Jahrgang 2010 Nummer 24

Seit 35 Jahren gibt es den Ruhpoldinger Männerchor

Er setzt eine über hundertjährige Gesangsvereintradition in Ruhpolding fort

Sie leiteten bis 1998 die Geschicke des Ruhpoldinger Männerchores: Von rechts Vorstand Sepp Krammer († 3. 1. 1998), zweiter Vors

Sie leiteten bis 1998 die Geschicke des Ruhpoldinger Männerchores: Von rechts Vorstand Sepp Krammer († 3. 1. 1998), zweiter Vorstand Erhard Hiebl und Dirigent Erich Stadler.
Seit 35 Jahren nicht mehr aus der Ruhpoldinger Musikszene wegzudenken: Der Ruhpoldinger Männerchor (kniend Vorstand Erhard Hiebl

Seit 35 Jahren nicht mehr aus der Ruhpoldinger Musikszene wegzudenken: Der Ruhpoldinger Männerchor (kniend Vorstand Erhard Hiebl)
35 Jahre sind im Vereinsleben eigentlich nicht viel. Wenn man aber betrachtet, dass dem Ruhpoldinger Männerchor bei der Gründung vor 35 Jahren eine Überlebenschance von höchstens zwei Monaten gegeben wurde, sind die mittlerweile erreichten 420 Monate doch wieder eine stolze Zahl. Damit wurde auch die jahrzehntelange Tradition eines Männergesangsvereins fortgeführt, denn Musik und Gesang waren im Miesenbacher Tal schon immer beheimatet. Von 1902 bis 1938 existierte in Ruhpolding ein »Gesang- und Orchesterverein«. Im Ruhpoldinger Heimatbuch wird darüber berichtet: »Der Verein ist aus dem Männergesangsverein hervorgegangen« und weiter: »Nach der Angliederung einer Orchestergemeinschaft im Jahre 1920 wurde der Verein in ‘Gesang- und Orchesterverein Ruhpolding’ umbenannt«.

Die Ideengeber für einen Männerchor zur Fortführung der Gesangsvereintradition waren interessanter Weise nicht in den Reihen sangesfreudiger Ruhpoldinger zu finden. Die Idee entstand nämlich bei der Generalversammlung des Rauschberger Trachtenvereins am 30. November 1974. Im Traunsteiner Tagblatt war damals in diesem Zusammenhang zu lesen: »In der Generalversammlung des GTEV D’Rauschberger, die mit zahlreichen Mitgliedern im Gasthaus »Neuwirt« stattfand, wurde der Plan zur Neugründung einer großen Chorgemeinschaft erörtert. Auf Vorschlag von Sepp Wolfgruber, Georg Kastner und Hans Pichler soll der Chor seine Mitglieder aus allen Vereinen Ruhpoldings gewinnen und den Namen »Rauschberg-Chor« erhalten«. Beim damaligen Bürgermeister Franz Schneider stieß das Vorhaben auf offene Ohren und dieser stellt das herzogliche Jagdschloss als Proberaum zur Verfügung. Jetzt ging es aber darum, zunächst interessierte Mitglieder und einen Chorleiter zu finden. Hier kam wieder die Unterstützung der Gemeinde zu tragen. »Wer Interesse hat, als aktives oder auch als passives Mitglied dem Chor beizutreten, kann sich in das Anmeldebuch in der Gemeindeverwaltung eintragen«, war im Zeitungsbericht eine Aufforderung zu lesen. Diesem Aufruf folgten schließlich 38 Ruhpoldinger.

Am 7. Juni 1975 war es dann soweit; die erste Gesangsprobe fand statt, die Geburtsstunde des »Ruhpoldinger Männerchors«, wie er sich jetzt nannte. In der Chronik des Chores ist darüber schlicht und einfach festgehalten:

1. Gesangsprobe am 7. 6. 75 im alten Schloss, anwesend waren: Hechenbichler Christian, Eismann Georg, Bachl Bert, Schweinöster Bernhard, Fellner Valentin, Langmaier Jürgen, Weber Roland, Beilhack Peter, Plenk Hans, Köhler Max, Schwabl Michi, Beilhack Wilfried, Wolferstetter Sepp, Wolfgruber Josef, unter der Stabführung von Erich Stadler.

