standort würde jedem wissenschaftlich geführten Freilichtmuseum zur Ehre gereichen, das bestätigt der zuständige Experte vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, der diese Transferierung sofort als »ultima ratio« zur Rettung dieses baulichen Leitfossils erkannte und nach Kräften förderte.

Diese bauliche Fossilie im »Originalzustand« mit heutigem Leben zu erfüllen, das ist allerdings eine Herzensangelegenheit, zu der sich nur ganz wenige »Experten« berufen fühlen würden.

Paul Werner, Hans Müller



27/2001