Jahrgang 2009 Nummer 52

Seit 191 Jahren singt man »Stille Nacht, heilige Nacht«

Ein Weihnachtslied geht um die Welt – Der Gruber Franzl rettete die Christmette

Aus unzähligen Kehlen erklingt zur Weihnachtszeit eines jeden Jahres eines der beliebtesten Weihnachtslieder, das inzwischen in zahlreiche Fremdsprachen übersetzt worden ist und in vielen Ländern fast aller Kontinente ständig im Dezember gesungen wird.

Genau 191 Jahre ist es her, als dieses Lied im Jahre 1818 durch Zufall im Salzburger Land entstand und eine Christmette rettete. Von dort aus traten Text und Melodie ihren Siegeszug um die Welt an, um überall die freudige Botschaft zu verkünden.

Ende des 17. Jahrhunderts wohnte im oberösterreichischen Hochburg in der Nähe des bayerischen Burghausen an der Salzach ein tüchtiger Leinenweber namens Josef Gruber mit seinen sechs Kindern. Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte jeder der drei Söhne dessen Handwerk erlernen sollen, nur der Franzl, fünftes Kind, am 25. November 1787 geboren,

schien seinen eigenwilligen Kopf zu haben. Sehr früh äußerte sich schon an der Volksschule seine ausgesprochene Befähigung zur Musik.

Als er zwölf Jahre alt war, erlaubte ihm der Vater doch bei seinem Lehrer Peterlechner Unterricht auf dem Klavier und an der Orgel zu nehmen. Er las die Noten ohne Schwierigkeiten und konnte auch schon bald Orgel spielen.

An einem Sonntag des Jahres 1799 kam für ihn die große Chance. Während des Hochamtes holte der Kirchendiener Franzl aus der Menge der Andächtigen und bat ihn schnell zur Kirchenorgel: dem Lehrer, der sonst immer zu spielen pflegte, war unwohl geworden, der Bub sollte ihn vertreten.

Wie sehr erschrak der Franzl zuerst darüber! Doch als er die ersten Töne der Orgel hörte, vertiefte er sich ganz in sein Spiel, so dass die Gemeinde des Lobes voll war. Nun war auch der Vater von der Begabung des Buben überzeugt und schenkte ihm ein altes Spinett zum Üben.

Dennoch blieb Franz Xaver Weber bis zum 18. Lebensjahr und konnte erst dann noch einen insgesamt einjährigen Prüfungsunterricht für die Ausbildung als Lehrer nehmen. Mit 19 Jahren erhielt er in Arnsdorf bei Oberndorf seine erste Anstellung als Lehrer, Mesner und Organist in einer Person. Doch das verdiente Schulgeld war oft so wenig, dass er auch noch in dem eine Stunde entfernten Oberndorf die Organistenstelle übernahm.

In der Christnacht des Jahres 1818, am 24. Dezember, erlebte der Oberndorfer Organist einen gehörigen Schreck. Als er am Morgen dieses Tages zur Kirche ging, um die letzten Vorbereitungen für die Weihnachtsmette zu treffen, blieb plötzlich die Orgel stumm.

So sehr er sich auch bemühte, das Instrument noch rechtzeitig vor dem Heiligen Abend zu reparieren, um die Chöre und Choräle für die Messe zu intonieren – alle seine Versuche blieben umsonst. Die Orgel befand sich schon seit langem in schlechtem Zustand. Aber die Gemeinde war arm und konnte sich kein neues Instrument leisten.

In dieser Notlage eilte Gruber zu seinem Freund, dem jungen Hilfspriester Josef Mohr. Ein Weihnachtsfest ohne Lied oder Orgelvorspiel erschien beiden undenkbar. So überlegten sie, wie sie der Situation Herr werden könnten. Es standen ihnen nur wenige Stunden zur Verfügung.

Sie mussten mit Recht befürchten, dass die Gemeinde von einer allzu nüchternen Mette – ohne jegliche Orgelmusik – sehr enttäuscht sein würde. Franz kam schließlich der rettende Gedanke. Er war ein ausgezeichneter Gitarrenspieler und besaß eine gute Singstimme. So beschloss er, ein kleines Weihnachtslied für die bevorstehende Messe selbst zu komponieren. Josef Mohr, der Kaplan, sollte ihm den Text dazu schreiben.

Gemeinsam gingen beide ans Werk. Nach kurzer Zeit nahm das neue Lied Gestalt an. Der Kirchenchor wurde eilends zur Probe gerufen, und als sie um Mitternacht vor der überraschten Gemeinde zu Gitarrenbegleitung die neu geborene Weise zweistimmig sangen und damit aus der Taufe hoben, war es unten in der Kirche ganz still geworden unter den Bauern und Salzschiffern der Gegend. »Das Lied fand ungeteilten Beifall«, schrieb der Chronist, »die größte Stille herrschte, als die beiden Stimmen begannen: ‘Stille Nacht’.«

Die ersten, die das Lied in die Welt hinausbrachten, war eine Zillertaler Sängergruppe, die vier Geschwister Strasser aus Fügen. Sieben Jahre nach der Uraufführung musste die Orgel so unbrauchbar gewesen sein, dass der Orgelbauer Karl Mauracher die Orgel von Oberndorf reparierte und eine Abschrift des Liedes mit ins Zillertal nahm und sie den Heimatsängern übergab.

Die Sänger hatten es auch nach Leipzig gebracht, dort sang es später der berühmte Kantor-Chor, ohne dass mehr über die Urheber des Liedes bekannt waren. Erst 1854 machten Nachforschungen von Berlin aus, 36 Jahre nachdem das »Stille Nacht« erstmals in der Oberndorfer Pfarrkirche erklungen war, auch die authentische Herkunft für die Welt bekannt.


Fenja Langen



52/2009