Drei der »Gründerväter« sind auch noch immer dabei; Roland Weber, Wilfried Beilhack und Erich Stadler, der sich zunächst als Chorleiter bereit erklärte und den Dirigentenstab auch heute noch schwingt.

Es mag sicher im Vorfeld Diskussionen über das zu erlernende Liedgut gegeben haben, denn es ist der Ausspruch eines Mitsängers überliefert, der gesagt haben soll: »Ös mit euerm ‘Horch was kommt von draußen rein’ könnt’s ma g’stohlen bleib’n«. Damit war wohl die Marschrichtung klar. Die Mitglieder einigten sich, hauptsächlich alpenländisches Liedgut zu pflegen.

Der erste öffentliche Auftritt war dann ein gutes Jahr später beim Dorffest der »Miesenbacher« am 28. August 1976, gleich vor großem Publikum. Bereits zwei Monate später, am 17. Oktober 1976 sangen sie im Rahmen der internationalen Bergführertagung in der Kirche St. Valentin die Bauernmesse von Annette Thoma. Der Ruhpoldinger Männerchor hatte sich in der heimischen Musikszene etabliert, was die vielen folgenden Auftritte beweisen. Bei Adventsingen, Hoagascht, Heimatabende und Weihnachtsfeiern waren die stimmgewaltigen Männer gern gesehene Gäste. Zur Entlastung des Dirigenten wurde am 9. Dezember 1979 eine Vorstandschaft gewählt, aus der Schuhmachermeister Sepp Krammer als Vorsitzender hervorging. Stellvertreter wurde Erhard Hiebl, der seit der fünften Probe zum Chor gehört.

Nicht nur durch ihre großen Frühjahrssingen wurde der Männerchor über die Grenzen Ruhpoldings hinaus bekannt, denn auch mit Kirchenmusik haben sie sich einen Namen gemacht, so zum Beispiel durch die jährliche Almmesse auf der Röthelmoos, jeweils am 15. August. Schließlich wurde auch mit Instrumentalmusik geprobt. Dazu konnten sie die »Rauschberger Hackbrettmusi« gewinnen, die viele Jahre treuer Begleiter des Chores war. Auch das Brauchtum ist den Männern immer ein festes Anliegen gewesen. Darüber findet man im Ruhpoldinger Heimatbuch: »Zu einer liebgewordenen Gewohnheit wurde das »Klopferer-Geh« in der vorweihnachtlichen Zeit – sogar bis nach Unken/Salzburg – den der Chor 1979 wieder aufleben ließ«. Und diesen Brauch üben sie auch heute noch aus.

Doch auch einen großen Schicksalsschlag musste der Ruhpoldinger Männerchor hinnehmen. Völlig überraschend starb am 3. Januar 1998 dessen Vorstand Sepp Krammer im 58. Lebensjahr. Erhard Hiebl übernahm das Amt, das er auch heute noch inne hat. Ein schier unendliches Repertoire an Liedgut hat sich der Männerchor in weit über 1300 Proben angeeignet, darunter auch sechs verschiedene Messen, zum Beispiel von Annette Thoma, Joseph Haydn, Franz Schubert oder Charles Gounod. Doch wie ist in der Chronik Ruhpoldings zu lesen? »Es ist die feste Absicht der Sänger, das Musikleben – besonders mit echten bayerischen Volksliedern – in Ruhpolding zu pflegen«. Das haben sie unter Beweis gestellt – seit dreieinhalb Jahrzehnten – und hoffentlich noch lange.

Hannes Burghartswieser



24/2010