Jahrgang 2001 Nummer 3

Sebastiansbild am Brezenbaum

Ein Brauch weltlicher Art, der in Oberbayern leider immer mehr in Vergessenheit geriet

Schon seit altersher ist der heilige Sebastian, dessen Fest am 20. Januar gefeiert wird, einer der »angesehensten« bayerischen Volksheiligen. Bis zur Säkularisationszeit um 1800 war der »Sewastitag« in Bayern sogar ein kirchlicher und ein weltlicher Feiertag, der mit Prozessionen, Warenmärkten und Schützenfesten begangen wurde. Wie alt die Sebastiansverehrung hierzulande ist, das läßt sich auch daraus erkennen, daß sein Fest zu den bäuerlichen »Lostagen« zählt. Ein bekannter Bauernspruch heißt: »Fabian und Sebastian, da fangen die Bäume zu saften an«. Zu ihrem Patron haben sich die Schützen den Heiligen gewählt, und seit den ersten bayerischen Pestepidemien in den Jahren 1356 und 1360/63 gilt er auch als Helfer bei allen pestartigen Krankheiten. Schließlich haben ihm die bayerischen Bauern früher auch den Schutz ihrer Pferde, wie sonst nur noch St. Leonhard, St. Georg und St. Martin, anvertraut. Bis heute ist der Vorname Sebastian, auf gut bayrisch »Wastl«, ein beliebter Vorname geblieben.

Der heilige Sebastian war zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian römischer Offizier. Er wurde Christ und erlitt während der diokletianischen Christenverfolgung den Märtyrertod. Schier unzählige Gemälde, Grafiken und Plastiken aller Kunststile der letzten tausend Jahre schildern seinen gewaltsamen Tod: Er wurde um seines Glaubens willen an einen Baumstamm gebunden und so lange mit Pfeilen beschossen, bis er tot zusammenbrach. Das Bild des pfeildurchbohrten Heiligen haben sich die Schützen zu ihrem Wahrzeichen gewählt. Diese Wahl reicht bis ins Mittelalter zurück. Bereits damals wurden in Bayern die ersten Sebastiani-Schützenbruderschaften gegründet und das Sebastiansfest wurde mit Scheibenschießen begangen.

Warum St. Sebastian als Pestpatron verehrt wird, ist nicht genau bekannt. Bereits ein bayerisches Legendenbuch aus der Zeit um 1400 berichtet von ihm: »... weilen St. Sebastian ein sehr fürnemmer Patron und großer Fürsprecher ist wider alle Pestilenz und bös Krankheiten«.

Das Zentrum der altbayerischen Sebastianiverehrung befand sich bis zur Säkularisation in Ebersberg bei München und geriet dann etwas in Vergessenheit, wenigstens was die früher so zahlreichen Pilgergruppen betrifft. Doch nie hat man im Volk darauf vergessen, daß in der ehemaligen Ebersberger Klosterkirche, deren Patron St. Sebastian ist, die Hirnschale des Heiligen aufbewahrt wird. Um das Jahr 950 hat sie Propst Hunfried von Rom hierher gebracht.

Auch in anderen altbayerischen Orten wurde der Sebastianstag mit Festgottesdienst und Prozession feierlich begangen. So bauten zum Beispiel die Kelheimer dem Heiligen nicht nur in dem während des 30jährigen Krieges neu angelegten Friedhof eine Kirche, sondern gelobten auch während der Pestepidemie von 1633/34 eine Prozession zu dieser Kirche, wenn die totbringende Seuche verschwinde. Sie haben jahrhundertelang Wort gehalten und erst vor einigen Jahrzehnten wurde die Prozession durch einen Gottesdienst in der kleinen Friedhofskirche ersetzt.

Ein Brauch weltlicher Art ist in Oberbayern leider immer mehr in Vergessenheit geraten: der Sebastianimarkt mit dem »Brezenbaum«. Die Brezl war früher kein alltägliches Gebäck, sondern durfte nur vom Sebastiansfest bis zum Palmsonntag gebacken und verkauft werden. Auf den Sebastiansmärkten, wie sie in vielen Orten üblich waren, gab es die ersten »Heller- und Pfennigbrezen« des Jahres und aus diesem Anlaß wurden sogenannte »Brezenbäume« aufgestellt, Büsche oder Baumäste, die mit Bändern, Kränzen, gekreuzten Pfeilen, einem Sebastiansbild und natürlich auch einigen Brezen geschmückt waren.

Alois J. Weichselgartner



3/2001