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Jahrgang 2015 Nummer 2

Sebastian, Helfer wider den Schwarzen Tod

Die Pestseuche im Landkreis Traunstein und die Verehrung des heiligen Sebastian

Die Pestsäule am Sparzer Berg.
Pestkreuz in der Pfarrkirche Tacherting.
Pestkirchlein St. Johannes in Schützing/Chieming.
Kirche St. Georg und Katharina, ehemalige Friedhofskirche im Stadtpark.

Die Legende berichtet, dass Sebastian römischer Offizier unter Kaiser Diokletian war. Er bekannte sich zum Christentum und zog sich deshalb den Hass des Kaisers zu, der die Christen verfolgen und grausam hinrichten ließ. Sebastian sollte nach seiner Verhaftung mit Pfeilen hingerichtet werden. Dieses grausame Martyrium überlebte Sebastian auf wunderbare Weise und wurde wieder gesund. Diokletian ließ Sebastian daraufhin in der Arena öffentlich zu Tode prügeln. Schon im 4. Jahrhundert wurde Sebastian als Heiliger angerufen und verehrt.

Sebastian, Schutzpatron gegen die Pest

Von alters her gelten Pfeile als Sinnbild plötzlicher schwerer Krankheit. Im Alten Testament heißt es dazu im Klagelied Hiobs: Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, es trinkt mein Geist ihr Fiebergift, die Schrecknisse Gottes richten sich wider mich.« Deshalb lag es für das Volk nahe, den heiligen Sebastian, den Pfeile nicht zu töten vermochten, als Patron bei jäher Krankheit und bei großen Seuchen um Fürbitte anzurufen. Die katholische Kirche feiert am 20. Januar das Fest des hl. Sebastians. Dieser Tag war früher einmal ein großer Festtag, an dem die Bevölkerung der Pesttoten gedachte und in Kirchen und Kapellen betete, dass ihre Heimat von keiner Pestepidemie heimgesucht werden möchte.

Pestepidemien im Gebiet des Landkreises

Mehrmals wurden Dörfer und Ansiedlungen auch in unserem Landkreis heimgesucht. Nach Mitteleuropa wurde die Pest zum ersten Male um das Jahr 1350 von Italien eingeschleppt. Von einer nahenden Epidemie in unserem Bereich hört man erst 1626. Zur Geisel des Dreißigjährigen Krieges trat nun eine neue Heimsuchung in Form von Hunger, Teuerung, Missernten und Pest hinzu. In Traunstein verbot man daraufhin alle Lustbarkeiten wie Tanz und Spiel. Ferner verfertigte man ein Verzeichnis mit allen »inficierten« Ortschaften an und gab dies allen Bürgern der Stadt bekannt. Die Ein- und Ausgänge wurden mit Wachen besetzt und versperrt. Im April 1628 gründete man eine Corpus Christi-Bruderschaft, die im Gebet Zuflucht suchte und eine Abwendung des Übels erflehte. Zugleich mit dem Einfall der Schweden im Jahre 1632 griff die Pest in Baiern so um sich, dass die getroffenen Maßnahmen sich als wirkungslos erwiesen. In der Umgebung Traunstein zeigten sich erste Spuren in der Au und 1633 in Vorberg. In der Stadt selbst grassierte die Seuche 1634/35. Im Sparzer Graben wurde ein »Prechhaus« für die Pflege der Pestkranken errichtet. Ein Pestfriedhof wurde auf dem Vordermüller Anger und ein weiterer am Hof- oder Pfleganger angelegt, weil der Pfarrfriedhof in Haslach überfüllt und der Leichengang für die Traunsteiner Bürger zu lang und beschwerlich war. In der Mitte des Pflegangers steht heute die St. Georg- und Katharinakirche, der Grundstein dazu wurde am 4. Februar 1639 gelegt.

Trotz aller Bemühungen dauerte die Seuche fort. Im Zeitraum zwischen dem 20. August 1635 bis zum 2. Januar 1636 starben 123 Bürger der Stadt. Manche Familien wurden gänzlich ausgelöscht.

Auf Grund eines erhöhten Bedürfnisses ärztlicher Hilfe bewarb sich der Magistrat der Stadt im Jahre 1640 um einen Doctor Medicinae und um einen Apotheker im Jahre 1652. Angst, Not und Unwissenheit der damaligen Zeit steigerten die Auswirkungen der Pest weiter, da weder Krankenwächter noch Ärzte, noch Hospitäler ausreichend zur Verfügung standen.

Um sich selbst vor der Ansteckung zu schützen, stellte man in sicherer Entfernung der Häuser der Pestkranken einen mit einem Leintuch bedeckten Tisch auf, worauf man Speise, Trank, Arzneien und Hostien nach der Anzahl der Erkrankten legte. Aus der Ferne segnete ein Priester die Kranken, die sich gegenseitig die Hostien reichten. Bis zum Jahre 1650 starben im Bezirk Traunstein-Haslach von 664 Einwohnern 443 an der Pest, da die gereichten Arzneien nicht halfen.

