Jahrgang 2003 Nummer 22

Sein »Bacchanale« war einst ein Skandal

Der Südtiroler Maler Leo Putz lebte fünf Jahre im Chiemgau

Kein Wunder, dass Siegfried Unterberger eine besondere Affinität zu Leo Putz hat; beide – der Mäzen und der Maler – sind Südtiroler. Unterbergers Sammlerleidenschaft bezieht sich auf Malerei an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, wenigstens in der Hauptsache. So ist es verständlich, dass er sich in besonderer Weise dem Werk des in Meran geborenen Malers Leo Putz annahm. Die Bayerische Landesbank zeigte erst vor wenigen Monaten die Sammlung Siegfried Unterberger, in der Leo Putz als Münchner Maler der Prinzregentenzeit im Mittelpunkt stand.

Der Meraner Bürgermeisterssohn, 1869 geboren, kam 1885 nach München. Hier studierte er Natur- und Genremalerei an der königlichen Akademie der Bildenden Künste, lernte Adolf Hölzel, mit dem er die »Neudachauer Schule« gründete, kennen, hier hatte er von 1895 bis 1931 ein Malatelier. Dreißig Jahre war Leo Putz Mitarbeiter der in München kreierten Zeitschrift »Jugend«, zehn Jahre lang war er Mitglied der Künstlervereinigung »Scholle«, acht Jahre hindurch lehrte Leo Putz an der Damen-Akademie, in die auch seine spätere Frau Frieda eingeschrieben war. Mit 40 Jahren bekam Putz bereits die erste Monographie von dem Kunstkritiker Wilhelm Michel, 1909 wurde er bayerischer Staatsbürger und königlich-bayerischer Professor.

In Hartmannsberg bei Eggstätt/Chiemgau verbrachte Leo Putz zwischen 1909 und 1914 malaktive Sommer- und Herbstwochen, ab 1917 verlegte er die Mal-Ferien in sein damals neu erworbenes Anwesen in Gauting (wo er – auf dem dortigen Waldfriedhof – 1940 seine letzte Ruhestätte fand). Als Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Künste unternahm er Studienreisen nach Südamerika. Seine Tropenbilder zeigte er 1935 im Münchner Kunstverein. Ein Jahr darauf wurde Leo Putz aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, was ihn zwang, nach Meran zurück zu kehren.

Jugendstil und Impressionismus – dafür steht Leo Putz gleichermaßen als bedeutender Vertreter auf dem Gebiet der Malerei in München. 1905 gab es seines als frivol erachteten Gemäldes »Bacchanale« wegen einen regelrechten Kunstskandal im Glaspalast, wo das Bild ausgestellt war. Es war das absolut spektakuläre Spitzenstück der Sammlung Siegfried Unterberger in der Bayerischen Landesbank. Doch gruppierten sich um dieses 114 mal 115 cm große Ölbild auf Holz 43 weitere Putz-Werke, die allermeisten erster Güte, auch Zeichnungen und Plakate waren dabei, ergänzt durch Leihgaben der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und des Museums der Bildenden Künste Leipzig. Üppige Fauna und Flora, Spiele mit Licht und Schatten, der feiernde, fröhliche Mensch beiderlei Geschlechts, meistens bürgerlicher Herkunft, genießt die freizügige, farbenprächtige Landschaft. Putz war kein Kostverächter, was die Darstellung des menschlichen Körpers angeht, und seine Symbolik ist so leicht verständlich wie sie oft witzig sein kann. Die Ausstellung der Landesbank ging anschließend für zwei Monate jeweils nach Leipzig und Trient.

Leo Putz war aber auch noch an einer zweiten Stelle in München zu bewundern, nämlich in der Galerie Schüller am Promenadenplatz (Hotel Bayerischer Hof). Hier konnte »er« sogar erworben werden: Die Gemälde »Freilicht«, »Herbstsonne«, »Am Ufer«, »Abendläuten«, »Maria im Serail«, »Schloss Seefeld« und »Ortsrand, Angra dos Reis, Brasilien« sowie über 30 erotische Zeichnungen, teilweise koloriert, gaben einen Überblick über das vielseitige Schaffen des von Thomas Mann wegen seiner originellen Selbstironie geschätzten Künstlers der Jahre zwischen 1908 und 1931.

HG



22/2003
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