Unter anderen waren folgende Ortschaften besonders hart von der Pest betroffen: Schnaitsee, 1635 starben hier über 100 Personen. In St. Leonhard bei Schnaitsee über 80 Menschen und in den Orten Babensham, Eiselfing, Grünthal und Palling starben zahlreiche Bewohner. Aus Laufen wurde berichtet, dass im Jahr 1571 auf 1572 in der gesamten Pfarrei 2015 Menschen starben und zuvor im Jahre 1649 allein in der kleinen Stadt Laufen 300 Einwohner der Seuche erlagen.

Heilmittel gegen die Pest

Heute wissen wir, dass die Pest durch das Bakterium Yersinia pestis hervorgerufen wird, das durch den Biss eines infizierten Flohs übertragen wird. Doch im 17. Jahrhundert war man sich nur darüber im Klaren, dass die Pest sehr ansteckend war. Man nahm an, sie käme vielleicht durch »schlechte Luft«, weshalb man zur Vorsorge die Wohnungen mit wohlriechenden Kräutern ausräucherte.

Viele glaubten auch, dass die Pest vom italienischen Wein herrühre, so verlegte man sich mehr auf das Biertrinken. Viel versprachen sich die Menschen der damaligen Zeit auch von dem Wundermittel Mithridat, das ein Gemisch aus vielerlei Heilkräutern war. Weiter wurden verwandt Pimpernell, Theriac, Branntwein und sogar mit Hilfe des Aderlasses versuchte man, Heilung zu bringen.

Zur Erleichterung der Schmerzen eröffnete man die brandigen Pestbeulen und pflegte sie dann mit einer Alaunwurzel. Vor allem aber sahen die damaligen Menschen die Pest als eine Strafe Gottes an, weshalb als erstes und wichtigstes Mittel gegen die Seuche Gebet, Buße und Wallfahrt galt. Vielerorts pilgerte man nach Ebersberg, wo die Hirnschale des heiligen Sebastian aufbewahrt wurde. Geisler zogen durch die Dörfer und sühnten durch gegenseitiges sich blutig Schlagen die Vergehen der Menschheit. Häufig verlobten sich auch ganze Orte dem Heiligen, damit die Pest das Dorf fernerhin verschone. Darum wundert es auch nicht, dass die meisten Pestdenkmäler, die an die vergangene Epidemie erinnern, kirchliche Bauten sind.

Monumente, Zeichen der Erinnerung an die Seuche in unserem Landkreis

In vielen Pfarreien finden wir auch heute noch Pestsäulen, Pestkreuze, Pestkirchen und Pestkapellen, so zum Beispiel das Pestkirchlein in Schützing bei Chieming, die Katharinenkirche in Traunstein, die Pestsäule am Fuß des Sparzer Berges, die Sebastianskapelle in Tittmoning und mehrere kleine Pestkapellen in Waging. Ein eindrucksvolles Pestkreuz hängt in der Pfarrkirche zu Tacherting. In fast allen Pfarrkirchen steht auch eine Standfigur des hl. Sebastians an der Geiselsäule.

Brauchtum am Sebastianitag

Sebastiani stand einst rot im Kalender, und wer den Tag brauchmäßig verbringen wollte, musste den ganzen Tag strenge Abstinenz halten. Als einzige Kost waren ein paar Klezen erlaubt. Früher waren mit dem Sebastianstag Bittgänge und Prozessionen verbunden. Gleichzeitig fanden Märkte statt, die in der Winterszeit großen Anklang bei der Bevölkerung fanden, zumal auch erstmals im Jahr wieder Brezen verkauft werden durften. Die Behörden erlaubten den Bäckern, vom 21. Januar bis zum Palmsonntag Brezen zu backen. Für den Verkauf von Brot und Brezen waren eigens Brothüter angestellt, die es auch besonders verstanden, ihre Marktstände mit Brotbäumen zu schmücken. An einem Brotbaum hingen bunte Bänder, gekreuzte Pfeile und ein Bild des hl. Sebastian neben den Brezeln.

Es war der Brauch, dass jeder Bursch seinem Mädchen ein Stück des begehrten Gebäcks schenkte, oder der Bauer für seine Ehehalten Brezen einkaufte. Das Brauchtum am Sebastianstag ist schon sehr in Vergessenheit geraten. Die beste Erinnerung an den heiligen Sebastian und an die Zeit seiner stärksten Verehrung sind unsere Buben und Männer, die den Namen Sebastian tragen und sei es auch in den Kurzformen Wast, Wasti und Wastl.


AKM

 

2/2015